Samstag, 15. Oktober 2011

Predigt zu Mk 9, 14-29, 17. Sonntag nach Trinitatis 2011


Nach einer Konferfahrt etwas im Halbschlaf und mithilfe der Predigtstudien III.2 2004/05 aus dem Kopf gedreht. 

Mk 9, 14-29 Die Heilung des besessenen Knaben

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt.

Es ist schwer, ein Jünger zu sein.
Das werden die Jünger Jesu deutlich empfunden haben, dort auf dem Marktplatz eines Dorfes in der Nähe von Cäserea.
Schwer und oft auch frustrierend.
Erst geht Jesus auf den Berg mit den Insidern Petrus, Johannes und Jakobus und hat mit ihnen eine sensationelle Begegnung der dritten Art, mit Mose und Elia und vor allem mit Gott.
Das hat nicht nur Jesus, sondern auch die anderen drei berührt, verwandelt, verklärt im Sinne von „für die Gegenwart Gottes öffnet“.
Und die anderen?
Sie bleiben auf dem Marktplatz.
Antworten auf die dümmsten Fragen.
Setzen sich dem Spott und dem Misstrauen aus.
Müssen den Schriftgelehrten stand halten, die sie mit Bibel und Mischna in die Enge treiben.
Wer ist dieser Jesus? Kann er wirklich heilen? Ja? Wie macht er das?
Was meint er mit Reich Gottes? Auf welche Stellen bezieht er sich?
Hat er noch was anderes im Kopf als Jesaja?
Bekommt er Geld für seine Predigten? Ist er verheiratet?
Jesus und die anderen sind weit weg. Aufgestiegen im wahrsten Sinne des Wortes.
Und sie waten hier im Morast des  Alltags, der misstrauischen Menge und der bedürftigen Menschen.
Denn jetzt kommt auch noch dieser Vater mit diesem entrückten, blassen Kind.
Und er mutet ihnen zu, dieses Kind von seinem Dämon zu befreien.
Wer je einen epileptischen Anfall gesehen hat, wird, glaube ich, nicht über diese Beschreibung der Krankheit lächeln.
Ein Dämon, ein fremder Wille schüttelt den Jungen immer wieder und lässt ihn selber verschwinden, erstarren, sprachlos werden. Harte Aufgabe.
Die Jünger mühen sich ab.
Was genau sie tun, wäre interessant gewesen, wird leider nicht gesagt.
Aber,  wie aus dem Ende der Geschichte deutlich wird: Sie haben nicht gebetet.
Sie werden sich bemüht haben, dem Vater und dem Kind Zuwendung zu geben, ihnen zu zeigen, dass sie das Leiden ernst nehmen. Sie werden es mit Händeauflegen versucht haben.
Sie werden vielleicht die Sache mit Speichel versucht haben.
Die Menge hat sich um sie herum versammelt und sieht zu.
Da kann man sich nicht einfach hinstellen und hilflos die Hände heben.
Die ersten Kommentare kommen schon.
Die Jünger gereizt und überfordert, wie sie sind, geben Bissiges zurück.
Da teilt sich die Menge und Jesus und die anderen drei kommen.
Irgendwie schimmernd.
Irgendwie anders.
Die Menge verstummt.
Jesus hat sich noch nicht ganz erholt von seinem Erlebnis auf dem Berg.
Der Streit trifft ihn mit voller Wucht.
Eine Bruchlandung in der Wirklichkeit, die einen Wutausbruch zur Folge hat.
Jesus hört von dem Vater, worum es geht: Deine Jünger konnten es nicht.
Er spürt die Stimmung, sieht in die verkniffenen Gesichter der Jünger,
in die angriffslustigen  der Schriftgelehrten,
in die erwartungsvollen und spöttischen und traurigen und hoffnungslosen Gesichter der Menschen,
in das Gesicht des verzweifelten Vaters, in das des Jungen, der nicht gesehen wird, der nur als Kranker auftritt und bricht los:
„Ihr ungläubiges Geschlecht!!“
Was soviel bedeutet wie: Ihr seid ja so zu. So unfähig euch Gott zu öffnen.
Ihr seid so gar nicht wie ich und ich muss mit euch leben.
Ich weiß nicht wie ich das aushalten soll.
Ein Schlag ins Gesicht.
Für die Jünger, die sich ja nun wirklich bemüht haben mit ihm Schritt zu halten die ganze Zeit, für die Schriftgelehrten, für all die anderen.
Die Stimmung wandelt sich.
Plötzlich stehen alle auf einer Seite und nur Jesus alleine auf der anderen.
Was macht ihn so besonders? Was bildet der sich ein?
Welches Recht hat er so loszupoltern?
Jesus führt es ihnen umgehend vor:
Er lässt sich den Jungen bringen, hört sich vom Vater seine Krankengeschichte an.
Er hört das zögernde „Wenn du es kannst..“ des Vaters, der schon Ärzte aufgesucht hat, seine Hoffnung auf die Jünger dieses besonderen Rabbis gesetzt hatte und immer wieder gescheitert ist und er ist schon wieder  ärgerlich:
„Wenn ich es kann, was heißt hier 'wenn?!'
Wer glaubt, dem ist alles möglich, klar?“
Das ist dem Vater sofort klar. Auch dass er das nicht kann, nach allem, was er erlebt hat seit der Geburt des Kindes.
Er kann es nicht. Er kann nicht wirklich glauben, dass sich etwas ändern lässt.
Er kann Geld ausgeben, er kann den Jungen von Heiler zu Heiler schleifen, er kann seine ganze Kraft dafür einsetzen um ihn zu beschützen und am Leben zu halten.
Er kann und tut viel und er tut es ja auch in der Hoffnung, aus dem halben Glauben heraus, vielleicht, vielleicht wird irgendwann ja Heilung kommen.
Er kann diese Hoffnung nicht aufgeben und er kann sie nicht wirklich ernst nehmen und bleibt dazwischen stecken.
So glauben, dass es jetzt geschieht, dass Jesus das kann, das schafft er nicht. 
Er gibt auf.
Und er weiß sich nicht anders zu helfen, als dagegen anzuschreien, weil er den Jungen, den er liebt nicht aufgeben kann:
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Und er hat Glück.
Das war genau der richtige Satz.
Das war der Satz, der die Maschen des dichten Netzes der Hoffnungslosig­keit und des Realismus ein wenig geweitet hat, mit dem er sich umgeben hat.
Das war ein Moment, der ihn mit Jesus auf eine Stufe gestellt hat, ein Moment der Offenheit, der erhobenen Hände:
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Und Jesus treibt daraufhin den Dämon aus, hebt den erschöpften Jungen auf und entlässt beide ins Leben.
„Warum ging das? Warum geschah das nicht bei uns?“, fragen die Jünger.
„Warum geschieht das nicht bei uns?“, fragen auch wir.
Warum trotz aller besten Absichten, trotz aller Mühen, trotz allen Einsatzes, auch trotz allen Betens, warum kommt es so häufig zu dieser verkniffenen, frustrierten Stimmung.
Auch hier bei uns in der Gemeinde?
Warum können wir Menschen zwar begleiten und ihnen zuhören, aber ihr Leiden nicht beenden, ihre Probleme nicht lösen und sie nicht mit sich selbst und anderen versöhnen.
Warum bleiben auch wir in unserem Leben immer wieder stecken und können nicht weiter?
Jesus gibt eine einfache Antwort: Da muss man beten.
Und deutlich ist, dass er meint: Da muss man beten wie anscheinend nur ich es kann.

