Donnerstag, 4. Juni 2015

Predigt Mk 2,1-11 Steh auf! Zur Kitaeinweihung 31.5. 2015


Predigt Mk 2,1-11 Steh auf! Zur Kitaeinweihung
Steh auf I.

Steh auf!
Wer mag diesen Satz?
Ich nicht.
Steh auf!
Da höre ich meine Mutter rufen:
Steh auf.
Meist früh am Morgen.
Und unangebracht fröhlich.
Steh auf?
Nenn mir einen guten Grund, warum ich aufstehen soll, murmele ich.
Die Sonne scheint, bietet sie mir an.
Reicht nicht. Decke und Bett und Traum wiegen stärker.
Früüühstück, lockt sie.
Brötchen?, frage ich und öffne ein Auge.
Heute nicht.
Reicht nicht.
Schule! Steh auf!!
Die Decke wird zur Seite gezerrt.
Nicht von mir, wohlgemerkt.
Und ich... stehe auf, irgendwie.
Aufstehen...
... in einen Tag mit Mathe und Erdkunde und –
Gott sei’s geklagt –
auch noch Latein...
Wer kann das wollen?
Wer öffnet dafür die Augen?
Wer steht dafür gerne auf?

Steh auf II.

Steh auf!
Sagt die Mutter dem Sohn, dem gelähmten,
sagt es ihm an vielen Morgen.
Steh auf.
Sagt es lockend, liebevoll, verzweifelt und auch voll Wut.
Steh auf!
Er hasst diesen Satz.
Aufstehen? Ja, wie denn?
Die Beine gelähmt.
Die Krücken fasst er nicht an.
Schon lange nicht mehr.
Er liegt ja doch nur herum, am Rand des Lebens anderer.
Steh auf?
Warum?
Um sich ans Tor zu schleppen, zu betteln?
Um den anderen bei ihrem Leben zuzusehen?
Wie sie fröhlich Wasser vom Brunnen holen,
rennen, reden, die Schafe aufs Feld treiben,
und abends mit Wein und Mädchen an den See Genezareth gehen?
Seine Freunde sagen ihn auch, den Satz.
Sagen ihn voller Mitgefühl, freundlich,
wollen ihn dabei haben,
wollen ihm helfen:
Steh auf.
Aber das reicht ihm nicht.
Ich  bin ihnen doch nur eine Last, denkt er.
Er sieht die Welt nur vom Boden her.
Lässt sich vom Blick der Leute niederdrücken,
die ihm sagen:
Geht nicht, das Gehen.
Wird nie gehen.
Wirst nie aufstehen.
Wirst deiner Mutter eine Last sein. Immer.
Er will sein Leben nicht.
So nicht.
Liegen bleiben, beschließt er eines Tages.
Nichts mehr sagen. Nichts mehr tun. Schon gar nicht aufstehen.
Nicht mal ein Auge öffnen.
Wozu auch? Für einen leeren Tag?
Wer kann das wollen?
Wer öffnet dafür die Augen?
Wer steht dafür gerne auf?

Steh auf III.

Steh auf, Friedensgemeinde,
sagen die Zahlen, sagt die Vernunft, sagt Mutter Kirche.
Sagt nüchterne Sätze wie:
Das Geld reicht nicht.
Die Personalstellen reichen nicht.
Ihr müsst etwas tun. Verkaufen, verkleinern.
Die Gemeinde kann so nicht leben, nicht arbeiten.
Nicht in der Zukunft.
So geht es nicht.
Nicht, nicht, nicht.
Da hören wir weg.
Da drehen wir uns auf die andere Seite,
ziehen die Decke über den Kopf, jahrelang.
Verkaufen, verkleinern.
Das kann uns nicht locken.
Wer kann das wollen?
Wer öffnet dafür die Augen?
Wer steht dafür gerne auf?

