Sonntag, 9. Februar 2014

Bunt wie Gottes Schöpfung - Liebe hat viele Farben

Dieser Jugendgottesdienst war dem Thema Liebe in allen Farben gewidmet, ein Beitrag nicht nur zum Leben mit Homosexualität, sondern zum sensiblen Umgang mit unserer wichtigsten Wurzel, aus der wir leben, der Fähigkeit zu lieben.
Die Predigt alleine würde den Duktus des Gottesdienstes nicht genügend wiedergeben. Es gehören auch die Texte und Assoziationen der Jugendlichen dazu, die die Lesungen verdeutlichen und eigentlich auch die Lieder, die die neugegründete Band wirklich ergreifend "rübergebracht" hat, sowie die Aktionen und Gebete im Gottesdienst, die daher hier mit aufgeführt werden. Alles in allem einer der wichtigsten Gottesdienste für mich in den letzten fünf Jahren.
Die Reaktionen reichten vom Verlassen des Gottesdienstes (2) bis hin zu durchweg positiven, berührenden Reaktionen. Ich hoffe, dass das Thema bei uns in der Ev. Friedensgemeinde Charlottenburg damit nicht abgehakt ist, sondern weitergeht.


Gottesdienst: Bunt wie Gottes Schöpfung. Liebe hat viele Farben“
9. Februar 2014
Ev. Friedensgemeinde Charlottenburg

Lied: Alles, was atmet, lobe den Herrn
Begrüßung
Lied: Du bist heilig (Sing Jubilate 53)
Lesung 1: Hohes Lied mit Texten der Jugendlichen
Lied: Liebe bist du (SJ 162)
Lesung 2  1 Kor 13 mit Texten der Jugendlichen
Lied: Your love is amazing
Predigt zum Thema: Liebe hat viele Farben. Mit Lied von Elton John, Your song und zwei Berichten

Lied:
Amazing Grace
Aktion: Farben der Liebe in der Kirche

Lied
: Imagine (John Lennon)
Abkündigungen
Lied: Wo Menschen sich vergessen (SJ 176)
Fürbitte: Mit dem Farbenlied von Alexander Reiß
Vater Unser
Lied: Der Herr segne Dich (SJ 64)
Segen
Lied: Alles was atmet


Lied: Alles was atmet
Begrüßung:
Letzter Sonntag n. Epiph.
Bunt ist der Raum durch die Kinderbibelwoche, die am Donnerstag hier in der Kirche zu Gast am Hof von König Ahasveros und Königin Esther war.
Bunt ist der Gottesdienst durch die Band, die zum ersten Mal unter der Leitung von Alexander Reiß hier auftritt.
Bunt ist der Gottesdienst durch die Konfis und Jugendlichen, die heute hier ihre und die Gedanken anderer zum Thema Liebe zu Wort bringen.
Bunt wie Gottes Schöpfung - Liebe hat viele Farben.
So lautet das Motto dieses Gottesdienstes und auch das Motto, unter dem sich unsere Landeskirche und die Ev. Jugend 2011 bzw. 2012 dem Bündnis gegen Homophobie, gegen Schwulen und Lesbenfeindlichkeit also, angeschlossen hat.

Hier wird sie durch Carsten Bolz, unserem Superintendenten vertreten.
Homosexualität ist kein Thema, das den Jugendlichen besonders viel Freude macht und als ich beschlossen habe, diesen Gottesdienst zum Thema Liebe vorzubereiten, Liebe in allen Farben, sind sie mir nicht gerade um den Hals gefallen. Aber nett wie sie nun mal sind, haben sie sich beteiligt, mir ihre Gedanken und Gefühle zu diesem Thema, zu den biblischen Texten gesagt.
Die haben gezeigt, wie wichtig ihnen dieses Thema durchaus ist.
Daraus sind u.a. die Texte dieses Gottesdienstes entstanden, die Euch und Sie einladen möchten, sich mit den Farben der Liebe, auch der speziellen Farbe in eurem eigenen Leben zu beschäftigen und uns Gedanken über die oft schmerzlichen Grenzen zu machen, an die Menschen mit ihrer Liebe immer wieder stoßen.
Votum
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Der Herr sei mit euch
Lied: SJ 53 Du bist heilig
1.     Teil: Lesungen aus dem Alten Testament mit Gedanken:

Leser 1:                Die Bibel singt von der Liebe, wir stimmen mit ein, mit unseren Wünschen und Erfahrungen, unseren Träumen und Fragen:
Bibel: (von der Kanzel gelesen)
                            Das Hohelied singt in der Hebräischen Bibel: Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totemreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme Gottes, so dass auch viele Ströme die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.

Leser 1:                Es ist schön, verliebt zu sein, das erste Mal verliebt zu sein.
Leser 2:                Wie ein Wirbelwind, der nur aus Süßigkeiten besteht und mich mitreißt.
Leser 3:                Wie Vanilleeis mit heißen Himbeeren.
Leser 4:                Es lebt sich wie in einem Refrain eines mitreißenden Liedes, wie auf Wolken.
Leser 5:                Es nimmt mich gefangen. Eine Million neue, noch nie gefühlte Eindrücke schlagen über mir zusammen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Leser 6:                Ein Feuerwerk aus unterschiedlichen Farben tut sich vor mir auf, die sich nicht überdecken lassen. Gott hat die Liebe als Flamme geschaffen, gegen die wir machtlos sind. Sie brennt, sie erfüllt uns mit Leben und unser Leben mit Sinn.
Bibel:                  Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm.
Leser  7:               Ruhe und Zufriedenheit breiten sich aus, wenn ich mich fallen lassen kann bei jemandem, ganz und gar, keine Regeln einhalten muss, ganz ich selber sein darf.
Leser 8:                Ich denke nur an ihn. Wenn ich einen mit einer grünen Kapuze sehe, denke ich, er ist es, mein Körper spannt sich, Wärme verteilt sich überall.
Leser 9:                Es kribbelt, geht über in meine Kehle, dass ich die ganze Zeit lachen muss und weiß nicht warum.
Bibel:                  Das Hohelied singt: Er führt mich in den Weinkeller und die Liebe ist sein Zeichen über mir. Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich. Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerualems, dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selber gefällt.
Leser 10:              Ich möchte nichts kaputt machen, keinen heranlassen, der mich wieder herunterholt von diesem Höhenflug.
Leser 11:              Keine blöden Sprüche, keine Fragen, kein „was findest du nur an dem, an der?“. Das verletzt.
Leser 12:              Wenn überhaupt, dann rede ich mit meiner Sandkastenfreundin darüber oder auch meinen Eltern, die nicht vergessen haben, wie das war damals oder sich vielleicht immer wieder mal so fühlen, sogar miteinander.
Leser 13:              Ich erzähle es nur einer, die den Mund halten kann und nichts weitersagt,
ich rede nur mit einem, der keine coole Masche raushängen lässt, sondern sich traut sensibel zu sein und sich einfach mit mir zu freuen.
Leser 14:              Ich bin verliebt und ich freue mich. Es ist als ob die Welt neu geboren ist.
Leser 15:              Wie am ersten Tag der Welt, als alle Farben leuchten durften, wie sie gedacht waren und Gott sich unbändig darüber freute und aus der Quelle seiner Liebe das Leben ungehemmt sprudeln durfte.
Bibel:                  Und Gott sah an alles, was er gemacht hat und siehe, es war sehr gut.

