Sonntag, 16. November 2014

2 Kor 5, 1-10 Vorl. Sonnt. 2014 (Volkstrauertag, 9. November 1989)


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Sehnsucht – eine Triebfeder des Lebens, eine Schwester der Hoffnung.
Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist, aber sein soll.
Wie hätten die wenigen, die die Todeslager Deutschlands überlebten, das geschafft,
wenn da nicht die Sehnsucht geblieben wäre, dass eine Rückkehr ins Leben möglich wäre,
wenn sie nicht irgendein Bild dieses Lebens bewahrt hätten?
Wer nicht mehr die Kraft hatte, an dieser Sehnsucht festzuhalten, hatte noch weniger Chancen zu überleben.
Einfach war es, sich in den Strudel des Todes, fallen zu lassen.
Sehnsucht - sich nicht abfinden, mit dem, was ist, auch wenn nicht ganz klar ist, wie der Weg zu ihrer Erfüllung aussehen kann.
Sehnsucht nach einem Ende des Hungers und der Verfolgung ist es, die Menschen auf  unsichere Boote treibt.
Sehnsucht ist schwer abzustellen.
Das zeigte sich auch an den Rufen der Menschen, die in der DDR lebten,
und ihre Sehnsucht nach Freiheit lautstark in die Welt schrien.
Gegen eine Mauer, die als Damm gegen diese Sehnsucht errichtet worden war, sich aber als zu schwach erwies.
Nehmen wir uns einen Moment Zeit und überlegen jeder für sich:
Gibt es zur Zeit etwas, auf sich meine Sehnsucht richtet?
Und wie fühlt sich diese Sehnsucht an, quält sie oder bestärkt sie, lähmt oder beflügelt sie mich.
Pause
Sehnsucht ist eine Triebfeder der Menschen, behaupte ich, aber Sehnsucht hat keine Moral, ist nicht einfach gut.
Menschen sehnen sich nach Unerreichbarem und gehen dadurch an den Perlen der Gegenwart vorbei.
Die maßlose Sehnsucht, ein großes Volk zu sein, hat Deutsche wie große Teile der Welt an einen Abgrund geführt.
Todessehnsucht, Sehnsucht nach dem Himmelreich, weit weg von allem, was ans hässliche Dasein bindet.
Eine Art Opium gegen das Leiden?
Hören wir, wie Paulus von seiner Sehnsucht redet, die er im 2. Korintherbrief im 5. Kapitel beschreibt.
1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, so haben wir eine Wohnung, von Gott erbaut, ein ewiges Haus, nicht mit Händen gemacht, im Himmel. 2 Denn darum seufzen wir jetzt auch und sehnen uns danach, dass wir mit dem himmlischen Haus überkleidet werden. 3 So bekleidet werden wir nicht nackt erscheinen.
Denn solange wir in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. 
Paulus, ist das dein Ernst?
Unser Zelt auf Erden mag ungenügend sein.
Immer fehlt ein Hering um es festzumachen und ab und zu regnet es rein.
Und immer wieder wird Menschen ihr Zelt einfach weggerissen, ich weiß.
Aber sich auf den Tod freuen, sich nach dem Himmel sehnen, ist das die Lösung?
Ist es nicht im Gegenteil bewundernswert, wie Menschen sich ans Leben klammern,
immer noch Hoffnung auf Veränderung haben und auf ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben hören?
Und werden wir mit deiner Sehnsucht nach einem himmlischen Zuhause nicht allen Vorurteilen gerecht, die man gegen Christen hegt?
Meine Liebe, mag Paulus vielleicht antworten,
ich stehe so unter Druck, das kannst du dir nicht vorstellen.
Ich lebe in einer brutalen Welt, der ich nackt und schutzlos ausgeliefert bin. Ganz leicht kann ich untergehen.
Und meine Gemeinde in Korinth weiß mich ohnehin nicht recht zu schätzen.
Spott und Streit schlagen mir entgegen.
Was meinst du, wie schwer es mir fällt, an meiner Hoffnung und an meinem Glauben an Jesus fest zu halten.
Da hilft mir die Sehnsucht nach einem himmlischen Haus,
erfüllt von Gottes Güte.
Dort können wir uns die Fetzen vom Leibe reißen, die uns das Leben zumutet zu tragen.
Da können wir uns in Frieden zeigen, wie wir sind.
Da erfahren wir Gerechtigkeit nach allem Leid.
Das ist doch wunderbar.
Aber, versuche ich seiner Schwärmerei Einhalt zu gebieten, ist das nicht Weltflucht?
Kann Gott das wollen?
Lies meinen Brief weiter, antwortet Paulus.
5 Der uns aber dazu befähigt  hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. 6 So sind wir denn allezeit zuversichtlich, auch wenn wir wissen: solange wir in unserem Leibe wohnen, leben wir fern von Gott in der Fremde; 7 denn wir gehen als Glaubende unseren Weg, nicht als Schauende.
8 Wir sind aber zuversichtlich und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei Gott.
Das klingt auch noch nicht so richtig gut, sage ich vorsichtig.
Dann verstehst du nicht, was ich meine, erwidert Paulus.
Du kannst doch nicht leugnen, dass die Welt weit davon entfernt ist, ein friedlicher Ort zu sein.
Fühlst du dich hier richtig zu Hause?
Na ja, sage ich.
Na, ich hoffe nicht, sagt Paulus streng, angesichts der Masse von Hunger und Grausamkeiten, von Flucht und ...
Ist ja gut, sage ich schnell, ich weiß, habe ich alles im Blick.
Und, fährt Paulus wieder ruhiger fort,  ich weiß, dass es unpopulär bei euch ist, das Leben vom Tod her zu betrachten.

Ich bleibe ja auch und halte alles aus.
Aber ich glaube fest und zuversichtlich daran, dass ich auf Gott zulaufe,

auf ein helles und friedliches Zuhause, das ich hier nicht finde,
mit dem ich aber alles vergleiche, was hier ist.