IV. Steh auf und sieh in den Himmel

Steh auf, sagt der Mann, den Gott uns schickt, damit wir aufstehn.
Steh auf und lass dich vom ziehenden Boden befreien,
von der Unlust des Schultages,
von der Last der gelähmten Jahre,
von der Enge der Zukunft,
von der Fessel des Mammon.
Schau hoch in das Loch im Dach!
Da lacht dir der Himmel zu, da lacht dir das Leben.
Da tanzen die Verrückten, die die Tür nicht nehmen
und nicht warten, bis sie an der Reihe sind.
Die ein Dach aufbrechen, einfach so,
und im Himmel beginnen, was sie auf der Erde nicht bewegen können.

Steh auf
und wenn dir Mathe und Latein begegnen,
dann ist das nur die Hälfte des Tages,
die andere, das bist du im warmen Frühlingstag,
morgens auf dem Fahrrad,
ein Stück vom Himmel,
das ist das Lachen mit deiner Freundin und das Eis nach der letzten Stunde.
Und vielleicht fällt die sogar aus.

Steh auf,
und wenn sie dir „Geht nicht, das Gehen!“ sagen, hör nicht hin.
Lass nicht zu, dass sie dich lähmen und ausgrenzen.
Sie schauen auf dich nieder,
aber du schaust durch das Loch im Dach.
Du siehst die Sonne tanzen,
siehst deine Freunde, die dich in den Himmel ziehen wollen,
und stimmst ein in ihr Lachen.
Du lässt dir von Gott, dem großen Freund, unter die Arme greifen.
Du nimmst sein Geschenk an und liebst zurück, liebst in die Welt.
Du nimmst dein Bett in die Hand und dein Leben.
Und dann noch ein Wunder: Du gehst.

Steh auf,
und wenn sie sagen: „Ihr müsst!“, dann ist das nur die Hälfte der Wahrheit.
Lasst euch nieder im Traum von lebendiger Gemeinde.
Hört auf eine, die träumt von einem bunten Haus und einem Garten
und Kindern und Erwachsenen, die dort munter spielen und reden,
über Gott und seine Welt.
(Falls Felicia da ist: Und wenn ihr euch schwer tut, ins Träumen zu kommen, dann holt euch eine mit Flügeln im Gepäck, die zeigt euch, wie man sie gebraucht.)
Und wenn ihr Schwierigkeiten habt, das Haus zu malen, dann holt euch Hilfe.
Die gibt es und die können das sehr gut. Und können sogar bauen.
Und auch noch schön!
Und denkt nicht nach, ob ihr das wohl schafft.
Dann fangt ihr nämlich gar nicht erst an.
Geht gemeinsam los, steht euch gegenseitig bei.
Lasst euch auch mal unter die Arme greifen und  staunt über das, was geht.
Und wenn ihr Geld braucht, dann bittet Gott, das Wasser beiseite zu schieben,
und der tut das tatsächlich manchmal auch
und schickt euch den Käufer und den Kirchenkreis und die Landeskirche dazu.
Und nehmt alle mit in die Leichtigkeit  und Farben des Traumes.
Dann schmerzt mancher Abschied immer noch, aber vielleicht etwas weniger.  
Dann baut ihr das Haus und den Himmel bekommt ihr dazu geschenkt.
Und teilen dürft ihr ihn auch.



V. Steh auf und geh.

Öffne die Augen und schau nach oben,
in das Loch im Dach, das Gott immer für dich bereit hält.
Himmel scheint herein.
Sonne und Wolken.
Der Flug eines Vogels.
Für einen Moment: Vergiss den Boden, auf dem du liegst.
Für einen Moment: Sei dort oben und erlaube deinem Leben, sich in den Himmel zu weiten.
Leicht, ganz leicht ist alles, für Momente.
Vergeben und vergessen die Schwere, die dich am Boden hält.
Das Wollen nimmt das Können an die Hand.
Du spürst, wie die Erde sich dreht.
Spürst Gottes Hand, der die Dinge am Laufen hält.
Hörst seine Stimme: Steh auf.
Und gehst.  
Amen.