Lied: Liebe bist du

2. Teil
Bibel:                  Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, dann wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.
Martha:               (geht am Stock oder Arm in Arm mit Arthur vorbei) Ach Arthur, was für ein wunderschöner Satz. Unser Trauspruch. Weißt du noch, damals, ich ganz in weiß und du in schwarz mit Zylinder und wir beide in der Kirche. Die Maisonne schien und die Orgel und die ganze Feier, weißt du noch?
Arthur:                Hm. Als dir übel war, meinst du?
Martha:               Ach, Arthur! Sei nicht so prosaisch. Ich gebe zu, das war dann bald etwas laut in der Wohnung. Aber es war auch viel Liebe bei uns, oder?
Arthur:                Ich denke aber auch an die vielen Male, wo du dich noch nicht mal wie eine klingende Schelle, sondern wie ein rasselnder Wecker angehört hast, Arthur tu dies, Arthur mach das.
Martha:               Denkst du auch an die Frühstücke, die ich gemacht habe, an das Ei, genau 4 Minuten?
Arthur:                (legt ihr die Hand auf den Arm) Daran denke ich auch.
Martha:               Liebe hat viele Farben.
Arthur:                Ich weiß. (gehen weiter)
Bibel:                  Die Liebe ist langmütig und freundlich.
Leser 1:                Ich bin so in ihn verliebt. Aber er begegnet mir nur mit Kälte und Gleichgültigkeit. Jedes Mal, wenn mich so ein Blick trifft, geht es mir wie ein Schnitt quer durch den Körper. Aber ich bleibe freundlich, meine Liebe hat einen langen Atem. Sie ist geduldig, sie kann gar nicht anders. Sie bleibt und lässt sich nicht vertreiben.
Leser 2:                Bei meinen Eltern hat die Liebe aufgehört. Irgendwann. Sie waren nicht mehr bereit, sich wieder anzunähern und freundlich waren sie auch nicht mehr miteinander. Warum? Vielleicht ist die Liebe wie eine Kerze, die irgendwann ausgeht, wenn sie zu lange gebrannt hat? Liebe ist ein Rätsel für mich.

Bibel:                  Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Leser 3:                Was wäre das für eine schöne Welt, wenn dieser Satz gültig wäre?
Wenn keiner den anderen aufgibt,
wenn man dem anderen immer alles zutraut, auch das Gute,
wenn man sich lieber vom anderen täuschen lässt, als zu sagen:
Ich glaube dir nicht.
Leser 4:                Oder ist die Liebe ein Scheinbild, das sich irgendwann in Luft auflöst und dann sieht man erst, wie der andere wirklich ist?
Leser 5:                Ich habe gar keine andere Wahl, als sie zu lieben. Sie ist schön, sie ist witzig, es macht Spaß, mit ihr um die Häuser zu ziehen. Aber sie macht sich immer wieder lustig über mich. Auch anderen gegenüber. Ich weiß nicht, wie lange meine Liebe hält, wenn sie immer darauf herumtrampelt.

Bibel:                  Die Liebe hört niemals auf.

Leser 6:                Wenn das stimmt, dann wäre das wunderschön, aber ich glaube, dazu müssen die Menschen erst einmal anfangen, sich selber zu lieben und nicht versuchen, ein anderer, eine andere zu werden, nur um jemandem zu gefallen.
Leser 7:                Ich glaube, wenn man jemanden wirklich geliebt hat, dann hört das nie auf, auch nach dem Tod nicht, dann bleibt die Verbindung  bestehen.
Leser 8:                Ich glaube nicht, dass die Liebe ewig wärt. Wir verändern uns, die anderen verändern sich. Man liebt doch nur den, den man einmal kennen gelernt hat, nicht den, der er wird, oder?
Leser 9:                Oder man verändert sich miteinander.
Leser 8:                Stimmt.

Bibel:                  Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Lied:                   Your love is amazing


Predigt zum Thema: Liebe hat viele Farben. Mit Lied von Elton John, Your song und zwei Berichten Jugendlicher

Lied:
Amazing Grace
Aktion: Farben der Liebe in der Kirche
Gottes Segen ist mit uns auf dem Weg durch unser Leben.
Er möchte, dass wir unser Licht leuchten lassen, die Farben unserer Persönlichkeit sichtbar machen.
Wir bitten ihn um Mut und Kraft, um Schutz und Hilfe, um die spürbare Nähe seiner ermutigenden Liebe und zünden, wer mag, eine Kerze an als Zeichen unserer Buntheit und unserer Gemeinschaft.