Was ist das Besondere an Jesus, das ihn von uns und allen anderen unterscheidet?
Dass Gott sich entschlossen hat, ihn zu einem Gottessohn zu erheben?
Ihn zu wählen und von seinem Weg abzubringen und ganz auf seinen Weg einzuschwören und ihm Fähigkeiten verleiht, die keiner hat? 
Ich weigere mich ehrlich gesagt, so etwas zu glauben.
Gott nimmt einen Menschen, merzt alle Individuelle aus bis nur noch das Schema eines Menschen übrig ist,
ein Gefäß, in das er seinen Geist und seine Macht strömen lässt,
eine Marionette, die er am Band in die Katastrophe führt, um der Welt seine Liebe zu demonstrieren?
Nein.
Jesus war ein Mensch, ein besonderer Mensch, mit einer besonderen Gabe.
Diese Gabe war neben möglichen ärztlichen Fähigkeiten und einem klaren, liebevollen Geist vor allem seine Offenheit, sein Glaube, dass Gott da ist. Jesus konnte glauben, wie keiner von uns es vermag, er konnte beten.
Beten ist hier gemeint als ein gewaltiger Dammbruch, ein vollkommen offenes: Dein Wille geschehe.
In Jesus konnte der Wille Gottes ungehindert Gestalt gewinnen.
Und Gott ist Jesus daher entgegengekommen, wie sonst kaum jemandem, aus christlicher Sicht, wie sonst keinem.  
Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Wer sich ihm und seiner schöpferischen Kraft ganz öffnet, der kann heilen, der kann fliegen, der kann Berge versetzen, der kann Dinge tun, für die wir nur das Wort „Wunder“ kennen.
Für jemanden, der diese Offenheit kennt und lebt, ist es eben manchmal unerträglich, mit der Verschlossenheit und Angst der anderen zu leben.
Und dem Menschen Jesus muss man daher auch seinen Wutausbruch auf dem Marktplatz und alle weiteren, von der die Bibel berichtet, nachsehen.
Doch wir können es drehen und wenden, wie wir wollen:
Wir sind nicht Jesus und wir werden es auch niemals sein.
Wir sind häufig wie die Jünger, die im ehrlichen Bemühen stecken bleiben. Wir sind wie der Vater, der merkt, wie er zwischen Unglauben und Glauben aufgerieben wird.
Wir leben auf der Grenze zwischen Glauben und verzweifeltem Realismus und tun unser Bestes uns dort zu halten.
Trotz der verzeihlichen Wut Jesu über das Unvermögen seiner Jünger und auch unseres:
Er wie auch Gott müssen damit leben, dass es so ist.
Und können dankbar sein, dass es immer noch und immer wieder Menschen gibt, die es auf dieser Grenze aushalten.
Die weder dem hoffnungslosen Realismus verfallen noch ihr Heil im blinden Glauben an die Allmacht Gottes suchen und alles wegdrücken, was dem widerspricht.
Wir leben damit, dass Dinge sich zum Guten wenden und wenden lassen und manche auch überhaupt nicht.
Wir erleben, dass Gott sich manchmal in offenen Momenten zwischen uns drängt und unsere Herzen voll Liebe füllt und Leben ermöglicht und dann wieder auch nicht.
Wir erleben, dass Gott sich theologisch so oft daneben benimmt und eben nicht verlässlich und klar handelt,
sondern fern wirkt und nicht spürbar und uns auf der Grenze leben lässt,
so gut wir es eben können,
ohne anscheinend diesem Zustand in absehbarer Zeit ein Ende setzen zu wollen.
Paulus, auch ein Epileptiker, ist ein gutes Beispiel für dieses Leben auf der Grenze.
Dreimal hat er zu Gott gebetet, er möge ihn von seiner Krankheit heilen. Und es ist nicht geschehen.
Und er ist nun wirklich auch etwas Besonderes gewesen.
Dafür aber hat Gott ihm trotz der Krankheit die Klarheit seiner Gedanken erhalten und Paulus hat noch vor seinem Tod durch seine Gemeindegründungen dafür gesorgt, dass die Kirche in der westlichen Welt salonfähig werden konnte.  
Gott wandert auf seine Art mit uns auf den Grenzen.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Dieser Satz kann uns vor der Vermessenheit bewahren, Gott lenken zu wollen, andere auf Wege zwingen wollen, zu denen sie nicht bereit sind.
Er hält uns unten auf dem Boden, der anstrengend ist und frustrierend, immer wieder.
Aber ein Mensch, der diesen Satz sagt, hört nicht auf, Gott zu rufen,
lässt nicht ab von der Hoffnung, dass Gott seine Kraft wirken lässt, überraschend und auf überraschende Weise mit merkwürdigen Ergebnissen, auf die wir von selbst nicht kommen.
Wir bringen die Offenheit Jesu nicht mit.
Wir brauchen Hilfe, immer wieder.
Wir können in den Gemeinden oft nicht so, wie wir wollen.
Wir verknoten uns angesichts der Wünsche und Anfragen, wozu wir eigentlich da sind.
Und die frustrierte, wütende Stimmung der Jünger, die kennen wir auch.
Aber wir kennen auch anderes.
Wir beten immer wieder, bemühen uns um Offenheit, die in einer liebevollen Welt gebraucht wird und begegnen dort auch manchmal dem Trost Gottes und seiner Vergewisserung.
Wir erleben Begegnungen, die für alle heilsam sind.
Wir erleben überraschende Momente wie auf der Konferfahrt letzte Woche, da drängt sich Gott plötzlich dazwischen, wenn alle „Hit the road Jack“ schmettern und ein geniales Solo von Frank Vöhler die Herzen höher schlagen lässt und einen  Moment lang die Zeit stehen bleibt, weil alle begeistert singen, alle offen sind.
Alle wissen, es geht um mehr als ein nettes Lied zu trällern.
Es geht darum, dass wir alle zusammen diesen nicht wiederholbaren Augenblick als pures Leben erleben, als Gemeinschaft, ich wage sogar zu sagen als Liebe, zumindest als liebevolle Offenheit.
Vielleicht nicht alle so wie ich, aber alle haben dazu beigetragen.
Diese Offenheit lässt sich nicht produzieren, aber so ein Erlebnis wirkt nach und wenn Sie mich nun fragen, warum das bei dem Lied passiert und nicht bei einem christlichen:
Keine Ahnung. Gottes Musikgeschmack ist seine Sache.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Wir leben auf der Grenze, tragen unsere Widersprüche mit uns herum, unsere Altkleidersammlung von Rollen und Erfahrungen, die immer wieder zum Vorschein kommen.
Wir brauchen Hilfe immer wieder.
Wir begegnen Menschen, die Hilfe brauchen und werden uns bemühen, ihnen zu helfen.
Wir können Gott bitten, bei uns zu sein und uns Kraft zu schenken.
Und er wird immer da sein.
Und er wird uns helfen, auch wenn wir es nicht merken, weil wir eine ungläubige Generation sind, die die Geschicke der Welt und des Lebens immer wieder auf verheerende Weise in die Hände nimmt und nicht mit Gott redet.
Gott redet mit uns, wie er mit Jesus geredet hat.
Deshalb hat er keine Marionette kreiert, sondern einen Menschen berufen uns den Weg zu zeigen und will auch, dass wir uns nicht als solche verhalten.
Jesu Leben ist der  leidenschaftliche, ja wütende Appell Gottes an uns, dass wir daran glauben, dass wir heil werden können.
Gott hat uns gut gemacht.
Seine Liebe wohnt in uns.
Es ist ein Appell, auf das Stärkende Gottes in uns zu schauen und daraus dann zu handeln.
„Alles ist möglich dem, der da glaubt.“
Was für Möglichkeiten öffnet uns das!
Wir können uns versöhnen, wir können die Schule schaffen, wir bekommen Arbeit, wir werden zum Frieden und sozialen Miteinander in der Stadt beitragen, den Frieden in der Stadt und in der Welt voranbringen.
Und immer redet Gott mit uns und sieht unsere Grenzen und unsere Zerrissenheit mit einer Engelsgeduld an und wartet auf die Momente der Offenheit, in denen wir seine Stimme hören und ihr vertrauen:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.
Deinen Namen kenne ich, in und auswendig, du gehörst zu mir.
Amen

