Samstag, 7. April 2012

Osternachtspredigt Mt 28



Ostergedanken
 Osternacht 2012 zu Mt 28

Die Erde bebte, als Jesus am Kreuz starb,
bebte, weil sie nicht an sich halten konnte.
Felsen zersprangen,
der Vorhang im Tempel riss entzwei.
Die Erde konnte nicht an sich halten,
weil Gott nicht an sich halten konnte.
Er machte den Schrei Jesu zu seinem.
Er ließ den Tod zu Wort kommen,
ließ die Dunkelheit sich ausbreiten über Jerusalem,
und zeigte uns, dass er das aushält,
mit uns in die Tiefe zu gehen,
sich den Folgen des Hasses und der Feindschaft der Menschen,
ihrem Schmerz auszusetzen.

Drei Tage später,
berichtet Matthäus,
bebt die Erde schon wieder.
Die Erde kann nicht an sich halten,
weil Gott nicht an sich halten kann.
Er lässt das Leben zu Wort kommen,
wälzt durch den Engel
vor den Augen der Wachen und der Frauen den Stein vom Grab
und zeigt ihnen... nichts.
Wunderbarer Weise.
Nichts.
Es gibt nichts zu sehen,
keine Leiche,
keine lähmenden Tatsachen, an denen man nicht vorbeikommt.
Das Grab ist leer.
Alles ist möglich,
wenn nichts zu sehen ist.
Es gibt nur Worte:
Die Feststellung: Er ist nicht hier.
Die Behauptung: Er ist auferstanden.
Die Aufforderung:  Geht und sagt es den anderen und dann trefft ihn in Galiläa.


Knapp 2000 Jahre später
am 7. April 2012
bebt die Erde nicht.
Es ist Nacht, Osternacht.
Überall auf der Welt sitzen in diesen Stunden Menschen in Kirchen
und halten  Gottesdienst,
weil diese Worte von damals weitergesagt wurden.
Überall stellen die Menschen fest:
Jesus ist nicht hier,
er sitzt nicht leibhaftig unter uns in den Reihen.
Überall hören sie die Behauptung:
Er ist auferstanden, er lebt, wahr und wahrhaftig.
Und überall wird ihnen zugemutet:
Geht trotz der Feststellung und mit dieser Behauptung in die Welt
und sagt es weiter:
Sagt: Das Grab ist leer
und aus dieser Leere heraus nimmt das Leben immer wieder einen neuen Anlauf.
Sagt: Gott konnte und kann nicht an sich halten angesichts des Todes.
Immer noch nicht und wird es nie können und wollen.
Sagt: Geht weiter in den Spuren seines Lebens, dort werdet ihr ihm begegnen.

Durch Gott nimmt das Leben einen neuen Anlauf,
immer wieder, aus dem Nichts.
Es holt Menschen in seine Bewegung hinein,
es lädt ein, in den Spuren Jesu weiterzugehen
und dort Gott zu begegnen,
wenn wir Liebe üben, wo man sich hasst,
Wenn wir verzeihen, wo man sich beleidigt,
wenn wir trösten und helfen, wo Trost und Hilfe nötig sind.




Heute haben wir fünf Menschen getauft.
Gott kann nicht an sich halten und mutet es auch uns zu,
mutet es euch zu,
ganz aus euch herauszugehen, auf das Leben zu:
Sucht mich, von ganzem Herzen
und ihr werdet mich finden.
Ich werde bei euch sein, euch behüten auf all euren Wegen. 
Fürchte dich nicht, ich helfe dir.


Worauf hören wir und was sehen wir?
Sehen wir in dem Nichts, der Leere des Grabes vor allem die Enge?
Sehen wir vor allem die schweren Steine vor den Gräbern, die uns sagen:
Hier bewegt sich gar nichts mehr.
Spüren wir vor allem die Verzweiflung hinter der Behauptung:
Gerechtigkeit und Friede werden immer eine Chance haben und der Tod hat nicht das letzte Wort?

Oder sehen wir das Nichts, die Leere als  Raum des Lebens,
den Gott mit unserer Hilfe füllen möchte und füllen wird,
wenn wir mitgehen.
Spüren wir in unseren Herzen die Verheißung in der Behauptung:
Gerechtigkeit und Friede werden immer eine Chance haben
und der Tod hat nicht das letzte Wort.

Glauben wir, auch wenn wir nichts sehen
und es vielleicht auch nur selten spüren,
glauben wir, dass Gott an unserer Seite ist,
dass Jesu Weg uns immer noch offen steht
und sein Geist uns als Kraft begleitet und trägt?