Kerzenaktion (Die Leute kommen nach vorne, zünden bunte Teelichter an und stellen sie auf den Tisch oder auf den Altar bzw. auf die Stoffbahnen davor).
Überleitung zum Lied
Was wäre das für eine schöne Welt,
wenn keiner den anderen aufgibt,
wenn man dem anderen immer alles zutraut, auch das Gute,
wenn die vielen Farben unseres Lebens die Welt verändern.
Lied: Imagine
Abkündigungen
Lied: Wo Menschen sich vergessen
Fürbitte: Mit dem Farbenlied von Alexander Reiß
Pfarrerin
Lebendiger Gott,
farbenprächtig ist deine Welt,
Wunderbar und vielfältig.
Alles atmet durch das Geschenk deines Atems,
alles lebt durch deine Liebe.
Wir singen: Lied

Leser 2:                Wir bitten für alle Menschen, deren Liebe verletzt wurde und wird,
Leser 3:                für junge Menschen, die zurückgewiesen werden,
Und sich nicht trauen, auf den oder die andere zuzugehen.
Wir singen:
Leser 4:                für die Männer und Frauen in Russland, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt werden.
Leser 5:                für die Jungen und Mädchen bei uns, die ihre Homosexualität entdecken, dass sie die Treue und Liebe ihrer Eltern und Freunde erleben
Leser 6:                für die Menschen, die auf der Straße angegriffen oder angepöbelt werden, weil sie als zwei Männer oder Frauen Hand in Hand gehen.
Leser 2:                für alle, die Schwierigkeiten mit der Homosexualität anderer haben, dass sie davon befreit werden.
Wir singen:
Leser 3:                Lass uns in der Gemeinde immer daran denken, dass die homosexuellen Menschen in unserer Mitte nicht durch unsere Reden und unser Handeln ausgegrenzt werden, sondern selbstverständlicher Teil unserer Gemeinde sind.
Wir singen:
Pfarrerin:             Gott, deine Liebe ist uns kostbar.
Und in jedem von uns zeigt sie eine andere Farbe,
die sich allen Zuordnungen widersetzt.
Öffne unsere Herzen füreinander, dass wir sie teilen,
und unsere besondere Farbe im Regenbogen deines Lebens zeigen dürfen,
dass die Welt die Farbenpracht deiner Liebe spiegelt.
Amen.

Vater Unser
Lied: Der Herr segne Dich (Singt Jubilate 64)
Segen
Lied: Alle was atmet


Predigt:  

Liebe hat viele Farben.
Wir haben gerade viel über die Liebe gehört, wie sie sich anfühlt.
Unterschiedliche Erfahrungen und Fragen kamen zur Sprache.
Die Farbe der Liebe änderte sich dabei immer wieder.
Und es wurde deutlich: Egal auf welche Art wir Liebe in unserem Leben erfahren, als Bereicherung, als Störung, als Glück, als Last, als Erfüllung oder als Sehnsucht, 
die Liebe beschäftigt alle.
Sie ist eine Kraft, die uns nicht loslässt, unser ganzes Leben.
Eigentlich sehnt sich jeder und jede danach, wiedergeliebt zu werden, verliebt zu sein.
Irgendwann einmal sollte es einen erwischen. Oder?

Liebe hat viele Farben.
Und Liebe ist mehr als Sexualität.
Das hören wir immer wieder. Gerade in der Kirche.
Das stimmt sicherlich,
aber  nehmen wir uns einen Moment Zeit, das genauer anzusehen
und schauen dabei zunächst auf den Anfang der Schöpfung:
Liebe ist am Anfang kaum von Sexualität zu lösen.
Am Anfang hat Gott jedenfalls keinen großen Unterschied zwischen beidem gemacht:
Seid fruchtbar und mehret euch, war der erste Satz, den er seinen Ebenbildern sagte.
Deutlicher kann man eigentlich kaum werden.
Also lieben, damit sich die Erde füllt?
Ist das der Sinn, warum Gott dieses großartige Gefühl in die Welt gebracht hat?
Natürlich nicht. Nicht nur.
Gott ist doch kein Spielverderber.
Ich stelle mir Gott häufig so vor, dass er uns zusieht, wie wir über die Jahrhunderte hindurch immer mehr über sein großartiges Werk herausfinden.
Er musste sich sehr in Geduld fassen,
bis endlich akzeptiert war, dass die Erde sich dreht,
und dass es ein Weltall gibt und nicht ein Gewölbe, wie die Menschen zu biblischen Zeiten vermuteten.
Toll, sagte Gott dann irgendwann, jetzt haben sie auch die Sache mit den Elektronen und Atomen herausgekriegt.
Ein Künstler wird eben gerne gewürdigt.
So auch in der Sache mit der Liebe.
Wenn wir davon ausgehen, dass Gott von Anfang an dabei war,
und daran möchte ich doch gerne festhalten,
dann hat er von Anfang an kein Problem damit gehabt,
dass die Liebe die unterschiedlichsten Farben entwickelt, dem Leben überhaupt seine Farbe gibt.
Alles, was atmet, alles was lebt, ist heilig vor mir.
Das war und ist seine Einstellung  zum Leben.
Die Fortpflanzung ist dabei durchaus ein Aspekt. 
Aber schon die Fruchtfliegen, die eindeutig vor uns da waren, haben bei der Wahl des Sexualpartners nicht sehr darauf geachtet, wen sie da gerade erwischten.
Männlein, Weiblein, eigentlich egal, solange insgesamt so viele Fruchtfliegen herauskommen, um die Menschen zu ärgern.
Ansonsten haben die Herren und Damen Fruchtfliegen das Leben genossen, wie es gerade kam.
Und die Bornoboaffen, Schwäne und andere Tierarten machen da keine Ausnahme.
Sollen wir darüber die Nase rümpfen wie Darwin es getan hat, weil das nicht in sein Konzept passte, es gar als Unfall der Natur ansehen?
Wer sind wir, über Gottes Schöpfung zu urteilen?
Ich denke, dass es Homosexualität gibt, schon immer gab und immer geben wird, zeigt uns, dass Liebe, Sexualität auch einfach dazu da ist, den Menschen Freude zu bereiten.
Es gibt kein Muss, keine Vorschriften, kein: Das muss man so und so tun.
Die Liebe ist eine Urkraft, wie ein Lied, dass uns beschwingt,
ein Wirbelwind, der nur aus Süßigkeiten besteht und mich mitreißt,
Vanilleeis mit heißen Himbeeren, das mir auf der Zunge zergeht.
Liebe ist auch ein Genussmittel.
Die Liebe ist da, um unser Leben farbig und glücklich zu gestalten.