Samstag, 10. September 2011

Predigt zu Jes 29, 17-24. 12. Sonntag n. Trinitatis 2011



11. September 2001. Ein Mann hockt am Ausgang des U-Bahnhofes am Kursfürstendamm. Er ist Straßenmaler und malt ein Kreide-Bild auf den Bürgersteig, ein schönes Bild, ein leuchtendes Bild mit fruchtbaren Feldern, gesäumt von Wald mit tanzenden Menschen.   Menschen kommen aus der U-Bahn. Sie sehen leicht benommen aus, geschockt. Es ist 13.00 Uhr. Über die Nachrichtenseiten in der U-Bahn oder schon zu Hause am Fernseher haben sie erfahren, was geschehen ist. Flugzeuge sind in die Türme des World-Trade-Centers gerauscht. Und in das Pentagon. Und auf ein Feld. Die riesigen Wolkenkratzer sind nur noch rauchende Trümmerteile. Tausende von Menschen sind ums Leben gekommen. Ein Terrorakt nie gekannten Ausmaßes, ein Angriff auf ein Zentrum der westlichen Zivilisation, ein Angriff auf ihre Existenz. Wer wird der Nächste sein?
Sie sehen das leuchtende Bild des Malers und schauen nicht wohlwollend und anerkennend wie sonst auf diese schönen Farben. Sie fühlen sich nicht für Momente in eine andere Welt versetzt.
Sie werden wütend. Angesichts von Trauer und Entsetzen und Wut und Angst schöne Bildchen malen? Hat der denn keinen Respekt vor dem schrecklichen Tod so vieler Menschen?
Noch redet keiner von Vergeltungsschlägen und auch das Wort „Achse des Bösen“ hat noch keiner erfunden. Aber es liegt in der Luft. So ein Irrsinn. Das Bild müsste schwarz sein und brennen. Einige können sich nicht zurückhalten und sagen dem Maler harte Worte. Eine verbissen wirkende Frau kramt ihren Kayalstift aus der Handtasche und schreibt Terror über das Bild. Der Mann lässt sich nicht stören. Er malt weiter. Die Menschen zucken mit den Achseln.  Sie sind schließlich zivilisiert und gehen weiter.

Bilder sind nicht einfach nur Bilder. Sie wirken auf unsere Gedanken. Sie knüpfen an die Bilder unseres Lebens an, an unsere Gefühle, an unser Bild von der Welt. Und je nachdem wirken sie bestätigend, aufbauend, erweiternd oder sie greifen uns an, stellen uns in Frage. Redner, die starke Bilder verwenden, können eine Menschenmenge im Guten wie im Bösen in ihren Bann ziehen.

Viele begegnen den Worten der Bibel, den Reden der Kirchen nicht anders als Passanten, die mal ein schönes Bild sehen, anerkennend nicken und dann weitergehen.
Ja, es sind schöne Bilder, denen sie dort begegnen. Sie erheben sie für Momente, aber, so der Eindruck häufig, es sind harmlose Bilder.
Es sind Bilder, die in der von Gewalt geprägten Welt bestenfalls ein „Ach, wie wäre es doch schön!“, aber auch ein verächtliches Achselzucken hervorrufen.

Ich denke, die Bilder der Bibel sind nicht harmlos.
Und heute schreibt unseren Predigttext ein Meister seines Fachs, der Prophet Jesaja.
Der kann alles.
Wie der Straßenmaler malt er Bilder einer anderen Welt, aber der Schwarzstift der Realität ist ebenfalls zu sehen.
Keiner kann einfach gerührt oder gleichgültig bleiben angesichts seiner Visionen.
Diese Bilder sind nicht harmlos, das merken die Menschen deutlich.
Und die Reaktionen bleiben nicht aus.
Jesaja hat für seine Bilder  oder besser Visionen öfters handfeste Prügel bezogen. Von den Mächtigen, aber auch von Menschen aus dem Volk.
Die Bibel ordnet die Worte unseres Predigttextes in eine harte Zeit ein, vor  ca. 2700 Jahren. Das Nordreich Israel ist schon untergegangen.
Die Assyrer stehen vor der Tür, Erzfeinde, Tyrannen, strotzend vor Waffen, bereit ihren Terror auch über Juda auszubreiten.
Im Volk selber greifen Misstrauen und Angst um sich.
Einer hackt auf den anderen herum.
Die Mächtigen wollen ihre Pfründe retten und beuten ihr eigenes Volk aus, statt für Zusammenhalt zu sorgen.
In dieser Situation stellt sich Jesaja auf die Straße und malt im 29. Kapitel dieses Bild:

17 Wohlan, es ist nur noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben an Gott, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Gerechten.
22 Darum spricht Gott, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Jesaja sieht klar, was ist.
Er sieht die Gefahr der Tyrannei, er sieht das Unrecht im eigenen Land, die Unterdrückung der Gerechten und spricht es aus.
Nichts wird verschwiegen.
Das ganze Dilemma liegt klar vor jedermanns Augen.
Jesaja malt ein wenig anders als der anfangs erwähnte Straßenmaler.
Er malt das Unrecht und er malt einen Weg.
Er malt, was ist, die Gewalt, die Taubheit gegenüber Gerechtigkeit, die Verzweiflung der Armen.
Er malt das Bild der Welt, das für viele das einzige ist, woran sie sich halten.
Aber er malt auch ein Bild der Hoffnung, das in diesem Dunkel beginnt und weiterführt, darüber hinaus.
Er malt das Wunder des Lebens, das greifbar nahe ist und an dem seine Leute achtlos vorbeigehen, das sie nicht mehr sehen, weil sie gefangen sind in ihrer Angst oder in ihrer Gier, ihre Macht zu erhalten.
Es ist mehr als eine Phantasie des Jesaja.
Jesaja hat Gott gehört, hat sein eigenes Entsetzen und seine Ratlosigkeit in seine Hände gelegt.
Und Gott gibt ihm das Bild zurück, das Bild des Libanon, der fruchtbar wird, Felder, aus denen im trockenen Land rauschende Wälder werden und dazu Menschen, deren Ohren und Augen geöffnet werden, die Verstand annehmen und sich belehren lassen und unter den Namen des Schöpfers wieder ehren und unter seinen segnenden Händen ihren Platz einnehmen.

Gewirkt, im Sinne von „die Politik des Staates Israel beeinflusst“, haben diese Worte nicht. Oder kaum. Sie haben aus den Menschen herausgeholt, was in ihnen war: Ihre Wut, ihre Machtgier, ihre Verzweiflung.  Dass sie ein anderes Verhalten hervorgerufen haben, ist nicht überliefert.
Vielleicht ist die Hoffnung, die diese Bilder bei einigen geweckt haben, der Grund, warum die Worte aufgeschrieben und bewahrt und damit auch uns überliefert wurden.
Auf dem langen Weg zu uns haben diese Bilder an Kraft gewonnen.
Menschen haben sich mit ihnen identifiziert.
Auch Jesus zum Beispiel war ein Fan des Jesaja und hat ihn zur Grundlage seiner Predigten genommen.
Manchen Bildern muss man Zeit geben.
Und jetzt sind sie hier angekommen.
Bei uns.
Am 10. Jahrestag des 11. September.