Vermutlich müssen wir uns das immer wieder sagen und sagen lassen:
Der Herr ist auferstanden.
Auch wenn unser Verstand und unsere Vernunft
den Steinen immer wieder recht geben wollen.
Vermutlich müssen wir immer wieder von Gott lernen,
uns nicht so sehr zurückzuhalten,
uns gehen zu lassen, wenn das Leben uns ruft.
Vermutlich sind diese Worte gar nichts wert,
wenn wir sitzen bleiben.
Wir müssen sie sagen, ja,
und dann gehen wir aufeinander zu, damit sie wahr werden.
Wir haben das Versprechen:
Gott kann nicht an sich halten. Er wird mit uns sein.
Er bleibt an unserer Seite und sagt uns durch seinen Engel:
Der Herr ist auferstanden.
Und wir antworten gemeinsam:
Gemeinde: Er ist wahrhaftig auferstanden.
„Wir leben aus Gott - auf die Menschen zu.
Darum gebt einander ein Zeichen des Friedens,
der aus Gott stammt und sprecht:
Friede sei mit Dir.“
Amen.










Donnerstag, 5. April 2012

Karfreitagsmeditation über Mt 27, 45-54 zu einem musikalischen Gottesdienst


Angeregt wurde diese Predigt durch eine Predigt von Hansfrieder Zumkehr, Gottesdienstpraxis "Passion", 2009 und seine Gedanken zum Thema "Abgrund". Im Gegensatz zu ihm bin ich da allerdings nicht so leicht wieder herausgekommen... Aber Ostern kommt ja noch. 


Abgründe tun sich auf.
Gott macht sie sichtbar durch seinen Weg mit Jesus.
Ein Abgrund tut sich auf,
als Menschen schrien: Kreuzige ihn!
Ein Abgrund der Gottesferne.
Diese Menschen sind nicht zu bewegen, aus ihrem Hass aufzubrechen.
Sie stecken fest in der Tiefe der Abgrenzung.
Sie nehmen sich das Recht über Leben und Tod zu bestimmen.
Sie sind sich sicher:
Über den sprechen wir das Todesurteil.
Der verdient es nicht zu leben.
Menschen übertreten ihre Grenzen.
Sie richten sich ein in der Schlucht der Härte,
aus der in dem Moment keine Treppe mehr führt,
kein guter Wille ist mehr möglich,
kein Mitleid, kein Sinn für Gerechtigkeit.
In diesem Abgrund versinkt Jesus.
Stirbt schreiend.
Stirbt schreiend vor körperlichem Schmerz.
Stirbt schreiend vor Verzweiflung.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ist dieser Abgrund dein letztes Wort?
Vielleicht nicht sein letztes Wort,
aber Gott spricht an diesem Tag nur davon,
spricht von den unausweichlichen Folgen
menschlicher Sünde.
Gott zeigt, welche Abgründe sich auftun,
wenn Menschen sich abwenden von der Stimme des Lebens,
und sich dadurch der Kälte des Todes ausliefern,
andere erschießen,
quälen,
foltern,
verhungern
oder am Kreuz verrecken lassen
ohne Mitleid,
ohne Anteilnahme.
Gott redet durch Jesus von den Abgründen dieser Welt,
und weil Gott es ist, der davon redet,
werden sie sichtbar für alle Welt.
kann niemand ausweichen.
Wo Abgründe sich auftun,
geraten die Dinge durcheinander,
kommt alles in Bewegung.
Das, was die Menschen nicht zeigen,
Anteilnahme, Erschütterung,
das zeigen die Natur und die Dinge,
die sich nach Gottes Willen richten.
Immer, auch hier, sind sie seine Stimme.
Die Sonne verbirgt sich,
weigert sich, mit ihrer Wärme die Kälte dieses Augenblicks zu vertuschen.
Der Vorhang im Tempel kann nicht an sich halten,
es zerreißt ihn, von oben nach unten.
Nichts Heiliges, Verborgenes kann es geben in dem Moment,
in dem Menschen das Heiligste, das Leben, mit Füßen treten.
Das Heilige hängt am Kreuz,
und wer es sehen will muss nach Golgatha blicken.
Die Natur schüttelt sich.
Selbst die härtesten Felsen reißt es auseinander.
Die Heiligen hält es nicht in ihren Gräbern.
Sie wandern über den Hügel von Golgatha und
zeigen ihre Erschütterung:
Jesus ist tot, Gottes Stimme wurde erwürgt,
das darf doch nicht wahr sein.

