Montag, 28. Januar 2019

Lk 1 Maria und Elisabeth 4. Advent 2018

Lk 1

Die Tür steht einen Spalt offen.
Wir schreiben das Jahr 1971.
Den 23. Dezember.
Morgen ist Heilig Abend.
In den Flur dringen leise Gerüche.
Die Tannenzweige duften.
Leichter Brandgeruch mischt sich darunter.
Mein Vater klebt die Kerzen am Weihnachtsbaum fest.
Leises Rascheln.
Kartons werden geöffnet.
Ich weiß, meine Eltern bauen gerade die ganze Herrlichkeit auf, die uns unsere Verwandten über die Jahre hinweg aus dem Erzgebirge geschickt haben.
Ich kenne jede Pyramide, jeden Schwippbogen, den Weihrauch rauchenden Bergmann, die Kurrende aus schwarzgewandeten Sängern. 
Morgen ist es soweit.
Ich stehe vor der Tür und lausche und rieche.
Und mache mir Sorgen.
Ob es dieses Mal auch wieder klappt mit der Weihnachtsfreude?
Nie war ich so konservativ wie als Kind an den Weihnachtstagen. 
Ich weiß natürlich, dass es an Weihnachten nicht um eine perfekte Inszenierung erzgebirgischer Kunst geht.
Gott hat kein deutsches Weihnachtszimmer, sondern einen Stall für die Geburt Jesu gewählt. 
Und die Familie bleibt da auch nicht unter sich, wie ich es mir wünsche.
Der Engel wird morgen arme Leute in den Stall schicken, die Welt in Bewegung bringen.
Aber ich freue mich jedes Jahr so sehr auf diesen besonderen Moment: 
Da öffnet sich die Tür des Weihnachtszimmers für mich und meine beiden Brüder.
Chorgesang von der leicht zerkratzten Platte.
Wir  treten ein in ein Meer von Kerzen,
hinein in die Wärme, in der sich die Pyramiden drehen.
Es duftet nach Tanne und Wachs und Keks und Mandarine
und unter weißen Tüchern wartet ein Paradies an Geschenken. 
Ein zeitloser Moment, eine andere Welt, voller Freude.
Morgen ist Heilig Abend. 