Noch eine kleine Weile.., sagte Jesaja vor über 2 ½ Tausend Jahren.
Hat er da den Mund nicht ein wenig voll genommen? Was soll das? Egal wie gläubig und vertrauensvoll Jesaja gelebt hat, blind und naiv war er nicht, das zeigen seine Worte auch.
Noch eine kleine Weile, dann wird sich alles ändern?
So leben, als ob sich bald alles ändert, empfiehlt Jesaja.
Bald wird Gott, der Heilige sichtbar und die Welt wird sich unter seinem Licht leicht ändern, ohne Kampf.
Einsicht und Vernunft, Liebe und Gerechtigkeit werden sich ausbreiten.
Morgen schon, vielleicht übermorgen, aber bestimmt nächste Woche.
Ziele, die weit weg liegen, haben wenig Kraft uns aufzurütteln und aus der Lethargie zu holen.
Was dagegen bald geschehen soll, bringt uns in Gang.
Eine Klassenarbeit, die noch zwei Wochen weit weg liegt, bringt uns nicht aus der Ruhe. Wenn sie in zwei Tagen geschrieben wird, wachen die meisten auf und setzen sich ran.
Ereignisse, wie ein Urlaub, ein Ruhestand, ein Umzug nehmen Fahrt auf, je näher sie an uns heranrücken und verändern unseren Alltag. Wir packen, planen, schieben Unwichtiges beiseite, konzentrieren uns auf das, was das nahe Ereignis erfordert.
Noch eine kleine Weile, sagt Jesaja, dann lebt ihr in diesem Bild des Friedens.
Dann ist es kein Bild mehr. Dann sieht die Welt genauso aus.

Da erübrigt sich vieles von selbst.
„Worte voller Leichengift“, wie der Philosoph Ernst Bloch es ausdrückt, klingen albern, absurd.
Vergeltung zu üben, Kraft in Kriege zu stecken, in den Hass und das Misstrauen gegenüber muslimischen Menschen. Wozu?
Bald wird es Frieden geben und in dieser Gerechtigkeit werden Unterschiede nicht mehr als Angriff verstanden werden.
Die Menschen, die das ernstnehmen, leben in anderen Bildern.
Sie leben in der Hoffnung, leben optimistisch, dass es tatsächlich geht, dass ihr Leben die Harmonie haben wird, die von fruchtbaren Feldern, rauschenden Wäldern und von Menschen ausgeht, die vernünftig geworden sind und ruhig und voller Achtung miteinander leben.
Bald, sehr bald wird das sein.
Bilder von hungernden Menschen, von Menschen, die verzweifelt ihren Weg über das Meer nach Europa suchen, von einem Weltmarkt, der Kriege um Ressourcen im Namen der Gerechtigkeit befürwortet, erscheinen plötzlich weltfremd, Handlungsweise einer vergangenen Zeit.
Wie können wir das zulassen, dass kurz vor der großen Veränderung noch Menschen sinnlos in überfüllten Booten untergehen?
Wer in dieser Erwartung lebt, der handelt schnell.
Der rennt zu den Rettungsbooten.
Die redet zum anderen und löst die dringenden Konflikte.
Der sieht nicht zu.
Die überlegt, was sie noch braucht und was sie aufgeben kann, denn in der neuen Harmonie wird vieles anders sein.
Menschen, die in dieser Erwartung leben, nehmen Fahrt auf, aufeinander zu und werfen sich vor die Räder, die andere zu zermalmen drohen.
Tja, wenn... Wenn wir die Bilder, die Gott uns durch seine Propheten, durch Jesus bis heute schickt, so ernst nähmen.
Wenn wir sie nicht als Balsam für manche Verzweiflung verstünden, als nette sonntägliche Erhebung der Seele, sondern als Realität, die schon jetzt unser Leben prägt, prägen kann.

Wir haben heute ein Kind getauft.
Kinder leben von der Harmonie ihrer Umgebung.
Sie haben einen scharfen Blick dafür, was diese Harmonie, die ihre Sicherheit  bedeutet, in Frage stellt und reagieren empfindlich darauf.
Sie leben in der nahen Erwartung, dass Bedürfnisse befriedigt werden.
Dass die Eltern ihnen versprechen sich nächste Woche Zeit für den Zoo zu nehmen, lässt sie kalt. Jetzt oder meinetwegen morgen, da kann man sich drauf freuen, aber nächste Woche bedeutet schon eine Absage. Worte nützen nichts. Taten, die ihre Spuren hinterlassen, sind gefragt, wie es Lolas Taufspruch ausdrückt.
Kinder brauchen es, dass die Menschen, auf die sie sich verlassen, verlassen müssen, sich ihnen gegenüber loyal, liebevoll und achtungsvoll verhalten und dass sie nicht vertröstet werden, dass diese Harmonie für sie jederzeit erfahrbar ist.
Nicht umsonst hat Jesus gesagt, wir sollen werden wie die Kinder.
Verlässlichkeit, Leben im Jetzt, im Bild der Liebe, die jederzeit abrufbar ist, diese Kunst geht uns verloren, je älter wir werden, je stärker die Bilder der Welt, die nicht mit einer grundsätzlichen Veränderung rechnet, auf uns einwirken.
Und daher sorgen wir dafür,  um noch einmal Bloch zu zitieren, dass die Welt das Gesicht eines unbeweglichen „chloroformierten Grabsteins“ bekommt, der uns „todtraurig“ mit den Schultern zucken lässt, weil es ja „nichts zu tun gibt“.
Gott dagegen lädt uns ein in unsere Heimat, in fruchtbares Land, in eine Welt, „in der noch keiner war“, aber die vor unserer Nase liegt, die schon mitten unter uns ist.
Es gibt diese Orte, an denen sich dieses „Bald“ des Friedens Gottes ankündigt, z.B. am Ground Zero, an dem jetzt ein interreligiöses Zentrum entsteht, das trotz der Bilder der Flammen und schrecklichen Tode eine Zukunft malt, in der Terror undenkbar erscheint.
Hören wir also nicht mehr auf die Worte des Todes, die uns einreden wollen, dass Waffengewalt uns dem Ziel einer befriedeten Welt näher bringt.
Mögen Politiker sich für Bombardements entscheiden, um einen Zustand zu verändern.
Angesichts dieser Zukunft fällt für uns als Christinnen und Christen das Mittel der Waffen aus. Bald kommt Gott, und jeder Mensch, der bis dahin sein Leben verliert, ist eine Anklage gegen uns, die es unbedingt, soweit es in unserer Macht steht, zu verhindern gilt.
Legen wir Waffen ab.
Rennen wir zu den Ufern, um die erschöpften Menschen in Empfang zu nehmen.
Öffnen wir unsere Häuser und die Festung Europa und hören auf  die Ressourcen armer Länder wissentlich zu plündern um unseren technischen Standart zu erhalten.
Retten wir meinetwegen auch den Euro, aber nie ohne die Frage wozu eigentlich?
Und wenn wir jetzt vielleicht auch nicht genau wissen, wie wir in und mit diesem Bild des nahen Friedens leben sollen: Die klare Empfindung des Absurden, das die Vorgänge in dieser Welt für uns haben müssen, die sollten wir uns erhalten.
Und die sollte unser Handeln, Reden und Denken prägen,
dass wir Konflikte nicht erst kalt werden lassen, denn bald haben sie sich ohnehin erübrigt, dass wir die Zeitung aufmerksam lesen und auf das reagieren, was wir da lesen,
dass wir in der Gemeinde feiern: Der Heilige steht direkt vor unserer Tür und hat sie schon geöffnet.
Gott ist da, mitten unter uns, die Welt hat vieles nicht nötig.
Denn die Elenden werden wieder Freude haben an Gott, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern wird es aus sein.
Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und dem Gott Israels vertrauen. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Also, packen wir unsere Koffer mit dem Nötigsten und machen uns auf diesen Weg.
Amen

Dienstag, 26. Juli 2011

Predigt Dtn 7, 6-12 6. Sonntag n. Trinitatis 2011


Predigt Dtn 7, 6-12

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da  ist und der da war und der da kommt.

„Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, auserwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
Nicht hat euch Gott angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern – sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat er euch hinausgeführt mit mächtiger Hand und hat euch erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.“

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Geschichte wirkt nach. Familiengeschichte erst recht.
Ich weiß nicht, welche Geschichten Ihre Familien geprägt haben.
Aber unser Selbstverständnis kann sich nie ganz davon lösen.
Egal ob die Geschichten bedeutend oder ganz alltäglich waren, sie prägen unsere Gegenwart, unser Leben, unsere Persönlichkeit.
Dass eine Großmutter im Krieg tapfer blieb und ihre Kinder auch ohne den gefallenen Mann großzog,
dass ein Großvater mutig dem NS-Regime widerstand,
dass eine Mutter einen Sohn vorzog und ihm heimlich Geld zusteckte und so den Neid der anderen weckte,
dass eine Familie an einem bestimmten Ort, in einer Landschaft verortet ist oder war und dort ihre Wurzeln hat,
dass man uns als Kinder gezwungen hat, Spinat zu essen wegen des angeblichen Eisengehaltes,
all das gehört zu uns dazu, mit Guten wie im Bösen.
All das prägt unser Denken und Fühlen und manchmal auch unser Handeln, unsere Entscheidungen.
Wir wachsen mit diesen Geschichten auf.
Wir messen uns an diesen Ansprüchen, wir grenzen uns vielleicht auch ab. Wir entwickeln unsere eigene Linie, aber lösen, ganz lösen wird sich kaum einer.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
„...es tut mir leid“, schreibt eine jüdische Mutter, die Schriftstellerin Lena Gorelli, ihrem Sohn Mischa, „es tut mir leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.“
„Das Judentum ist eine geschlossene Veranstaltung“, fährt sie fort, „die niemals endet. Einmal drin immer drin. ... Du kannst nicht gehen, nicht fliehen, dem jüdischen Schicksal nicht entrinnen.“
Lass dich taufen, werde Atheist: „Ein Jude wirst du bleiben. Für die Juden sowieso; vielleicht  einer, der vom Weg abgekommen ist, aber trotzdem einer von uns. Für die Antisemiten bleibst du übrigens auch immer einer.“
Und, nachdem sie ihm alle merkwürdigen Dinge aufzählt, die Juden tun wie z.B. Wunschzettel in eine Steinmauer stecken, koscher essen, ständig miteinander zu streiten oder zu schreien „Warum gerade ich? Warum muss ich zum auserwählten Volk gehören? Auserwählt sein?“, schließt sie mit den Worten:
Eines noch: Lieber kleiner Mischa. Du bist ein Jude. Etwas Besseres hättest du nicht werden können.“

Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied.
Mit aller Kraft, allem Zwiespalt, im Guten wie im Bösen.
Das merken wir an diesen Worten aus dem 5. Buch Mose.
Das Buch fasst die letzten Reden Moses an sein Volk zusammen.
Allerdings ist das kein O-Ton.
Zu der Zeit, als unser Predigttext verfasst wurde, im 6. Jh. vor Christus, ist von der zeitweilig ruhmreichen Geschichte des Volkes Israel nicht viel übrig geblieben.
Keiner hätte damals vorherzusagen gewagt, dass 2600 Jahre später immer noch Juden am Freitag beten würden:
„Du hast uns erwählt und uns von allen Völkern geheiligt und uns deinen heiligen Sabbat in Liebe und Gnade zum Erbe gegeben.“
Die Juden sitzen im Exil. In Babylon.
Sie wurden nach der Zerschlagung des Staates Israel und Juda dorthin deportiert
Im Gepäck hatten sie die notwendigsten Dinge und ihre Geschichte.
Die Geschichte von der Erwählung.
Gott hat sie einst erwählt.
Nicht weil sie ruhmreich waren, philosophisch besonders begabt, religiös besonders versiert.
Nein, nichts von dem, was ihre Vorfahren damals zu Beginn ihrer Geschichte mit Gott getan haben, versprach einen großen Einfluss auf die Weltgeschichte zu nehmen oder ansonsten der Beachtung wert zu sein.
Sie waren eines der kleinsten Völker, wie es im Text heißt.
Weder Abraham, der Schafbesitzer mit dem Kinderwunsch, noch die Sklaven in Ägypten hatten sich besonders hervorgetan.
Letztere waren seit Generationen geprügelt und ausgebeutet worden.
Das sitzt fest. Das wird nie vergessen werden.
An diese Geschichte der Sklaverei in Ägypten erinnern die Theologen im Exil, die wir in Ermangelung von Namen zusammenfassend den Deuternomisten, den zweiten Gesetzgeber, nennen. 
Der Deuteronomist gehört in eine Zeit, als sich Israel fragte, wer sind wir eigentlich noch? Ohne Jerusalem, ohne Tempel, ohne König?
Ihr seid ein Volk von Sklaven, wird ihnen hier mit den Worten des Mose offen gesagt,
ein winziges, unbedeutendes Volk, das Gott aus keinem anderen Grund als aus Liebe erwählt hat. Daran sollt ihr euch halten.
Nicht die Reichen und Erfolgreichen wollte Gott also auf seine Seite ziehen, sondern die Kleinen und Schwachen.
Das scheint ihm wichtig zu sein.
Vielleicht weil ein Volk der Sklaven und Verfolgten skeptisch bleibt gegenüber der Kraft der Peitschen und Waffen.
Weil die Ausgebeuteten und Gequälten und Deportierten Geboten gegenüber offen sind, die dieses verbieten und weil sie solche Gebote weitertragen werden. Unverfälscht.
Weil sie nicht eigene Stärken und Leistungen zwischen sich und die Zuneigung Gottes schieben können und damit die volle Kraft dieser bedingungslosen Liebe erfahren können.
Diese Geschichte des jüdischen Volkes wirkt bis heute, ist aktuell, greifbar, hat sich festgesetzt in ihren Personen, macht sie unvergleichlich, manchmal auch merkwürdig für Außenstehende.
Aber sie wurden ausgewählt die Wahrheit zu lieben und zu leben.
Das sollen die Juden in Babylon, das sollen die Juden bis heute.
Und trotz ihrer politischen Bedeutungslosigkeit haben sie es geschafft, die Gebote ins Bewusstsein der Welt zu bringen.
Nicht, dass sich die Welt immer daran halten würde.
Das tun im Übrigen auch die Juden nicht.
Aber dass Rachemorde zu ächten sind,
dass Töten keine Konfliktlösung sein kann und es gilt die Spirale der Gewalt zu durchbrechen,
dass wir Sonntags frei haben, also dass Sie Sonntags frei haben –
das sind alles Einsichten und Errungenschaften, die sich dank der Treue des jüdischen Volkes zu seinem Gott und zu seinen Geboten in der Welt, auch in anderen Religionen herumgesprochen haben.
Auch wenn Wochentage sich verschoben haben, vom Sabbat auf den Sonntag oder Freitag.
Nun könnten wir beifällig nickend davor stehen bleiben und applaudieren. Denn wir wissen ja bis in die jüngste Geschichte, dass schon etwas dazugehört, Jude zu sein und zu bleiben.
Doch so leicht wird es uns nicht gemacht.
Denn wir gehören dazu.
Ob wir wollen oder nicht: Durch unseren Gott, durch Jesus Christus, durch unseren Glaube, durch unsere Kirche hängen wir da nun mal mit drin.
Wir sind ohne die Geschichte der Juden nicht denkbar, könnten unseren Glauben nicht verstehen und auch nicht leben.
Wir sind also Teil dieser Geschichte geworden.
Oder, um die Worte von Mischas Mutter abzuwandeln:
Es tut mir leid, dass ich Euch das nicht ersparen kann: Ihr seid Christen.
Ihr seid dabei, weil Gott um das Jahr 27 wieder einmal einen unscheinbaren Juden gerufen hat, jenen Jesus aus Nazareth.
Und wie Gott damals zu Abraham gesagt hat: Du wirst ein Segen für die Welt sein, so hat Gott durch Jesus auch euch gesagt: Ihr seid das Licht der Welt.
Ihr habt politisch wenig zu sagen, heute mal wieder weniger als seit vielen Jahrhunderten.
Ihr habt im Laufe der Zeit merkwürdige Sitten entwickelt und euer Verhalten lässt manchmal sehr zu wünschen übrig.
Einiges habt ihr in der Vergangenheit falsch verstanden und einen Eifer entwickelt, bei dem ich mir nur die Augen zuhalten kann.
Eigentlich tut ihr nichts, um das zu verdienen.
Aber ihr seid erwählt, dazugesteckt in den Ölbaum Israel, wie Paulus es ausdrückt.
Und damit hängt ihr in der ganzen Geschichte mit drin und könnt euch nicht lösen.