Das einzig mögliche Evangelium für den Karfreitag:
Das darf doch nicht wahr sein.
Ein heilsbringender Satz, der dem Skandal des Todes nicht ausweicht,
sondern den Tod bitter ernst nimmt.
der Satz, den Gott der Natur, den Dingen in den Mund legt.
Das darf doch nicht wahr sein.
Dieser Satz, der wird erwartet.
Das zerstörte Leben zu sehen und nicht vorbeisehen zu können
und dennoch zu sagen: Das darf doch nicht wahr sein.
Das will Gott von uns hören.
Das spricht er selber in die Abgründe unseres Lebens hinein.
Gott schaut in diese Abgründe, steigt mit hinunter.
Das versteht sogar ein abgebrühter Hauptmann,
der täglich die Schreie der Sterbenden am Kreuz im Ohr hat,
der also nicht so leicht zu erschüttern ist.
Aber an der Erschütterung, die Gott angesichts des Todes Jesu zeigt,
kommt er nicht vorbei.
Er kommt nicht vorbei an der Erkenntnis,
dass tatsächlich Gott durch diesen Jesus geredet hat
und findet keine besseren Worte für diese Verbindung, als zu sagen:
Das war ja dann wohl doch Gottes Sohn.
Und seine Erschütterung ist zu merken.

Das darf doch nicht wahr sein.
Wer diesen Satz sagt,
der weiß zumindest,
dass das Leben anders aussehen muss,
dass ein Mensch nicht ans Kreuz gehört,
sondern zu seinem Feigenbaum und Weinstock,
dass Armut und Reichtum keine Naturgesetze sind,
sondern den tödlichen Abgrund zeigen,
in dem wir es uns oft so behaglich eingerichtet haben.

Es gehört Mut dazu, sich an diesen Satz zu wagen,
denn er setzt nicht nur Berge und tote Heilige;
sondern auch den in Bewegung, der ihn ausspricht:
Das darf doch nicht wahr sein.
Wenn ich mich an diesen Satz wage,
es wage, selbst angesichts der Ungeheuerlichkeiten,
die Menschen bis heute ihren Geschwistern zumuten,
wage mein Herz zu öffnen,
dann tue ich das in der Hoffnung,
Gottes Stimme zu hören,
der mir recht gibt, wenn ich nur noch fassungslos den Kopf schütteln kann.
Dann spüre ich vielleicht auch in dieser Tiefe Gottes Hand,
dann merke ich vielleicht auch,
dass diese Hand mich zieht, ohne noch zu sehen wohin.
Das darf doch nicht wahr sein.
Ob uns dieser Satz hilft aufzustehen,
ob es dieser Satz schafft
den Felsen von den Gräbern der Welt zu rollen,
das wissen wir in dem Moment nicht,
wenn wir ihn aussprechen.
Aber wir verlieren unsere Fassung,
in dem Moment,
in dem wir uns der Ungeheuerlichkeit des
Todes, den Menschen anderen zumuten, aussetzen.
Wir bleiben nicht unbeweglich und unbewegt angesichts des Leides.
Fassungslose Menschen kann Gott bewegen und mitnehmen auf seinen Weg.
Das darf doch nicht wahr sein.
Versuchen wir darauf zu vertrauen,
dass Gott diesen Satz mitspricht und
nicht aufhören wird vom Leben zu reden.
Amen




Dienstag, 3. April 2012

Mk 11, 14-18 Passionsadacht zur Temepelaustreibung


Zu einem Bild aus dem Jugendkreuzweg 2012Mit Dank an Kristina Kühnbaum-Schmidt für den wunderbaren Satz 
" Über Geld spricht man nicht“ – aber zuweilen kann man auch nicht darüber schweigen." 
Und für die Einleitung. (Kursiv)
 Mk 11
Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an auszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um
16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trage.
17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.
18 Und es kam vor die Hohepriester und Schriftgelehrten, und sie trachteten danach, wie sie ihn umbrächten. Sie fürchteten sich nämlich vor ihm; denn alles Volk verwunderte sich über seine Lehre.