Liebe hat viele Farben.
Sexualität ist sicherlich nicht der einziger Ausdruck der Liebe, wohl aber eine Grundlage unserer Lebenskraft.
Sexualität umfasst viel mehr als den Wunsch und die Bereitschaft, ein Bett gemeinsam aufzusuchen.
Sexualität, Erotik ist die Fähigkeit, das Leben intensiv zu spüren, zu erfassen, auszukosten.
Aus dieser Kraft, sagt die Forschung, speist sich unsere ganze Empfindungsfähigkeit, unsere sinnliche Wahrnehmung, unsere Kreativität.
Wer von der Wurzel dieser Kraft abgeschnitten oder sehr verletzt wird, hat es schwer.
In dem Film „Das Leben der anderen“ schwärmt der Stasioffizier seinem Vorgesetzten vor, wie toll man doch die aufmüpfigen Kreativen in den Griff bekommen kann.
Steck sie einfach ein paar Monate in Einzelhaft und verhindere jegliche Kommunikation verhindert, sagt er. Dann ist ihre Kraft so gebrochen, dass man sich danach nicht mehr um sie kümmern müsse. Sie können dann gar nicht mehr schreiben, malen, etc. 
Menschen durch ein Verbot ihrer Sexualität von ihrer Lebenskraft abzuschneiden,
sie zu behindern, zu verhöhnen, mit schiefem Blick zu betrachten,
all das  geht in dieselbe Richtung.
Zugegeben: Es hat sich bei uns viel verändert, auch in der Kirche.
In einigen Landeskirchen, so auch der unseren, dürfen homosexuelle Paare auch im Pfarrhaus wohnen,
wobei das Wort „dürfen“ hier auch einen schiefen Klang hat.
Es sollte selbstverständlich sein.
Ich denke keiner, der halbwegs bei Sinnen ist, wird hier bei uns öffentlich homosexuell veranlagten Menschen das Recht ihre Liebe zu leben absprechen.
Ich gehe auch bei den meisten, die hier im Gottesdienst sitzen davon aus.
Aber das ist nur der öffentliche Text, den wir zeigen.
Der Text darunter redet eine andere Sprache, der spürbar ist, auch wenn man ihn nicht sagt,
er redet von der unheilvollen Geschichte, die einige biblische Sätze mit bewirkt haben,
er redet von der Angst vor Gewalt auf der Straße,
von spürbarem, seit Generationen weitergegebenem Ekel, der sich nicht unterdrücken lässt, auch bei gutem Willen nicht, vor allem bei Männern.
Der Text darunter redet von der Unsicherheit, wie damit umzugehen ist, wenn mir ein Freund sagt, dass er schwul ist,
redet vom Kampf, eine Familie zu gründen gegen alle Widerstände,
von Nachrichten über Verfolgung und Mord in nicht wenigen Ländern dieser Welt,
von Olympischen Spielen, in denen gerade der Schmerz und die brutale Verfolgung homosexueller Menschen in Russland in einer Wolke rosaroter Farbenseligkeit droht unterzugehen,
der Text redet von einer Atmosphäre also, die der Liebe nicht gerade förderlich ist und von der wir alle wissen.
Sie prägt unser Verhalten als Homosexuelle und als Heterosexuelle.
Und sie widerspricht zutiefst Gottes schöpferischer Ordnung!

Die Liebe hat viele Farben.
Wie geht es jungen Menschen, die entdecken, dass sie homosexuell sind?
Als ich die Ergebnisse der Umfrage, die ich mit einigen von euch gemacht habe, gelesen habe,
war ich zugleich erstaunt und froh über eure Sicherheit,
dass sich, wenn ihr euren Eltern sagen würdet, ihr seid schwul oder lesbisch, dass sich in eurem Verhältnis zu euren Eltern nichts ändern wird und die Liebe unangetastet bleibt.
Auch die engsten Freunde werden damit leben, denkt ihr.
Schwieriger wäre es, davon in der Schule zu reden
und etwas ängstlich oder traurig wäret ihr im Hinblick auf die Zukunft,
auf Familie, die ihr meint dann nicht haben zu können,
auf die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Aber ihr würdet euch nicht verstecken, offen damit leben, das auf jeden Fall.
Wie geht jungen Menschen, die entdecken, dass sie homosexuell sind?
Wie singen Männer von der Liebe, die Männer lieben?
Hören wir ihnen einfach zu.

(Die folgenden Beiträge von Lina-Sophie und Kevin sind der Handreichung der Ev. Jugend der EKBO zum Thema entnommen; http://www.ejbo.de/files/newsletter/Bunt_wie_gottes_schoepfung_web.pdf)
Lina-Sophie, 18 Jahre: Ich wusste schon sehr früh, dass ich mich auch für Mädchen interessiere. Auf einer Chorrüste, 7. Klasse, habe ich es zum ersten Mal einer Freundin erzählt. Ich war supernervös und brachte kaum ein Wort vor, aber als sie dann verstand, wovon ich sprach, war es gar keine große Sache. Ändert sich doch dadurch nichts, sagte sie nur. Tat es tatsächlich nicht, nicht mal, als das Coming-Out zu meinen Eltern fällig wurde. Es war überhaupt kein Problem.
Das änderte sich erst, als ich begann, mich auch in freikirchlichen Kreisen zu bewegen. Ein langes Jahr lang versuchte ich sie zu überzeugen, dass Homosexualität keine Sünde ist. „Du betest nicht genug“ war Standartantwort, „Gott wird dich heilen.“ Ich hab’s echt versucht. Ich hab mich angestrengt, ich war mit zwei tollen Typen zusammen, hab viel Bibel gelesen, lautstark Lobpreislieder gesungen und versucht mich daran zu gewöhnen, dass meine Sexualität Thema jedes Gebetskreises war. Effektiv erreicht habe ich damit eigentlich nur, dass ich irgendwann weder Gott noch mich leiden konnte. Gott liebt jeden, auch die Sünder, hatte ich meine ganze Kindheit über gelernt. Nur mich wollte er jetzt nicht mehr so haben, wie ich schon immer gewesen war. Wie echt war diese Liebe wirklich? Ich habe Jahre gebraucht, um meinen Weg zum Glauben zurück zu finden und ein Teil meines kindlichen Vertrauens auf Gott, ist wohl für immer verloren gegangen. „Gott ist nur Liebe“ singt man in Taizé. Meine Liebe ist Teil von Gottes Geschenk an mich. Die Hauptsache ist, dass ich sie teile. Egal ob mit einem Jungen oder Mädchen.
Lied: Your song, Elton John, Strophe 1/2, Refrain