Die Tür steht einen Spalt offen.
Ich stehe davor und lausche und rieche.
Etwas kocht auf einem Ofen, würzig, leichter Brandgeruch nach Holz.
Eine Frauenstimme summt vor sich hin.
Eigentlich ist der 23. Dezember 2018.
Eigentlich müsste ich Vanillekipferl backen.
Meine Kinder habe ich mit meinen Weihnachtstraditionen angesteckt. Sie sollen ein  schönes Fest haben.
Ich weiß nicht genau, wie ich gerade heute vor dieses kleine Haus in Nazareth gekommen bin,
offensichtlich 2000 Jahre zurück versetzt.
Aber ich kann es nicht ändern und nehme es hin.
Gerade will ich an die Tür klopfen, 
da scheint etwas Helles, Schimmerndes durch den Türspalt und das Summen hält inne.
Ich höre Satzfetzen, etwas von Gnade und Gott und einem Kind, das geboren wird.
Ich höre einen überraschten Ruf: Wie das denn? 
Und sehe, wie diese helle Kraft die Tür bewegt, so als würde sich das Haus dehnen müssen, um ihr Raum zu verschaffen. Höre: Der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten...
Und einige sachliche Anweisungen über Namensgebung und den Besuch bei einer Verwandten. 
Das Licht lässt nach und die Tür zieht sich wie von selber zu.
Sowas, denke ich und gehe zurück auf den Weg.
Ich will lieber nicht stören.
Doch dann höre ich die Tür aufgehen und drehe mich um.
Ein Mädchen, eine sehr junge Frau wirft leicht und schwungvoll die Tür hinter sich zu. 
Ich schaue in ein strahlendes, energisches Gesicht, 
ein Gesicht mit Augen, die weit in die Welt hinausschauen. 
Die junge Frau sieht mich, stutzt, lächelt und kommt auf mich zu.
Du bist nicht von hier? 
Nein, sage ich.
Gut, meint sie. Ich auch nicht, nicht mehr.
Wie jetzt, frage ich zurück?
„Ich bin Ebed adonaj, Gottes Knecht“.
„Magd meinst du wohl.“, sag ich.
„Meinetwegen“, gibt sie zurück.
„Durch mich springen alle Türen der Welt auf.“
„Moment“, sage ich, „mal langsam.“
Sie lächelt: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ 
Und geht.
Ich sehe, sie hat ein Bündel dabei wie für eine Reise und laufe ihr nach.
Haust du ab?, frage ich.
So ist es, sagt sie gelassen. Kinder kriegen ohne Mann – das erledigt man am besten woanders. 
Ich verdränge selbstlos jeden Gedanken an meine Weihnachtsvorbereitung.
Darf ich mit?, frage ich, besorgt, dass sie sich vielleicht übernimmt.
Klar, sagt sie. Komm nur.
Und wir machen uns auf den Weg über die Berge.
Die Sonne brennt.
Wo gehen wir eigentlich hin?, frage ich, als der Weg kein Ende nehmen will.
Zu meiner Cousine Elisabeth. Sie bekommt auch ein Kind. Ihr erstes.
Ist sieverheiratet?
Natürlich, sagt sie. Schon lange. Mit Zacharias. Sie ist 70 Jahre.
70?!, frage ich erstaunt.
70!, antwortet sie so, dass ich keine Fragen mehr stelle und deutet auf ein kleines Haus am Rand des Dorfes, das vor uns liegt.
Und ich sehe die Tür einen Spalt offen stehen.
Ein Gesicht schaut vorsichtig heraus. 
So, als ob sich jemand Angst hat, sich der Welt zu zeigen. 
Sehe Frauen und einige Männer daran vorbeigehen.
Sie schauen zum Haus hinüber, voller Zweifel, mit einer Prise Spott. 
Wir kommen näher, und die junge Frau ruft: Elisabeth! 
Und mit einem Ruck öffnet sich die Tür.
Eine alte Frau, hochschwanger, fliegt über den Weg mit ausgebreiteten Armen.
Sie ruft mit einer Stimme, die alle Leute auf der Straße jäh bremst.
Maria!! Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!
Sie bleibt außer Atem vor uns stehen, schaut Maria an, spricht: 
Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
Und sie nimmt Maria in den Arm und Maria sie. 
Ich gehe zur Seite.
Die beiden sind sich genug. 
Da löst sich Elisabeth aus der Umarmung.
Sie schaut auf die Leute, die die beiden anstarren, richtet sich auf, lacht ihnen ins Gesicht und deutet auf Maria: 
 Ja, selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist. Von Gott.
Die Gesichter werden finster, wie Türen, die sich verschließen.
Zwei Frauen in einer prekären Situation,
die eine zu alt, um mit ihrem Mann anderes zu machen als Händchen zu halten vor dem Haus,
die andere offensichtlich ohne Mann und schamlos schwanger.
Und die wagen es hier, in Gottes Namen zu sprechen. 
Maria schaut auf die Leute.
Ich
sehe ihr Lächeln, 
die Stärke, die Kraft dieser jungen Frau.
Und das Helle, das in ihrem Haus die Türen bewegt hat, leuchtet aus ihren Augen:  
