Samstag, 19. September 2020

Gen 2, Sorglos im Paradies, 15. Trinitatis 2020

 I. Anfang.

Anfang.
Zeitlose Zeit.

Alles ist gut,
Gott und der Mensch vereint. 
Wir hören aus dem 2. Buch Mose die Geschichte vom sorglosen Beginn der Welt. 

Lesung: Gen 2 
Es war zu der Zeit, da Gott, der Herr, Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht aufgespros­sen. Denn Gott hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. 
Da bildete Gott Adam, das Menschenwesen aus Erde vom Acker und blies in seine Nase Lebensatem. Und so ward der Mensch ein atmendes Wesen.

Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte das Menschen­wesen hinein, das er geformt hatte. Und Gott ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Und Gott nahm das Menschenwe­sen und setzte es in den Garten Eden, dass es ihn bebaute und bewahrte. 
Und Gott sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, so etwas wie ein Gegenüber. Und Gott machte aus Ackererde alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen... Aber für das Menschenwe­sen fand sich keine Hilfe, die so etwas wie ein Gegenüber wäre. 
Da ließ Gott einen tiefen Schlaf fallen auf das Menschenwesen, und es schlief ein. 
Und Gott nahm eine von seinen Seiten und schloss die Stelle mit Fleisch. 
Und Gott formte eine Frau aus der Seite, die er von dem Menschenwesen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch als Mann: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; die soll Ischa, Frau, genannt werden, denn vom Isch, vom Mann ist sie genom­men. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und sie werden ein Fleisch sein. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

Musik: Blue River, gespielt von Alexandre Tharaud (ca. 1 Minute) 
(https://www.youtube.com/watch?v=GQlxCXl_qz0)

 
II. Sorglos im Paradies
Der erste tiefe Atemzug. 

Was Erde war, beginnt zu leben durch Gottes Hauch,

eine Mischung von Sauerstoff und Willenskraft und natürlich Liebe, aus der alles Leben entsteht. 

Was Erde war wird ein Wesen.
Lungen füllen sich.

Farbe kommt in die Wangen,

Bewegung in die Glieder. 

Ein lebendiges Wesen, von Gott geknetet aus Erde.
Steht aufrecht.

Kein Gras, kein Tier, keine Landschaft. 
Unwirtliche Einöde. 
Nur ein Ich zwischen Himmel und Erde.
Umhüllt von der Gegenwart Gottes.

Keine Fragen.
Keine Sorgen.
Siehe, der himmlische Vater ernährt dich.

Setzt dich in einen Garten, der sich plötzlich auftut da oben, 
wo Himmel und Erde sich berühren, 
sich ausbreitet vor deinen staunenden Augen,

Eden, Wonne, nennt Gott ihn.
Ein Traum:
Hell strömendes Wasser, 

sattes Grün in allen Schattierungen,
leuchtende Farben von Blumen und Früchten, die reif von Bäumen hängen.
Einfach zugreifen, 
nicht suchen, nicht finden müssen.

Und Gott bleibt, wandelt mit dir im Garten, 
zwischen Himmel und Erde. 
Keine Sorge, keine Sorge. 
Keine?
Gott sorgt sich.
Hat noch zwei Bäume gepflanzt. 
Warum?

Wer weiß...
Hat einen Weg gelegt aus dem Garten der Unschuld hinaus,

hinunter ins Wissen von Gut und Böse,
von Schuld und Unschuld,

hinein in eine Welt mit Licht und mit Dunkelheit,

Leben und Tod.
Doch noch bist du weit oberhalb,
noch liegt ein Schleier über den Bäumen,
noch schützt Gott dich vor diesem Sehen und der Sorge, die es bedeutet,

vor Zukunft und Vergangenheit,
vor nüchternen Tälern,
lässt dich im Jetzt einfach ein und ausatmen.
So wandelst du durch den Garten, in dem Gott dich halten will.
Er dehnt den Raum zwischen Himmel und Erde, 
für dich, 
schenkt dir Freiheit und Verantwortung,

gibt dir eine Aufgabe: 
Bebauen und bewahren sollst du den Garten und was darin lebt.
Sorgen, ja, aber nur was dir leicht von der Hand geht. 
Hast Leben, hast Willenskraft, Phantasie und genug Liebe dafür.
Doch genau das lässt dich allmählich über dich hinausdenken.

Du merkst, das reicht nicht, dieses Wandeln in Gottes Nähe,

Du willst teilen, dich mitteilen.

Gott ist zum Greifen nahe und doch nicht von deiner Art.