Kevin, 23 Jahre
Wenn man so darüber nachdenkt, ist es eigentlich schade, dass man sich „outen“ muss. Für mich ist Sexualität etwas Intimes. Gut, man muss sich nicht „outen“, aber ich fühlte mich irgendwann dazu genötigt:
Die Frage „hast du (schon) eine Freundin?“ störte mich erst nur wenig, schließlich hatte ich noch keine Freundin. Doch mich selber habe ich schon gefragt, warum das so ist. Innerlich suchte ich nach Ursachen dafür. So glaubte ich wenig attraktiv für Mädchen zu sein, einfach nicht die Richtige getroffen oder schlichtweg Pech in der Liebe zu haben. Relativ früh hatte ich schon den Gedanken, anders als alle anderen Jungs zu sein.
Diese Gefühle wurden in mir mit der Zeit immer klarer und meine Vorstellung von einem Leben mit Frau und Kindern musste ich verwerfen. Es war ein innerer Kampf zwischen der Aufrechterhaltung einer Fassade und meinen Empfindungen. Ich konnte und wollte den Gedanken nicht ertragen schwul zu sein und fragte mich, warum gerade ich so fühle.
Aber alles Ignorieren brachte nichts und ich versuchte mich allmählich damit abzufinden, wie ich geschaffen wurde. Doch bis ich an diesem Punkt war, erlebte ich eine tiefe Glaubenskrise. Ich hatte Angst mich durch meine Gefühle von Gott zu entfernen und aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Zugleich konnte ich aber nicht glauben, dass Gott einige Menschen wegen solch einer „Kleinigkeit“ nicht mehr lieben würde.
Schon bald, als ich mir innerlich eingestanden hatte schwul zu sein, verliebte ich mich. Meinen ersten Freund hatte ich nicht lange, aber immerhin war ich mir nun über meine Gefühle wirklich im Klaren. Die Frage „Hast du eine Freundin?“ wurde mehr und mehr unerträglich. Ich hatte zwar Angst vor einem „coming-out“, wollte aber meinen Freunden und Verwandten, insbesondere meinen Eltern, keine Lügen mehr erzählen. Eines Abends war ich bei einer älteren Dame aus meiner Kirchengemeinde. Wir haben uns vor vielen Jahren angefreundet. Sie ist mittlerweile wie eine Uroma für mich. An dem besagten Abend sprach sie über ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und Partnerschaft. Sie machte Andeutungen, als würde sie ahnen, was in mir vorgeht. Ihr eröffnete ich als erste meine Gedanken und Empfindungen. Darüber zu reden war eine unglaublich starke Erlösung. Ich fühlte mich so sehr von meinen inneren Zwängen befreit, dass ich weinen musste. Ihre positive Reaktion bestärkte mich, so zu leben, wie ich empfinde.
Da ich mit meinen Eltern ein gutes Miteinander pflege, wollte ich mich noch vor meinen Freunden bei ihnen zu meinem Schwulsein bekennen. Ich hatte große Angst vor der Reaktion. Als mein Vater endlich von der Arbeit kam, musste es heraus: „Vati, ich muss dir was sagen: Ich bin schwul“. Noch immer bin ich über seine Reaktion verblüfft: „Und? Verändert das irgendetwas zwischen uns beiden?“.
Lied: Your song, Strophe 3/4, Refrain

How wonderful life is, while you're in the world.
Wie wundervoll ist das Leben, weil du auf der Welt bist.
Die Freude darüber am Leben zu sein, und es mit dem oder der Liebsten teilen zu dürfen, ist ein Geschenk.
Ein Geschenk, für das auch ein reicher und berühmter, homosexueller  Mann wie Elton John lange gebraucht hat, um es sich öffentlich zuzugestehen,
über das er  nun öffentlich singt, wie seine heterosexuellen Kollegen ebenfalls und, jedenfalls inhaltlich, nicht viel anders.
Liebe hat viele Farben.
Sie steht, so sagt es Paulus, über dem Glauben, über der Hoffnung.
Sie gibt unserem Leben Farbe,
unserem Glauben seine Sprache,
unserer Hoffnung Flügel.
Es ist in diesem Gottesdienst längst nicht alles gesagt, was zu sagen wäre. Vielleicht habe ich hier einige  doch vor den Kopf gestoßen. Aber ich muss ehrlicherweise sagen: Es tut mir nicht leid.
Es ist ein Thema, das man kaum so anpacken an, ohne dass es kratzt.
Aber es ist ein Thema, über dass immer wieder geredet werden muss, weil es uns alle betrifft, weil Menschen immer wieder an der Liebe leiden, nicht nur weil sie homosexuell sind, sondern aus vielen anderen Gründen und es wichtig ist, dass sie damit nicht alleine bleiben, sondern sich einander vertrauensvoll öffnen und gegenseitig helfen.
Und ich hoffe, dass wir nicht dabei stehen bleiben, sondern reden, miteinander, so offen wie möglich, nicht von der Kanzel aus, sondern miteinander, auf Augenhöhe.
Von hier aus kann ich nur noch den Wunsch weitergeben,
dass unsere Gemeinde ein Ort ist, bleibt und auch wird,
in der die Farbenpracht von  Gottes Liebe eine Chance hat sich zu entfalten,
ein Ort ohne schwulen- oder lesbenfeindliche Sprüche,
die verletzen, auch wenn sie scherzhaft gemeint sind,
ein Ort des Vertrauens, dass die Liebe nicht geweckt wird, bis es ihr selber gefällt und
jede und jeder sein Tempo haben darf, nicht mehr gibt als er oder sie geben möchte, aber das in aller Freiheit,
ein Ort, an dem geschützt wird, was unser Kostbarstes ist,
die Vielfalt der Wege geachtet und geschätzt werden und Jugendliche sich gegenseitig vertrauen und helfen,
ein Ort, an dem die Gnade Gottes sich immer wieder auf erstaunliche und überraschende  Art und Weise Bahn bricht und die Furcht aus unseren Herzen vertreibt,
dass wir Gott zu Ehren aus ganzer Seele, aus ganzem Herzen und mit all unserer Kraft leben, was in uns steckt,
miteinander und füreinander sichtbare Farben der Liebe werden
in Gottes wunderbarer Schöpfung.
Amen