Meine Seele erhebt den Herrn, ruft sie,
und mein Geist freut sich,
freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Sie breitet die Arme aus: 
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Mädchen Courage (Kurt Marti),denke ich,
sie wagt sich auf die Drehscheibe einer offenen Zukunft, 
weil Gott sie ansieht,
weil Gott durch sie und ihr Kind allen zeigt, was er will.
Ja, bei Gott ist kein Ding unmöglich
Und plötzlich ist es, als ob sie mich und alle Leute auf der Straße mit auf ihre Drehscheibe nimmt.
Unsere Augen weiten sich.
Die Welt wirbelt um uns herum.
Überall, sehe ich, springen Türen auf.
Der Plätzchenteig bleibt stehen.
Menschen strömen aus Mietshäusern und Villen,
aus Wolkenkratzern,
auch aus baufälligen Hütten in den Slums,
aus den Zelten an den Mauern und Grenzen der Welt.
Strahlend, lächelnd, mit offenen Gesichtern und ausgestreckten Händen kommen sie aufeinander zu, teilen Brot und Salz:
Willkommen in der Welt, in der Gott alle Riegel wegschiebt.
Bald ergreift alle der Wirbel, in den Gott die Welt versetzt.
Sie drehen sie sich miteinander, tanzen, singen.
Ich sehe eine alte Frau mit verdutztem Gesicht.
Seit Monaten hat sie ihre Wohnung im 3. Stock nicht verlassen.
Jetzt tragen sie zwei kräftige Jungen aus der Haustür, hinein in die lachende Menge.
Einen Moment noch krampfen sich ihre Hände panisch um den Griff  ihres Rollators.
Doch dann lächelt sie und lässt los.
Arm in Arm mit den jungen Männern dreht sie ihre Kreise im Takt der Musik. 
Marias Stimme klingt durch die Bilder: 
Und seine Barmherzigkeit währet für und für
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Ich sehe AFD Anhänger hinter den Buchstaben ihrer Partei herrennen.
Aber das A, das F, besonders das D entwischen im wirbelnden Wind ihren greifenden Händen.
Sie fliegen hoch zu den Wolken, ordnen sich neu, schreiben wie mit Zauberhand FAD – Für alle da.
Hilflos schauen die Parteianhänger hoch.
Die Menschen um sie herum lächeln. 
Sie werden denen das Gift nicht heimzahlen, das sie ausgestreut haben. 
Und wieder singt Maria, laut, immer lauter:
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Nun weht der warme Wind auch durch eiserne Türen vor Regierungssitzen aller Länder.
Die Türen lassen sich erweichen und öffnen sich.
Und die sie verbergen, stolpern heraus, blinzeln verwirrt in das kreisende Leben vor ihren Augen.
Manche haben zu Recht ein unsicheres Lächeln auf den Lippen.
Sie haben andere wüst beherrscht. Jetzt sind sie ihnen ausgesetzt.
Das macht ihnen Angst.
Aber man lässt sie leben und ... links .... liegen. 
Platten mit süßem Couscous und Backlava und Vanillekipferln stehen plötzlich da.
Es schmeckt allen.
Und dann sehe ich das Wasser in den Flüssen und Seen, das allmählich seine Farbe ändert und rein wird.
Die Kinder, die jeden Freitag auf der ganzen Welt vor Parlamenten für die Umwelt demonstrieren, nach dem Vorbild des schwedischen Mädchens von Kattowitz, können aufhören, sich den Kopf der Erwachsenen zu zerbrechen.
Denn Schnee und Eis legen sich wieder sorgfältig zurecht auf den Polkappen.
Wälder breiten sich an den Orten aus, an die sie gehören,
Wiesen holen sich das verlorengegangene Grün des letzten Sommers, der letzten Dürrejahre zurück.
Und die Wüsten und Steppen  weichen aus an die Orte, die Gott für sie vorgesehen hat.
Eine Wolke von Vögeln steigt auf.
Sie singen mit unzähligen Stimmen in perfekter Harmonie.
Der Hammer, denke ich, wie die Welt sein könnte, wenn alle Türen aufgehen.
Der Wirbel der Bilder wird langsamer und dann stehe ich, stehen wir alle wieder auf der staubigen Dorfstraße irgendwo in Israel.
Maria atmet tief durch. 
Sie ist zu groß geworden, um sich wieder klein zu machen.
Und so singt sie in die wieder nüchtern werdenden Gesichter der Menschen hinein:
Gott gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Ach, sagt eine Frau.
Der Spott ist aus ihrem Gesicht geflossen und hat Platz gemacht hat für ein weiches Lächeln.
Ach, was für ein schönes Lied ist das. 
Aber, fügt sie seufzend hinzu:  es bleibt doch immer alles beim Alten. 
Ja, sagt Maria, es ist nur ein Lied,
aber mit einem Lied fang ich mal an. 
(Gundermann)
Gott singt sich eben in die Welt, durch meine Stimme.
Und durch eure, wenn ihr euch traut, seine Worte in den Mund zu nehmen.

