Samstag, 11. Januar 2014

Jesaja 42, 1-9. 1. Sonntag nach Epiphanias 2014

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Fallen wir Gott manchmal auf die Nerven?
Schaut er auch mal ungeduldig auf unser alltägliches Tun und stöhnt über unseren begrenzten Blick?
Sieht er unseren Streitigkeiten zu, unserem Sorgen um Nichtiges und sagt: Leute, ihr nervt! Habt ihr keine Vision mehr?
Ist dieses ständige Reden über die Welt, die sich ja doch nicht ändert, wirklich eure Antwort auf mein großartiges Schaffen,
auf die Welt, die sich dreht,
was ihr ja mittlerweile auch mitbekommen habt,
auf das Leben, das sich ständig verändert und verändern kann?
Ist Gott genervt von uns?
Das könnte schon sein, meine ich.
Immerhin hält sich Gott in der Bibel nur selten vornehm zurück.
Er regt sich über das Leid der Israeliten in Ägypten auf und kann es nicht mitansehen.
Er ist regelrecht erbost,
als sich Teile seines Volkes im neuen Land nicht an die Gebote halten
und sagt das immer wieder deutlich durch seine Propheten.
Gott engagiert sich, ereifert sich und öffnet sogar die Fenster des Himmels für uns,
lässt seinen frischen Geist in die Welt hinein und über Jesus ausströmen, damals am Jordan
und gibt dazu noch deutliche Hinweise:
Hier, Leute, mein Sohn, der gefällt mir.
Genau so einen braucht ihr, um den richtigen Weg zu finden.

Deutlich zu werden, war eigentlich nie Gottes Problem.
Problematisch sind immer nur die Adressaten,
die mal ihre Ohren öffnen, aber immer wieder auch verschließen.
Man hat manchmal den Eindruck, wie Tucholsky sagt: 
Der Mensch hat, neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen (heute müsste man vielleicht noch ergänzen: auf sein Handy zu starren) und nicht zuzuhören.
Wie redet an mit solchen Gesprächspartnern?
Man muss es Gott zugute halten,
dass er nach der Sintflut trotz seines Engagements für uns,
an sich gehalten hat.
Immer wieder versuchte er insgesamt sehr freundlich,
uns seine Vision des Lebens nahezubringen,
dass gut ist, was er geschaffen hat und wertgeschätzt werden müsste.
Immer wieder hat er versucht,
unsere Situation, unsere Ängste, unsere Sehnsucht im Blick zu behalten
und nicht über uns hinwegzureden oder mit der Faust reinzuschlagen.
Und er hat sich dabei weit vorgewagt,
hinein in unser Leben, in unsere Sprache, in unsere Welt,
in die dünnen Kanäle unserer Wahrnehmung,
in die Grenzen unseres Lebens.
Seine Anwesenheit in der Krippe haben wir gerade erst gefeiert.

Heute gehen wir ein gutes Stück zurück, ca. 500 Jahre vor Christi Geburt.
Da ist von einem Menschen die Rede,
den die Christen deutlich mit Jesus identifiziert haben,
dem sogenannten Knecht Gottes.
Die Lieder von und über ihn haben Platz gefunden im Buch des Propheten Jesaja.
Seinen Namen allerdings kennen  wir nicht.
Auch damals hat Gott einiges auszusetzen gehabt.
In seinem Volk, das vermutlich nach der Deportation nach Babylon immer noch in der Fremde lebt,
in seinem Volk ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten.
Laut sind die, die Unrecht tun.
Um die, die am Boden liegt kümmert sich keiner.
Bosheit regiert und die Gier nach Reichtum.
Unter diesen Bedingungen verlöschen manche Lebenslichter unversehens und gebrochene, arme Menschen werden schnell und endgültig geknickt.
Ab und zu seufzt vielleicht mal einer und sagt:
Ach, Israel, ach Jerusalem.
Eine Vision kann man das allerdings nicht nennen.
Wie kann sich Gott Gehör verschaffen?
Wie schon so häufig greift Gott dabei auf einen Menschen zurück,
der nahe an den anderen dran ist und ihnen die Augen öffnen soll.
Er präsentiert ihn im 42. Kapitel im Buch des Jesaja:

V.1 Siehe, mein Knecht, ich halte ihn; mein Auserwählter ist meiner Seele ein Wohlgefallen; ich habe meinen Geist über ihn gegeben; das Recht bringt er zu allen Völkern.
V.2 Er wird nicht rufen und er wird seine Stimme nicht erheben und er wird seine Stimme nicht hören lassen in den Gassen.
V.3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht
wird er nicht auslöschen; in Treue bringt er das Recht.
V.4 Er wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er aufrichtet auf
der Erde das Recht und auf seine Weisung warten die Inseln.