Samstag, 9. Mai 2015

Lk 11 5- 13 Rogate


Es ist Nacht. Alles schläft. Keiner wacht.
Und keiner wacht gerne auf in der Nacht.
Ich auch nicht.
Auch nicht, wenn es klopft.
Da höre ich weg.
Ein höfliches Pochen?
Das kann man einbauen in den Traum.
Einmal geht das, auch zweimal, dreimal.
Doch dann,
plötzlich,
sitze ich im Bett,
kerzengerade.
Ja, ist da einer verrückt geworden?
Was für eine Unverschämtheit!
Das klingt, als ob jemand die Tür einschlagen möchte.
Es ist etwas passiert, denke ich,
und die Füße schießen aus dem Bett.
Die Beine nehmen den müden Körper mit.
Die Augen öffnen sich beim Laufen.
Ich reiße die Tür auf:
Mein Freund steht da, mein Freund und Nachbar.
Er blutet nicht, er sieht auch nicht sonderlich erregt aus.

Mit einem entschuldigenden Lächeln reicht er mir einen Korb.
Ich brauche Brot für einen Gast, sagt er.
Meins ist alle.
Ich bin sprachlos.
„Die Kinder schlafen“, will ich ihm sagen.
„ Es ist mitten in der Nacht und du holst mich aus dem Bett wegen Brot?“
Aber ich sage nichts.
Ich sehe ihn an, sehe meinen Freund.
Den kenne ich gut.
Wir sind auf einer Wellenlänge, er und ich.
Jeden Tag sehen wir uns, helfen uns bei der Arbeit, trinken Wein an den Festtagen.
Ich spüre genau, es ist ihm ernst.
Gastfreundschaft ist ihm heiliger als meine Nachtruhe.
Die Peinlichkeit, jemandem auf die Nerven zu fallen zur Unzeit,
die nimmt er in Kauf.
Auch mit einer Bitte, bei der es nicht gerade um Leben und Tod geht,
jedenfalls kann ich das nicht erkennen.
Mein Freund lächelt mich an, zwinkernd, ein bisschen verschmitzt.
Er kennt meine Gedanken genau.
Es macht ihm nichts aus, dass ich ihn für unverschämt halte.
Und er ist sich sicher, dass ich tue, um was er mich bittet.
Natürlich hat er Recht.
Ich hole das Brot, hebe abwinkend die Hand, als er mir danken will,
lächele ihm zu, weil ich gar nicht anders kann
und dann, endlich, kann ich die Tür schließen, unter die Decke kriechen
und versuchen, wieder ins Land der Träume zu finden,
während das Lachen und Reden aus dem Haus meines Freundes zu mir herüber weht.

Bittet, so wird euch gegeben.
Suchet, so werdet ihr finden.
Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt.
Und wer da sucht, der findet;
Und wer da anklopft, dem wird aufgetan.


Einen Freund haben, eine Freundin,
da ist einer, da kann ich immer anklopfen,
da ist eine, die schlägt mir nichts ab,
sie gibt mir, was ich brauche und fragt nicht.
Unverhüllt zeige ich, wer ich bin.
Manchmal reichen halbe Sätze,
meine Freundin weiß sofort, was ich meine.
Sie kennt mich,
aus vielen Gesprächen,
durch den Wechsel der Zeiten,
wir haben genug Leben geteilt.
Und wenn ich ihr das Weinglas aus der Hand nehme und einen Schluck trinke,
dann überschreite ich keine Grenze.
Pausen gibt es auch, bis wir uns wiedersehn, lange Pausen,
doch der Faden reißt nicht ab.
Und sie nachts anrufen, wenn ich stecken geblieben bin in meinem Leben,
das mag sie nicht, das weiß ich,
denn sie geht früh schlafen.
Aber ich würde es tun,
anklopfen, ohne nachzudenken.
Ganz un-verschämt.
Und ich glaube, sie auch im umgekehrten Fall.