Mit einem Lied die Türen der Welt öffnen, denke ich.
Nicht festhalten an Ängsten und Bräuchen, sondern sich dem Wirbel von Gottes guten Wünschen für unsere Welt überlassen,
einfach tun, was er will.
Vielleicht sollte ich noch einen Globus kaufen und ihn neben die Pyramiden stellen, überlege ich.
Doch da kommt Maria auf mich zu und verhindert jedes weitere Nachdenken.
Wir feiern ein Fest heute, auf dem Dorfplatz, sagt sie.
Komm doch auch.
Äh, ich müsste eigentlich..., beginne ich.
Aber dann lasse ich es sein.
Die Welt in Bewegung, Menschen, die Gottes gute Wünsche feiern, was will ich eigentlich mehr.
Meine Kinder sind im Prinzip gutmütig.
Sie werden verstehen, warum es dieses Jahr keine Vanillekipferl gibt.
 Und so folge ich ihr und den anderen. 

Morgen ist Heilig Abend.
Türen werden geöffnet, zu Weihnachtszimmern und Kirchen.
Menschen werden zusammenkommen und singen, Gottes Worte in den Mund nehmen:
Friede auf Erden bei allen Menschen, zu seinem Wohlgefallen.
Die helle Kraft Gottes möge in unsere Räume und Herzen kommen, alle Türen dieser Welt öffnen und uns durcheinander bringen.
Selbst mich.
Amen 



Ex 3 27.1. 2019 Predigt zum Holocaustgedenktag

Predigt zu Ex 3 und 27.1. Holocaustgedenktag
1. In den Dornen hängen 
Manchmal kommt er, 
der rettende Engel, Gottes Bote. 
Er kommt, wenn ich mich verfangen habe,
festhänge im Dornengestrüpp.
Alleine komme ich da nicht heraus.
Jede Bewegung schmerzt. 
Die Hände sind mir gebunden.
Vorsichtig, mit spitzen Fingern, löst er Ranke um Ranke.
Ich kann mich wieder rühren.
Spüre: Gott ist da und wo er ist, ist Raum zum Leben.
Er holt mich zurück aus dem Dunkel des Tunnels: 
Ich höre seine Stimme:
Es werde Licht! Und wieder gut. 
Allem zum Trotz.