Samstag, 11. Januar 2014

Jesaja 42, 1-9. 1. Sonntag nach Epiphanias 2014

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Fallen wir Gott manchmal auf die Nerven?
Schaut er auch mal ungeduldig auf unser alltägliches Tun und stöhnt über unseren begrenzten Blick?
Sieht er unseren Streitigkeiten zu, unserem Sorgen um Nichtiges und sagt: Leute, ihr nervt! Habt ihr keine Vision mehr?
Ist dieses ständige Reden über die Welt, die sich ja doch nicht ändert, wirklich eure Antwort auf mein großartiges Schaffen,
auf die Welt, die sich dreht,
was ihr ja mittlerweile auch mitbekommen habt,
auf das Leben, das sich ständig verändert und verändern kann?
Ist Gott genervt von uns?
Das könnte schon sein, meine ich.
Immerhin hält sich Gott in der Bibel nur selten vornehm zurück.
Er regt sich über das Leid der Israeliten in Ägypten auf und kann es nicht mitansehen.
Er ist regelrecht erbost,
als sich Teile seines Volkes im neuen Land nicht an die Gebote halten
und sagt das immer wieder deutlich durch seine Propheten.
Gott engagiert sich, ereifert sich und öffnet sogar die Fenster des Himmels für uns,
lässt seinen frischen Geist in die Welt hinein und über Jesus ausströmen, damals am Jordan
und gibt dazu noch deutliche Hinweise:
Hier, Leute, mein Sohn, der gefällt mir.
Genau so einen braucht ihr, um den richtigen Weg zu finden.

Deutlich zu werden, war eigentlich nie Gottes Problem.
Problematisch sind immer nur die Adressaten,
die mal ihre Ohren öffnen, aber immer wieder auch verschließen.
Man hat manchmal den Eindruck, wie Tucholsky sagt: 
Der Mensch hat, neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen (heute müsste man vielleicht noch ergänzen: auf sein Handy zu starren) und nicht zuzuhören.
Wie redet an mit solchen Gesprächspartnern?
Man muss es Gott zugute halten,
dass er nach der Sintflut trotz seines Engagements für uns,
an sich gehalten hat.
Immer wieder versuchte er insgesamt sehr freundlich,
uns seine Vision des Lebens nahezubringen,
dass gut ist, was er geschaffen hat und wertgeschätzt werden müsste.
Immer wieder hat er versucht,
unsere Situation, unsere Ängste, unsere Sehnsucht im Blick zu behalten
und nicht über uns hinwegzureden oder mit der Faust reinzuschlagen.
Und er hat sich dabei weit vorgewagt,
hinein in unser Leben, in unsere Sprache, in unsere Welt,
in die dünnen Kanäle unserer Wahrnehmung,
in die Grenzen unseres Lebens.
Seine Anwesenheit in der Krippe haben wir gerade erst gefeiert.

Heute gehen wir ein gutes Stück zurück, ca. 500 Jahre vor Christi Geburt.
Da ist von einem Menschen die Rede,
den die Christen deutlich mit Jesus identifiziert haben,
dem sogenannten Knecht Gottes.
Die Lieder von und über ihn haben Platz gefunden im Buch des Propheten Jesaja.
Seinen Namen allerdings kennen  wir nicht.
Auch damals hat Gott einiges auszusetzen gehabt.
In seinem Volk, das vermutlich nach der Deportation nach Babylon immer noch in der Fremde lebt,
in seinem Volk ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten.
Laut sind die, die Unrecht tun.
Um die, die am Boden liegt kümmert sich keiner.
Bosheit regiert und die Gier nach Reichtum.
Unter diesen Bedingungen verlöschen manche Lebenslichter unversehens und gebrochene, arme Menschen werden schnell und endgültig geknickt.
Ab und zu seufzt vielleicht mal einer und sagt:
Ach, Israel, ach Jerusalem.
Eine Vision kann man das allerdings nicht nennen.
Wie kann sich Gott Gehör verschaffen?
Wie schon so häufig greift Gott dabei auf einen Menschen zurück,
der nahe an den anderen dran ist und ihnen die Augen öffnen soll.
Er präsentiert ihn im 42. Kapitel im Buch des Jesaja:

V.1 Siehe, mein Knecht, ich halte ihn; mein Auserwählter ist meiner Seele ein Wohlgefallen; ich habe meinen Geist über ihn gegeben; das Recht bringt er zu allen Völkern.
V.2 Er wird nicht rufen und er wird seine Stimme nicht erheben und er wird seine Stimme nicht hören lassen in den Gassen.
V.3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht
wird er nicht auslöschen; in Treue bringt er das Recht.
V.4 Er wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er aufrichtet auf
der Erde das Recht und auf seine Weisung warten die Inseln.

Kein heißes Feuer geht von diesem Mann aus,
kein sprühendes Charisma.
Es wird eigentlich nur gesagt, was er nicht tut:
Er ruft nicht, er wird nicht laut.
Er knickt nicht, die ohnehin schon geknickt sind
und löscht das schwache Leben nicht aus.
Er zerbricht nicht.
Aber Gottes Seele ist ihm wohlgesonnen.
So einer tut Gott gut, lässt ihn aufatmen.
Er kann seinen Geist frei zu diesem Menschen  hinströmen lassen kann und weiß:
Der da wird mein Recht verkünden.
Ich schicke ihn zu denen, deren Kraft ebenfalls gebrochen ist,
von der Last des Lebens in einem fremden Land,
vom Unrecht, das ihnen dort auch von ihren eigenen Leuten geschieht.