Bittet, so wird euch gegeben.
Suchet, so werdet ihr finden.
Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt.
Und wer da sucht, der findet;
Und wer da anklopft, dem wird aufgetan.


Warum so zaghaft, fragt er uns.
Traut ihr euch nicht?
Wir schauen alle zu Boden.
Peinlich, denke ich, Jesus ist peinlich.
Beten, das ist eine Sache am Sabbat,
oder der Dank für Brot und Wein vor dem Essen:
Gepriesen seist du, ewiger Gott, König der Welt.
Wir sitzen am Feldrand, kurz vor Kapernaum.
Und wir üben beten.
Das heißt, Jesus will es üben.
Ich nicht.
Ich bin ein Mann und kein wimmerndes Weib,
das über die Wäsche klagt oder über den Regen zur Unzeit.
Beten, fährt Jesus fort, beten das ist, als spräche man zu einem guten Freund.
Stellt euch das doch einfach mal vor,
Gott als Freund, als Kumpel,
einer, da klopft ihr nachts an  die Tür ohne nachzudenken und bittet um Brot für einen Gast.
Jetzt ist es aber gut, denke ich.
Sollen wir jetzt Gott um einen Laib Brot bitten?
Und dann wirft er es vom Himmel, oder wie?
Aber Jesus hat noch mehr auf Lager.
Einfach unverschämt sein, sagt er,
Gott auf die Nerven gehen, bitten, egal um was,
aber bitten aus vollem Herzen, aus ganzer Seele, mit aller Kraft,
das dürft ihr und das sollt ihr.
Fangt mit den kleinen Wünschen an.
Bedrängt Gott täglich mit kleinen Wünschen,
und keine Sorge, die werden von selber größer.
Er lächelt.
„Macht es so wie die Kinder,
die ihre Eltern bitten, quengeln, drängeln,
mit spitzen Stimmen auf sie einstechen, bis jeder Nerv vibriert.
Und dann gibt doch der Vater ein Ei und keinen Skorpion
Und einen Fisch und keine Schlange.
Wir bleiben stumm.
Ich sehe, dass Jesus allmählich ungeduldig wird.
Wie, sage ich, um die Stille zu unterbrechen, wie sollen wir Gott denn anreden?
Hallo Kumpel, was liegt an?
Jesus lacht.
Gar nicht schlecht, Petrus, sagt er.
Man kann auch mit Gott plaudern,  über dies und das,
sollte man auch, damit er als guter Freund Platz nimmt in deinem Leben.
Aber heute geht es um Wünsche, um Bitten,
um das, was du brauchst und was dir wirklich am Herzen liegt.
Ich seufze.
„Ich habe Hunger“, sage ich, „können wir das nicht verschieben?“
„Bitte Gott um Essen“, sagt Jesus.
Die anderen schauen mich erwartungsvoll an.
Äh, sage ich.
Sehr überzeugend, erwidert Jesus spöttisch.
Ich werde wütend.
Gott, sage ich energisch und stocke wieder.
Versuch’s mit „mein Freund“ oder mein Papa, sagt Jesus.
Papa? Von mir aus.
Papa, rufe ich,
ich habe Hunger, verdammt noch mal.
Wie jeden Tag.
Ich will essen.
Nicht nur einen Brotkanten.
Ich habe einen großen Magen, wie du weißt und der ist immer leer.
Lamm will ich und Wein dazu.
Lamm satt und nicht nur einmal.
Täglich, genug Brot, genug Lamm, genug Wein.
Wie die Reichen.
Und Fisch und Gemüse und Obst.
Mein Blick fällt auf mein Dorf, auf Kapernaum,
und mir fallen die Missernten ein und dass alle dort immer wieder ums Überleben kämpfen.
Ein großer Zorn steigt in mir hoch.
Für alle, schreie ich plötzlich, tägliches Brot für alle.
Nie wieder Hunger, nie wieder Ungerechtigkeit, Gott,
kriegst du das hin?
Oder hilf uns wenigstens, etwas zu tun, hilf uns endlich!
„Was ist denn hier los,“ fragt eine Stimme vom Wegesrand.
Ein Bauer steht da.
Er hat Hunger, sagt Jesus.
Und er wütet gegen den Hunger der Welt.
Der Bauer nickt.
„Kommt mit“, sagt er, „wir haben gerade geschlachtet.“
Und Wein ist da und wir stoßen an, auf das Brot für alle und dann schauen wir weiter.
Ich bin sprachlos.
Das kann nicht sein, das geht doch nicht so einfach.
Das ist ja Hohn angesichts der unabänderlichen Armut und Gewalt und Sklaverei.
Das ist...
Jesus sieht mich an und zuckt mit den Schultern:

Bittet, so wird euch gegeben, sagt er.
Suchet, so werdet ihr finden.
Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt.
Und wer da sucht, der findet;
Und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Was für eine Welt wäre das,
wenn Menschen die Freundschaft mit Gott offen leben,
laut werden, schreien, rufen, klagen und lachen,
ihren Wünschen erlauben der Gerechtigkeit Gottes das Wort zu geben.
Freunde und Freundinnen Gottes,
die prosten ihm zu mit Wein und feiern das Leben wie in Kana,
die schauen nicht weg bei Krieg und Tod und Gewalt.
die schreien ihren Freund auch an: Wie kannst du das zulassen?
Den Tod von Millionen damals vor 70 und mehr Jahren und auch heute,
die teilen sein Schweigen, wenn auch ihm keine Antwort einfällt,
aber er uns spüren lässt:
Das denke ich auch:
Niemals darf man sich abfinden, verharmlosen,
niemals vergessen.
Die fordern, dass Brot für alle da ist,
laut und un-verschämt.
Sie teilen viel Leben mit Gott,
dann kennt man sich irgendwann ganz gut.
Und auch wenn es Pausen gibt –
es ist leicht wieder anzuknüpfen,
wenn sie an seine Tür klopfen,
sicher, dass er da ist.
Und Gott öffnet,
manchmal dauert es, manchmal zögert er,
aber er ist unser Freund.
Er öffnet die Tür, reicht uns das Brot und lächelt uns an,
weil er gar nicht anders kann.

Bittet, so wird euch gegeben.
Suchet, so werdet ihr finden.
Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt.
Und wer da sucht, der findet;
Und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Amen.




Samstag, 7. März 2015

1 Kön 19 Elia Okuli 2015

Vorlage für die Predigt ist eine Predigt von Güntzel Schmidt. (http://bs.cyty.com/kirche-von-u…/…/fs90heintze/EliaPredigten.



Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Die Bibel erzählt im 1 Buch der Könige:
König Ahab sagte seiner Frau Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.

Er fürchtet sich.
Auf einmal.
Schon vorher gab es Grund genug.
Ein Steckbrief von König Ahab war im Umlauf:
„Findet diesen Propheten!  Die größte Hungersnot in Israel geht auf sein Konto!
Alle Welt suchte ihn.
Da hatte er keine Angst.
Sein Herz brannte vor Mitgefühl mit den Armen.
„Glaubt nicht an Götterbilder, die machen euch klein!“
Und Gott war mit ihm.
Elia schwamm auf der Welle der Gerechtigkeit
und die trug ihn, immer weiter, immer weiter.
Und setzte ihn ab auf dem Berg Karmel.
Verhalf ihm zum Erfolg, als er die Wette einging
und sein von Wasser getränktes Opfertier Feuer fing,
durch Flammen vom Himmel.
Elia hatte gewonnen!
Das Volk schrie vor Entsetzen und Angst:
Adonai hu ha-elohim! - Der Herr ist Gott!
Das wollte er erreichen, das Volk wieder auf den rechten Weg führen.
„Seht! Gott ist da gegen alle Macht.“
Die Welle der Kraft zieht sich zurück.
Es ist vollbracht.
Jetzt steht nur noch Elia da,
sieht in die blassen Gesichter der Baalspriester.
Die wissen, dass sie verloren haben,
seine Gegner, die gegen ihn gehetzt haben,
Handlanger von Isebel.
Und eine neue Welle kommt.
Die hat mit Gott nichts mehr zu tun und auch nicht mit Gerechtigkeit.
Eine Welle der Wut und der Rachsucht und der Gewalt.
Elia steigt auf diese Welle und reitet auf ihr.
Spürt den Zorn in die Augen steigen, seinen Kopf füllen bis zum Platzen.
Sein Herz schweigt,
bis alle 450 Baalspriester ermordet in ihrem Blut liegen.
Doch dann?
Stille.
Die Kraft ist weg.
Totenstille, in die sich die Frage vorwagt:
Was habe ich da getan?
Und schon Stunden später
die Stimme des mutigen Boten der Königin Isebel,
der ihm trotz der Spuren der Gewalt vor seinen Augen von Isebel ausrichtet:

Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
Elia aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach:
Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

Denn nun ist er allein.
Und spürt das.
Von allem, was in ihm brannte,
der Eifer für Gott und die Gerechtigkeit,
all das, was ihm die Kraft gegeben hat, Verfolgung auszuhalten
und Unrecht und Armut anzuprangern,
von all dem ist nichts geblieben.
Schwach ist er.
Und das Leben, um das er gerade noch gerannt ist,
rinnt aus ihm heraus wie aus einem undichten Fass.
Nichts spürt er mehr.
Keinen Gott, keine Kraft, keinen Sinn,
kein Ziel mehr vor Augen.
Er hat den Bogen überspannt und nun ist sein Arm lahm geworden.
Die mahnenden Stimmen und die Angst kann er nicht mehr abwehren.
Und Scham überkommt ihn.
Elia möchte sich verstecken, sich verkriechen.
Er sieht sich, wie er im Rausch der Gewalt Unschuldige ermordete.
In Massen ermordete, weil sie anders waren, Anderes wollten als er.
Elia hat das Andere, das Fremde, das Ungeheure auslöschen wollen
– und ist dabei selbst zum Ungeheuer geworden.
"Ich bin nicht besser als meine Väter", bekennt er.
Der Glaube an den Einen Gott und Gewalt gegen das Andere gehen nicht zusammen.
Er hat sie zusammengebracht und damit das Werk seines Lebens zerstört.
Dem kann er nicht standhalten.
Er will sich loswerden, will sterben.
Und damit vor der Einsicht fliehen, die er gerade erst gewonnen hat.
Gerade in seinem Wunsch zu sterben bleibt Elia ganz der Alte,
schwarz oder weiß, dazwischen gibt es nichts.
Vergebung, Umkehr, Einsicht.
Das hat er anderen nicht zugestanden und sich selber nun auch nicht.
Diese Worte sind aus seinem Vokabular gestrichen.
Er hat große Schuld auf sich geladen.
Unverzeihlich!
Er ist verdammt, wie er zuvor die anderen verdammt hat.

Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder.
Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser.
Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel Gottes kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach:
Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Wer das war, der Engel?
Ein Wanderer vielleicht,
der mit der Geste einer tröstenden Mutter ihm Brot hinlegt  und Wasser
und kurze Worte sagt:
Iss. Steh auf. Geh weiter.
Kurze Worte, die aber den tödlichen Kreislauf von Elias Gedanken um Schuld und Sterben durchbrechen.
Kraft kommt.
Nicht viel, aber es reicht zum Aufstehen.
Es reicht, um den Kopf zu heben.
Es reicht, um Gott unter die Augen zu treten und den Schuldspruch zu hören,
den Elia erwartet.

Aber was da kommt, auf dem Horeb ist eine kleine Privatinszenierung für Elia,
der verborgen in einer Höhle sitzt und hinausschaut auf die Darbietungen.  
Gott konfrontiert Elia mit dessen entfesselter Wut im Sturm,
seinem bebenden Hass im Erdbeben,  
seiner zerstörerischen Kraft der Gewalt im Feuer.
Und sagt Nein zu alldem.
Klar und deutlich.
Elia kann ihm nur rechtgeben.