2. Mose in den Dornen
Mose führt seine Schafe weiter und weiter. 
Er wagt sich über die üblichen Weidegründe hinaus.
In die Wüste und darüber hinaus bis an den Berg Horeb.
Grenzland, in dem Gott bewegt, was unbeweglich erscheint. 
Was will Mose dort?
Einmal hat er doch schon eine Grenze überschritten,
damals in Ägypten. 
Ein Hebräer wurde niedergeprügelt von der Peitsche des Aufsehers.
Da hat er zugeschlagen, mit einem Stein, 
das Dickicht des Unrechts gewaltsam heruntergerissen, gemordet.
Seither lebt er in Midian.
Er ist verheiratet, Schwiegersohn des reichen und weisen Priesters Jethro.
Mose hat gelernt, die Grenzen einzuhalten, nicht weiterzudenken als bis an den Rand seines Lebens. 
In diesem Leben hängt er fest.
Die Dornen, die sein Volk im Elend halten, hat er aus dem Blick verloren,
spürt keine Wut, keinen Zorn, auch kein Mitleid. 
Doch jetzt, im Grenzland, geschieht es: 
Ein Engel Gottes reißt ihm die Binde des Alltags von den Augen:
Ein Dornbusch, dieses jämmerliche Gestrüpp der Wüsten und Steppen, 
ein Dornbusch brennt vor seinen Augen und verbrennt nicht. 
Der Engel bereitet ihn vor: 
Wo Gott ist, da öffnen sich Grenzen.
Zieh die Schuhe aus und mache dich bereit.
Gott ruft Mose in die Verantwortung. 
Sagt „Ich bin da und sehe das Leid, in dem mein Volk feststeckt und sich nicht rühren kann, 
ich höre ihr Schreien.
Der Dornbusch zeigt ihr verfangenes und gequältes Leben, und ich bin mitten drin.“
Mose hat sie auf einmal wieder vor Augen, die Dornen, die ihn und sein Volk festhalten, 
die Tyrannei des Pharaos, der seine Macht erhalten will um jeden Preis und reich wird durch die Arbeit seiner Sklaven.
Mose denkt an sein Volk und dass es nicht nur Peitschen, sondern auch Fleischtöpfe gibt in Ägypten.
Ob sie da ein Versprechen von Milch und Honig im unbekannten, freien Land locken kann? 
Mose sieht in das Feuer. 
Hört Gottes Stimme: 
Du, geh! Führe sie da raus. 
Ich?, fragt Mose entsetzt, wer bin ich denn?
Aber es ist zu spät.
Mose hat aufgesehen und Gottes Blick geteilt.
Er hat keine Ahnung, wie er der Macht und Willkür des Pharaos trotzen soll, 
und wie Gott ihm da beistehen kann. 
Aber das, was ihn ins Grenzland getrieben hat, 
wohl so ein diffuses Gefühl von: „Das darf doch so nicht bleiben“, 
das kommt ihm zur Hilfe.
Und er macht sich auf den Weg. 
Der Engel Gottes schnürt sein Bündel und geht mit.
Er wird seine Arbeit gut machen, die Ägypter plagen und Wege öffnen durch die Wellen für Mose und die Seinen.
Die Tyrannei des Pharaos bleibt zwar bestehen, aber Gott hebt die Decke der Gewalt soweit an, dass die Hebräer herausschlüpfen können.
Am Ende wird sein Volk auf der anderen Seite des Schilfmeeres stehen, befreit aufatmen, jubelnd feiern.
In der neuen Freiheit werden sie lernen, was es heißt Mensch zu sein. 

3. In den Dornen von Auschwitz.
„Als ich durch das Tor ‚Arbeit macht frei‘ schritt, dachte ich an Dantes ‚Göttliche Komödie‘, die ich damals kurz vorher gelesen hatte – dort hat der Autor am Tor zur Hölle die Aufschrift angebracht
‚Lasst alle Hoffnung fahren, die, die ihr hier eintretet‘.“
So beschreibt Tadeusz Smreczyński das Gefühl, als er Ende Mai 1944 nach Auschwitz kommt.
Hilflos steht der Engel Gottes am Tor von Auschwitz.
Er möchte ein Feuer anzünden, das brennt und nicht verbrennt, 
er möchte alle Welt zum Hinsehen zwingen und zeigen:
Gott will die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. 
Doch das Streichholz fällt ihm aus der Hand und verlischt.
Ein Sturm weht ihm aus dem Tor entgegen.
Der verfängt sich in seinen Flügeln und treibt sie auseinander.
Er kann sie nicht mehr schließen und nicht bewegen. 
Schwere hält ihn auf dem Boden fest. 
Er muss zusehen, wie ein Trümmerhaufen zerstörten Lebens vor ihm zum Himmel wächst. 
Nichts kann ihn aufhalten (nach Walter Benjamin).