Der Knecht Gottes muss sehr einfühlsam und sanft mit ihnen umgegangen sein im Vergleich zu manchen seiner prophetischen Kollegen.
Seine Stärke liegt in der Freundlichkeit,
im Nicht-Schreien, im Nichtverurteilen,
ein netter Mensch, der sich schützend  vor Schwache stellt.
Seine Aufgabe: Der Gottesknecht sollte die Schwachen und Unterdrückten trösten.
Aber vor allem soll er eine neue Zeit ausrufen, in der das Gottesrecht, das Recht ihres Gottes, regiert.
In Gottes Namen soll er, leise, aber deutlich sagen, wie es  weiter im Text heißt:
V 5 So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Lebensatem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen:
V 6 Ich, Gott, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für mein Volk und  zum Licht auch der anderen Völker
V 7 dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
V 8 Ich, Jahwe, das ist mein Name, ich will meinen Glanz keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen.
V 9 Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe es denn aufgeht, lasse ich's euch hören.

Der Knecht Gottes versucht die Menschen auf einfühlsame Weise hineinzuziehen in die Vision Gottes vom Leben.
Dort herrschen Gerechtigkeit und Recht.
Blindheit und Gefangenschaft, das Unrecht haben ein Ende.
Der Geist Gottes kann frei wehen, ohne Beschränkung,
ohne die Enge, die ihm bei uns immer wieder zugemutet wird.
Er kann es, wenn sein Recht, auf das die Völker schon so lange waren, aufgerichtet, verkündet, etabliert wird.
Das zu verkünden ist eine schwere Aufgabe für einen  Mann,
der, wie es in einem der anderen Gottesknechtslieder über ihn heißt heißt, „keine Gestalt hatte, die uns gefallen hätte.“
Sympathisch war er den anderen nicht, dieser Knecht.
Und sie haben ihn auch nicht gut behandelt, vorsichtig ausgedrückt, geschlagen, gefoltert, ihre Aggressionen über ihn ausgekippt.
Die Knechte Gottes, heißen sie Jesaja oder auch Jesus haben es nicht leicht gehabt.
Auf gewaltfreie Art und Weise, freundlich, sanftmütig sollten sie kommunizieren,
denn das ist die Art und Weise,
wie Gott trotz seiner mühsam gebändigten Kraft mit uns redet.
Sie sollten mit dieser Freundlichkeit und Sanftheit Weltgeschichte machen,
blinde Augen erhellen, die Gefangenen befreien, Gerechtigkeit in die Verhältnisse bringen.
Man sollte meinen, dass solche netten Menschen doch irgendwie durchdringen.
Sie erweisen anderen soviel Achtung und sogar Liebe und Einfühlungsvermögen
und Gott verspricht, sie bei der Hand zu halten und zu behüten.
Dennoch sterben sie oder werden abgelehnt.
Keiner von den beiden Genannten ist dem Weg der Freundlichkeit untreu geworden.
Besonders populär ist dieser Weg jedoch dadurch nicht geworden.

Gott setzt auf nette Menschen, die bewahren und schützen und anderen mit Sympathie begegnen.
Sympathie ist hier nicht oberflächlich gemeint.
Der Gottesknecht, wie gesagt, hat keine Gestalt, die besonders ansprechend ist und die Menschen, denen er sich zuwendet, liegen zerschunden und verarmt am Boden und sehen da nicht besonders gut aus.
Wir finden Menschen spontan sympathisch,
die etwas an sich haben, das uns gefällt,
äußerlich oder durch die Art, wie sie sich geben,
witzig, charmant, interessant.
Hier meint Sympathie die Fähigkeit, die in der wörtlichen Übersetzung deutlich wird: Mitleiden, mitfühlen.
Sich also in einen Menschen hineinversetzen und den Grund seines Leids, seiner Aggression erkennen
und darauf eingehen zu können, ohne sich selber untreu zu werden,
das ist die Aufgabe des Gottesknechtes.
Ich glaube, wir werden immer geübter darin, Dinge und Menschen, die uns unangenehm sind, auszublenden.
Es ist so leicht, dem vorbeigehenden Bettler auszuweichen, wenn man zu tun hat.
Und ein freundlicher, leiser Mensch, der durch die Gegend geht und Gottes Glanz verkündet,
das Rezept für die Beseitigung von Hunger und die Gewalt verliest,
der würde wie auch damals auf Spott und Ungeduld, ja sogar Aggression stoßen.
Und wir, die wir vielleicht noch höflich bleiben würden, wir müssen uns wohl fragen lassen:
Wie viel Raum geben wir dem Ungewohnten, Fremden
und wie viel Raum auch unserer Sehnsucht nach Freiheit, nach einer anderen Welt, einem besseren Leben für alle?
Was würde geschehen, wenn wir dem Blick des Gottesknechtes folgen
und zum Beispiel auf diese sympathisierende, mitleidende Art und Weise auf einen Obdachlosen schauen,
der tatsächlich sympathisch werden kann oder uns zumindest nahe kommt, obwohl er stinkt,
weil wir uns in ihn hineinversetzen, sich sein Leiden an dieser Art zu leben zu Herzen gehen lassen.
Und dann erwacht eine Art Zärtlichkeit, Fürsorge, Mitleid, die zu Taten drängt.
Ich denke, es hilft, wenn einer wie der Knecht, nicht schreit,
sondern die Menschen bei ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben packt.
In seiner ruhigen Art erkennt er, dass sie ja eigentlich, wie es im Text heißt, auf seine Weisung warten, aufatmen möchten, leben.
Gott setzt auf das Leise, nicht auf die Lautstärke,
auf die einfühlsame Hinwendung zum anderen, nicht auf das Bestehen auf dem eigenen Recht.