Einmal Jude, immer Jude. Einmal getauft, immer getauft. So könnte man es auch ausdrücken.
Nun kann man sich solche Reden anhören, und mit den Schultern zucken und sagen, was geht mich meine Familie an, was geht mich meine Geschichte an.
Und getauft wurde ich ohnehin nur, weil Oma Else es so wollte.
Ich lebe anders, ich denke anders, ich will mit dem ganzen Verein nichts zu tun haben. Weder mit dem jüdischen, noch mit dem christlichen. Vom den muslimischen, den noch weiter entfernten Verwandten ganz zu schweigen.
Kann man tun, tun auch viele.
Und so kommen wir mit der einfachen Behauptung „Geschichte wirkt nach bis ins 1000e Glied und lässt uns nicht los“ nicht unbedingt zum Ziel.
Jedenfalls nicht, wenn sie etwas Positives für unser Leben austragen soll.
Lieber kleiner Mischa. Du bist ein Jude. Etwas Besseres hättest du nicht werden können.“
Liebe Gemeinde, ihr seid Christen, etwas Besseres hätte euch nie passieren können. Warum?
Unsere Liebe entzündet sich an dem, was sie sieht und erlebt.
Gottes Liebe, sagt Martin Luther, Gottes Liebe findet nicht vor, was für sie liebenswert ist, sondern sie erschafft es.
Und das, füge ich hinzu, das nicht einmal in sieben Tagen am Beginn der Zeit, nicht einmal vor 5000 Jahren in Ägypten, sondern immer wieder, jeden Tag neu.
An jedem Tag bekommen wir Gottes Zuspruch zu hören.
An jedem Tag unseres Lebens werden wir angesehen, wie uns niemand ansieht, voller Liebe und Zutrauen.
An jedem Tag öffnet uns Gott die Tür unseres Lebens und fordert uns auf, unseren Weg mit freiem Herzen zu gehen.
Erwählung ist nicht zu verwechseln mit Vorherbestimmung.
Erwählung als Ausdruck der Liebe ist ein schöpferischer Akt. 
Gott wendet sich uns zu, jedem einzelnen und spricht ihn oder sie an. „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, mein geliebtes Kind.
Erwählung ist etwas Aktives. Eine Anrede auf Gottes Seite und ein Hören, ein Sehen und ein Gestalten auf unserer.
Gott redet uns an. Du bist erlöst. Du bist getauft auf meinen Namen.
Und unsere Sache ist es zu antworten, im Bekenntnis unseres Glaubens, im Halten der Gebote, nüchtern gesagt.
Erwählt zu werden ist eine der großen Sehnsüchte unserer Zeit.
Aus einer Fülle von Bewerbungen ausgewählt zu werden, Gewinner eines großen Preises zu sein, herausgehoben, besonders zu sein.
Das ist nicht unbedingt das Ziel Gottes, das er mit unserer Erwählung verbindet.
Gott beginnt immer mit den Kleinen, Unbedeutenden.
Er achtet strikt darauf, dass die Vorstellungen von Macht und Herrlichkeit und Ruhm, die in der Welt kursieren, nicht mit seiner Liebe vermischt werden.
Er wählt das kleinste Volk, und auch die Christen rangieren lange auf den hintersten Plätzen der Gesellschaft.
Und er erscheint Mose nicht in der großen Eiche zu Mamre, sondern im Dornbusch, dem kleinsten und verachtetsten der Bäume dort.
Seine Gebote verkündet er nicht am Himalaya, sondern am Sinai, dem kleinsten der dortigen Berge. 
Unser Gott nimmt immer den Weg von den Kleinen, Wenigen zu den Großen und Vielen. Das ist der Weg seiner Liebe.
In dieser Weise sollen die Juden, sollen auch wir zum Segen für die Völker, zum Licht der Welt werden.
Seine Liebe, sein Ruf geht uns immer voran.
Nichts, was wir tun oder unterlassen, kann diesen Ruf hervorrufen oder aufhalten.
Maimonides, ein berühmter jüdischer Philosoph aus dem Mittelalter sagt: „Wer aus Liebe Gott dient, folgt der Wahrheit, weil es die Wahrheit ist, und der Segen kommt am Ende von selbst.“
Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied.
Was unsere Väter und Mütter geglaubt und gelebt haben,
die Zeichen, die sie gesetzt haben aus Glauben, als Antwort auf die Liebe Gottes, gehen nicht verloren.
Sie sind in der Welt, nehmen Einfluss auf unser Leben, wirken nach und stecken an. Im Guten wie im Bösen.
Menschliche Antworten sind nie unfehlbar.
Es kann sein, dass einer wie der Attentäter in Norwegen aus diesem Text nur einen Satz hört: Gott vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Und er vergisst dabei, dass Gott ein eifernder Gott ist
, weil Liebe nie ohne Eifer, ohne Anteilnahme ist und Gott Machtwillen und Blutdurst nie gutheißen wird.
Und vergisst, dass die Überschrift über Gottes Anteilnahme und Eifer die Barmherzigkeit ist, an die er sich laut unserem Text geschworen hat zu halten.
Und vergisst, dass Gott Barmherzigkeit als Überschrift über das Leben der Welt sehen will. Über das Leben aller Völker, wie es seine Propheten gesagt haben.
Und vergisst, dass Gott alle Macht und Gewalt nicht bestätigt, sondern unterläuft, am deutlichsten mit dem Wort Jesu vom Hinhalten der anderen Wange.
Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied. Und wirkt weiter. Gottes Geschichte ist nie abgeschlossen.
Die Vergangenheit ist ein Schatz der Reden Gottes an die Menschen und ihrer Antworten.
Und in der Gegenwart, im Jetzt hören wir in jedem Moment immer wieder neu Gottes Rede an uns: Du bist erlöst. Du bist getauft. Du kannst leben, als Licht der Welt.
Gottes Geschichte ist immer offen nach vorne.
Und daher ist unsere Zukunft trotz allem Ballast,
trotz aller schrecklichen Verfehlungen und Irrwege,
trotz verwüsteter, ausgetrockneter Länder mit hungernden Menschen,
trotz allem voller Hoffnung und Möglichkeiten,
voller Wege, genauso schwer vorstellbar, wie der Weg aus der Sklaverei, vielleicht genauso langatmig wie der Weg durch die Wüste,
vielleicht genauso schmerzhaft wie der Weg Jesu.
Aber weil Gott ruft, weil Gott mitgeht, weil Gott seiner Liebe und Barmherzigkeit alles zutraut und in uns das Licht der Liebe immer wieder entzündet, deshalb können wir diese Wege gehen, in der Wahrheit leben, die Wahrheit suchen und niemals aufgeben.
Du bist getauft. Etwas Besseres hätte dir nicht passieren können.
Mach das Beste daraus.
Heute.
Amen.



Samstag, 2. Juli 2011

Kamel mit Kopftuch. ZUm Dialog zwischen den Religionen

Enstanden vor längerer Zeit, als muslimische Gemeinden immer wieder aufgefordert wurden sich von Terroranschlägen zu distanzieren. Auch von der ev. Kirche...

Kamel mit Kopftuch
Ort: Nirgends.
Zeit: Nie.