Der Engel seufzt tief auf.
Dann geht er durch das Tor hinter den anderen her, die dort hineingetrieben werden.
Er bleibt bei ihnen, steht mit ihnen auf dem Appellplatz,
schreit und weint mit ihnen in den Gaskammern, 
wird zu Asche Millionenmal.
Denkt an Ägypten und seinen Kampf mit dem Pharao.
Und sieht hier nichts und niemanden, wo er ansetzen könnte, 
nichts, wo Gottes Dasein Wellen schlägt.
Er sieht nur diese Maschinerie des Grauens.
Die wälzt sich vorwärts, 
nur ihr Ziel vor Augen auszumerzen, 
was nicht in den starren, engen Körper des deutschen Volkes gehört, 
eine Bewegung, die kein menschliches Gesetz, kein Erbarmen kennt und zulässt. 
So sind sie erzogen worden in den letzten Jahren: flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl. 
Jeder, der ausschert aus dem großen Plan, kommt unter diese Walze.
Der Engel sieht Menschen, die diese Maschinerie bedienen, 
unbeeindruckt und grausam tun sie das, was sie für ihre Pflicht halten. 
Drohungen, Apelle an ihr Mitgefühl gleiten an ihnen ab. 
Und der Engel sieht die Menschen, die unter dieser Maschinerie des totalen Bösen leiden und sterben.
„Es wurde nur noch geschrien und geschlagen, berichtet Henri, der das Grauen überlebte. 
„Wir waren keine Menschen mehr, unsere Leben hatten keinen Wert.
Und so wurden wir auch behandelt. 
Wie Stücke, nicht wie Menschen. 51055, das war meine Nummer“. 
Gott weiß, wie das ist, ohne Hoffnung zu leben von Tag zu Tag im Schlamm und Rauch von Auschwitz.
Und dass er nichts tun kann, außer seinen Engel zu denen zu schicken, die leiden.
Zu den wenigen Wundern, von denen berichtet wird, gehören die Tagebücher, die diese Zeit überlebten, wie das der holländischen Jüdin Etty Hiellsum. 
Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet.
Vorher schreibt sie:
„Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du, Gott, uns nicht helfen kannst,
sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.« 
Der Rauch verbrannter Menschen steigt in den Himmel. 
Kein Dornbusch brennt. 
Nichts ist gut.

IV Befreiung aus den Dornen von Auschwitz
Am 27. Januar 1945 öffnet die Rote Armee die Tore von Auschwitz.
Zusammen mit den wenigen Überlebenden taumelt der Engel heraus wie aus einem bösen Traum. 
Kein Grund zum Feiern, was ihn betrifft. 
Und so geht es vielen.
Jacek Lech, lange Museumsführer in Auschwitz-Birkenau, spricht für viele Häftlinge damals:
"Ich bin alleine, jetzt habe ich alles verloren. 
Dann kommt langsam das Bewusstsein: Wie ist der Stand der Dinge jetzt? Also, ich lebe noch, ich weiß nicht, ob ich überlebt habe. 
Also noch keine große Pläne, einfach die kleinsten Dinge, 
also Essen, Waschen, Gesundheit. 
Das ist die Situation in den ersten Stunden nach der Befreiung, ja.“
Es ist ein Wunder, dass es einigen gelingt, zu feiern in den Wochen und Monaten nach der Befreiung. 
Sie haben etwas gerettet in sich, das es ihnen möglich macht zu reden wie Henri, der berichtet:
Ich bin eins von 6000 jüdischen Kindern unter 16 Jahren, die 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. 
Als ich befreit wurde, war ich 18 Jahre alt. 
Viele fragen, ob die Zeit danach schwer war. 
Schwer? 
Es war Frühling, ich war 18 und wohnte in Paris. 
Es gab zu essen, es wimmelte nur so von schönen Mädchen, überall. 
Nein, schwer war das gar nicht. Das war wunderbar.“
Andere wie Zwi Steinitz fragten sich: 
»Was bedeutete mir eigentlich Freiheit, als ich als einziger Überlebender meiner Familie am 3. Mai 1945 plötzlich befreit wurde?“ 
Er wurde brutal aus seinem Heim vertrieben und verlor wenige Jahre danach seine Familie im Vernichtungslager Belzec. 
Er schlug sich allein durch das Krakauer Ghetto, das berüchtigte Arbeitslager Plaszow, durch Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen und kam dann als Jugendlicher völlig mittellos in Israel an. 
»Nach außen war ich frei, doch innerlich, in meiner Seele, fühlte ich mich wirklich befreit?« 
Für viele bedeutete das Leben nach Auschwitz einen steten Kampf zwischen der Macht der Spuren, die die Shoa hinterlassen hatte und dem Versuch, das Leben wieder in ihre Hände zu nehmen.
Der italienische Schriftsteller Primo Levi sagte:
»Auschwitz hat in mir Spuren hinterlassen, meinen Lebenswillen jedoch nicht gebrochen, sondern eher gesteigert – was ich erlebt habe, gab meinem Leben einen Sinn, nämlich Zeugnis abzulegen.«
Lange Jahre gelang ihm dies. 
1987 hat er den Kampf aufgegeben und sich umgebracht.

Die Tore von Auschwitz, das Grauen von 12 Jahren totalitärer Herrschaft hatten sich geöffnet, für die Opfer und die Täter.
Beide auf unterschiedliche Weise verstümmelt, ihres Menschseins beraubt. 
Wie haben sie in einer Welt wieder zusammenleben können und leben heute auch zunehmend wieder in einem Land? 
Lange Jahre wohl so: Schweigend. 
Bloß nicht dran rühren. 
Die Menschen, die versuchten zu reden über die Schrecken, die sie erlebt hatten, vor allem die Opfer, stießen auf eine Mauer der Abwehr. 
Gut, dass der 27.1. endlich, nach über 70 Jahren, einen Ort in unserer Gottesdienstordnung hat.