Kein heißes Feuer geht von diesem Mann aus,
kein sprühendes Charisma.
Es wird eigentlich nur gesagt, was er nicht tut:
Er ruft nicht, er wird nicht laut.
Er knickt nicht, die ohnehin schon geknickt sind
und löscht das schwache Leben nicht aus.
Er zerbricht nicht.
Aber Gottes Seele ist ihm wohlgesonnen.
So einer tut Gott gut, lässt ihn aufatmen.
Er kann seinen Geist frei zu diesem Menschen  hinströmen lassen kann und weiß:
Der da wird mein Recht verkünden.
Ich schicke ihn zu denen, deren Kraft ebenfalls gebrochen ist,
von der Last des Lebens in einem fremden Land,
vom Unrecht, das ihnen dort auch von ihren eigenen Leuten geschieht.

Der Knecht Gottes muss sehr einfühlsam und sanft mit ihnen umgegangen sein im Vergleich zu manchen seiner prophetischen Kollegen.
Seine Stärke liegt in der Freundlichkeit,
im Nicht-Schreien, im Nichtverurteilen,
ein netter Mensch, der sich schützend  vor Schwache stellt.
Seine Aufgabe: Der Gottesknecht sollte die Schwachen und Unterdrückten trösten.
Aber vor allem soll er eine neue Zeit ausrufen, in der das Gottesrecht, das Recht ihres Gottes, regiert.
In Gottes Namen soll er, leise, aber deutlich sagen, wie es  weiter im Text heißt:
V 5 So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Lebensatem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen:
V 6 Ich, Gott, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für mein Volk und  zum Licht auch der anderen Völker
V 7 dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
V 8 Ich, Jahwe, das ist mein Name, ich will meinen Glanz keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen.
V 9 Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe es denn aufgeht, lasse ich's euch hören.

Der Knecht Gottes versucht die Menschen auf einfühlsame Weise hineinzuziehen in die Vision Gottes vom Leben.
Dort herrschen Gerechtigkeit und Recht.
Blindheit und Gefangenschaft, das Unrecht haben ein Ende.
Der Geist Gottes kann frei wehen, ohne Beschränkung,
ohne die Enge, die ihm bei uns immer wieder zugemutet wird.
Er kann es, wenn sein Recht, auf das die Völker schon so lange waren, aufgerichtet, verkündet, etabliert wird.
Das zu verkünden ist eine schwere Aufgabe für einen  Mann,
der, wie es in einem der anderen Gottesknechtslieder über ihn heißt heißt, „keine Gestalt hatte, die uns gefallen hätte.“
Sympathisch war er den anderen nicht, dieser Knecht.
Und sie haben ihn auch nicht gut behandelt, vorsichtig ausgedrückt, geschlagen, gefoltert, ihre Aggressionen über ihn ausgekippt.
Die Knechte Gottes, heißen sie Jesaja oder auch Jesus haben es nicht leicht gehabt.
Auf gewaltfreie Art und Weise, freundlich, sanftmütig sollten sie kommunizieren,
denn das ist die Art und Weise,
wie Gott trotz seiner mühsam gebändigten Kraft mit uns redet.
Sie sollten mit dieser Freundlichkeit und Sanftheit Weltgeschichte machen,
blinde Augen erhellen, die Gefangenen befreien, Gerechtigkeit in die Verhältnisse bringen.
Man sollte meinen, dass solche netten Menschen doch irgendwie durchdringen.
Sie erweisen anderen soviel Achtung und sogar Liebe und Einfühlungsvermögen
und Gott verspricht, sie bei der Hand zu halten und zu behüten.
Dennoch sterben sie oder werden abgelehnt.
Keiner von den beiden Genannten ist dem Weg der Freundlichkeit untreu geworden.
Besonders populär ist dieser Weg jedoch dadurch nicht geworden.