Und mit dieser Zuversicht im Herzen weiche ich nicht aus, keinem Leid, das mir begegnet, keinem unechten Ton.
Ich stelle mich dem und setze alles, was ich habe und kann, dagegen,

weil ich durch Gottes Geist ein Gespür dafür habe, was richtig und falsch ist und was dem Frieden dient.
Ich schweige und bin doch etwas beeindruckt.
Paulus zeigt auf den Text und ich lese den Rest.

9 Darum suchen wir auch unsre Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim sind oder in der Fremde.
10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, was er getan hat bei Lebzeiten.

Gericht?, frage ich zweifelnd.
Ja, sagt Paulus.
Und was soll da kommen?, frage ich weiter?
Wenn wir vor Christus stehen, antwortet Paulus ruhig und gelassen, dann schaut er uns an mit Güte und Liebe und Verständnis.
Und er bringt uns alle dazu auf unseren Weg  zu schauen
und wir erkennen, was gerade und was krumm gewesen ist.
Und was ist das mit dem Lohn?, frage ich.
Das werden wir dann sehen, sagt er, aber ich habe keine Angst davor, dass dabei ein Höllenfeuer herauskommt.
Eher so etwas wie eine Läuterung, wenn sie den Sinn und den Unsinn ihres Lebens betrachten.
Das mag für manche recht unangenehm ausfallen, aber Jesus hat bisher noch jeden Sünder mit Hoffnung betrachtet.
Warum soll sich das im Himmel ändern?
Also ist deine Sehnsucht nach dem Himmel etwas, dass dir hilft zu leben?, frage ich.
Ja, sagt Paulus, und  ich empfinde es als große Ehre, dass mir die Augen geöffnet wurden durch Jesus Christus und ich mich auf dem richtigen Weg befinde.
Danke, sage ich und beende fürs Erste das Gespräch.

Das ist nicht populär.
Das Leben vom Tod aus sehen, von der Sehnsucht nach diesem guten Ende aus das eigene Leben betrachten – Wer tut das schon?
Der Soziologe Jean Ziegler beklagt, dass im Zuge des Kapitalismus
der Mensch das Gespür für die Einzigartigkeit des Lebens verliert
und nur noch als Produzent und williger Konsument von Interesse ist.
Er sagt: „
Indem der Mensch sich seiner Endlichkeit bewusst wird, ...., schafft er so etwas wie sein eigenes Schicksal.
Er wird sich seiner „radikalen Einzigartigeit“ bewusst.
Sein Leben ist einzigartig.
Ein Leben, in dem kein Augenblick dem anderen gleicht und in dem auch keiner jemals zurückkehrt.
Das führt zur Verantwortung dem eigenen Leben gegenüber
und in der Folge auch zur sensiblen Achtung der Einzigartigkeit jedes anderen Menschenlebens.“ (aus: Die Lebenden und der Tod)
Der Tod als Freund, als Lebenshilfe?
Menschen erleben, wie der Tod grausam in ihr Leben einbricht und die Liebsten mitnimmt.
Sie spüren, wie schwer es bei uns ist, Menschen zu finden,
mit denen sie diese Erfahrung  teilen können, auch über die Beerdigung hinaus.
Menschen, die am Ende ihres Lebens angelangt sind, Sterbende, können allerdings deutlicher  den Sinn und Unsinn ihres Lebens unterscheiden.
Das hat im Alltag bei uns jedoch kaum einen Platz.
Paulus sicherlich als Mensch noch Angst vor dem Tod, zumindest vor dem Sterben.
Aber er spürt die Augen Jesu, auf den er zuläuft, 
er kann seine Würde, seine Ehre darin finden, den ihm zugedachten Weg so gut wie nur möglich zu laufen
und er vertraut fest darauf, dass das was am Ende wartet, ein Haus des Friedens und der Gerechtigkeit ist.
Durch die Sehnsucht auf den Himmel Klarheit für das Leben gewinnen, ich denke darum geht es ihm.
Sie hilft, dass ich mich  nicht blenden lasse, wegführen lasse von der Einzigartigkeit jeden Lebens.
Diese Sehnsucht vergisst nicht, was Menschen angetan wurde,
nicht die Folgen der Kriege und Trennungen,
die bis heute ihre Spuren im Leben und den Persönlichkeiten der Familien hinterlassen und derer wir am Volkstrauertag gedenken.
Aber die Sehnsucht ist eine Kraft, die uns nach vorne treibt und,
wenn sie die Augen Jesu als Ziel hat,
mit anderem Blick auf die Welt sieht.
Wie kann das aussehen?
Ich wage es, Ihnen nochmal mit dem 9. November 89 zu kommen.
In dieser Nacht ist die Freude explodiert.
Menschen aus zwei getrennten Staaten sind sich in die Arme gefallen,
ein Moment überschwänglichen Glücks, in dem alles offen war.
Die Sehnsucht hatte ihr Ziel erreicht.
Aber was genau war ihr Inhalt?
Freiheit, ja, aber Freiheit wozu genau?
Die Sehnsucht nach dem goldenen Westen war unklar.
Das Bild von diesem Westen stimmt mit der Realität in diesem Westen nicht unbedingt überein.
Wäre es nicht gut gewesen, erst einmal Menschen, die gelernt hatten, den Mund zu halten,
mehr Zeit zu geben, ihre Erfahrungen  mit den anderen zu teilen?
Und ihnen von unseren zu erzählen?
Hätte man nicht in Ruhe überlegen können und das Beste aus beiden Staaten nehmen und daraus eine neue, gerechtere Ordnung schaffen können?
Das hätte man das tun müssen, wenn man wirklich Sehnsucht nach einem gerechten und partnerschaftlichen Leben gehabt hätte.
Die große Freude fiel schnell in sich zusammen,
auch wenn sich das Glück über die neue Bewegungsfreiheit,
das Ende der Diktatur in der DDR und den Fall der Mauer sicher bis heute hält.
Die  Stadt schrumpfte um die Hälfte der Bevölkerungszahl, die Arbeitslosigkeit nahm rapide zu,
ein Theater und Kino nach dem anderen,
eine Unzahl von Betrieben, den Gesetzen des Marktes nicht gewachsen, schlossen.
Bis heute ist bei vielen ehemaligen Bürgern der DDR Bitterkeit geblieben, obwohl sie sich die Zeit der DDR nicht zurückwünschen.
Verstehen Sie mich nicht falsch:
Nach wie vor gehört diese Nacht vom 9. November zu den zwei überwältigensten Ereignissen in meinem Leben.
Das 2. ist die Geburt meiner Kinder.
Aber ich kann mich auch an meine Enttäuschung erinnern, dass die große Chance dieses Augenblicks vertan wurde, im Land,
auch in der Kirche, die einen kräftigen Ruck ins Konservative machte.  
Und das ist schade, denn solche Momente gibt es nicht häufig,
Momente, in denen alles offen ist und die Karten neu gemischt werden könnten.
In der Sehnsucht nach Freiheit hätte die Sehnsucht nach echtem Zusammenwachsen stecken müssen.
Was haben die anderen zu bieten, was wir
und was sollte als neuer deutscher Staat unser Signal sein, vielleicht der friedlichste Staat Europas zu werden, so als Zeichen angesichts unserer Geschichte?
Sehnsucht ist nicht an sich gut.
Jesus wollte uns eine Sehnsucht nach einem friedlichen Leben ans Herz legen, das weit über das Machbare hinausgeht
und Grenzen überwindet, die ähnlich unzerstörbar erscheinen, wie einst die Mauer.
Darum, sagt Paulus, suchen wir auch unsre Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim sind oder in der Fremde.
Denn Gott
hat sich durch Jesus die Ehre gegeben,
die Ehre seinen Weg mit unserem zusammenzutun.
Der Himmel bei Paulus ist ein Ort der Klarheit, in der Liebe und Gerechtigkeit die Realität prägen.
Und Gott bittet uns von diesem Ort aus,
vergesst nicht euren Blick immer wieder zu heben auf dieses Ende bei mir.
Lasst das, worauf sich eure Sehnsucht richtet, nicht zu klein werden.
Prüft, ob sie euch wirklich gerecht wird.
Bezieht die Nöte und Sehnsüchte der anderen in eure Sehnsucht ein und lebt nicht an ihnen vorbei.
Gestaltet euer Leben so, dass ihr immer noch Verlangen nach mehr, nach dem „Haus im Himmel“ fühlt.
Lasst es zu, dass ihr den Druck dieses Lebens spürt, bei euch und anderen.
Diese Hoffnung auf eine neue Kleidung, ein neues Leben im himmlischen Haus ist keine Flucht, kein Opium.
Wenn ich die Fremdheit dieser Welt an mich heran kommen lasse und damit die Sehnsucht nach einem anderen Zuhause,
wenn ich die Endlichkeit meines Lebens und seine Einzigartigkeit ernstnehme und mich auf die Weite von Gottes Blick einlasse,
dann lebe ich wirklich in der Realität,
dann entwickle ich  ein Gespür  dafür, was dem Frieden dient.
Dann fühle ich mich bei Gott zu Hause
und in meiner Sehnsucht nach diesem Haus begegne ich Gott.
Auch heute.
Auch hier.
Amen


Samstag, 13. September 2014

Apg 6, 1-7, 13. S. n. Trinitatis 2014

Mit wertvollen Anregungen von Peter-Michael Schmudde aus der Facebook-Gruppe Ev. Predigtforum und den Predigtstudien hier mein Traktat zum Hunger der Witwen:


Apg 6, 1-7 13. Trinitatis 2014

Wie im Himmel.
Da sieht einer, wer ich bin,
Da gibt eine, was ich brauche,
Da nimmt jemand, was ich gebe.
Wie im Himmel.
Gespräche fließen, ineinander, ohne Mühe.
Ein Ton gibt dem anderen die Hand, breitet sich aus, fließt als Musik in die Welt.
Wie im Himmel.
Das Brot wird mehr, je mehr Menschen es teilen,
die Sonne küsst die Traube und wird Wein,
keiner steht draußen
und Gott ist keine Frage mehr, sondern da, einfach da.

Wie im Himmel,
so haben sich die Sklaven gefühlt,
damals in Jerusalem oder auch in Korinth
Da wurden sie,
endlich,
nach einem Tag voller Mühe,
spätabends von den Herren entlassen,
der Körper schrie nach Schlaf,
aber sie kamen doch in den Raum,
wo sich die Christen trafen,
und konnten essen und reden.
Schwestern und Brüder durften sie sein, nicht Besitz,
frei im Geist,
frei, die Welt zu sehen wie sie ist,
und gleichzeitig vom Himmel nicht nur zu träumen,
sondern ihn zu leben, selbstbewusst und liebevoll,
mit den anderen reichen und armen Menschen Jerusalems,
weil Er mitten unter ihnen war.
Wie im Himmel war es, erzählt Lukas in seiner Apostelgeschichte,
als alle, die gläubig geworden waren, beieinander  waren und  hatten alle Dinge gemeinsam
und machten ihre Habe zu Geld und teilten aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
Wie im Himmel fühlte sich das an,
jeden Tag einmütig zusammen im Tempel
das Brot brechen hier und dort in den Häusern,
wie im Himmel waren die Mahlzeiten, die sie gemeinsam mit Freuden aßen und mit lauterem Herzen.“ (Apostelgeschichte 2, 44-46 )
Wie im Himmel.

Sie kennen das vielleicht von früher:
Mit einem hässlichen Kreischen stoppt im dunklen Kinosaal der Film.
Das Band ist gerissen.
Das Licht geht an und jäh wird man heraus gerissen aus der Welt, in der man sich gerade befand.
So wird es auch Petrus gegangen sein, als ihm das Murren zu Ohren kam,
Sätze wie: Wir werden übersehen. Andere kriegen mehr.
Ein jäher Sturz aus dem Himmel.
Lukas berichtet im 6. Kapitel seiner Apostelgeschichte:
In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
3Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
4Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
6Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
7Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Witwen  - das sind die Schwächsten unter den Frauen,
sie haben keinen Schutz,
kein Schwager hat in sein Haus genommen, wie damals üblich,
mit ihren Kindern sind sie  auf Almosen angewiesen.
Aber sie waren nicht so hilflos, wie man denkt.
Von jeher, so berichtet die Bibel, haben sie Gott auf ihrer Seite.
Auf ihre Gebete hört er, Gott tritt für sie ein.
Und sie selber machen Besuche in den Gefängnisse, kümmern sich um die Armen
und bringen das Leid anderer durch ihr Gebet vor Gott.
Den Altar Gottes nannte man sie in der jüdischen Gemeinde, auch wegen ihrer Bedürftigkeit, aber vor allem wegen ihrer spirituellen Verbindung zu Gott und ihrer Taten.
Die Gemeinde wird daran gemessen, wie sehr sie diesen Altar im Blick behält.
Witwenlobby würde man vermutlich heute diese Gruppe nennen.
Und es ist nie gut, eine Lobby zu übersehen.
Dieses Selbstbewusstsein der Witwen klingt auch aus unserem Text.
Mit klarem Blick benennen sie, was den Himmel zerstört, in dem sich die anderen zu sein wähnen.
Da wo sie nicht satt werden, kann kein Himmel sein.
Eine klare Ansage.
Griechische und jüdische Witwen müssen gleichberechtigt behandelt werden in einer Gemeinschaft, in der es doch angeblich nicht Jude, noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau geben soll, sondern alle eins sind in Christus.
Und es ist Petrus hoch anzurechnen, dass er nicht beschwichtigt, sondern erschrickt
und die Sache sofort zur Chefsache macht:
Hunger, da haben welche Hunger in der Gemeinde.
Das gibt es doch nicht.
Bisher gingen Leib- und Seelsorge, Nahrungsbeschaffung und Predigt Hand in Hand.
Das sollte im Himmel kein Problem sein, aber, so erkennt Petrus, anscheinend sind er und die anderen Apostel doch noch Menschen und keine Engel.
Und als Menschen sind sie überfordert.
So schlägt er eine Arbeitsteilung vor und trennt die Aufgaben.
Stephanus, als Vertreter der Griechen, kümmert sich mit den anderen Männern um die gerechte Verteilung unter den Witwen.
Und Petrus hat mehr Zeit für seine Predigten.
Das hat die Kirche übernommen und ihre Organisation danach ausgerichtet:
Jeder und jede übernimmt seine/ihre Aufgaben, entsprechend der eigenen Gaben.
Eigentlich schade, dass das seither so auseinanderfällt, was eigentlich zusammengehört, auch wenn es die Kirche über die Jahrhunderte getragen hat.
Mehr als schade, meine ich,
denn es zerstört das, was als Einheit gedacht wurde,
dass wir nicht nur in Gedanken, sondern eben mit Leib und Seele vom Traum Jesu erfasst werden.
Was die ersten Christen so anziehend machte, ist doch gerade das,
dass sie wie Jesus die einfachen Dinge wie Essen und Trinken und gleichberechtigte Geselligkeit in den Vordergrund stellten.
Das nannten sie Himmel oder von mir aus auch Reich Gottes.
Sie haben keine Sonderwelten geschaffen,
sie teilten ihren Alltag und wenn der Himmel nicht ihren Alltag prägt, wo sonst sollte er seinen Anfang nehmen?
Dinge zu trennen, die eigentlich zusammengehören wie Leib und Seele,
das verführt dann doch dazu, manche Dinge wichtiger zu nehmen als andere, Dienste zu bewerten.
Es verführt dazu, das Wort ernster zu nehmen als den Magen und nicht zu sehen, dass ein leerer Magen einfach alles andere verhindert.
Dagegen wehrt sich Lukas in all seinen Schriften:
Er schreibt vom Hunger, immer wieder und davon, was der Hunger aus Menschen macht.
Er will, dass der Schrecken des Petrus über den Hunger zu unserem wird
und keiner den Ton abstellt, wenn das Schreien hungernder und leidender Menschen an unser Ohr dringt,
so wie der barmherzige Samariter es einfach nicht schafft, an dem stöhnenden Verletzten vorbei zu gehen.
Es war einer der größten Fehler der Kirche, meiner Meinung nach, Räume zu schaffen, in denen der Alltag ausgesperrt wird.
Große, imponierende Räume, wie der Kölner Dom, so schön wie er sein mag, das wirkt auf mich eher  wie ein Museum für den allmächtigen Gott.
Aber mit den Menschen, die damals Brot und Wein teilten und in den Häusern zusammen kamen, um so den Himmel, den Gott ihnen eröffnet hat, zu feiern,  mit diesen Menschen hat das nicht mehr viel zu tun.
Und mit Gott, wie ihn uns Jesus nahebringen wollte, wohl auch nicht.
Und so geht es nicht nur mir, so ging es Menschen zu allen Zeiten.
Der Protest des Lukas gegen den Hunger und gegen den Rückzug der Hoffnung und Liebe aus dem Alltag in sichere sakrale Räume zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte.
Die Mönche haben als erste versucht, das, was auseinanderdriftete, das alltägliche Leben und den Glauben, wieder zusammen zu bringen.
Franz von Assisi war da am radikalsten.
Martin Luther fällt mir ein und sein Protest gegen den Ablass, sein Versuch, das Evangelium durch die übersetzte Bibel und Lebenshilfen wieder in das Leben der Menschen zu bringen, keine Priesterkaste, sondern das Priestertum aller Gläubigen.

Der Himmel, damals wie heute, ist zu für viele Menschen.
Sie stehen draußen.
Aber sie lassen es sich nicht gefallen.
Wie die Witwen fordern sie ihr Recht auf Leben, klagen stumm und laut, rufen nach Hilfe, rufen nach den Geschwistern und fordern Gehör, in Syrien und im Irak und in vielen Ländern der Welt.
Auch bei uns.
Wir sind Menschen und keine Engel.
Und mit den Schreien müssen wir leben, weil wir nicht alles auf einmal ändern können.
Aber hören können wir sie und erschrecken und tun, was wir eben tun können.
Zusammenkommen können wir im Gottesdienst und unseren Alltag mitbringen
einen Sinn bekommen, gemeinsam, für das, was im Leben zählt und empfindlich werden, wenn das zerstört wird.
Träumen können wir zusammen, laut und mit offenen Augen
und den Himmel feiern, wann immer er uns begegnet,
Denn im Himmel Gottes geht alles Hand in Hand,
Leib und Seele, Geist und Magen,
auch hier, wenn nach einem etwas verunglückten Gemeindeabend, sich alt und jung einig sind wie selten
und nach dem Abwasch hier in der Kirche die Kerzen brennen und man Friedrichs Musik hören darf,
himmlisch, wenn das eigentlich abgedroschene Lied Möge die Straße an besonderen Anlässen immer noch zu Tränen rührt,
himmlisch, wenn wir uns begegnen mit Wertschätzung und uns gegenseitig aufmuntern und helfen,
uns erzählen, was unsere durch die Liebe Gottes empfindsam gewordenen Seelen alles erlebt haben,
himmlisch auch, wenn wir es schaffen, im  Alltag ein Gespür zu haben für das, was unser Leben lebenswert macht und die Welt zu einem liebenswerten Ort,
für alle, nicht nur für mich – darum geht es doch, oder?
Platz lassen für die Hoffnung, das die Welt gut wird, auch durch mich,
Platz lassen für den Geist Gottes,
der seine eigene Art hat, alles und alle immer wieder in Bewegung zu setzen,
aber der sich dort am wohlsten fühlt,
wo Geschwister einträchtig unter ihrem Feigenbaum und Weinstock sitzen und essen und trinken und füreinander den Himmel auf Erden entdecken,
 himmlisch, wenn das alles hier zusammen kommt, im Gottesdienst und auch danach.

Denn, wenn einer sieht, wer ich bin,
und eine gibt, was ich brauche,
wenn jemand annimmt, was ich gebe.
Dann ist das doch wie  im Himmel.
Wenn Gespräche ineinanderfließen ohne Mühe.
Und ein Ton dem anderen die Hand gibt, sich ausbreitet und als Musik in die Welt fließt.
Himmel.
Wenn wir unseren Glauben teilen, dass das Brot mehr wird, je mehr Menschen es teilen,
und die Sonne küsst die Traube und wird Wein,
und keiner draußen steht.
Himmel.
Dann ist Gott keine Frage mehr, sondern da, einfach da.
Und wir auch, als seine Strahlen, die weiter reichen und mehr erhellen können, als wir uns zutrauen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Lied: Strahlen brechen viele aus einem Licht.

Dienstag, 26. August 2014

1 Kön 19 Predigt zum Jugendaustausch mit dem Opferdorf Lechovo in Griechenland


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da da war und der da kommt.

1943. Passahfest.
Wie alle jüdischen Familien erhebt sich auch die Familie des damals 15 jährigen Schriftstellers Eli Wiesel, um den Propheten Elia zu begrüßen.
In einem Feuerwagen ist Elia von Gott in den Himmel entrückt worden.
Und er wird wiederkommen und die Herzen der Menschen einander zuwenden und alle Rätsel des Lebens lösen.
Danach sehnen sich alle, nach Hilfe in Not, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, gerade in diesen Tagen mitten im II. Weltkrieg.


Eli Wiesel, als  jüngstes Kind, geht zur Tür, um den Propheten hereinzubitten.
Wie immer – bisher – steht da niemand.
Ein Mann ist dieses Jahr bei ihnen zu Gast.
Er hat zu viel gesehen, als dass er die Hoffnung auf Rettung noch teilen kann.
„Gott greift nicht ein“, schreit er plötzlich los.
„Kinder werden vor den Augen ihrer Mütter erwürgt.
Ich habe so viele Gräuel auf den Straßen gesehen.
Ihr habt keine Zukunft.
Gott greift nicht ein.  Elia kommt nicht. Niemand kommt.“
Und damit verschwindet der Gast so plötzlich, wie in der biblischen Geschichte der Prophet Elia.


Kurz darauf wird die Familie nach Auschwitz deportiert.
Elie Wiesel überlebt als einziger.  
Für ihn ist dieser Gast der Prophet Elia selbst gewesen.
Er hält es aus, der Realität ins Auge zu sehen und sagt:
Gott kommt nicht. Nicht wie ihr es euch erhofft. Ihr müsst euren Weg gehen.


Juli, 1944. Lechovo, ein Bergdorf in Griechenland.
Ein Kommando der deutschen Wehrmacht zerstört unter einem Vorwand das Dorf, mordet und brandschatzt.
Im Gegensatz zum Nachbardorf Klessura werden hier nur wenige Menschen umgebracht.
Dort aber beinahe alle Frauen und Kinder.
Die Männer von Klessura halten sich versteckt.
Keiner glaubt, dass die Deutschen derartig grausam hilflose Familien niedermetzeln würden.
Das ist ein Irrtum.


Nicht alle, aber viele Menschen aus Lechovo können sich aus dem Dorf auf einen nahgelegenen Hügel retten.
Einer der Zeitzeugen, mit dem wir bei unserem Besuch gesprochen haben, war damals ein kleiner Junge.
Er erzählt, wie er auf sein brennendes Dorf geschaut hat.
Es ist kalt und regnet.
Für ihn ist es, als sei das Ende der Welt gekommen. 
Sie haben nichts mehr, kein Haus, kein Essen.
Ihre Nachbarn sind tot. 
Dass sie die folgende Zeit überlebt haben, ist eigentlich ein Wunder.
Auch hier hat Gott nicht verhindert, dass diese Schreckenstaten geschahen.
War Gott nicht da?  

Gott ist da, verkündet wütend der Prophet Elia um 900 v. Christi.
Gott ist da.
Er schleudert es dem König Ahab und seiner Frau Isebel ins Gesicht.
Nicht eure Götter, nicht die Ungerechtigkeit will er, schreit er
und beschwört Feuer und Dürre über das Land herab.
Das lassen sich Herrscher, Diktatoren nicht gerne gefallen lassen.
Elia flieht, flieht vor  den Folgen seines gerechten Zornes, der die Macht Ahabs nicht ins Wanken gebracht hat,
wie kein Zorn, auch kein Weinen und Klagen kaum jemals Diktatoren und Soldaten und Folterknechte gestoppt haben,
flieht vor den Soldaten Ahabs bis in die Wüste.



Der Zorn ist Elias Motor,
der Zorn über die Ungerechtigkeit gibt ihm Kraft.
Doch dann kommt Sand ins Getriebe.
Gott mag auf Elias Seite sein, aber er steht ihm nicht bei.
Nicht so, wie es Elia wünscht.
Elia ist am Ende. Keiner hilft ihm mehr.
In der Wüste legt er sich hin und will sterben.


Und Gott kommt. So erlebt es Elia.
Ein Engel oder so etwas Ähnliches,
vielleicht auch einfach ein vorbeiwandernder Beduine,
Elia kann es nicht richtig erkennen,
reicht ihm Brot und Wasser und zeigt ihm den Weg zu einer Höhle im Berg.
Das ist alles.
Sich aufraffen aus der Todessehnsucht und den Weg gehen – das muss Elia selber tun.

Auf dem Berg Horeb geht Gott an Elia vorbei und zeigt ihm ein für allem mal:
Ich komme nicht. 
Nicht so, wie du es dir wünscht.
Ich greife nicht ein.
Ich bin nicht im Zorn des Sturmes, nicht in der Gewalt des Erdbebens, nicht in der Kraft des Feuers.
Ich bin im sanften verschwebenden Schweigen.

Und Elia tritt heraus aus der Höhle und stellt sich dem Schweigen Gottes.
Er erlebt in dieser Stille die größte Einsamkeit, das Ende seiner Welt,
ein Absturz nach seinem gerechten Zorn,
aber er erlebt auch einen Moment großer Klarheit.
Gott greift nicht ein, wenn gemordet und gebrandschatzt wird.
Aber er ist da.
Gott wirft kein Feuer vom Himmel.
Aber Gott will, will unbedingt, dass Elia weitergeht und hilft und von Gerechtigkeit redet in seinem Namen und andere damit ansteckt.

Gott schweigt, aber es ist ein beredtes Schweigen.
In seinem Schweigen fühlt er den Schmerz Elias und der gequälten Menschen.
In seinem Schweigen urteilt Gott ganz klar über Grausamkeit und Unrecht.
Sonst gäbe es keinen Grund zu ihm zu beten, wie es die Menschen getan haben, immer wieder, in Lechovo,  und auch in Auschwitz.
Im mitfühlenden Schweigen Gottes weiß sich Elia, wissen sich diese Menschen verstanden.
Nichts wird weggewischt, nichts verharmlost.
Elia holt sich Kraft aus diesem Schweigen,
die Kraft, seinen Weg weiterzugehen, für die Menschen, für deren Recht auf Leben.

Solche Menschen hebt Gott in den Himmel. 
Für sie schickt er auch einen Feuerwagen (eine Wolke wäre mit lieber gewesen) und befreit sie von der Enge, in die andere sie gestoßen haben.
Die Bewegung, die wir hier in der Skulptur sehen,
ein einziger Zug nach oben,
so reißt Gott durch sein Mitgefühl aus der Hoffnungslosigkeit und aus dem sinnlosen Zorn und aus der Verzweiflung, die Menschen schwächen.  


Dieses Bild haben wir malen lassen von Arno Bruse, der heute auch hier ist, und es hängt jetzt im Haus des Kulturvereins Profitis Elias in Lechovo.
Das Bild zeigt unsere Verbindung und unsere gemeinsame Hoffnung.
Elia, der Schutzheilige Lechovos,
Elia, der Gerechte, der in den Himmel gehoben wird,
Elia, dessen Ikone 1944 einem Pfarrer in Lechovo das Leben rettet, der es als Schutzschild vor seinen Kopf hielt, so dass die Kugel die Ikone traf und nicht den Kopf,
Elia, der sich also auch für ein Wunder am Rand der Katastrophe nicht zu schade ist,
aber vor allem Elia der, wie es viel später der Prophet Maleachi über ihn sagt,
Elia, der kommen wird und die Herzen der Väter zu ihren Kindern wenden und die Herzen der Kinder zu ihren Vätern wenden wird.

Einander die Herzen zuwenden,
das macht nicht ungeschehen, was damals 1944, was in der shoa geschehen ist.
Einander die Herzen zuwenden, das haben wir jedoch erlebt, als wir die Woche in Lechovo waren,
die Herzlichkeit der Menschen dort, die offen dafür ist, gemeinsam weiter zu gehen,
versöhnlich, ohne zu vergessen,
nach vorne schauend, ohne die einfach hinter sich zu lassen, die damals gelitten haben und ermordet wurden.


Jesus hat, wie die Juden damals und heute, ebenfalls auf Elia gewartet.
Ob er geahnt hat, dass er selber 2000 Jahre später für uns zu einem Hoffnungsträger wird, auf dessen Wiederkehr wir warten, ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass er für uns die Tür zum mitfühlenden Schweigen Gottes geöffnet hat, das ansteckt und uns zueinander führt.
Gott ist da, wenn wir einander unsere Herzen öffnen,
den Schmerz teilen und auch die Freude, und gemeinsam nach Gerechtigkeit fragen.

Dann gibt es diese Momente, wie sie die Jugendlichen aus Berlin mit den Jugendlichen aus Lechovo erlebt haben,
dass beim Tanz auf den Festen in Lechovo alle gemeinsam abheben und einen Moment über den Wolken sind,
sich die Freiheit nehmen über alle Grenzen und kulturellen Unterschiede hinweg das Leben und eine gemeinsame Zukunft zu feiern.

Ist Gott da?
Es gab und gibt immer wieder Momente, da fällt es mir schwer das zu glauben, zuviel Leid, zu viel Ungerechtigkeit.
Aber und das sind die Stärken der Juden und ich behaupte auch die Stärken von uns Christinnen und Christen:
Wir halten es aus hinzusehen, den Schmerz so vieler Menschen an uns heran kommen zu lassen.
Wir trauen uns, einander die Herzen zu öffnen, uns unser Leben zu zeigen, Deutsche und Griechen,
wir versuchen gemeinsame Schritte zu gehen im Gedenken an die Opfer und in Richtung einer Zukunft mit mehr Gerechtigkeit für alle.
Darin wissen wir Gott an unserer Seite.


Und letztlich erwarten wir alles von ihm, der schweigt und doch ganz nahe bei uns ist,
auch dass sich eine Tür öffnet und jemand kommt,
der uns den Weg in den Himmel zeigt,
wenn es nach mir geht den Weg in den Himmel auf Erden.
Wir warten
und solange wir das tun, schauen wir genau hin,
feiern gemeinsam jeden glücklichen Moment auf den Wolken, der uns geschenkt wird,
feiern die Freiheit, die Gott uns schenkt,
und arbeiten gemeinsam an einer Zukunft, die es wert ist, gelebt zu werden.
Von uns allen.
Amen.









Mittwoch, 4. Juni 2014

Röm 8 und Apg 2 Pfingsten 2014


Predigt zum ökumenischen Gottesdienst mit Anglikanern und Ev. Nachbargemeinde nach gemeinsamer Prozession durch den Westend (Berlin Charlottenburg). 


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt!

1970 hält die Welt den Atem an.
Das stark beschädigte Raumschiff Apollo 13 ist auf  dem Rückflug zur Erde.
Alle Katastrophen hat sie überstanden.
Jetzt steht das Wiedereintauchen in die Erdatmosphäre bevor.
Wird sie es schaffen?
Ist der Eintrittswinkel mit den beschädigten Instrumenten richtig berechnet?
Oder wird das Raumschiff an der Erdatmosphäre abprallen wie ein Pingpongball und ins All hinausgeschleudert werden?
Die Mondfähre schafft es, die Welt atmet auf.


Um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung hält die Welt den Atem nicht an.
Das tut nur Gott im Himmel.
Es geht um Jesus, sein Pilotprojekt.
Jesus ist einer seiner wichtigsten Hoffnungsträger.
Manchmal möchte ihn Gott sogar seinen Sohn nennen.
Jesus ist jedoch in die Mühle der römischen Gerichtsbarkeit geraten,
hat gelitten unter Pontius Pilatus, wurde gekreuzigt, starb und wurde begraben.
Aber Gott hat sich nicht abweisen lassen von diesen Tatsachen.
Alle Katastrophen hat er überwunden, ist in die Tiefe des Todes gestiegen, mit Jesus und hat dafür gesorgt, dass das Leben das letzte Wort hat.
Jetzt, denkt er, jetzt geht es los.
Die Botschaft der Liebe und des Friedens wird die Welt verändern, sich ausbreiten.

Gespannt hält Gott den Atem an....
Und nichts passiert.
Unruhig blickt er nach Jerusalem.
Wo um alles in der Welt sind die denn?
Wie? In den Häusern? Im Dunkeln? Zitternd? Voller Angst?
Wie kann das sein?
Hallo Leute, denkt Gott, hatten wir nicht eben eine Auferstehung?
Habt ihr nicht gerade erst begeistert gerufen: Er lebt, wahr und wahrhaftig?

Ich verstehe Gottes Staunen gut:
Der Wiedereintritt Jesu und seiner Botschaft in die Erdatmosphäre ist geschafft.
Was kann da noch schiefgehen?
Das wäre ja so, als ob die Apollofähre nach allem aus Versehen im falschen Meer landete und verloren ginge.
Doch es ist so: Der Funke des Lebens breitet sich nicht aus.
Die Welt nimmt ihn überhaupt nicht wahr.
Alles redet, handelt, läuft weiter wie zuvor.
Und die Jünger und Jüngerinnen verstecken sich,
anstatt die Welt aus den Angeln zu heben vor lauter Glück und Freude.
Ein Flop, wie er schlimmer nicht sein kann.
Gott schüttelt den Kopf.
Einmal noch, denkt er, einmal versuche ich es noch.
Und er sammelt die ganze Kraft seiner Liebe zusammen und schickt seinen Geist,
hinunter nach Jerusalem, in die dunklen Häuser.  
Er durchbricht die Atmosphäre der Angst und Resignation
und hebt die Welt für einen Moment in die Luft.
Die Leichtigkeit seiner Liebe erreicht die Herzen der Jüngerinnen und Jünger,
und setzt sie in Bewegung.
Alle Schranken fallen.
Pfingsten. Nicht zu übersehen.
Die Freude Gottes tanzt auf den Straßen, teilt sich allen mit, in allen Sprachen der Welt.
Yolo, wohin man blickt.
Gott lehnt sich aufatmend zurück.
Die Liebe hat den Eintritt in die Atmosphäre geschafft.
Der Geist wohnt in den Menschen.
Jetzt sind die dran, denkt er beruhigt, und erholt sich bei einer wohlverdienten Pause.

Wir wissen, dass es dann wirklich losging.
Gemeinden entstanden,
die Christen ließen sich keine Angst mehr machen,
jedenfalls nicht soviel, um sie zum Schweigen zu bringen.
Leicht war das dennoch nicht.
Und sie mussten sich gegenseitig immer wieder klarmachen, dass ein anderes Leben tatsächlich möglich ist.
Das hat auch Paulus versucht, im 8. Kap. des Römerbriefes:
Der Geist Gottes wohnt in den Menschen, erinnert er seine Leute.
Der Geist macht lebendig, weil es der Geist Gottes ist, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Ihr habt es immer wieder schwer, klar, sagt er,
es ist nicht so leicht, sich von den Gewichten zu befreien, die uns am Boden halten.
Unser Körper, die Grenzen, in denen wir leben, die haben ihre eigenen Gesetze.
Wer sich aber ganz an die Grenzen hält, die das Leben, die die Welt ihm setzen,
wer seine Kraft ganz darauf konzentriert, in diesen Grenzen sein Leben zu gestalten,
der hat keine Kraft mehr übrig für ein Leben im Geist Gottes,
der weist ab, was ihm zum Leben verhilft.
Trifft aber auf euch nicht zu, muntert Paulus seine Leute auf.
Gottes Geist wohnt in euch.
Ihr mögt unter den Grenzen des Lebens leiden wie alle anderen auch,
aber wenn ihr auf Gottes Geist vertraut, dann geht mehr.
Wenn ihr euch anrühren lasst, umtreiben lasst, dann bewegt sich etwas.
Gott ist da.
Er weckt uns immer wieder zum Leben auf.
Öffnet uns für seine Gerechtigkeit.
Traut uns ganz viel zu und schickt uns die Kraft seiner Liebe.
Es ist an euch,  euch zu erlauben, ein Leben im Geist zu führen, meint Paulus.
Ich sag nur soviel: Es ist möglich.

Netter Versuch, Paulus.
Aber Behauptungen, so gut sie auch gemeint sein mögen, helfen nicht immer weiter.
Gott kann Freude und Liebe schicken wie er will,
bei vielen prallt das ab.
Der Eintrittswinkel scheint sehr schmal für den Geist Gottes,
der in der Atmosphäre unseres Lebens alles zu Gerechtigkeit und Freude wandeln will.
Wie soll das gehen, so im Alltag?
Wie kriegen wir das gemeinsam hin?
Besuchen wir ein zweisprachiges Pärchen:  

Tom:   Anna?
Anna:  (steht abgewandt da, dreht sich nicht um) What?
Tom:   Du bist so abweisend.
Anna:  (schaut ihn an, versteht den Ausdruck nicht) Abweisend?
Tom:   You’re so off to me.
Anna:  Oh, come on, Tom! Just leave me  alone!
Tom:   Aber ich will dich nicht alleine lassen. Du hast doch was?
Anna:  LEAVE ME ALONE! 
Tom:   O.k.. (geht beleidigt zur Seite. Pause, dreht um und kommt wieder.)
            Anna?
Anna:  For heavens sake, Tom!
Tom:   Ich habe gedacht, ich lade dich zum Essen ein.
Anna:  (wütend) Zum Essen einladen?
Tom:   I want to ask you for dinner.
Anna:  I understood that.
Tom:   O.k?
Anna:  They say, I’m fat.
Tom:   Du? Dick? Wer sagt das?
Anna:  Carol and Marie. And they’re right.
Tom:   So was Blödes! They are damn silly, Anna.
Anna:  No, they aren’t. And from now on, I won’t eat any sweets, any nudels, any potatoes, any cheese, any cream for the rest of my live!  Just vegetables! Raw!
Tom:   Du spinnst. Rohes Gemüse? Keine einzige Nudel? Dein ganzes Leben lang? Das hältst du nicht eine Woche durch.  Hör mal. (legt den Arm um sie)  Du bist wunderbar, du bist klug, du bist wunderschön, du hast soviel Phantasie und Kraft in dir, du bist liebevoll zu anderen und hilfst immer, du hast ein tolles Lachen. Gott hat einen Volltreffer mit dir gelandet.
Anna:  Really? Oh, please, could you say that again.
Tom:   You are marvellous, you are smart, you are wonderfully beautiful, you have so much power and imagination, you are caring to others, you have such a hearty laugh. God shot in Bull’s eye, when he created you. O.k.?
Anna:  (denkt einen Moment nach) O.k.
Tom:   So, which restaurant?
Anna:  Italien?
Tom:   Great.
Anna:  Lasagne?
Tom:   Wonderful! Let’s go.
           

Jetzt sind die dran, sagte Gott nach dem Ereignis in Jerusalem.
Und er kann beruhigt sein.
Wir tanzen nicht immer auf den Straßen,
aber heute zum Beispiel waren wir nicht zu übersehen bei der Prozession durch den Westend.
Wir stecken manchmal fest in unserem Leben, in unserem Körper,
und können die Grenzen nicht einfach beiseite schieben, in denen wir leben.
Und manchmal leiden wir, leiden unsere Geschwister sehr.
Aber wir haben uns, haben die Menschen in den Gemeinden, in der weltweiten Kirche, um uns daran zu erinnern in allen Sprachen der Welt:
Gottes Geist der Liebe wohnt in mir, in dir.
Und das zeigen wir
im Mut neue Wege zu gehen, in den Gemeinden und in unserem Alltag.
in der Kraft, die Grenzen zu verrücken, die uns und andere am Leben hindern,
und Nudeln zu essen, allen Waagen zum Trotz.
Wir zeigen es in unserer Klarheit, mit der wir gegen Hass und Vorurteile angehen, die andere an den Rand zu stellen,
in der Liebe, durch die wir in jedem von uns einen Volltreffer Gottes erkennen können.

wer es könnte,
sagt die Dichterin Hilde Domin,
wer es könnte,
die welt
hochwerfen
dass der wind
hindurchfährt
Gott hat es getan, an Pfingsten, mit seinem Geist.
Für uns.
Er hat die Welt hochgeworfen und den Wind der Liebe in die Herzen der Menschen strömen lassen.
Er tut es noch immer.
Gott hat durch Jesus Christus den Einfallswinkel so vergrößert, dass  der Wind seines Geistes alle erreichen, und alles erreichen kann.
Machen wir uns immer wieder Mut, abzuschütteln, was uns begrenzt,
wie Tom Anna Mut gemacht hat,
wie Paulus seine Gemeinden immer wieder aufrüttelt,
wie Gott uns am Pfingstfest auffordert:
Tanzt, tanzt auf den Straßen.
Werft die Welt hoch, dass der Wind meiner Gerechtigkeit hindurchfährt.
Amen.