5. Leben in Dornen. 
Zwei Geschichten stehen nebeneinander, die nicht zusammenzubringen sind. 
Wir feiern das Ende der Epiphaniaszeit. 
Hören die Geschichte von Mose, die sagt: 
Gott zeigt sich. 
Gott ist da, so wie er war, ist und wie er sein will.
Er entzündet Dornbüsche im Grenzland,
schneidet eine Schneise in das Gestrüpp des Unrechts 
und hilft uns die Welt zu verändern.
Und dann die Geschichte der Shoa, 
in der Gott schweigt und nicht anders denkbar ist als einer, der bei den Menschen bleibt und mitleidet,
ohnmächtig der Maschine Mensch gegenüber, die entschlossen war, zu töten, was sich ihr in den Weg stellte. 
Ein Gott, der klar handelt und uns fordert und ein hilfloser Gott der Tränen, der einfach nur still bei uns sitzt und unseren Schmerz teilt.
Ein Widerspruch, den ich nicht auflösen kann und will,
auch deshalb, weil es die Opfer dieser schrecklichen Zeit ein weiteres Mal an den Rand stellen würde. 
Gemeinsam aber ist diesen beiden Geschichten, dass sie ohne uns nicht denkbar sind.
Menschen sind es, die wie Mose den Raum der Freiheit nutzen, den Gott uns geschenkt hat und Menschen sind es, die diesen Raum wie viele Deutsche im III. Reich vernichten.
Menschen sind es, die als Gottes Hände und Münder das Unrecht benennen und mutig bekämpfen.
Menschen sind es, die schweigen und einer Zukunft ihren Lauf lassen, die das Leben aller gefährdet. 

Der Engel Gottes steht vor uns.
Er sagt: Das Grenzland steht euch immer noch offen, wenn ihr euch hineinwagt. 
Gott wartet dort auf euch und will mit euch die Welt bewegen. 
Immer noch und immer wieder.
Er schickt euch auf die Dächer der Welt, sein Recht zu verkünden, (Mt 10)
er schickt euch in die Finsternis des Schmerzes und der Trauer derer, die leiden. 
Er legt die Zukunft seiner Welt in eure Hände und an euer Herz, weil er ohne euch nicht handeln will und kann.
Er sagt uns: 
Ich bin und bleibe da, im Dornengestrüpp eures Lebens. 
Wenn ihr mich lasst, dann helfe ich euch, die Dornen zu lösen. 
Mein größter Wunsch und Wille für euch alle:
Es werde Licht!
Und wieder gut.
Allem zum Trotz.
Amen

Sonntag, 18. November 2018

Apk 2 Gedenken I. Weltkrieg, Volkstrauertag und Vorletzter Sonntag 2018

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! 

Der Schmerz sargt uns ein

in einem Haus ohne Fenster. (Hilde Domin)
Etwas rollt auf uns zu. 
Wir merken, wir können nicht ausweichen.
Sie bedrängen uns,
mit Worten, verletzend, bösartig.
Gefängnis droht und Schlimmeres.
Wie kommen wir da durch, ohne uns selber und Gott untreu zu werden?
Der Himmel zieht zu. 
Dunkle Wolken drücken aufs Herz.
Die Hoffnung, Gott schafft bald Frieden auf Erden, 
hat die Christen in Smyrna, dem heutigen Izmir beflügelt. 
Jetzt schwindet sie dahin.
Das wird nicht gutgehen.
Der Kaiser Domitian fordert mehr als die Anerkennung seiner Macht.
Nennt mich Herr und Gott, sagt er. 
Dann schütze ich euch. 
Gliedert euch ein oder ihr sterbt. 
Gerade in Smyrna wird dieser Kult groß gefeiert.
Gladiatorenspiele brauchen neue Opfer. 
Auch in der jüdischen Gemeinde, bisher geschützt von der Religionsfreiheit, werden sie unruhig. 
Mehr Steuern, öffentliche Anbetung des Kaisers?
Einige erliegen der Versuchung und lenken ab.
Sie zeigen mit Fingern auf die Christen, von denen sich die jüdische Gemeinde ohnehin distanziert hat.
Sie lenken den Blick der staatlichen Behörden auf sie.
Es wird eng. 
Kein Geld um Beamte zu bestechen – 
Die Gemeinde ist arm.
Die Christen fragen sich: 
Laufen wir nicht in eine Sackgasse ohne Ausweg?
Leben wir eingesperrt in einem Haus ohne Fenster, das einer bald anzündet?
Werden wir den Schmerz ertragen oder 
unserem Glauben untreu werden an den Herrn, der den Himmel offen hält für alle? 
Da kommt ein Brief, einer der trösten und aufrichten möchte.
Von Johannes, ihrem Gemeindegründer.
Der lebt verbannt auf der Insel Patmos und schickt ihnen das Diktat Gottes, so jedenfalls sieht er es: 
Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe:
"Das sagt der Erste und der Letzte,
der tot war, nun aber lebt:
Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut,
- du bist jedoch reich -,
und die bösen Gerüchte (über dich) von denen, die sich Juden nennen, aber keine sind.
Fürchte nichts von dem, was du erleiden musst.
Sieh, man wird einige von euch ins Gefängnis werfen,
so dass ihr auf die Probe gestellt und zehn Tage bedrückt werdet.
Sei getreu bis in den Tod,
so will ich dir die Krone des Lebens geben.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.
Wer diese Probe besteht,
wird vom zweiten Tod nichts mehr erleiden müssen.
Ganz anders ist die Stimmung auf den Straßen Berlins im August 1914.
Männer laufen in Reih und Glied,
das Gewehr über die Schulter gehängt, 
das Herz voll mit vaterländischem Jubel und Stolz.
Am Straßenrand winken ihnen 1000e von Menschen zu.
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben,
rufen die Pfarrer aus den Kirchen.
Mit Gott in den Krieg für Kaiser, Volk und Vaterland, rufen sie zurück. 
Ihr kleines, alltägliches Ich, das kleine Kreise zieht, 
bläht sich auf im großen Wir des Deutschen Volkes.
Keiner will draußen bleiben. 
Kadavergehorsam im Deutschen Reich.
Gib dein Ich an der Garderobe ab. 
Werdet wie ein Mann, der geschlossen gegen den Feind zieht.
Doch dann zieht sich der Himmel zu. 
Dunkle Wolken drücken aufs Herz.
Es hagelt Kugeln und Granaten.
Die Welt rückt näher, reißt die Mauer herunter, die sie um sich herum gebaut haben. 
Das große Wir des Deutschen Volkes, 
das wie ein Mann ausgezogen ist, einem imaginären Feind zu trotzen, 
zersplittert in 1000e von Teilen.
Sie sterben, 
zerfetzt und verstümmelt, 
verseucht vom Gas.
Der Schmerz sargt sie ein