Über Geld spricht man nicht“ – so lautet die alte Benimmregel.
Man spricht nicht über das eigene Einkommen und fragt andere nicht nach ihrem.
An der Wohnung, Kleidung, Essen, dem Auto kann man zwar einigermaßen erkennen, wie es denn so steht mit dem Geld, über das man nicht spricht. Aber man spricht es nicht aus.
Über Geld spricht man nicht“ – aber zuweilen kann man auch nicht darüber schweigen.
Geld erregt die Gemüter.
Geld treibt Menschen zu Taten, die sie sonst ablehnen würden.
Geld treibt auch Jesus hier dazu, alle Regeln seines sonst relativ guten Benehmens zur Seite zu fegen.
Mit der Peitsche in der Hand argumentiert er selten.
Auch schreien ist sonst nicht seine Art.
Aber auch die anderen Menschen auf dem Bild, vor allem die Honoratioren, die würdigen Männer, die Händler, die Priester und Schriftgelehrten gehen ein wenig mehr aus sich heraus als sonst.
Die Menschen zeigen ein Gesicht, das man sonst nicht von ihnen kennt.
Ganz gegen ihre sonstige Art.
So reagieren Menschen, denen man zu nahe tritt, die sich wehren, die auf den Putz hauen, wenn sie sagen wollen:
Bis hierher und keinen Schritt weiter.
Über Geld spricht man nicht.
Vor allem nicht hier in der Kirche.
Nicht bei einer Passionsandacht, wo Sie jetzt erwarten, sich zu öffnen und sich dem Leiden Jesu auszusetzen.
In ruhiger, besinnlicher Atmosphäre.
So kann man sich täuschen.
Selbst hier geht es um das liebe Geld, über das man nicht spricht.
Und bevor wir uns mit Erstaunen und Kopfschütteln dem Bild und der Geschichte dort nähern,
nähere ich mich Ihnen und trete Ihnen zu nahe.
Unter anderem mit der Hilfe von Max Frisch stelle ich Ihnen ein paar Fragen, die Sie nicht laut beantworten müssen,
aber über die Sie einen Moment nachdenken können.
Die Fragen sollen Sie nicht aufs Glatteis führen,
sondern nur Gelegenheit geben, sich über ihr derzeitiges eigenes Verhältnis zum Geld klarzuwerden.

1.    Mögen Sie Geld?
2.    Warum nicht?
3.    Haben Sie schon ohne Bargeld (ich ergänze: auf dem Konto) leben müssen?
4.    Wieviel Geld möchten Sie besitzen?
5.     Haben Sie schon gestohlen:
a. Bargeld?
b. Gegenstände (ein Taschenbuch am Kiosk, Blumen aus einem fremden Garten, eine Erstausgabe, Schokolade auf einem Camping-Platz, Kugelschreiber, die umherliegen, ein Andenken an einen Toten, Handtücher im Hotel usw.)?
c. eine Idee?
6.    Gesetzt den Fall, Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und verfügen unversehens über ein großes Einkommen, sodass das Geld für Sie sozusagen keine Rolle mehr spielt: fühlen Sie sich als Person unverändert? Und wenn ja: glauben Sie, dass Ihre bisherigen Freunde meinen werden, dass das Geld sie als Person deformieren oder zumindest verändern wird?
7.    Was kostet zurzeit ein Pfund Butter?
8.    Fürchten Sie sich vor den Armen?
9.    Warum nicht?
10.Was tun Sie für Geld nicht?
11.Was von dem, was Ihnen im Leben wichtig ist, würde bleiben, wenn Ihnen das Geld ausginge?

Über Geld spricht man nicht, aber manchmal kann man nicht darüber schweigen.
Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, zum Beispiel.
Dann sind die Banken dran oder gute Freunde.
Wenn überlegt wird, wie groß oder klein die Frühjahrsgarderobe ausfallen darf und welcher Spielraum für  den nächsten Urlaub bleibt.
Über Geld spricht man nicht.
Das gilt aber vor allem für uns im privaten Bereich.
Ansonsten, so hat es manchmal den Anschein, wird nur noch über Geld gesprochen.
Geld regiert die Welt, heißt es.
Und das tut es.
Der  Finanzausgleich im Bund ist das große Thema der Berliner Zeitung vom Samstag.
In Europa sowieso.
Die Zentralbank hat unser Leben mehr im Griff, als wir es uns vorstellen können,
die Weltbank hat mehr mit den Grenzen des politischen Handelns zu tun, als uns lieb sein mag.
Der gute Wille der Menschen hat das Nachsehen.
Über Geld spricht man nicht?
Jesus ist da anderer Meinung.
Er hat über Geld gesprochen und meistens in der Richtung:
Nehmt es nicht so ernst. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, ansonsten entspannt euch.
Haben die Lilien Dinare? Nein.
Und die Vögel?
Schon mal eine Amsel am Bankautomaten gesehen? Nein? Na also.
Vertraut auf Gott. Er gibt euch, was ihr braucht.
Ein netter Mensch, der Jesus.
Normalerweise. Doch hier nicht. Was ist passiert?