Und dann?

Ein stilles, sanftes Sausen.

Kol demamah dakah auf Hebräisch.
Stimme eines leisen Hauchs.

Wie klingt ein leiser Lufthauch?
Überhaupt nicht.

Stille.

Ein leiser Lufthauch,
auf der Wange oder der Schläfe zu spüren.
Dort, wohin eine Mutter ihr Kind küsst
oder die Geliebte den Geliebten.

Kein Donnerwetter.
Nur Stille: Die Ruhe nach dem Sturm.
Ruhe, um die Augen zu öffnen.
Und der Wahrheit über sich selbst ins Auge zu sehen
unter Gottes liebevollen Augen,
in Gottes freundlicher Gegenwart.

Elia tritt vor die Höhle.
Der leise Hauch geht vorüber.
Gott spricht zu Elia.
Und Elia lässt die Gelegenheit verstreichen.
Keine Einsicht.
Er rechtfertigt sich selbst:
"Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth".
Er will die furchtbare Tat entschuldigen,
er will nicht wahrhaben, dass er ganz und gar auf den falschen Weg geraten ist.
Die Stimme des leisen Hauches bekommt keine Chance.
Sie verweht, die Chance ist vertan.
Gott hat um Raum gebeten,
Raum, um seine Symphonie der Liebe und Güte zu spielen,
die das Andere aushält, ohne ihm rechtzugeben und ohne es zu vernichten.
Raum für Umkehr und Vergebung und Einsicht.

Elia hat diesen Raum nicht betreten.
Gott wird einen anderen wählen:
Elisa wird seine Stimme werden.
Elias Karriere ist zu Ende.
Sein Weg mit Gott jedoch nicht.
Trotz allem lässt Gott Elia nicht fallen.
Ein Feuerwagen wird kommen und ihn in eine Welt führen,
in der er Ruhe finden wird für seine Seele.

Wo bist du, Gott?
Warum sagst du nichts?
Warum überlässt du mich dem Unrecht, der Gewalt,
die meine Wut weckt, meinen Zorn, meinen Hass?
Warum kein Feuer mehr vom Himmel,
damit die  Gewalt und das Unrecht zurückweichen und Menschen dich preisen?
Alle Menschen!

Kein Weg, sagt Gott, kein Weg für mich.
Einmal habe ich Feuer vom Himmel geschickt
und du weißt, was das ausgelöst hat.

Wo bist du Gott,
wenn alles zu viel wird und ich verzweifle,
wenn ich nicht aushalte, was ich sehe und ersticke am Mitgefühl,
wenn ich unter allen Wegen keinen Weg für mich sehe und meine Kraft sich zurückzieht?

Sei still, sagt Gott,
höre,
lass das leise Summen meiner Freude deine Füße bewegen,
spüre,
lerne, auf den Lufthauch meiner Liebe zu vertrauen,
schaue,
auf den Weg der Sanftheit und Güte.

Es gab einen, der ist diesen Weg gegangen,
brennendes Mitgefühl und Sehnsucht nach Gerechtigkeit im Herzen.
Der hörte und spürte und sah und forderte alle Welt auf,
ihm zu folgen.
Der kniete im Garten Gethsemane im Dunkel,
die Gewalt und seine Verfolger im Nacken,
und gab mir dennoch Raum,
dass ich ihn mit dem sanften Flügel meines Lebenshauchs berühren konnte.
Der schaffte den dritten Weg zwischen wütender Empörung und Resignation,
blieb klar in seinen Worten,
hielt an der Liebe fest,
vergab seinen Feinden,
hatte die Kraft, den Weg bis zu seinem Ende zu gehen.
Und gab mir Raum vom Leben zu sprechen, als alles schwieg.

Und du?
Steh auf. Iss. Geh weiter.
Gib mir Raum,
spüre den Hauch meines Lebens,
und dann wähle deinen Weg.

Amen.