in einem Haus ohne Fenster,
in das keiner von denen blickt, die ihnen zugejubelt haben.
Auch nicht ihr Kaiser. 
Sie sterben.
Nicht wie ein Mann.
Auch nicht wie die Fliegen. 
Wie ein Mensch, dessen Würde in den Staub getreten wird.
Tausend mal ist es ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht.
Millionenmal ist es ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht.
Ein Wolfgang, ein Heinrich oder wie sie damals alle hießen. 
Und mit ihnen die Männer und Frauen und Kinder 
in den Ländern, die sie überfallen und terrorisiert haben. 
Als vor 100 Jahren am 11.11. 1919 der I. Weltkrieg endet, sind 15 bis 17 Millionen Menschen tot.
So etwas gab es bis dahin noch nie.

Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. 
Was für eine Treue ist das? 
Und was für eine Krone? 
Die Christinnen und Christen in Smyrna atmen leichter nach diesem Brief. 
Da blickt einer unter die dicke Wolkendecke, 
die ihnen den Atem nimmt.
Er öffnet die Fenster ihres Hauses voll Schmerz und Angst und schaut hinein,
sieht die Bedrängnis, die Armut, die üble Rede und redet nicht drumherum. 
Sagt: Ja, es ist schlimm 
Ja, es wird eng. 
Ja, ihr werdet leiden. 
Aber nicht lange. Nicht für immer.
Kaiser Domitian mag sich aufführen, als ob er für immer und ewig die Macht in Händen hält und die Grenzen des Himmels und der Erde und des Lebens bestimmt.
Aber Gott ist der Herr über die Zeit und über die Welt und über alle Menschen.
Er setzt euch die Krone auf, wie allen seinen Ebenbildern,
des Krone des Lebens.
Sie glänzt nicht immer, 
sie hat Schrammen
und hier und da eine Beule 
und manchmal fühlt sie sich an, als wäre sie voller Dornen. 
Aber wer sich traut, diese Krone zu tragen und nicht einfach an der Garderobe abzulegen, dem öffnen sich die Augen.
Der sieht die Weite der Welt, 
sieht weit über die grünen Wälder und blauen Ozeane hinweg,
über bunte Dörfer und Städte, Länder und Kontinente,
sieht Menschen, nur Menschen, nicht Völker, 
wird sich der eigenen Kraft bewusst und betet: 
Dein Reich komme. 
Für alle, NUR so. 
Auch durch mich.
Die traut dem, der die andere Wange hinhielt und sieht auch in ihrem Feind ein Kind Gottes.
Der sieht Wege zum Leben, die über Mauern und Grenzen führen, die Menschen errichtet haben, und richtet sich auf und geht los.
Die glaubt Gott, wenn er sagt:  
In meinen Händen wird das, was sich für euch wie ewig anfühlt, zu 10 Tagen schrumpfen.
10 Tage werdet ihr auf die Probe gestellt, das haltet ihr aus. 
Was wie eine Katastrophe aussieht, ist eine Krise. 
Und eine Krise steht ihr durch. 
Bleibt treu. 
Bleibt fest mit beiden Beinen auf meiner Erde und lasst euch nicht umwerfen. 
Schaut in die Weite meiner Welt, 
auch wenn euch schwindelt, 
auch wenn andere versuchen, euch diesen Blick zu verbieten oder euch auslachen.
Vertraut mir und seid sicher:
Ich halte euch bis ans Ende eurer Zeit und darüber hinaus. 
Glaubt mir, ihr schafft das.“ 
Worte, die den Himmel anheben, den Blick frei machen. 
Ja, denken die Menschen in Smyrna, ja,
wir bleiben dabei, es lohnt sich.
Die Deutschen haben zwei Weltkriege gebraucht, bis ihnen klar wurde, 
dass es nicht die deutsche Würde ist, die es zu schützen gilt, 
sondern die Menschenwürde. 
Sie hatten sich eingerichtet in ihrer deutschen Seele, 
in einer menschenverachtenden Treue, die alles, was anders ist, mit Füßen tritt.
Sie haben es zugelassen, dass ihr eigenes Herz verseucht wurde mit Hass und Vorurteilen, 
die bis heute ein Eigenleben führen, 
gebrannt in Sprüche, die dem Hass Nahrung geben und vom Hass ernährt werden. 
Sie sind sogar ein zweites Mal einem Führer nachgerannt, 
der ihnen versprochen hat, dieses Haus wieder aufzubauen.
Wieder haben sie ihr Ich an der Garderobe abgegeben und sind aufgegangen im Volksganzen, 
blind für die Würde der anderen, 
blind für die Weite und Vielfalt von Gottes Welt und seinen Frieden,
blind für das Verderben, das sie über sich und 50 Mio Menschen gebracht haben. 
Die Kirche hat beide Male nicht aufgeschrien und das Recht auf Leben mit aller Kraft verteidigt. 
Von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Das ist eine Schuld, die uns bis heute verfolgt und der wir uns immer wieder stellen müssen, 
voll Trauer, voll Scham, gerade am heutigen Tag. 
Und wir wissen:
Auch heute leben Menschen in Häusern aus Schmerz.
Häuser ohne Fenster, in die kaum einer hineinblickt,
sie sind einem Leid ausgeliefert, das sie erdrückt und jegliche Hoffnung nimmt. 
Auch heute sterben Menschen auf Schlachtfeldern, 
werden niedergemetzelt in Städten, in Schulen und Krankenhäusern,
werden abgeschnitten von den Schätzen der Erde, 
für alle gedacht, und verhungern jämmerlich. 
Und wieder ist es tausendmal ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht.
Millionenmal ist es ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht,
durch Krieg und Hunger und Umweltzerstörung. 
Auch heute schwingen sich Menschen als Herrn über Leben und Tod auf, 
blind für den weiten, liebevollen Blick Gottes auf alles, was lebt. 
Und es ist heute unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, 
in Gottes Namen,
Türen zu bauen in die Mauern aus Worten, 
die gerade auch in unserem Land wieder Menschen ausgrenzen und diffamieren,
Türen zu bauen in die Mauern aus Beton und den Stacheldraht zu zerschneiden,
dass Menschen einander die Hände reichen und ihres teilen können,
die Mauern aus Kapital und Eigennutz und Angst abtragen helfen, die verhindern, dass diese Welt bewohnbar bleibt für alle. 
Als Ebenbilder hat Gott uns geschaffen. 
Ihm die Treue halten bedeutet, ganz ich zu sein, 
zu sehen, 
dass ich ganz aus Gottes Liebe lebe 
und dieses Band zwischen ihm und mir immer in der Hand halten werde, 
um meinetwillen und jedes anderen Menschen willen.
Jedem einzelnen von uns hat Gott die Krone des Lebens aufgesetzt.
Die Krone Gottes glänzt nicht immer, 
sie hat Schrammen
und hier und da eine Beule und manchmal fühlt sich sich an, als wäre sie voller Dornen. 
Trauen wir uns, in seinem Namen, diese Krone zu tragen.
Schauen wir ohne Angst in die Weite von Gottes Welt, über die grünen Wälder und blauen Ozeane hinweg,
über bunte Dörfer und Städte, Länder und Kontinente,
sehen wir Menschen, nur Menschen, nicht Völker,
bleiben uns und Gottes Willen treu und beten: 
Dein Reich komme. Für alle, nur so. 
Auch durch mich.
Und hören Gottes Stimme, die uns gleichzeitig mahnt und tröstet:
Bleibt treu und fest mit beiden Beinen auf meiner Erde.
Verhindert mit allen Kräften, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird.
Schaut in die Weite meiner Welt, 
auch wenn euch schwindelt, 
auch wenn andere versuchen, euch diesen Blick zu verbieten oder euch auslachen.
Lacht ihnen entgegen, 
liebt, was das Zeug hält, 
sprecht die Wahrheit mit klaren Worten,
teilt aus mit vollen Händen.
Ich vertraue euch, ihr schafft das.
Und wenn Johannes, der Seher, Rosa Luxemburg gekannt hätte, 
eine der wenigen Stimmen, die sich gegen den Krieg erhob,
hätte er sie sicher zitiert:  
„Sieh, dass Du Mensch bleibst: 
Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. 
Und das heißt: fest und klar und heiter sein, 
ja heiter trotz alledem und alledem, 
denn das Heulen ist ein Geschäft der Schwäche."
Amen.