Gott merkt das, sieht es an der Leere in deinen Augen in manchen Momenten

und geht noch einmal ans Werk,
greift in die Erde,

stellt dir Tiere zur Seite, das reicht nicht.

Lässt deine Atemzüge tiefer und tiefer werden, 
dich hinein in den Schlaf gleiten,

teilt, 
formt den Menschen als Gegenüber, einen Mann, eine Frau. 
Ihr schaut euch an und die Welt um euch gleitet weg, auch Gott.
Ihr seid zu zweit, das reicht. 
Gott bleibt dennoch und freut sich an eurer Liebe.
Ihr spürt ihn, wenn ihr gemeinsam durch den Garten wandert,

er schenkt euch die Luft zum Atmen, 
alles, was ihr braucht, 
keine Sorge, keine Sorge, 

Schwebend zwischen Himmel und Erde.
Geben und Nehmen im Einklang. 

Zu zweit sein.
Wie schön,

wenn sich dein Wort an das des anderen hängt und Farben entstehen,

wenn bebauen und bewahren gemeinsam gelingt,
mühelos, 
weil zwei Hand in Hand arbeiten.

Wonne, Paradies, fragloses Glück.
Was braucht ihr mehr als Liebe? 


 Musik: All you need is love (Beatles) Für ca. 1,5 Minuten.

III. Ganz weit oben –  Sehen wie im Paradies 
Als Jesus aber die vielen Menschen sieht, die nachdrängen
mit all ihrem Leid und ihren Fragen,
ihrer Sorge um das Jetzt und die Zukunft, 
mit den Narben, die Unrecht und Gewalt in ihren Seelen hinterlassen,

schon bei ihren Kindern,
da geht er auf einen Berg.
Heraus aus der Menge. 
Bis an die Grenze von Himmel und Erde, 

da zieht das Dunkel nicht so sehr, 
da werden die Gedanken klarer,

Leben wagt sich vor, in leuchtenden Farben.
Und er setzt sich, und seine Jünger treten zu ihm.
Sie haben den Mut, zu sehen,  was Gott einst gedacht hat für diese Erde.
Und Jesus tut seinen Mund auf, lehrt sie, 
spricht zu ihnen. 
Lange. 

Sie hören ihm zu.

Sehnen sich, 
frei zu sein von mühsamen Wegen durch das Dickicht von Recht und Unrecht, 
ganz ohne Sorge einfach dem Guten folgen,
die Samen ihrer Phantasie und Liebe und Kraft im Namen Gottes frei austreuen wie der Sämann, 
der sich nicht kümmert, was wächst und was verdorrt. 
gemeinsam bebauen und bewahren,
mühelos,
weil sie Hand in Hand arbeiten.

Welche Wonne wäre das, was für ein Paradies!

 

Jesus hebt ihren Blick. 
Der erste Schritt. 
Schaut hoch, schaut um euch.
Lasst euren Blick nicht gefangen nehmen: Ihr seid frei,

Gottes Geschöpfe!

In euch fließt der Atem Gottes, 
er küsst euch wach mit seinem Lebenshauch, 
jeden Morgen wie einst in Eden.

Er wacht über euch, wenn ihr nachts in den Schutz des Schlafes taucht. 

Sorgt euch nicht, 
die Vögel fliegen und bekommen Nahrung, 
die Lilien wachsen und blühen,

alles Geschöpfe Gottes aus derselben Erde,

vom selben Atem Gottes wachgeküsst und am Leben erhalten
seit Anbeginn der Schöpfung.
Schaut um euch auf all das Leben. 

Ohne Sorge. Seid ohne Sorge.
Sie atmen auf. Schauen mit neuen Augen um sich.
Frei von engen Grenzen.
Frei von Angst.
Jesus hat recht: Gott ist da.
Frei fließt ihr Atem.
Jeder Zug ein Geschenk Gottes.

Einen Moment lang scheint alles möglich;
da oben zwischen Himmel und Erde.

Doch dann wieder Jesu Stimme, die mahnt: 

Nur um das Reich Gottes sorgt euch und um seine Gerechtigkeit. 

Und die Welt ist wieder da.

Stille


IV. Sorgen warten in den Tälern
Es klappt nicht,

uns einzureden, dass wir ohne Sorge sein können.
Wir wissen es besser. 
Wir wissen, dass wir für Momente aussteigen können aus der Welt,

meditieren, sanfte Musik hören, joggen,

einen Ausflug aufs Land unternehmen, 
bei dem unsere Augen sich erholen dürfen von dem Blick auf alles, was uns Sorgen macht.
Aber es holt uns wieder ein, beim ersten Schritt in die Täler.
Und wir sollen uns ja Sorgen machen! 
Umeinander.