Fallen wir Gott manchmal auf die Nerven, habe ich eingangs gefragt.
Wir sind es gewöhnt, Gott zu preisen, als einen, der unendliche Geduld hat.
Toll ist es doch, dass der immer noch mit dabei ist und mit uns geht und mit uns leidet.
Das glauben wir zumindest.
Aber für einen, der genau weiß, wie das Leben besser werden könnte für viele,
und der auf diese sanften Menschen setzt, auf diese einfühlsamen Umgangsformen,
für so einen wie Gott muss es doch ab und zu schwer, sein, uns auszuhalten,
mit unseren lautstarken Auseinandersetzungen,
mit dem Gezänk beim Einkauf,
mit dem Gerangel an Schulen,
ganz zu schweigen von dem Lärm,
den Waffen zu jeder Tageszeit an Orten der Erde produzieren und dem Leid, das sie mit sich bringen.
Wie gerne, denke ich, würde Gottes Seele sich erholen,
wie gerne würde sein Geist der Liebe und Freiheit sich austoben in unserer Welt,
unbegrenzt Frieden säen und Gerechtigkeit zum Himmel wachsen lassen,
wie gerne würde er die Menschen bei ihrer Sehnsucht nach dieser Art Leben packen und mitziehen,
behutsam und freundlich durch die geöffnete Tür des Lebens.

Dazu braucht es allerdings Raum, freien Raum in unserem Leben.
Gott nimmt nicht so gerne Platz in der Pause zwischen Mathe und Deutsch-Hausaufgaben oder in der stillen Minute auf der Toilette,
nicht auf einer U-Bahnfahrt zwischen zwei SMS,
nicht beim Warten in der Schlange beim Einkaufen.
Er tut es, wenn es nicht anders geht, aber er wünscht sich mehr.
Er wünscht uns das Beste, was er zu geben hat, ein Leben in Freiheit, erfüllt von Freude und er bittet durch seine Boten um den Raum, den es braucht, um gelebt zu werden.
Er hat seine Boten geschickt, die verkündet und vorgelebt haben, was ihm am Herzen liegt.
Das müssen wir eigentlich nicht mehr tun.
Wir müssen nur hören und nachfolgen,
einem sympathischen Knecht, der unseren Ohren nicht wehtut und dessen Mitgefühl uns sicher ist,
einem Jesus, der uns die Freiheit gelehrt hat, ohne Besitz, ohne Feindseligkeit durch unser Leben zu gehen und doch von Gott gehalten zu sein.
Wir dürfen dieser Sympathie trauen, die Gott uns ans Herz legt,
müssen nicht rechten und uns behaupten, sondern können das Recht Gottes leben.
In seiner Rede erinnert Gott an den Beginn des Lebens, an die Schöpfung und sagt damit:
So wie mein Geist damals ungehindert geschaffen hat, so weht er auch durch euer Leben, wenn ihr ihn lasst,
so kann er durch eure Straßen wehen, wenn ihr euch meiner Sanftheit und Freundlichkeit öffnet,
durch die Orte eurer Arbeit, durch die Schule, durch euer Zuhause,
er kann in eure Traurigkeit kommen und in eure Angst und euch trösten und ermutigen,
er kann eure sichere Meinung über eure eigenen Grenzen und über andere Menschen durcheinanderbringen auf heilsame Art und Weise,
kann euch helfen euer Tun in eine andere Richtung zu lenken und eure Wut auflösen,
kann die Armen auch bei uns in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken und neue Wege öffnen, die ihr dann gemeinsam voller Achtung geht.
An jedem Tag, zu jeder Stunde kann Neues beginnen, wie am ersten Tag meiner Schöpfung.
Hören wir doch einen Moment auf mit dem Reden,
lassen wir, jetzt am Anfang des Jahres, die verschiedenen Räume unseres Lebens vor unserem inneren Auge auftauchen, jeder für sich,
und laden Gott ein,
mit seinem gleichzeitig liebevollen und drängenden Blick, mit seinem sanften und belebenden Geist frischen Wind hinein zu bringen und schauen, was sich verändert.
Gönnen wir uns 1 Minute der Stille.
Stille
Unser Alltag wird uns bald wieder fest im Griff haben.
Weihnachten liegt schon wieder eine Weile zurück.
Die nächste Atempause ist noch nicht so recht in Sicht.
Rechnen wir dennoch damit, dass alles neu werden kann,
jeden Tag,
dass Wunder geschehen,
wenn wir Gottes sympathischer Lebensweise folgen,
uns auf seinen mitfühlenden Blick einlassen
und hören zum Schluss ein Gedicht von Eva Strittmatter über die Offenheit unseres Lebens:



Mein Leben setzt sich zusammen:
Ein Tag wie dieser. Ein anderer Tag.
Glut und Asche und Flammen.
Nichts gibt es, was ich beklag.

Früher habe ich so gefühlt:
Irgendwas Großes wird sein.
Inzwischen bin ich abgekühlt:
Es geht auch klein bei klein.

Was soll schon Großes kommen?
Man steht auf, man legt sich hin.
Auseinandergenommen,
Verlieren die Dinge den Sinn.

Doch manchmal sind solche Stunden
Von Freiheit vermischt mit Wind.
Da bin ich ungebunden
Und möglich wie als Kind.

Und alles ist noch innen
In mir und unverletzt.
Und ich fühle: gleich wird es beginnen,
Das Wunder kommt hier und jetzt.

Was es sein soll? Ich kann es nicht sagen
Und ich weiß auch: das gibt es gar nicht.
Aber plötzlich ist hinter den Tagen
Noch Zukunft ohne Pflicht.

Und frei von Furcht und Hoffen
Und also frei von Zeit.
Und alle Wege sind offen.
Und alle Wege gehn weit.

Und alles kann ich noch werden,
Was ich nicht geworden bin.
Und zwischen Himmeln und Erden
Ist wieder Anbeginn.

Gönnen wir Gottes Seele ein Aufatmen,
machen wir in diesem Jahr etwas weniger Lärm,
hören auf seine Freundlichkeit, öffnen uns seinem liebevollen Blick
und erleben am eigenen Leib,
welche Wunder zwischen Himmel und Erde möglich sind.
Amen.