(Die Brüder Isaak und Ismael sitzen vor dem Zelt und trinken Tee.)
Isaak:        Ismael?
Ismael:      Was ist Isaak?
Isaak:        Da waren wieder so einige Kamelbanditen, die haben in den Bergen Händler überfallen und einige auch massakriert.
Ismael:      Was kümmert’s dich?
Isaak:        Die Händler hatten meinen Käse dabei, sorgsam meinen Ziegen abgezapft.
Ismael:      Sorgsam abgezapft, das ich nicht lache. Das macht doch alles Rebekka. Du rührst ja keinen Finger dabei.
Isaak:        Trotzdem bin ich wütend.
Ismael:      Warum? Du hast ihnen den Käse doch verkauft. Die Händler haben den Verlust.
Isaak:        Ich stelle mit Entsetzen eine gewisse Gefühlskälte bei dir fest. Menschenleben sind verlöscht, Lebendiges wurde brutal vernichtet..... Und außerdem hatten die meine Käse in Kommission genommen.
Ismael:      Ach, daher weht der Wind.
Isaak:        Du reitest auch ein Kamel.
Ismael:      Ja, dafür warst du ja immer zu blöd... Worauf willst du hinaus?! Glaubst du etwa, ich hätte...?!
Isaak:        Nein, nein, nur.. ich finde, du könntest ein bisschen mehr Bedauern äußern. Und vielleicht könntest du dich distanzieren.
Ismael:      Distanzieren?
Isaak:        Ja, schließlich gehörst du ja zu ihnen.
Ismael:      Zu Räubern und Banditen?!
Isaak:        Nein, nein, nicht unbedingt ... ich meine, zum wilden Wüstenvolk eben.
Ismael:      Ja, und ich bin stolz darauf.  Habe es ja schließlich gegründet, Stammvater..
Isaak:        ...von Rumtreibern. Das Rauben ist da doch im Keim mit angelegt, wenn man’s genau nimmt..
Ismael:      Du hast ja keine Ahnung, du Beetekriecher, du Schafschnüffler!
Isaak:        Hey, das nimmst du zurück.
Rebekka:   (kommt mit der Teekanne zum Nachschenken) Meine Herren, ich muss doch bitten!
Isaak:        (sieht sie an) Irgendwas stimmt mit ihr nicht.
Ismael:      Sie hat kein Kopftuch auf.
Isaak:        Richtig. Sofort bindest du dir das Kopftuch um! Hast du keinen Stolz? Zeigst dich meinem Bruder ohne Kopftuch! Eine verheiratete Frau! Man könnte dich für eine billige...
Reb.:          (gefährliche Stimme) Ja?
Isaak:        Schon gut.
Reb.:          Es ist heiß heute. Ich schwitze. Warum zum Henker, soll  ich ein Kopftuch tragen?!
Paulus:      Schalom, Jungs.
Isaak:        Paulus! Wie kommst du denn hierher?! (einladende Handbewegung, Paulus setzt sich, Rebekka schenkt ihm Tee ein.)
Paulus:      So ’ne Art Seelenverwandtschaft hat mich zu euch getrieben. (stutzt) Warum hat sie kein Kopftuch auf?
Reb.:          Schon gut, schon gut. (bindet es um)
Ismael:      Brüder, soviel uns auch trennt, Propheten, Lebensstil, Tierhaltung usw. Ich bin doch froh zu wissen, dass wir uns in den wesentlichen Dingen des Lebens einig sind.
Huber:       Gott zum Gruße!
Isaak:        Wer is’n das?
Huber:       Bischof Huber, Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz.
Isaak:        Hä? Was is das? Ein Emirat?
Ismael:      Mensch, der hat ja noch nicht mal ein Kamel. Das ist doch kein Scheich...
Paulus:      Vielleicht doch. Hat so nen stolzen und würdigen Schwung im Kinn. Wie kommen Sie eigentlich hierher?
Huber:       Schaffe gerade Ordnung. Stelle Dinge klar. Sag allen, wo’s lang geht. Lass mich durch nichts aufhalten. (stutzt, guckt Rebekka an) Warum hat sie ein Kopftuch um?!
Ismael:      Meinen Sie die Frage ernst?
Huber:       Aber natürlich. Sie ist doch unterdrückt. Das sieht man doch auf den ersten Blick.
Isaak:        Unterdrückt? Sie ist eine Frau. Wir huldigen ihr als Mutter, als Gefährtin, als Köchin, als Wäscherin, als Näherin, als Pflückerin, als Haushälterin, als Säherin, als Ernterin. Unterdrückt? Wie kommen Sie nur darauf?
Huber:       Sie schwitzt doch, da, Schweißperlen laufen an ihrem Gesicht herunter.
Isaak:        Habe ich Ihnen erlaubt, meine Frau so genau zu betrachten?
Huber:       Aber, aber.. Ich achte Ihre Kultur, das tue ich wirklich. Und auch wir huldigen unseren Frauen als Mütter, als Gefährtinnen, als Köchinnen, als Einkäuferinnen, als Wäscherinnen, als Putzerinnen, als Näherinnen, zudem noch als Geldverdienerinnen. Aber Kopftücher?! Die tragen doch die Frauen von diesen, diesen..
Ismael:      Kameltreibern?
Huber:       Ja, genau, die in den Bergen Menschen überfallen und ausrauben und massakrieren...
Isaak:        (zu Ismael) Siehste.
Paulus:      Aber Bruder Christ. Das sind Sie doch, oder? (Huber nickt.) Wie kommen Sie denn auf die Idee? Wir in Korinth z.B., wir wollen doch nur, dass unsere Frauen in der Öffentlichkeit reden können. Da müssen die doch ihr Haar bedecken. Sonst geht das doch nicht. (Die anderen nicken heftig.) Wir unterdrücken sie doch nicht. (Die anderen schütteln heftig den Kopf.) Und wir rauben doch auch keine Menschen aus in den christlichen Gemeinden in Kleinasien.
Isaak:        Und ich auch nicht. Ich bin ein ehrbarer Bauer und kein Kamel..
Ismael:      Pass auf, was du sagst, du..
Huber:       Aber, Brüder,  es mag viel Trennendes zwischen uns geben, aber in den wesentlichen Dingen sollten wir uns doch einig sein, findet ihr nicht?
Paulus:      Klar doch. Ich bin froh, dass Sie das einsehen.
Isaak:        Ich auch.
Ismael:      Ich auch.
Huber:       Nun denn, dann binden Sie sich doch das Kopftuch ab, verehrte Dame!
Isaak:        Äh... (Rebekka unterbricht ihn.)
Reb.:          Wissen Sie, noch vor fünf Minuten hätte ich das mit Freuden getan. Denn es ist heiß heute und ich schwitze. Aber jetzt ... sträubt sich etwas in mir.
Huber:       Aber gute Frau, Sie machen sich doch unglücklich. Sie wollen doch nicht in einen Topf geworfen werden mit ... mit ... (sieht etwas ratlos in die drohenden Gesichte der drei Männer)
Reb:           Nein, das will ich wirklich nicht. Weder mit.. noch mit ... Und was tue ich jetzt? Hm. Vielleicht, weil ich ein dezentes Gefühl der Wut nicht leugnen kann, ja ein außerordentlich großes Gefühl der Wut, muss ich gestehen, da ich doch den unabweisbaren Eindruck habe, als sei hier eben doch entschieden über meinen Kopf hinweggeredet und Wesentliches von  meinem Wesen außer Acht gelassen worden, vielleicht mische ich daher einfach, was vorher getrennt war und nehme einen Sack Bodenfrüchte und dazu einfach dieses Kamel hier, das so unleugbare Ähnlichkeiten mit den anwesenden Herren aufweist und treibe es in die Berge mitsamt meiner Wenigkeit auf dem Rücken und gründe dort eine Bande, eine richtige Bande, eine mörderische Bande, leicht zu erkennen an ihren Kamelen, die Kopftücher tragen, mit Knochen und Pfeilen und Bögen verziert und ich werde, so ihr meinen Weg kreuzt, euch so zusetzen, dass ihr gar nicht mehr über Kopftuch und Kamele nachdenkt, sondern nur noch darüber, wie ihr wohl ohne Kleidung und ohne Kamel und ohne... andere Dinge den Weg in die mickrige Behausung schafft, die ich hier mit diesem Kretin teilen musste! Unterdrückt?! Ich?! Die Königin der Wüste?! Ha! (steigt aufs Kamel und reitet davon)
Isaak:        (starrt ihr nach, zieht dann ein Kopftuch raus und bindet es sich um und läuft ihr nach.) Liebste, nicht doch, das war doch so nicht gemeint, ich bin wirklich ein Kamel, ich wollte dich doch nicht kränken, mein Zuckerlämmchen, mein Wüstenwindchen, mein Dornbüschelein ...
(Die anderen drei sagen nacheinander „Tja“ und gehen kopfschüttelnd ab.)