Denn wir alle sind Geschöpfe Gottes, 
geschaffen als Gegenüber, das sich umeinander kümmert,
nur zu zweit denkbar,
beschenkt mit genügend Phantasie und Willenskraft und vor allem Liebe
um Leben zu gestalten und zu erhalten, 
zu bebauen und zu bewahren. 

Wir sehen hin auf die Spuren der Menschen.
Schauen auf Männer und Frauen und Kinder an Straßenrändern, 
die die Welt nicht mehr verstehen, 
eingesperrt auf einer griechischen Insel.
Warum nicht genügend Wasser und Nahrung, 
warum kein Schlafplatz, der seinen Namen verdient, 
warum, warum keine Freiheit?!?
Sie haben soviel dafür gewagt. 
Sind sie es nicht wert? 
Weniger wert als wir etwa? 
Darf man überhaupt so über Menschen denken, reden,
einander einsperren?
Je weiter wir uns entfernen von den Tälern der Realpolitik,
aufsteigen aus dem Dickicht besorgter Meinungen, die eigentlich nur Ihres im Blick haben,

je höher wir steigen auf den Berg, der uns den freien Blick ermöglicht,

desto unverständlicher wird es,

desto weniger kommen wir an diesen Fragen vorbei,
desto klarer  hören wir unseren Auftrag:

Nur um das Reich Gottes sorgt euch und um seine Gerechtigkeit.
Oder besser: 
Nurdarum müsst ihr euch sorgen, sonst ist alles da, was ihr zum Leben braucht. 
Das ist die große Freiheit, von der die Geschichte vom Anfang erzählt:
Wir stehen auf festem Boden,
eingehüllt in Gottes Gegenwart und seiner Sorge um uns,
hineingesetzt in den Garten der Welt, den wir genießen und gestalten dürfen und können. 
Auch jetzt noch. Es ist nicht zu spät.
Und es sind nicht nur Adam und Eva,
es sind wir alle, in denen der Lebensatem Gottes fließt,

es ist jede einzelne von uns, ob in Europa, ob in Afrika, ob in Asien, 
der und die den Auftrag erhalten hat zu bebauen und bewahren.
Welche Schande, welcher Verlust, 
dass so viele unter uns durch Hunger und Gewalt gehindert werden, ihr Bestes zu geben,

ihre Phantasie, ihre jeweils ganz besondere Kraft, ihre Liebe einzusetzen
um frei aus der Fülle der Erde heraus Leben zu gestalten.
Hebt den Blick, sagt Jesus, schaut auf von der Sorge um euch selbst,
die ist sinnlos. 
Euer Leben ist euer Leben, 
so wie es euch von Gott geschenkt wurde,
daran könnt ihr nichts ändern.
Fragt nicht weiter, 
ihr seid eben groß oder klein, 

stark oder nicht so stark,
musikalisch oder eben nicht,

still oder lebhaft, 
klug oder nicht so klug. 
Na und? 
Wie die Vögel, wie die Lilien, wie die ersten Menschen im Paradies

habt ihr, haben alle das Recht und die Pflicht zu leben,
die Freiheit geschenkt bekommen,

im Garten der Welt zu wandeln,
ohne Sorge zu kurz zu kommen,

mit Gott ganz nah an eurer Seite.

Jeder einzelne hat eine Stimme, 
die frei zwischen Himmel und Erde klingen darf,
singen darf wie Gabriella, jahrelang von ihrem Mann misshandelt,
in den Film „Wie im Himmel“, 

mutig singen darf davon, dass  ihr Leben ihr gehört,
sie ihrer Sehnsucht folgen darf, 
voller Vertrauen, dass ihr Weg sie in den Himmel führt,

von dem sie immer nur ein kleines Stück sieht. 
Hören wir in ihrem Wunsch den Wunsch eines jedes Menschen:
Ich will spüren, dass ich lebe
,
glücklich sein
dass ich bin, wie ich bin
Stark und frei

Schaut: Ich bin hier.


Musik: Gabriellas Song aus dem Film „Wie im Himmel
https://www.youtube.com/watch?v=2LVxuzIHgjg

 

V. Ohne Sorge sorgen

Gott dehnt den Raum zwischen Himmel und Erde.
Für mich. Für dich. 
Ja, es gibt Grenzen.
Es gibt Angst.
Es gibt Not in dieser Welt.
Und es gibt Gott in dieser Welt,
der jedem von uns den Atem schenkt,

uns aufatmen und aufschauen lässt, immer wieder,

uns befreit, dass wir einander nahekommen, 
ganz nah, ohne Sorge.

Gott ist da. 

Alles ist möglich.

Amen.




 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen