Sonntag, 18. November 2018

Apk 2 Gedenken I. Weltkrieg, Volkstrauertag und Vorletzter Sonntag 2018

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! 

Der Schmerz sargt uns ein

in einem Haus ohne Fenster. (Hilde Domin)
Etwas rollt auf uns zu. 
Wir merken, wir können nicht ausweichen.
Sie bedrängen uns,
mit Worten, verletzend, bösartig.
Gefängnis droht und Schlimmeres.
Wie kommen wir da durch, ohne uns selber und Gott untreu zu werden?
Der Himmel zieht zu. 
Dunkle Wolken drücken aufs Herz.
Die Hoffnung, Gott schafft bald Frieden auf Erden, 
hat die Christen in Smyrna, dem heutigen Izmir beflügelt. 
Jetzt schwindet sie dahin.
Das wird nicht gutgehen.
Der Kaiser Domitian fordert mehr als die Anerkennung seiner Macht.
Nennt mich Herr und Gott, sagt er. 
Dann schütze ich euch. 
Gliedert euch ein oder ihr sterbt. 
Gerade in Smyrna wird dieser Kult groß gefeiert.
Gladiatorenspiele brauchen neue Opfer. 
Auch in der jüdischen Gemeinde, bisher geschützt von der Religionsfreiheit, werden sie unruhig. 
Mehr Steuern, öffentliche Anbetung des Kaisers?
Einige erliegen der Versuchung und lenken ab.
Sie zeigen mit Fingern auf die Christen, von denen sich die jüdische Gemeinde ohnehin distanziert hat.
Sie lenken den Blick der staatlichen Behörden auf sie.
Es wird eng. 
Kein Geld um Beamte zu bestechen – 
Die Gemeinde ist arm.
Die Christen fragen sich: 
Laufen wir nicht in eine Sackgasse ohne Ausweg?
Leben wir eingesperrt in einem Haus ohne Fenster, das einer bald anzündet?
Werden wir den Schmerz ertragen oder 
unserem Glauben untreu werden an den Herrn, der den Himmel offen hält für alle? 
Da kommt ein Brief, einer der trösten und aufrichten möchte.
Von Johannes, ihrem Gemeindegründer.
Der lebt verbannt auf der Insel Patmos und schickt ihnen das Diktat Gottes, so jedenfalls sieht er es: 
Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe:
"Das sagt der Erste und der Letzte,
der tot war, nun aber lebt:
Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut,
- du bist jedoch reich -,
und die bösen Gerüchte (über dich) von denen, die sich Juden nennen, aber keine sind.
Fürchte nichts von dem, was du erleiden musst.
Sieh, man wird einige von euch ins Gefängnis werfen,
so dass ihr auf die Probe gestellt und zehn Tage bedrückt werdet.
Sei getreu bis in den Tod,
so will ich dir die Krone des Lebens geben.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.
Wer diese Probe besteht,
wird vom zweiten Tod nichts mehr erleiden müssen.
Ganz anders ist die Stimmung auf den Straßen Berlins im August 1914.
Männer laufen in Reih und Glied,
das Gewehr über die Schulter gehängt, 
das Herz voll mit vaterländischem Jubel und Stolz.
Am Straßenrand winken ihnen 1000e von Menschen zu.
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben,
rufen die Pfarrer aus den Kirchen.
Mit Gott in den Krieg für Kaiser, Volk und Vaterland, rufen sie zurück. 
Ihr kleines, alltägliches Ich, das kleine Kreise zieht, 
bläht sich auf im großen Wir des Deutschen Volkes.
Keiner will draußen bleiben. 
Kadavergehorsam im Deutschen Reich.
Gib dein Ich an der Garderobe ab. 
Werdet wie ein Mann, der geschlossen gegen den Feind zieht.
Doch dann zieht sich der Himmel zu. 
Dunkle Wolken drücken aufs Herz.
Es hagelt Kugeln und Granaten.
Die Welt rückt näher, reißt die Mauer herunter, die sie um sich herum gebaut haben. 
Das große Wir des Deutschen Volkes, 
das wie ein Mann ausgezogen ist, einem imaginären Feind zu trotzen, 
zersplittert in 1000e von Teilen.
Sie sterben, 
zerfetzt und verstümmelt, 
verseucht vom Gas.
Der Schmerz sargt sie ein

in einem Haus ohne Fenster,
in das keiner von denen blickt, die ihnen zugejubelt haben.
Auch nicht ihr Kaiser. 
Sie sterben.
Nicht wie ein Mann.
Auch nicht wie die Fliegen. 
Wie ein Mensch, dessen Würde in den Staub getreten wird.
Tausend mal ist es ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht.
Millionenmal ist es ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht.
Ein Wolfgang, ein Heinrich oder wie sie damals alle hießen. 
Und mit ihnen die Männer und Frauen und Kinder 
in den Ländern, die sie überfallen und terrorisiert haben. 
Als vor 100 Jahren am 11.11. 1919 der I. Weltkrieg endet, sind 15 bis 17 Millionen Menschen tot.
So etwas gab es bis dahin noch nie.

Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. 
Was für eine Treue ist das? 
Und was für eine Krone? 
Die Christinnen und Christen in Smyrna atmen leichter nach diesem Brief. 
Da blickt einer unter die dicke Wolkendecke, 
die ihnen den Atem nimmt.
Er öffnet die Fenster ihres Hauses voll Schmerz und Angst und schaut hinein,
sieht die Bedrängnis, die Armut, die üble Rede und redet nicht drumherum. 
Sagt: Ja, es ist schlimm 
Ja, es wird eng. 
Ja, ihr werdet leiden. 
Aber nicht lange. Nicht für immer.
Kaiser Domitian mag sich aufführen, als ob er für immer und ewig die Macht in Händen hält und die Grenzen des Himmels und der Erde und des Lebens bestimmt.
Aber Gott ist der Herr über die Zeit und über die Welt und über alle Menschen.
Er setzt euch die Krone auf, wie allen seinen Ebenbildern,
des Krone des Lebens.
Sie glänzt nicht immer, 
sie hat Schrammen
und hier und da eine Beule 
und manchmal fühlt sie sich an, als wäre sie voller Dornen. 
Aber wer sich traut, diese Krone zu tragen und nicht einfach an der Garderobe abzulegen, dem öffnen sich die Augen.
Der sieht die Weite der Welt, 
sieht weit über die grünen Wälder und blauen Ozeane hinweg,
über bunte Dörfer und Städte, Länder und Kontinente,
sieht Menschen, nur Menschen, nicht Völker, 
wird sich der eigenen Kraft bewusst und betet: 
Dein Reich komme. 
Für alle, NUR so. 
Auch durch mich.
Die traut dem, der die andere Wange hinhielt und sieht auch in ihrem Feind ein Kind Gottes.
Der sieht Wege zum Leben, die über Mauern und Grenzen führen, die Menschen errichtet haben, und richtet sich auf und geht los.
Die glaubt Gott, wenn er sagt:  
In meinen Händen wird das, was sich für euch wie ewig anfühlt, zu 10 Tagen schrumpfen.
10 Tage werdet ihr auf die Probe gestellt, das haltet ihr aus. 
Was wie eine Katastrophe aussieht, ist eine Krise. 
Und eine Krise steht ihr durch. 
Bleibt treu. 
Bleibt fest mit beiden Beinen auf meiner Erde und lasst euch nicht umwerfen. 
Schaut in die Weite meiner Welt, 
auch wenn euch schwindelt, 
auch wenn andere versuchen, euch diesen Blick zu verbieten oder euch auslachen.
Vertraut mir und seid sicher:
Ich halte euch bis ans Ende eurer Zeit und darüber hinaus. 
Glaubt mir, ihr schafft das.“ 
Worte, die den Himmel anheben, den Blick frei machen. 
Ja, denken die Menschen in Smyrna, ja,
wir bleiben dabei, es lohnt sich.
Die Deutschen haben zwei Weltkriege gebraucht, bis ihnen klar wurde, 
dass es nicht die deutsche Würde ist, die es zu schützen gilt, 
sondern die Menschenwürde. 
Sie hatten sich eingerichtet in ihrer deutschen Seele, 
in einer menschenverachtenden Treue, die alles, was anders ist, mit Füßen tritt.
Sie haben es zugelassen, dass ihr eigenes Herz verseucht wurde mit Hass und Vorurteilen, 
die bis heute ein Eigenleben führen, 
gebrannt in Sprüche, die dem Hass Nahrung geben und vom Hass ernährt werden. 
Sie sind sogar ein zweites Mal einem Führer nachgerannt, 
der ihnen versprochen hat, dieses Haus wieder aufzubauen.
Wieder haben sie ihr Ich an der Garderobe abgegeben und sind aufgegangen im Volksganzen, 
blind für die Würde der anderen, 
blind für die Weite und Vielfalt von Gottes Welt und seinen Frieden,
blind für das Verderben, das sie über sich und 50 Mio Menschen gebracht haben. 
Die Kirche hat beide Male nicht aufgeschrien und das Recht auf Leben mit aller Kraft verteidigt. 
Von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Das ist eine Schuld, die uns bis heute verfolgt und der wir uns immer wieder stellen müssen, 
voll Trauer, voll Scham, gerade am heutigen Tag. 
Und wir wissen:
Auch heute leben Menschen in Häusern aus Schmerz.
Häuser ohne Fenster, in die kaum einer hineinblickt,
sie sind einem Leid ausgeliefert, das sie erdrückt und jegliche Hoffnung nimmt. 
Auch heute sterben Menschen auf Schlachtfeldern, 
werden niedergemetzelt in Städten, in Schulen und Krankenhäusern,
werden abgeschnitten von den Schätzen der Erde, 
für alle gedacht, und verhungern jämmerlich. 
Und wieder ist es tausendmal ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht.
Millionenmal ist es ein Mensch, der stirbt, ein Ich ausgelöscht,
durch Krieg und Hunger und Umweltzerstörung. 
Auch heute schwingen sich Menschen als Herrn über Leben und Tod auf, 
blind für den weiten, liebevollen Blick Gottes auf alles, was lebt. 
Und es ist heute unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, 
in Gottes Namen,
Türen zu bauen in die Mauern aus Worten, 
die gerade auch in unserem Land wieder Menschen ausgrenzen und diffamieren,
Türen zu bauen in die Mauern aus Beton und den Stacheldraht zu zerschneiden,
dass Menschen einander die Hände reichen und ihres teilen können,
die Mauern aus Kapital und Eigennutz und Angst abtragen helfen, die verhindern, dass diese Welt bewohnbar bleibt für alle. 
Als Ebenbilder hat Gott uns geschaffen. 
Ihm die Treue halten bedeutet, ganz ich zu sein, 
zu sehen, 
dass ich ganz aus Gottes Liebe lebe 
und dieses Band zwischen ihm und mir immer in der Hand halten werde, 
um meinetwillen und jedes anderen Menschen willen.
Jedem einzelnen von uns hat Gott die Krone des Lebens aufgesetzt.
Die Krone Gottes glänzt nicht immer, 
sie hat Schrammen
und hier und da eine Beule und manchmal fühlt sich sich an, als wäre sie voller Dornen. 
Trauen wir uns, in seinem Namen, diese Krone zu tragen.
Schauen wir ohne Angst in die Weite von Gottes Welt, über die grünen Wälder und blauen Ozeane hinweg,
über bunte Dörfer und Städte, Länder und Kontinente,
sehen wir Menschen, nur Menschen, nicht Völker,
bleiben uns und Gottes Willen treu und beten: 
Dein Reich komme. Für alle, nur so. 
Auch durch mich.
Und hören Gottes Stimme, die uns gleichzeitig mahnt und tröstet:
Bleibt treu und fest mit beiden Beinen auf meiner Erde.
Verhindert mit allen Kräften, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird.
Schaut in die Weite meiner Welt, 
auch wenn euch schwindelt, 
auch wenn andere versuchen, euch diesen Blick zu verbieten oder euch auslachen.
Lacht ihnen entgegen, 
liebt, was das Zeug hält, 
sprecht die Wahrheit mit klaren Worten,
teilt aus mit vollen Händen.
Ich vertraue euch, ihr schafft das.
Und wenn Johannes, der Seher, Rosa Luxemburg gekannt hätte, 
eine der wenigen Stimmen, die sich gegen den Krieg erhob,
hätte er sie sicher zitiert:  
„Sieh, dass Du Mensch bleibst: 
Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. 
Und das heißt: fest und klar und heiter sein, 
ja heiter trotz alledem und alledem, 
denn das Heulen ist ein Geschäft der Schwäche."
Amen.


Mittwoch, 28. März 2018

Karfreitag 2018 Mt 27


Ein Abgrund tut sich auf.
Menschen schreien: Kreuzige ihn!
Ein Abgrund der Gottesferne.
Menschen stecken fest in ihrem Hass.
Menschen hören auf ihren Machtwillen.
Verhören Jesus und liefern die Antworten gleich mit,
die ihn als Aufrührer ausliefern,
den Folterknechten, dem römischen Urteil:
Kreuzigt ihn!
Sie sind sich sicher:
Der verdient sein Leben nicht mehr,
dieser sanfte und aufreizend klare Mensch, der laut in die Welt gerufen hat:
Dein Reich komme!
Menschen übertreten ihre Grenzen.
Damals. Heute.
Sie richten sich ein in der Schlucht der Härte,
aus der keine Treppe mehr führt.
Kein Mitleid, kein Sinn für Gerechtigkeit ist mehr abrufbar.
In diesem Abgrund versinkt Jesus.
Stirbt schreiend.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Stirbt schreiend vor körperlichem Schmerz.
Sie haben meine Hände und Füße durchgraben.
Ich kann alle meine Knochen zählen;
sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.
Stirbt schreiend vor Verzweiflung.
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Ist dieser Abgrund dein letztes Wort, Gott?

Vielleicht ist es nicht sein letztes Wort,
aber Gott spricht an Karfreitag nur davon,
spricht von den unausweichlichen Folgen menschlicher Sünde,
spricht von menschlicher Härte,
die sich weit von dem Bild entfernt, nach dem er den Menschen erschafft.
Gott zeigt, welche Abgründe sich auftun,
wenn Menschen sich abwenden von der Stimme des Lebens,
und sich dadurch der Kälte des Todes ausliefern,
andere erschießen,
quälen, foltern,
verhungern
oder am Kreuz verrecken lassen
ohne Mitleid,
ohne Anteilnahme.
Damals. Heute.
Gott redet durch Jesus von den Abgründen dieser Welt.
Und weil Gott es ist, der davon redet,
werden sie sichtbar für alle Welt.
Niemand kann ausweichen.
Er will, dass wir zuhören, zusehen, hinsehen, wie er es tut.
Wo Abgründe sich auftun,
da geraten die Dinge durcheinander,
da kommt alles in Bewegung.
Das, was Menschen so oft nicht zeigen,
Anteilnahme, Erschütterung,
das zeigen im Matthäusevangelium die Natur und die Dinge.
Sie sind Gottes Stimme. Sie zeigen, was und wie er sieht.
Die Sonne verbirgt sich,
weigert sich, mit ihrer Wärme die Kälte dieses Augenblicks zu vertuschen.
Der Vorhang im Tempel kann nicht an sich halten,
es zerreißt ihn, von oben nach unten.
Nichts Heiliges, Verborgenes kann es geben in dem Moment,
in dem Menschen das Heiligste, das Leben eines Menschen, mit Füßen treten.
Das Heilige hängt am Kreuz,
und wer das Allerheiligste sehen will, muss nach Golgatha blicken.
Die Natur schüttelt sich.
Selbst die härtesten Felsen reißt es auseinander.
Die Heiligen hält es nicht in ihren Gräbern.
Sie wandern über den Hügel von Golgatha und
zeigen ihre Erschütterung:
Jesus ist tot, Gottes Stimme wurde erwürgt –
das darf doch nicht wahr sein.

Das ist für mich das einzig mögliche Evangelium an Karfreitag:
Dieser Satz: Das darf doch nicht wahr sein.
Dieser Satz weicht dem Skandal des Todes nicht aus.
Er nimmt den Tod bitter ernst.
Es ist der Satz, den Gott der Natur, den Dingen in den Mund legt
und darauf wartet, dass wir ihn in den Mund nehmen.
Das darf doch nicht wahr sein.
Dieser Satz: Das ist das Mindeste.
Das zerstörte Leben eines Menschen sehen, nicht vorbeisehen können,
nichts tun können, aber sagen, rufen, flüstern:
Das darf doch nicht wahr sein.
Das will Gott von uns hören.
Das spricht er selber in die Abgründe unseres Lebens hinein:
Nein, das darf nicht wahr sein.

Gott schaut in diese Abgründe, steigt mit hinunter.
Das versteht sogar ein abgebrühter Hauptmann,
der täglich die Schreie der Sterbenden am Kreuz im Ohr hat
und nicht so leicht zu erschüttern ist.
Aber Gott zeigt seine Erschütterung angesichts des Todes Jesu.
Für ihn gerät angesichts des Leidens eines Menschen die ganze Welt ins Wanken.
Daran kommt der Hauptmann nicht vorbei.
Er erkennt, dass tatsächlich Gott durch diesen Jesus redet,
und er findet keine besseren Worte dafür, als zu sagen:
Das war ja dann wohl doch Gottes Sohn.
Und seine Erschütterung ist zu merken.

Das darf doch nicht wahr sein.
Wer diesen Satz sagt,
der weiß zumindest:
Leben ist anders, muss anders sein.
Ein Mensch gehört nicht ans Kreuz,
sondern zu seinem Feigenbaum und Weinstock.
Die vielen Armen und die wenigen Reichen sind kein Naturgesetz,
auch wenn die Gesetze und Grenzen der Länder es so oft dabei belassen.
Das schreckliche Leiden in der Welt zeigt den tödlichen Abgrund,
in dem wir es uns oft behaglich oder resignierend eingerichtet haben.
Das darf doch nicht wahr sein,
ein Gebet, das Jesu Schrei am Kreuz aufnimmt, ernstnimmt und der Welt entgegenbetet.

Es gehört Mut dazu, sich an diesen Satz zu wagen,
denn er bewegt nicht nur Berge und tote Heilige,
sondern auch die, die ihn ausspricht:
Das darf doch nicht wahr sein.
Wenn ich mich an diesen Satz wage,
es wage, angesichts der Ungeheuerlichkeiten,
die Menschen bis heute ihren Geschwistern zumuten,
wage mein Herz zu öffnen,
dann tue ich das in der Hoffnung,
Gottes Stimme zu hören,
der mir recht gibt, wenn ich nur noch fassungslos den Kopf schütteln kann.
Dann spüre ich vielleicht auch in dieser Tiefe Gottes Hand,
und merke, dass diese Hand mich zieht, ohne schon zu sehen wohin.
Dann stimme ich ein in den 22. Psalm,
mische wie Jesus schreiende Klage mit dem Bekenntnis:
Gott hat nicht verachtet noch verschmäht
das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und als er zu ihm schrie, hörte er's.

Das darf doch nicht wahr sein.
Hilft es, wenn wir diesen Satz aussprechen?
Kann er die Felsen von den Gräbern der Welt rollen?
Hilft er uns aufzustehen, gegen den Tod, gegen mitleidlose Gewalt und Unrecht?
Ich weiß es nicht.
Aber ich glaube, wenn wir uns der Ungeheuerlichkeit des Todes,
den Menschen anderen zumuten, wirklich aussetzen,
dann verlieren wir unsere Fassung angesichts des Leides.
Fassungslose Menschen kann Gott bewegen
und mitnehmen auf seinen Weg.

Das darf doch nicht wahr sein.
Die Erde bebt,
Felsen zerreißt es,
und den Vorhang im Tempel.
Abgründe tun sich auf.
Damals. Heute.
Das darf doch nicht wahr sein.
Gott spricht diesen Satz mit und
wird nicht aufhören vom Leben zu reden,
damit wir aufstehen
gegen den Tod und in die Welt rufen:
Dein Reich komme!
Amen

Donnerstag, 21. Dezember 2017

1 Joh 3, 1.2 und Ich steh an deiner Krippen hier. 1. Weihnachtstag 2017


Aufbau der Predigt

Seht, welch eine Liebe I
(Die Hirten auf dem Feld.)
Str. 1 Ich steh an deiner Krippen hier
Seht, welch eine Liebe II
(Paul Gerhard vor der Krippe, 1)
Str. 2. 5. 12
Seht, welch eine Liebe III
(Paul Gerhard vor der Krippe, 2)
Str. 3.4
Seht, welch eine Liebe IV
(Krippe unter dem Weihnachtsbaum)
Str. 14
Seht welch eine Liebe V
(Unser Weg von der Krippe in die Welt)
Schluss.
Im Anschluss Musik

1 Johannes 3, 1-2 Weihnachten 2017

Der Predigttext für den 1. Weihnachtstag steht im 1. Johbrief, im 3. Kapitel.
1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Seht, welch eine Liebe I
(Die Hirten auf dem Feld.)

Seht!
Welch eine Liebe!,
sagt der Engel und deutet mit dem Finger oder vielleicht ist es auch ein Flügel auf den Feldweg in Richtung Bethlehem.
Seht! Ihr werdet finden das Kind in der Krippe.
Die Hirten schauen erstaunt auf eine helle Gestalt in den leuchtenden gelben Gewändern, leichter Stich ins Blaue.
Ihr werdet sehen, antwortet der Engel.
Was genau werden wir sehen?, fragt der eine.
Gott, sagt der Engel.
‚Ein Kind’ hast du gerade gesagt, antwortet er.
Der Engel seufzt: Wenn es offenbar wird, werdet ihr ihm gleich sein; denn ihr werdet ihn sehen, wie er ist.
Wie Gott ist, fragt ein anderer ungläubig?
Ja, sagt der Engel etwas ungeduldig. Ihr werdet ein Herz und eine Seele mit ihm sein.
Der Hirte schaut an sich herunter.
Ein Umhang, fleckig, leicht angerissen.
Was soll das, fragt er, willst du uns hochnehmen?
Der Engel seufzt.
Er blickt nach oben und nickt.
Die himmlischen Heerscharen haben nur auf den Moment gewartet, scheint es.
Sie fliegen, schweben oder lassen sich einfach herab, genauer kann man ihr Erscheinen nicht beschreiben.
Sie stimmen ihren Gesang an und die skeptischen Stimmen der Hirten verstummen.
Eingehüllt sind sie in klingenden Lobpreis und hellen Frieden auf Erden.
Einen Moment, so scheint es ihnen, werden ihre Füße so leicht, dass sie den Boden nicht mehr spüren.
Dann entzieht sich das singende Volk wieder in himmlische Sphären und die Hirten bleiben allein.
Sie schauen sich stumm an.
Dann machen sie sich auf den Weg. Sie können gar nicht anders.
Sie kommen zum Stall, öffnen die Tür, sehen kurz zu den Eltern, die erschöpft im Stroh neben der Krippe sitzen.
Sie schauen in die Krippe hinein, auf das Kind,
seinen kleinen Kopf,
sehen das Haar, das daran klebt,
die kleine Nase,  die runden Wangen,
kurz öffnen sich die Augen,
richten sich auf die Gesichter, die sich über die Krippe neigen.
Und auf einmal wird etwas ganz weich und zart in ihnen.
Es ist es, als ob sich die ganze Welt ihnen öffnet:
Das Kind schaut sie an und schläft wieder ein.
Und in dieser Zartheit, da sehen sie, sehen tatsächlich, wie Gott ist und wie sehr er ihnen gleicht.
Seht, welch eine Liebe hat uns unser Gott erwiesen, dass wir seine Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Langsam richten sich die Hirten auf, heben den Kopf:
Selbstbewusst und ein wenig stolz lächeln sie sich zu.
Sie stehen mitten in einem hellen Frieden voller Liebe und spüren zum ersten Mal:
Wir sind mittendrin, bereit alles zu geben,
unser Herz, unsere Seele, unseren Mut,
bereit alles von Gott zu empfangen.
Seht!
Welch eine Liebe!
Wir bleiben an ihrer Seite und besingen diesen Moment:
1. Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
Ich komme, bring und schenke dir,

Was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

und lass dir's wohlgefallen.



Seht, welche eine Liebe II
(Paul Gerhard vor der Krippe, 1)

Seht!
Welch eine Liebe!
Im Jahr 1651 sitzt einer versunken in seinem Haus.
Weihnachten ist in Mittenwalde.
Paul Gerhard ist Pfarrer dort.
Die Schrecken des 30 Jährigen Krieges stecken drei Jahre nach seinem Ende allen im Geist und in den Gliedern.
Frieden ist noch ein Fremdwort.
Das Land ist verödet, ganze Dörfer in Brandenburg entvölkert.
Viele Menschen sind Epidemien, dem Hunger oder den Heeren zum Opfer gefallen.
Die überlebt haben, sind verroht und orientierungslos.
Paul Gerhard war elf Jahre, als die Kriege begannen.
Jetzt ist er 44.
Und allein. Eine Frau und Kinder hat er nicht.
Wer könnte auch an Liebe denken in diesen Zeiten oder gar eine Familie gründen?
Paul Gerhard versenkt sich in die Weihnachtsgeschichte.
Er tritt mit den Hirten in den Stall.
Er beugt sich mit ihnen über die Krippe und schaut auf das Kind.
Er sieht den kleinen Kopf, das Haar, das daran klebt,
die kleine Nase,  die runden Wangen,
kurz öffnen sich die Augen,
richten sich auf sein Gesicht.
Die schwarze Dürre des Lebens, das zerstörte, öde Land tritt zur Seite.
Etwas bricht auf, das macht ihn zum Menschen, zum Ebenbild Gottes.
Seht, welch eine Liebe hat uns Gott erwiesen, dass wir seine Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Zärtlichkeit erfüllt ihn,
ein ungewohntes Gefühl:
Das hatte im Kampf ums Überleben keinen Raum.
Jetzt steht er plötzlich mitten in einem hellen Frieden voller Liebe und spürt:
Ich bin mittendrin, bereit alles zu geben, mein Herz, meine Seele, meinen Mut,
bereit alles von Gott zu empfangen.
„Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesu du mein Leben.
Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.“
Ein Liebesgedicht schreibt er unter dem Eindruck dieses Erlebnisses.
Und findet wunderschöne Worte, um diese Beziehung zu beschreiben.
„Meine Seele, mein Herz, nimm alles hin.“
Im Kind in der Krippe tritt ihm ein göttliches Du auf Augenhöhe entgegen.
Es öffnet ihn und er spürt eine Sehnsucht, die über alle Grenzen hinausgeht.
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.
Oh, dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.“
Alles, alles möchte er für das Kind tun, sein Freund sein, seine Krippe schmücken.
Er ist ein Mann, der es sich in diesen Zeiten gestattet, die Zärtlichkeit, die ihn ganz erfüllt, in Worte zu fassen.
Die waren dann teilweise für ein protestantisches Gesangbuch doch etwas zu viel.
Aber wir sind nicht zimperlich und schwelgen mit ihm:

2.
Du hast mit deiner Lieb erfüllt

mein Adern und Geblüte.
Dein schöner Glanz, dein süßes Bild

liegt mir ganz im Gemüte.

Und wie mag es auch anders sein:

Wie könnt ich dich, mein Herzelein,

aus meinem Herzen lassen!


5.
Ich sehe dich mit Freuden an

und kann mich nicht satt sehen.
Und weil ich nun nicht weiter kann,

bleib ich anbetend stehen.

O dass mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

dass ich dich möchte fassen!



12. Zur Seiten will ich hier und dar
viel weißer Lilien stecken.
Die sollen seiner Äuglein Paar

im Schlafe sanft bedecken.

Doch liebt viel mehr das dürre Gras

Dir, Kindelein, als alles das,

was ich hier nenn und denke.



Seht welch eine Liebe III
(Paul Gerhard vor der Krippe, 2)

Seht!
Welch eine Liebe!
Weihnachten ist.
Die trostlose Welt um ihn herum ist noch da.
Paul Gerhard hat sie nicht vergessen.
Er sieht in dem Kind, wie Gott ist,
hilflos und wehrlos dem Dunkel ausgeliefert,
und doch voller Macht, die Herzen zu rühren.
So ist Gott und so ist er selber.
Wie ein Kind sehnt er sich nach Nähe, Geborgenheit und Liebe in schwarzen Zeiten und weiß jetzt: Gott teilt meine Sehnsucht.
In den Augen dieses Kindes sieht er, was noch nicht offenbar ist, aber was seit Anbeginn der Zeit, als er noch nicht geboren waren, die Welt erfüllt:
Gottes Augen schauen mich an,
wie ein Vater, wie eine Mutter,
voller Liebe.
Was ich mir selber nicht sagen kann,
das sagt Gott mir und allen Menschen seit Beginn der Schöpfung,
voller Zärtlichkeit und Liebe:
Sehr gut seid ihr, wirklich sehr gut, meine Kinder.
Paul Gerhard richtet sich auf, selbstbewusst, voller Freude.
Er spürt:
Ich stehe mitten in einem hellen Frieden voller Liebe.
Ich bin mittendrin, bereit alles von Gott zu empfangen,
alles zu geben.
Paul Gerhard erlebt durch das Kind in der Krippe die Botschaft des Jesus von Nazareth hautnah, die sagt:
Keiner kann euch diese Würde nehmen.
Eure Gotteskindschaft,
die setzt eine Grenze für alle, die die Augen verschließen vor der Zärtlichkeit, zu der Gott alle Welt einlädt, vom ersten Tag an.
Diese Zärtlichkeit mag nicht offenbar sein, aber sie ist in der Welt.
Auch heute, allem zum Trotz, dürft und könnt ihr sie leben.
In ihr begegnet ihr Gott.
Paul Gerhard hat sich dieser Zärtlichkeit geöffnet.
Er hat es noch mit Mitte Vierzig in diesen schweren Zeiten gewagt eine Frau zu lieben und seine Kinder.
Er hat immer wieder Bitteres erlebt in der Folge.
Aber er ist Gott auf Augenhöhe begegnet, hat es gewagt, mit seinen Augen die Welt zu betrachten.
Er weiß, Gott ist in der Welt, und damit ist meine Zukunft trotz allem offen.
Seht!
Welch eine Liebe!
Wir singen:
3.
Da ich noch nicht geboren war,

da bist du mir geboren.
Und hast mich dir zu eigen gar,

Eh ich dich kannt, erkoren.

Eh ich durch deine Hand gemacht.
Da hast du schon bei dir bedacht,

wie du mein wolltest werden

4.
Ich lag in tiefster Todesnacht.
du warest meine Sonne,

Die Sonne, die mir zugebracht

Licht, Leben, Freud und Wonne.

O Sonne, die das werte Licht

des Glaubens in mir zugericht't,

wie schön sind deine Strahlen!

Seht welch eine Liebe IV
(Die Krippe unter dem Weihnachtsbaum)

Seht!
Welche eine Liebe!
Sie stellt die Figuren der Weihnachtsgeschichte auf unter dem Weihnachtsbaum.
Wie jedes Jahr.
Ein Bein der Krippe ist abgebrochen.
Sorgsam klebt sie wieder an.
Alle umstehen sie das Kind.
Die Hirten, die Sterndeuter, hinter der Krippe Maria und Josef.
Schöne Figuren sind es, geschmackvoll geschnitzt.
Sie liebt ihre Krippe, kennt die Figuren von klein auf, sie hat sie von den Eltern geerbt.
Jedes Jahr wird es für sie Weihnachten, wenn sie diese Szene, diesen wichtigen Moment der Weihnachtsgeschichte aufbaut.
Sie weiß: Jedes Jahr in allen Ländern der Welt wird es Weihnachten in vielen Häusern, Geschäften, Kirchen.
Wie sie stehen Menschen vor der Krippe und werden einen Moment still, schauen und lassen sich anschauen.
Seht! Welch eine Liebe!
Und immer wieder spüren Menschen den Wunsch, dass an Weihnachten doch einmal alle und alles ein Herz und eine Seele sind.
Sie teilen die Sehnsucht des Kindes in der Krippe, die nicht aufhört, sondern weitergeht und weitergeht seit tausenden von Jahren.
Sie seufzt.
Tante Gerda wird es ihnen wie immer schwer machen mit dem Frieden, verbittert wie sie ist.
Und hoffentlich wird keines der Kinder noch krank.
Die Weihnachtsfreude ist zerbrechlich.
Deshalb ist ihr dieser Moment wichtig, sie alleine mit der Krippe.
Kaum kann sie ihn genießen. Es ist noch viel zu tun.
Einen Moment noch wartet sie.
Und dann kommt es doch, ein heller Frieden voller Liebe
Und die Gewissheit: Ich bin mittendrin.
Weihnachten.
Wir singen mit ihr:

14.
 Eins aber, hoff ich, wirst du mir,

mein Heiland, nicht versagen:

Dass ich dich möge für und für

in, bei und an mir tragen.

So lass mich doch dein Kripplein sein.
Komm, komm und lege bei mir ein

Dich und all deine Freuden.


Seht welch eine Liebe V
(Unser Weg von der Krippe in die Welt)
1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Mit all diesen Menschen stehen auch wir heute vor der Krippe hier in der Kreuzkirche.
Wir schauen sie an und werden angeschaut.
Gott ist nicht fertig mit uns, niemals.
Gott schaut uns an, richtet uns auf.
Selbstbewusst und ein wenig stolz dürfen wir uns zulächeln, Kinder Gottes, jeder und jede von uns.
Ich wünsche Ihnen und euch allen, dass Sie diesen besonderen Moment, an dem Weihnachten geschieht, erleben und zulassen,
einfach überfließen vor Zärtlichkeit, auch die Männer.
Das ist ok an Weihnachten. Das ist auch kein Kitsch.
Das ist von Gott so gedacht, der uns nicht umsonst als Mensch anlächelt.
Gott wünscht und schickt uns diese Momente:
Da stehen wir gemeinsam mittendrin in einem hellen Frieden voller Liebe,
sind ein Herz und eine Seele miteinander und mit Gott,
wollen einfach nur unser Bestes geben, füreinander, für die Welt.
Nehmen wir diese Sehnsucht nach einer offenen Welt mit in das Neue Jahr.
Bleiben wir wach für diese kostbaren Momente.
Da  verlieren unsere Füße ein wenig den Kontakt zur Erde.
Wir lächeln einander zu und sagen:
Seht, welch eine Liebe.
Amen.


Montag, 18. Dezember 2017

Röm 15, 4- 13 3. Advent 2017


I. Vom Backen
Gott ist verliebt.
Ins Gelingen.
Nicht ins Scheitern.
(Bloch, Wir sollten ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.)
Gott ist verliebt.
In die fröhliche Freude.
In den beweglichen Frieden.
Da gibt ein Wort das andere, ohne sich ins Wort zu fallen.
Da reicht eine Hand der anderen das Sieb, das Mehl.
Butterflocken lassen sich von knetenden Händen erweichen,
verbinden sich mit Mehl und Zucker und Eiern zu einem geschmeidigen Teig.
Zusammen werden sie Duft.
Der erfüllt die Küche, dringt  in die Räume, und darüber hinaus.
So gelingen Plätzchen. Wenn alle sich verbinden.
Gott ist verliebt.
Ins Gelingen.
Nicht ins Scheitern.

II. Vom Scheitern
Gott ist verliebt.
Aber nicht blind.
Er sieht wie seine Kinder scheitern und setzt doch alle Hoffnung auf sie.
Das braucht Geduld, viel Liebe und manchen Trost,
damit die Hoffnung ihr Ziel behält.

Tröstet, tröstet mein Volk! fordert Gott in der heutigen Lesung seine Propheten auf. 
Israel ist gescheitert.
Von Freude und Friede ist nichts zu sehen.
Sie wollten eine Weltmacht werden und nun liegen sie am Boden.
Ihr Land ist in der Hand der Fremden, sie selbst sitzen deportiert im fremden Babylon.
Geduld, meine Lieben, sagt Gott, Geduld.
Ja, ihr habt euch verrannt.
Wer ist auch so blöd und mischt Machthunger und Gewalt in meinen Teig.
Das kann nur schiefgehen. 
Aber jetzt, meine Propheten, jetzt ist es Zeit zum Trösten:
„Redet mit der Stadt Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.“
Fangt noch einmal an.
Werft alles zusammen in einen Topf.
Gebt die Freude hinein, dass ihr lebt, 
mischt eine Prise Sehnsucht dazu,
die Sehnsucht nach eurem Zuhause, nach Frieden,
dazu etwas Lobpreis für mich, den Schöpfer der Welt, der bei euch ist, alle Tage,
Knetet das durch, kräftig.
Knetet gemeinsam die Gegenwart einmal durch.
Ihr werdet sehen, das verbindet sich zu etwas, dass ihr leben könnt.
Das Scheitern hat nicht das letzte Wort.

III. Wie der Teig gelingt
Gott ist verliebt.
Ins Gelingen.
Nicht ins Scheitern.
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“
Das schreibt Paulus an die Christinnen und Christen in Rom:
Die Gemeinde in Rom hat diese Worte nötig.
Sie zanken sich.
Götzenopferfleisch essen, ja oder nein?
Die Schwachen, die Vorsichtigen sagen:
Auf keinen Fall. Wir halten uns an Gottes Gebote in jeder Beziehung. Die Freiheit in Christo hat ihre Grenzen.
Die Starken, die Draufgänger sagen:
Essensgebote, das ist doch kein Thema mehr.
Jesus hat uns dazu befreit, dass alle mitmischen sollen, auch die Heiden.
Wir lassen uns keine Grenzen setzen. Schon gar nicht so kleinkarierte. –
Halten wir uns nicht lange mit ihrem Streit auf.
Wir haben unsere eigenen Streitigkeiten.
Und Paulus schickt ein Rezept für  eine besondere Backmischung nach Rom.
Die könnte auch uns interessieren.
Sie enthält Geduld, Trost, Hoffnung und sehr viel Lobpreis.
Paulus mahnt die Gemeinde, das gemeinsame, einträchtige Kneten und Backen nicht aus dem Blick zu verlieren, sich zu verbinden miteinander, statt gegeneinander.
Schließlich soll der Teig gelingen, das Reich Gottes aufgehen in dieser Welt.
Er schreibt:

Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.
5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht,
6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.

Paulus macht eine Pause.
Christus ist doch beides, denkt er, Jude nach dem Gesetz und gleichzeitig Gottes Bote der Barmherzigkeit für alle Welt.
Juden und Nichtjuden sollten sich verbinden im Lob Gottes, so dass die ganze Welt aufhorcht, beide ihres dazugeben.
Wie mache ich ihnen das klar?
Er  überlegt: Lasse ich doch die Heilige Schrift auf sie niederprasseln,
alle Zutaten, um vereint den Willen Gottes zu leben und so schreibt er weiter:

8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;
9 die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«
10 Und wiederum heißt es »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«
11 Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker
12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden alle Völker hoffen.«

So, sagt Paulus und reibt sich die Hände,
jetzt weiß hoffentlich jeder, was er zu tun hat.
Die Juden halten allen die Verheißungen Gottes und seine Gebote im Gedächtnis.
Die Heiden ehren Gott und verkünden seine Barmherzigkeit für alle. 
Nun noch ein versöhnlicher Schluss und er fasst sein Rezept noch einmal zusammen:
13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Ich gebe zu: Eine etwas umständliche, langwierige Backanleitung.
Ich bin versucht sie beiseite zu legen.
Schließlich ist Adventszeit.
Eine Zeit mit wenig Zeit für solche Dinge.
Geduld gehört nicht zu meinen Stärken.
Immerhin habe ich gelernt, dass es keinen Sinn macht, immer noch mehr und mehr Butter in einen Teig zu werfen, damit sich das Mehl schneller bindet.
Kann ich nur von abraten.
So wie Paulus den Christinnen und Christen davon abrät, die Geduld und das  Wichtigste aus dem Blick zu verlieren:
Ihre Gemeinschaft.
Sie ist wichtig, damit Gottes Rezept von der Liebe gelingt.
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.
Das braucht Zeit, Leute, sagt Paulus, das braucht Geduld, das braucht sehr viel Liebe und Verständnis.
Gott setzt seine Hoffnung auf euch, mahnt er.
Schließlich soll der Teig gelingen, sein Reich aufgehen in dieser Welt.
Ihr sollt einen Teig kneten, dessen Duft die ganze Welt verführt.
Verführt zur Freude, zu Frieden, zu Gerechtigkeit.
Wie könnt ihr das hinkriegen, wenn ihr Zwietracht, Arroganz und Ungeduld mit hineinmischt,
wenn jeder von euch an einem eigenen Teig bastelt?! Hm?
Das duftet nicht.
Das stinkt zum Himmel!
Wer soll sich denn davon angezogen fühlen?