Alle Evangelisten erzählen diese Geschichte, die wir vorhin in der Lesung gehört haben.
Jesus kommt nach Jerusalem.
Er ist bereit, seinen Leidensweg auf sich zu nehmen.
Ganz und gar der Sohn Gottes, der die Folgen auf sich nimmt,
wenn in einer gewalttätigen Zeit von Frieden und Gerechtigkeit und Besitzlosigkeit geschwärmt wird, wie er es immer getan hat.
Und das erste, was er tut nach seinem Einzug nach Jerusalem:
er geht in den Tempel.
Das ist an sich nichts Besonderes.
In den Tempel geht man, wenn man zum Passahfest nach Jerusalem kommt.
Da freut man sich drauf.
Der Tempel ist das Wahrzeichen des Bundes zwischen Israel und Gott.
So oft zerstört von fremden Mächten und nun wieder aufgebaut.
Zum dritten Mal. Offen für alle.
Selbst die Heiden dürfen dort beten, wenn auch nur im äußeren Tempelbezirk, im Vorhof.
Menschen kommen um dort Ruhe und Gott zu finden.
Jesus vermutlich auch.
Er will sich stärken für seinen Weg.
Er will mit Menschen zusammen sein, die seinen Glauben teilen.
Er will die Nähe Gottes spüren.
Und so tritt er in den Vorhof und erlebt, wie die Welt, der Alltag, den er verändern will, sich dort breit gemacht hat.
Schauen Sie auf das Bild und stellen Sie sich die Geräusche und Gerüche vor, die es erfüllen.
Es stinkt nach Tierkot, es blökt, es gurrt.
Menschen drängen sich um Händler und Tische.
Laut werden die Opfertiere zum Kauf angeboten: Ochsen, Schafe und Tauben.
Makellose Opfertiere, brüllt es da.
Die braucht man für ein ordentliches Opfer.
Da gibt es strenge Auflagen.
Die Menschen kommen von weither, aber auch aus der näheren Umgebung.
Die meisten kommen ohne Tiere, denn sie wissen:
Die Priester lehnen häufig mitgebrachtes Feder- oder anderes Vieh als nicht thoragemäß ab.
Sie unterstützen die Händler, die ihre Tiere zu meist überteuerten Preisen verkaufen.
Auch die Geldwechsler haben so ihre Eigenarten.
Jeder Gottesdienstbesucher – Frauen, Sklaven und Minderjährige ausgenommen – muss die jährliche Tempelabgabe von einem halben Schekel bezahlen.
Ausländische Währung wird abgelehnt, das Geld muss also gewechselt werden.
Die Geldwechsler verlangten für jede Transaktion eine bestimmte Gebühr.
Auch hierbei gab es reichlich Gelegenheit für Täuschung und Missbrauch, von der anscheinend auch ausgiebig Gebrauch gemacht wurde.
Thema der Evangelisten ist allerdings nicht diese Praktik an sich, sondern der Ort, an dem sie stattfindet.
Und auch Jesus wettert in diese Richtung:
Gott spricht: »Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“
Statt Gebet und Ruhe und Kontemplation herrscht hier eine Stimmung wie an der New Yorker Börse.
Da kann man schon einmal aus der Haut fahren.
Jesus kippt das Arrangement, das hier zum Alltag gehört,
die Vereinbarung, dass Gott etwas kostet,
dass das Gebet etwas kostet,
dass die Zugehörigkeit zum erwählten Volk, die man am besten im Tempel lebt, etwas kostet.
Er kippt die Tische um, er schreit die Menschen an.
Ob er tatsächlich eine Peitsche in die Hand genommen hat, wie der Evangelist Johannes schreibt, wage ich zu bezweifeln.
Aber auch ohne Peitsche reicht es schon.
Jesus schreit, wütet, im Namen Gottes.
Denn diesmal ist es Gott, dem die Menschen durch ihren Umgang mit Geld zu nahe treten.
Sie treten das erste Gebot mit Füßen:
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Ist das nicht ein bisschen überzogen?
Sehen die Menschen dort aus, als würden sie das goldene Kalb anbeten?
Wir sehen neben den stehenden, wütenden Männern, die ihre Felle davon schwimmen sehen, auch müde, ruhige Gestalten in eher ärmlichen Gewändern.
Sie sitzen fast unbeteiligt da.
Weder Wut, noch Begeisterung, noch Offenheit ist aus ihren Mienen zu lesen.
Was soll’s, denkt vielleicht eine der jungen Frauen im Vordergrund,
jetzt regen sie sich auf,
jetzt spricht dieser Jesus von dem Unrecht, das geschieht,
aber ändern wird sich nichts.
Die Römer werden die Pacht weiter eintreiben und uns im Griff behalten.
Wenn wir nach Hause kommen, ist alles beim Alten.
Und mein Mann gibt hier unser letztes Geld aus.
Wozu eigentlich? Wir sind arm.
Unser Leben ist und bleibt eng und dadurch freudlos.
Die Menschen, um die es Jesus geht, die zahlen müssen, die erpresst werden, bleiben alle sitzen.
Da kommt einer, der sich das nicht gefallen lassen will, der Gottes Recht einfordert.
Doch sie kann man damit nicht hinter dem Ofen hervorlocken.
Die Macht des Geldes hat ihre Phantasie, ihre Bereitschaft etwas zu verändern, gelähmt.
Die einzigen, die stehen und Jesus zuhören, sich ihm nähern anscheinend ohne Angst, sind die Kinder,
Kinder mit einem noch nicht verdorbenen Gerechtigkeitssinn,
die Antennen haben für Recht und Unrecht,
die es sich auch so einfach machen wie Jesus oder vielleicht besser:
Die die Einfachheit der Dinge noch erkennen, des Gebots:
Was du nicht willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen auch nicht.

Über Geld spricht man nicht, aber manchmal kann man nicht darüber schweigen.
Wenn es sich breit macht.
Wenn seine Wirkung anderes verdrängt.
Wenn es seine eigentliche Funktion, das Leben, den Austausch von Leistung und Ertrag zu stützen und zu regeln, vergisst
und Menschen ihm mehr Macht zugestehen, als es haben darf.
Wenn es plötzlich eigene Regeln aufstellt und verlangt,
dass sich alle danach richten.
Wenn es suggeriert, dass nur Dinge wirklich etwas gelten,
die man mit Geld bezahlen kann.
Moment, das klingt ja so, als habe das Geld einen eigenen Willen, als sei es eine Person.
Das, um es einmal ganz deutlich zu sagen, ist nicht der Fall.
Auch wenn uns das manchmal so erscheint.
Auch wenn wir bei der Frage: Was bleibt von unserem Leben, wenn uns das Geld ausginge, vielleicht doch ein wenig erschrecken.
Auch wenn wir merken, dass wir Menschen,
die kein Geld haben oder nicht mehr, von vorneherein als Behinderte ansehen,
als Menschen, die vom Leben ausgeschlossen sind
und durch unsere Einstellung tatsächlich nur noch am Rand stehen bleiben können,
keinen Zutritt mehr haben zu Kinos, Theatern, Geschäften,
und auch in Gemeinden selten vorkommen.
Die Sprüche: Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen, die sind nicht mit Gold zu bezahlen, klingen schön,
haben aber viel zu wenig Einfluss auf unser Leben.
Dennoch sind sie nicht falsch.
Wenn wir zu wenig kaufen, kriegen wir in den Zeitungen Panikmeldungen über das sinkende Bruttosozialprodukt zu hören.
Es gibt auch Meldungen über mangelndes Sozialbewusstsein und sinkende Lebenszufriedenheit,
aber der Wirtschaftsstandort Deutschland, der geht vor.
Denn alle wissen, was da kippt, wenn die Wirtschaft kippt.
Jesus kippt die Tische um im Namen Gottes.
Er kippt damit nicht die ganze damalige Gesellschaftsordnung.
Es ist nicht seine Art und ist und bleibt ein einzigartiger Moment.
Aber er möchte um jeden Preis noch einmal durchdringen und den Menschen klarmachen:
Gott ist nicht mit Gold zu bezahlen.
Bei Gott ist alles umsonst und dennoch etwas wert.
Jesus  erkennt die Macht des Geldes und spiegelt mit seinem Verhalten die ganze Brutalität, die der Umgang mit Geld bewirkt.
Und vielleicht ist das auch für uns immer wieder wichtig, uns klarzumachen:
Gottesdienste kosten nichts und gehören zu den Dingen,
die unserem Leben eine wichtige Orientierung sein können,
nicht nur durch Predigten,
sondern vor allem durch die Gemeinschaft der Menschen,
die sich dort zusammen finden,
durch die Ruhe zum Gebet,
durch das Getragen werden durch die Liturgie.
Alles umsonst und bitte schieben Sie jetzt einmal den Gedanken an die Kirchensteuer beiseite.
In die Kollekte tut nur der etwas, der möchte und kann.
Wir reden auch bei uns zunehmend über Geld und lassen uns in den Grenzen nieder, die es vorgibt.
Und lassen unsere Phantasie davon lenken, unsere Bereitschaft uns einzubringen.
Eine Gemeinde, ganz egal wieviele Häuser sie hat oder in welchem Stadtteil sie angesiedelt ist,
lebt aber vor allem immer von Menschen, die wert schätzen,
was sie hier umsonst bekommen
und die zum Leben beitragen, indem sie umsonst geben,
ihre Kraft geben,
ihre Begeisterung für den Weg Jesu in sichtbaren Schritten ausdrücken,
ihr Vertrauen in Gott mit anderen teilen.
Auch wir müssen über Geld sprechen
und zwar vor allem, um es auf seinen Platz zu verweisen,
um ihm nicht mehr Bühne zu geben, als unbedingt notwendig.
Weil bei uns andere Dinge mehr zählen, mehr wert sind.
Und wir haben dabei eine Vision vor Augen, die zeigt,
wie Gott über Geld denkt
und über eine Stadt, die ganz aus der Kraft seiner Liebe lebt:
Die Vision des Johannes
Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers,
klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes;
2mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker
Und der Geist und die Braut sprechen: Komm!
Und wer es hört, der spreche: Komm!
Und
wen dürstet, der komme;
und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens
umsonst.
Amen