Jesus der Freund Gottes diesmal komplett

Jesus, der Freund Gottes.

Petrus:Du Jesus?
Jesus: Was ist Petrus?
Petrus: Ist Gott dein Freund?
Jesus: Mein Freund?
Petrus: Ja, dein Freund!
Jesus: Nun ja, ich denke schon.
Petrus: Aber Jesus, du kannst doch Gott nicht deinen Freund nennen!
Jesus: Wieso nicht?
Petrus: Na, Gott, der Allmächtige, Schöpfer des Himmels und der Erden, König der Welt. So jemanden kann man doch nicht zum Freund haben!
Jesus: Na toll, Petrus, war das dann eine Fangfrage?
Petrus: Nein, nein, nur...
Jesus: Was?
Petrus: Nun ja, ich finde du bist manchmal reichlich selbstbewusst.
Jesus: Und?
Petrus: Naja, fast überheblich.
Jesus: Wie meinst du das?
Petrus: Ich bin das Brot der Welt. Oder: Wer mir nachfolgt, der wird das Licht des Lebens haben. Sagt man so was?
Jesus: Warum nicht, wenn es stimmt.
Petrus: Da! Er hat es wieder getan.
Jesus: Meine Güte, Petrus, entspann dich mal. Ich habe nun mal einen engen Draht zu Gott, das dürfte sich ja nun langsam rumgesprochen haben. Wir haben ein, nun ja, kollegiales Verhältnis, ... irgendwie.
Petrus: Seit wann?
Jesus: Seit der Taufe im Jordan. Seit Johannes mich untergetaucht hat und ich dann den Himmel offen sah und da war mir Gott plötzlich ganz nah und ...
Petrus: Schon, gut, ich kenne die Geschichte. Ich habe auch einen engen Draht zu Gott, aber ich würde ihn nie meinen Freund nennen und Kollegen schon gar nicht.
Jesus: Redest du nie mit Gott?
Petrus: Reden? Nein. Ich bete, wie jeder ordentliche Mensch. Und ich halte mich an die korrekte Anrede.
Jesus: Und die wäre?
Petrus: Na, wie ich schon sagte, Gott, du Schöpfer oder Gott, König der Welt. Klingt angemessen, finde ich.
Jesus: Klingt irgendwie gestelzt und weit weg, finde ich.
Petrus: Na, du sagst vermutlich: Hi, Kumpel, was liegt an?
Jesus: Nein, ich sage, ... also ...
Petrus: Na jetzt bin ich aber mal gespannt.
Jesus: Sei ruhig, Mann. Manchmal sage ich gar nichts.
Petrus: Na toll.
Jesus: Ich weite mich und warte.
Petrus: Weiten und warten. Wahrscheinlich im Schneidersitz. Ommmm.
Jesus: Petrus, du bist manchmal so blöde, so unter Niveau.
Petrus: Danke.
Jesus: Nur weil dir was fremd ist, denkst du, du kannst dumme Sprüche machen.
Petrus: Entschuldige.
Jesus: Also, Gott kommt mir am ehesten nahe, wenn ich nicht so viele Worte mache. Dann habe ich das Gefühl von echter warmer Freundschaft.
Petrus: Ein warmer Freund. Hm. Und sonst?
Jesus: Sonst sage ich..., ach da lachst du ja wieder.
Petrus: Komm schon, Jesus, ich sage es auch nicht weiter.
Jesus: Hm, also gut, ich sage ... Papa.
Petrus: (prustet) Was??? Papa??? Das ist ja so was von uncool! Wenn ich das Jakobus erzähle...
Jesus: Ich wusste, es war ein Fehler.
Petrus: Also wirklich Jesus, sag wenigstens Vater.
Jesus: Ich denke gar nicht daran.
Petrus: Papa! Also wirklich!
Jesus: Gott ist eben mein Freund, der mich kennt bis ins Innerste, mich versteht, mir immer verzeiht, mir den Weg weist, mir alles zutraut, mir Kraft gibt, die Welt zu verbessern, mir beisteht, wenn ich Angst habe, meinen Sinn für Humor teilt, eine Mischung von Kumpel und Beschützer, Papa eben.
Petrus: Gott hat keinen Humor.
Jesus: Gott hat keinen Humor? Und wie war das mit der Schweineherde, die plötzlich auftauchte, als ich die Dämonen von diesem Verrückten da in Gerasa austrieb.
Petrus: Ja, das war ein toller Anblick. Alle Schweine rasten quiekend in den Abgrund mit den Dämonen im Leib. Blöde Viecher. Hab mich halbtot gelacht.
Jesus: Und wer hat die Schweine vorbeigeschickt?
Petrus: O.k., o.k. Gott hat Humor. Aber wenn du so eine enge, kollegiale Freundschaft zum Allmächtigen hast, kannst du deinen Freund nicht dazu bringen, die Welt mal vom Hunger zu befreien?
Jesus: Nein.
Petrus: Nein?
Jesus: Nein, das kann er nicht.
Petrus: Kann er nicht?
Jesus: Nein.
Petrus: Kannst du das mal erklären?
Jesus: Ja, aber ich will jetzt nicht. Trübes Thema. Gott hat eben auch seine dunklen Seiten. Und er braucht uns mehr, als wir denken.
Petrus: Na toll. War wohl nichts mit der Allmacht.
Jesus: Petrus, ich mag dich, weißt du ja.
Petrus: Im Prinzip schon, aber ich könnte es ruhig öfter hören.
Jesus: Aber du hast keinen Sinn für die Widersprüche des Lebens. Schwarz oder weiß, so ist das bei dir.
Petrus: Moment mal.
Jesus: Aber jedes Ding hat seine zwei Seiten. Auch ein Freund. Auch Gott. Der lässt einen auch mal ins Leere fallen. Denkt man jedenfalls ab und zu.
Petrus: Also weißt du was, Jesus, ich halte mich an die Freundschaft zu dir und du pflegst die Freundschaft zu Gott, dann bin ich über dich irgendwie auch der Freund Gottes und habe den ganzen Stress nicht.
Jesus: Nee, nee, Petrus, so läuft das nicht. Meinetwegen lerne von mir, werde lockerer im Umgang mit dem Allmächtigen, wie du ihn nennst, lerne Vertrauen zu haben, aber die Freundschaft mit ihm, die musst du schon selber hinkriegen. Das muss jeder auf seine eigene Art tun.
Petrus: Hm. Schade. Ich weiß aber nicht, wie ich mit ihm reden soll, ehrlich gesagt. Immer wenn ich Gott, du Allmächtiger, sage, dann kommt mir das wie peantus vor, was ich auf dem Herzen habe. Kannst du uns nicht mal eine Vorlage erarbeiten? So was Vertrauliches, aber mit Horizont.
Jesus: Kann es versuchen. Wie wäre es mit Papa unser im Himmel?
Petrus: Jesus, sei einmal ernst.
Jesus: Ich bin immer ernst. Papa unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Petrus: Ich weiß nicht. Ich habe immer noch das Gefühl, es müsste ein Blitz vom Himmel kommen, wenn du solche Sprüche machst.
Jesus: Ich denke mal nach. Ciao.
Petrus: Bis später dann. (schüttelt den Kopf) Papa unser, also wirklich.