IV. Jesus, der vorbildliche Bäcker
Gott ist verliebt.
Ins Gelingen.
Nicht ins Scheitern.
Gott ist verliebt.
In die fröhliche Freude.
In den beweglichen Frieden.
Gott ist verliebt, aber nicht blind.

Er weiß, wie schwer uns das fällt.
Ganz schnell kippt die Stimmung.
Da stößt mich einer unbedacht vor dem Kopf.
Schon sinkt meine Offenheit in sich zusammen.
Ich bin gekränkt, werde misstrauisch.
Vielleicht halte ich an mich, aber ich sehe mich vor. Man weiß ja nie.
Es ist schwer wieder da rauszukommen, locker zu werden, wieder zur Freude aneinander zurückzufinden.
Und es ist wichtig, im Blick zu behalten, was wir eigentlich teilen und gemeinsam leben wollen.
Dann gelingt es uns vielleicht nachsichtig miteinander zu sein, uns zu zeigen, dass wir uns achten.
Zur Liebe gehört die Geduld, die aushält und nach vorne blickt,
anstatt sich gegenseitig aufzurechnen, was gescheitert ist.
Zur Freundschaft gehört der lange Atem, der das Gemeinsame immer wieder sucht.
Zu der Gemeinschaft von Christinnen und Christen gehört es,
auszuhalten, dass vieles nicht gelingt und doch immer wieder das eigene dazuzugeben und das Gelingen von Gottes Rezept für den Weg zu halten, der uns hilft in Frieden zu leben.
Gott weiß, wie sehr die Welt in  das Scheitern verstrickt ist.
Und wir wissen es auch: Die Zeitungen sind voll davon.
Gott kennt diese Menschen, die Unfrieden säen mit ihrer Arroganz, ihrem Machthunger.
Sie benutzen sogar sein geliebtes Jerusalem dazu.
Gott kennt die Verzagtheit der Kirchen, der Gemeinden.
Wir haben Wichtiges beizutragen, doch offenbar keinen Platz auf den Podien der Mächtigen.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.
Das ist das Rezept, das Paulus uns gibt.
Jesus hat es gelebt.
Für uns.
Als Einladung, es ihm nachzutun.
Jesus wusste, er hat nicht viel Zeit. Und Macht schon gar nicht.
Er hat seine Zutaten dazu gegeben, damit das Reich Gottes aufscheine in dieser Welt.
Er hat sich auf das konzentriert, was er gut  konnte:
er hat Geschichten über die Freude und den Frieden Gottes erzählt und
Menschen heil werden lassen an Körper und Seele.
Er war für die da, die die Hoffnung am Wegesrand hat liegen lassen.
In seinen Tagen ist das Rezept aufgegangen,
so leuchtend, dass sogar Johannes im Gefängnis trotz des nahenden Todes davon hörte:
Blinde sehen, Lahme gehen und die gute Nachricht wurde verkündet, dass die Armen strahlen und sich freuen. 
Johannes war sich sicher, es ist nichts gescheitert. Es geht weiter.

Jesus hat sich nicht ablenken lassen, nicht vom Besitzdenken,
nicht von der Angst vor Gewalt,
nicht von den Streitigkeiten und Schwächen seiner Jüngerinnen und Jünger.
Er ist seinen Weg gegangen, er hat sich seinen Teig nicht verderben lassen,
ja, er ist zum Brot des Lebens geworden,
dessen Duft die ganze Welt zum Frieden verführen möchte.

V. Bäckerinnen und Bäcker in der Nachfolge

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.
Paulus weist uns aneinander.
Er weist uns auf die Aufgabe hin, die wir als Bäckerinnen und Bäcker des Teiges Gottes haben und gibt uns damit Jesu Rezept weiter:
Gebt das dazu, was ihr wirklich geben könnt als Christinnen und Christen in der Nachfolge Jesus:
Nehmt euch Zeit, wenn keiner sich Zeit nimmt.
Tröstet den Traurigen, vor dessen Schmerz andere zurückweichen.
Hört geduldig der zu, für die keiner Geduld aufbringt.
Streicht dem über die Schulter, vor dem alle  zurückschrecken.
Sprecht Mut zu, wenn die Hoffnung aussichtlos erscheint.
Holt die von der Straße herein, vor denen sich alle Türen verschließen.
Haltet den Frieden für möglich, auch wenn andere euch naiv schimpfen.
Lasst Arroganz und Geltungsdrang einfach sein.
Weigert euch, falsche Zutaten in den Teig zu geben, damit ihr den verführerischen Duft nicht verderbt, der von Gottes Reich ausgeht.
Ihr wisst: So viele glauben mittlerweile, dass die Welt den Bach herunter geht. Aber unser Gott redet anders, geduldig, tröstend,
wie zu seinem Volk Israel in den Tagen der Verzagtheit,
wie Jesus geredet hat mit den Menschen auf seinem Weg.
Gott setzt alle Hoffnung auf uns und auf sein Rezept.
Er sagt:
Seid nicht ins Scheitern, seid ins Gelingen verliebt, meine Kinder. Wie ich.
Werft alles zusammen in einen Topf.
In euren Kirchen, in eurer Gemeinde.
Gebt die Freude hinein, dass ihr lebt, 
mischt eine Prise Sehnsucht dazu, Sehnsucht nach einer friedlichen Welt,
dazu etwas Lobpreis für mich, den Schöpfer der Welt,
der bei euch ist, alle Tage,
Knetet das durch, kräftig.
Knetet gemeinsam die Gegenwart einmal durch.
Ihr werdet sehen, das verbindet sich zu etwas,
das duftet einfach unwiderstehlich.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Amen.