Passionsadacht zur Verleugnung des Petrus (Mt 26, 57-75)

Zu einem Bild aus dem Jugendkreuzweg 2012
Passionsandacht: Mitgehangen- mitgefangen. Die Verleugnung des Petrus

Mt 26
Petrus aber saß draußen im Hof; da trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa.
70Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst.
71Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.
72Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht.
73Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich.
74Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn.
75Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Mitgehangen- mitgefangen.
Petrus sitzt im Hof.
Er hat sich eingesetzt für Jesus,
auch bei seiner Verhaftung, mit dem Schwert,
berichtet jedenfalls einer der Evangelisten.
Petrus war mit dabei, von Anfang an.
Und er blieb dabei aus voller Überzeugung.
Sicherlich war er manchmal anstrengend, voller Geltungsdrang,
ein Fels, ein harter Brocken,
der im Strudel seiner Angst auch mal unterging,
damals auf dem See:
Aber er kam immer wieder hoch
und beteuerte, immer zu Jesus halten zu wollen.
Und er hielt Wort, auch als Jesus gefangen genommen wurde.
Alle laufen weg.
Einer nicht.
Mitgehangen- mitgefangen.
Matthäus berichtet:
Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohepriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.
Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohepriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, um zu sehen, worauf es hinauswollte.

Petrus will sehen, sehen was geschieht.
Er verschließt die Augen nicht.
Er sieht hin.
Er sieht zu, wie der Traum zerplatzt, den sie gemeinsam geträumt und gelebt haben.
Er hält das aus. 
Das ist viel verlangt.
Denn unterdessen
und bei Matthäus klingt es nicht so, als sei die Befragung von Jesus unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich gegangen,
unterdessen wird Jesus in die Zange genommen.
Wir hören weiter.

Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten.
60Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu
61und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.
62Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen?
63Aber Jesus schwieg still. Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.
64 Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.
65Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört.
66Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig.
67Da spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige aber schlugen ihn ins Angesicht
68und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist's, der dich schlug?