Gott setzt auf nette Menschen, die bewahren und schützen und anderen mit Sympathie begegnen.
Sympathie ist hier nicht oberflächlich gemeint.
Der Gottesknecht, wie gesagt, hat keine Gestalt, die besonders ansprechend ist und die Menschen, denen er sich zuwendet, liegen zerschunden und verarmt am Boden und sehen da nicht besonders gut aus.
Wir finden Menschen spontan sympathisch,
die etwas an sich haben, das uns gefällt,
äußerlich oder durch die Art, wie sie sich geben,
witzig, charmant, interessant.
Hier meint Sympathie die Fähigkeit, die in der wörtlichen Übersetzung deutlich wird: Mitleiden, mitfühlen.
Sich also in einen Menschen hineinversetzen und den Grund seines Leids, seiner Aggression erkennen
und darauf eingehen zu können, ohne sich selber untreu zu werden,
das ist die Aufgabe des Gottesknechtes.
Ich glaube, wir werden immer geübter darin, Dinge und Menschen, die uns unangenehm sind, auszublenden.
Es ist so leicht, dem vorbeigehenden Bettler auszuweichen, wenn man zu tun hat.
Und ein freundlicher, leiser Mensch, der durch die Gegend geht und Gottes Glanz verkündet,
das Rezept für die Beseitigung von Hunger und die Gewalt verliest,
der würde wie auch damals auf Spott und Ungeduld, ja sogar Aggression stoßen.
Und wir, die wir vielleicht noch höflich bleiben würden, wir müssen uns wohl fragen lassen:
Wie viel Raum geben wir dem Ungewohnten, Fremden
und wie viel Raum auch unserer Sehnsucht nach Freiheit, nach einer anderen Welt, einem besseren Leben für alle?
Was würde geschehen, wenn wir dem Blick des Gottesknechtes folgen
und zum Beispiel auf diese sympathisierende, mitleidende Art und Weise auf einen Obdachlosen schauen,
der tatsächlich sympathisch werden kann oder uns zumindest nahe kommt, obwohl er stinkt,
weil wir uns in ihn hineinversetzen, sich sein Leiden an dieser Art zu leben zu Herzen gehen lassen.
Und dann erwacht eine Art Zärtlichkeit, Fürsorge, Mitleid, die zu Taten drängt.
Ich denke, es hilft, wenn einer wie der Knecht, nicht schreit,
sondern die Menschen bei ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben packt.
In seiner ruhigen Art erkennt er, dass sie ja eigentlich, wie es im Text heißt, auf seine Weisung warten, aufatmen möchten, leben.
Gott setzt auf das Leise, nicht auf die Lautstärke,
auf die einfühlsame Hinwendung zum anderen, nicht auf das Bestehen auf dem eigenen Recht.

Fallen wir Gott manchmal auf die Nerven, habe ich eingangs gefragt.
Wir sind es gewöhnt, Gott zu preisen, als einen, der unendliche Geduld hat.
Toll ist es doch, dass der immer noch mit dabei ist und mit uns geht und mit uns leidet.
Das glauben wir zumindest.
Aber für einen, der genau weiß, wie das Leben besser werden könnte für viele,
und der auf diese sanften Menschen setzt, auf diese einfühlsamen Umgangsformen,
für so einen wie Gott muss es doch ab und zu schwer, sein, uns auszuhalten,
mit unseren lautstarken Auseinandersetzungen,
mit dem Gezänk beim Einkauf,
mit dem Gerangel an Schulen,
ganz zu schweigen von dem Lärm,
den Waffen zu jeder Tageszeit an Orten der Erde produzieren und dem Leid, das sie mit sich bringen.
Wie gerne, denke ich, würde Gottes Seele sich erholen,
wie gerne würde sein Geist der Liebe und Freiheit sich austoben in unserer Welt,
unbegrenzt Frieden säen und Gerechtigkeit zum Himmel wachsen lassen,
wie gerne würde er die Menschen bei ihrer Sehnsucht nach dieser Art Leben packen und mitziehen,
behutsam und freundlich durch die geöffnete Tür des Lebens.