Jesus steht im Licht der Aufmerksamkeit.
Alle Augen richten sich auf ihn.
Er hat den Bogen überspannt.
Keiner nimmt ihn mehr ernst.
Alle lachen und richten ihre Augen auf ihn.
Ein Spinner ist er, ein Gotteslästerer,
einer von denen, denen die meinen die Welt bewegen zu können und dann scheitern.
Scheitern an ihrem Hochmut, an ihrer Hybris,
scheitern an der Tatsache,
dass die Welt eine schwerfällige Kugel ist,
die sich nur mühsam in eine andere Richtung drehen lässt.
Die Menschen auf dem Bild fühlen sich sicher.
Das sieht man.
Ihre Rüstungen, ihr selbstbewusstes Lachen,
die römischen Soldaten haben hier das Heft in der Hand.
Ihre Grausamkeit, ihr Spott muss sich nicht rechtfertigen.
Sie sind am Drücker und der da,
der kann dem nichts entgegensetzen.
Selbst Wohlmeinende, wie vielleicht der junge Mann in Weiß,
der als einziger ernst schaut,
stehen hilflos da:
Wie kann man sich nur eine solche Blöße geben.
Kann man zu so jemandem halten?
Petrus hat es versucht.
Er ist dabei geblieben, er hat hingesehen:
Und er hat das, was er sah und hörte, ausgehalten.
Die Befragung, das Todesurteil, die Prügel, die Jesus bezogen hat.
Er geht nicht weg.
Er setzt sich weiter zu den Leuten am Feuer, er bleibt dabei.
Kann man mehr verlangen?
Nein.
Jesus wusste, was er von seinen Leuten,
was er von Petrus verlangen, erwarten konnte und was nicht.
Er hat es klar gesehen und klar benannt.
Er weiß, wie das ist, an den Rand gedrängt zu werden,
so an den Rand gedrängt zu werden,
dass die eigene Sicherheit zerbricht.
Auf dem Bild gibt sich Jesus dem Leiden hin,
schließt die Augen, um nicht hinsehen zu müssen in das breite Grinsen der Soldaten, 
wehrt sich nicht,
aber, so sieht es jedenfalls aus,
er bleibt bei sich.
Ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft?
Hier scheint ihn alle Kraft verlassen zu haben und dennoch bleibt er erkennbar.
Petrus sieht diese Schwäche, fühlt sie am eigenen Leib,
spürt seine eigenen Beine weich werden
und hält sich nur mühsam aufrecht dort an der Säule.
Und dann wird er angesprochen,
zusammengebracht mit der Schwäche des Mannes,
mit der Schuld, die dieser Mann angeblich auf sich geladen hat,
mit dem Verhängnis, das über diesen Mann hereinbrechen wird.
Mitgehangen – mitgefangen?
Petrus sagt: Nein.
Nein, so nicht.
In diesem Moment wäre es ein Leichtes gewesen,
der Schwäche nachzugeben,
sich zu Jesus zu setzen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Und wenn Petrus der Sehnsucht und Müdigkeit nachgegeben hätte,
die er sicher auch gespürt hat,
dann wäre es so gekommen,
dann wäre der Fels mit zerbrochen, auf den Jesus seine Kirche gebaut hat,
dann wäre es vorbei gewesen.
Ob dann die Kirche eine Zukunft gehabt hätte,
wäre sehr fraglich gewesen.
Petrus leugnet Jesus zu kennen.
Er hält sich gerade,
er sammelt die letzten Reste seiner Kraft.
Der einzige Weg um weiter zu machen, ist,
sich vor sich selber und der ganzen Welt verächtlich zu machen
als einer, der kneift im entscheidenden Moment.
Hat Jesus gedacht, dass Petrus ihn im Stich lassen würde,
selbst wenn er ihn verleugnet?
Ich glaube nicht.
Momente der Schwäche, die kennt er von Petrus.
aber er kennt auch seine Kraft und auf sie hat er gebaut;
darauf gebaut, dass gerade ein Mensch,
dem man seine Ängste und Schwächen so deutlich ansieht,
zu der Art Helden gehören wird, die seine Vorstellung vom Leben braucht,
dass die Kraft eines solchen Menschen andere mitziehen wird.
Auf die Kraft des Petrus jedenfalls haben sich später viele andere verlassen.

Petrus weicht der Versuchung aufzugeben aus.
Er hört auf seine Angst, auf seine Schwäche,
die ihm in dem Moment den richtigen Weg weist
und er trennt sich von Jesus noch vor dessen Tod.
Ein harter Schnitt, den er bis ins Innerste spürt,
der ihn schmerzt,
von dem er in dem Moment gar nicht weiß, ob das richtig so ist,
ob er nicht verrät, was unlöslich zu ihm gehört,
der Glaube an den Weg Jesu.
Es ist ein Schnitt, über den er bitterlich weint.
Noch vor den Frauen unter dem Kreuz
trauert Petrus von ganzem Herzen um das verlorenen gegangene Leben,
um die Leichtigkeit, die mit Jesus möglich war,
um die Hoffnung, dass alles sich bald ändern wird.
Es braucht Mut, um aus dieser Trauer aufzubrechen.
Aber Petrus schafft es.
Er wird zu denen gehören, die keine Mühen scheuen,
keiner Gefahr ausweichen, das Gefängnis nicht fürchten und nicht den Tod
und er wird später hingerichtet werden.
Das alles hat er nicht aus Scham getan.
Das hat er getan, weil er trotz der Trennung von Jesus die Gewissheit weiter spürte,
dass Gott weiter mit auf diesem Weg ist,
dass Jesus die Nähe zu ihm, zu allen Menschen, nicht aufgeben hat.
Mitgehangen – Mitgefangen.
Ein Leben lang.
Mitgehangen – Mitgefangen.
Mit Begeisterung und Liebe und Schwäche und Angst und Trauer, mit all den Kanten und Ecken meiner Person, die mir und anderen immer wieder Fallen stellen und mit aller Kraft, die ich aufbringen kann auf dem Weg Jesu bleiben– wer kann das?
Ich ziehe meinen Hut vor Petrus.
Amen.