Dazu braucht es allerdings Raum, freien Raum in unserem Leben.
Gott nimmt nicht so gerne Platz in der Pause zwischen Mathe und Deutsch-Hausaufgaben oder in der stillen Minute auf der Toilette,
nicht auf einer U-Bahnfahrt zwischen zwei SMS,
nicht beim Warten in der Schlange beim Einkaufen.
Er tut es, wenn es nicht anders geht, aber er wünscht sich mehr.
Er wünscht uns das Beste, was er zu geben hat, ein Leben in Freiheit, erfüllt von Freude und er bittet durch seine Boten um den Raum, den es braucht, um gelebt zu werden.
Er hat seine Boten geschickt, die verkündet und vorgelebt haben, was ihm am Herzen liegt.
Das müssen wir eigentlich nicht mehr tun.
Wir müssen nur hören und nachfolgen,
einem sympathischen Knecht, der unseren Ohren nicht wehtut und dessen Mitgefühl uns sicher ist,
einem Jesus, der uns die Freiheit gelehrt hat, ohne Besitz, ohne Feindseligkeit durch unser Leben zu gehen und doch von Gott gehalten zu sein.
Wir dürfen dieser Sympathie trauen, die Gott uns ans Herz legt,
müssen nicht rechten und uns behaupten, sondern können das Recht Gottes leben.
In seiner Rede erinnert Gott an den Beginn des Lebens, an die Schöpfung und sagt damit:
So wie mein Geist damals ungehindert geschaffen hat, so weht er auch durch euer Leben, wenn ihr ihn lasst,
so kann er durch eure Straßen wehen, wenn ihr euch meiner Sanftheit und Freundlichkeit öffnet,
durch die Orte eurer Arbeit, durch die Schule, durch euer Zuhause,
er kann in eure Traurigkeit kommen und in eure Angst und euch trösten und ermutigen,
er kann eure sichere Meinung über eure eigenen Grenzen und über andere Menschen durcheinanderbringen auf heilsame Art und Weise,
kann euch helfen euer Tun in eine andere Richtung zu lenken und eure Wut auflösen,
kann die Armen auch bei uns in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken und neue Wege öffnen, die ihr dann gemeinsam voller Achtung geht.
An jedem Tag, zu jeder Stunde kann Neues beginnen, wie am ersten Tag meiner Schöpfung.
Hören wir doch einen Moment auf mit dem Reden,
lassen wir, jetzt am Anfang des Jahres, die verschiedenen Räume unseres Lebens vor unserem inneren Auge auftauchen, jeder für sich,
und laden Gott ein,
mit seinem gleichzeitig liebevollen und drängenden Blick, mit seinem sanften und belebenden Geist frischen Wind hinein zu bringen und schauen, was sich verändert.
Gönnen wir uns 1 Minute der Stille.
Stille
Unser Alltag wird uns bald wieder fest im Griff haben.
Weihnachten liegt schon wieder eine Weile zurück.
Die nächste Atempause ist noch nicht so recht in Sicht.
Rechnen wir dennoch damit, dass alles neu werden kann,
jeden Tag,
dass Wunder geschehen,
wenn wir Gottes sympathischer Lebensweise folgen,
uns auf seinen mitfühlenden Blick einlassen
und hören zum Schluss ein Gedicht von Eva Strittmatter über die Offenheit unseres Lebens:



Mein Leben setzt sich zusammen:
Ein Tag wie dieser. Ein anderer Tag.
Glut und Asche und Flammen.
Nichts gibt es, was ich beklag.

Früher habe ich so gefühlt:
Irgendwas Großes wird sein.
Inzwischen bin ich abgekühlt:
Es geht auch klein bei klein.

Was soll schon Großes kommen?
Man steht auf, man legt sich hin.
Auseinandergenommen,
Verlieren die Dinge den Sinn.

Doch manchmal sind solche Stunden
Von Freiheit vermischt mit Wind.
Da bin ich ungebunden
Und möglich wie als Kind.

Und alles ist noch innen
In mir und unverletzt.
Und ich fühle: gleich wird es beginnen,
Das Wunder kommt hier und jetzt.

Was es sein soll? Ich kann es nicht sagen
Und ich weiß auch: das gibt es gar nicht.
Aber plötzlich ist hinter den Tagen
Noch Zukunft ohne Pflicht.

Und frei von Furcht und Hoffen
Und also frei von Zeit.
Und alle Wege sind offen.
Und alle Wege gehn weit.

Und alles kann ich noch werden,
Was ich nicht geworden bin.
Und zwischen Himmeln und Erden
Ist wieder Anbeginn.

Gönnen wir Gottes Seele ein Aufatmen,
machen wir in diesem Jahr etwas weniger Lärm,
hören auf seine Freundlichkeit, öffnen uns seinem liebevollen Blick
und erleben am eigenen Leib,
welche Wunder zwischen Himmel und Erde möglich sind.
Amen.