Samstag, 9. Januar 2016

Predigt Heilig Abend 2016 zum Krippenspiel


Predigt Heilig Abend 2015

1. Es ist so leicht, das Licht weiterzugeben.
Es ist so leicht, sagt der Wichtel Tomte,
gib, was du hast, gib, was du geben kannst.
Er zeigt es uns,
der Wächterwichtel für Kinder und Tiere.
Er weicht trotzige Herzen auf
und der Esel geht weiter.
Die Kuh gibt Milch, der Wirt den Stall,
die Hirten hören dem Engel zu
und Maria wird die Maria, die wir lieben,
glücklich mit ihrem kleinen Kind und ihrer großen Hoffnung,
freundlich zu ihrem Josef.
Es ist so leicht.

2. Es ist so leicht auf  das Dunkel zu hören.
Es ist leicht, bitter zu werden.
Der Staat jagt mich schwangere Frau durch das Bergland Judäas oder auch quer durch Europa. Wieso?!
Es ist leicht, böse zu werden.
Jemand lässt seine Wut an mir aus, tut mir weh.
Da gehe ich keinen Schritt weiter oder trete sogar zurück.
Es ist leicht hart zu werden.
Ich sorge mich um meine Familie, meine wirtschaftliche Existenz.
Da verdränge ich mein Mitgefühl, vergesse die warmen Decken und den Stall, den ich doch ganz leicht öffnen kann.
Es ist leicht, in die Sprache der Waffen einzustimmen, wenn immer mehr sie verwenden,
und der Raum für die Sprache der Liebe kleiner und kleiner wird.
So viele sagen „Leider, aber...“.
Dürfen wir sagen: Ihr habt recht?
Es wäre so leicht, es liegt so nahe.

3. Es ist schwer, manchmal, Weihnachten zu feiern.
Da ist viel Dunkel geschehen,
Abschied von einem geliebten Menschen,
Sorgen im Alltag,
Gewalt und Angst, die so viele Menschen auf der Welt umtreiben, auf die Flucht treiben,
und uns auch hier in den Weihnachtsgottesdiensten nicht loslassen.
Leichte Worte finden, die uns feiern lassen, dass Gott uns nahe gekommen ist,
aber kein Lametta verteilen, das einfach zudeckt.
Nicht so leicht.


4. Der Engel Gottes auf dem Feld versucht es:
Fürchtet euch nicht, sagt er und blickt in die harten Gesichter der Hirten,
die mit Freude und Frieden und Gerechtigkeit schon lange nicht mehr rechnen.
Freude kommt, sagt der Engel,  und Frieden auf Erden.
Gott macht es euch ganz leicht.
Er schenkt euch ein Kind.
Gott weiß:
Ein Kind zu lieben ist leicht.
Ein Kind bringt uns zum Lächeln,
einfach so.
Unsere Hand streckt sich von selber aus und fängt es auf, wenn es fällt.
Ein Kind kann auf unsere Hilfe zählen, immer.
Ein Eis, Liebe, Fürsorge auf seinem Weg in die Welt.
Wir geben, was wir können,
ganz selbstverständlich. Ganz leicht.

Das Kind in der Krippe in einem Stall rührt die Herzen.
Das ist kein Kitsch. Genauso hat es sich Gott gedacht.
Gott drängt sich durch das Kind hinein,
in unsere Härte, in unsere Angst, in unsere Wut und in unsere Nüchternheit und sagt:
Leichter kann ich es euch nicht mehr machen.
Lasst dieses Kind in euer Leben kommen.
Lasst euch von diesem Kind zur Liebe verführen.
Gebt einfach, was ihr zu geben habt.
Macht es euch gegenseitig leichter, lächelt,
reicht dem anderen die Hand, vergebt, versöhnt.
Lasst das sein mit der Gewalt der Faust und der Gewalt der Worte,
lasst es einfach sein.
Denn nur so wird wirklich Frieden auf Erden,  
auf diese leichte, nicht auf die harte Tour.
Friede auf Erden, bei den Menschen, bei allen!
Was für eine Erleichterung wäre das!  
Und mit welchem Wohlgefallen würde Gott auf uns blicken!
Nehmen wir uns ein Beispiel an dem Wichtel und erinnern uns gegenseitig daran:
Es ist so leicht, das Licht von Gottes Liebe weiterzugeben.
Frohe Weihnachten!


















Röm 12, 1-7 1. Epiphanias 2016


Römer 12,1-8
Ich bitte euch, liebe Geschwister, dass ihr um des Erbarmens Gottes willen eure Körper, euch selbst darbringt zu einem lebendigen, heiligen Opfer, das Gott gefällt, zu eurem geistigen Gottesdienst. Und passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Denkens, um zu prüfen, was der Wille Gottes ist: das Gute, und das, was Gott gefällt, und das Vollkommene.
Denn ich sage euch durch die Gnade, die mir gegeben wurde, allen, die bei euch sind: Überschätzt euch nicht über das hinaus, was schätzenswert ist, sondern schätzt euch vernünftig ein, jeder so, wie Gott das Maß des Glaubens zugemessen hat.
Wie wir ja in einem Körper viele Organe besitzen, die Organe aber nicht alle die selbe Funktion haben, so sind wir alle ein Körper in Christus, aber untereinander sind wir Organe. Wir besitzen ja unterschiedliche Gaben entsprechend der Gnade, die uns gegeben wurde, sei es Prophetie in Übereinstimmung mit dem Glauben, sei es Dienst als Diakonin, sei es Unterricht als Lehrer, sei es Seelsorge als Seelsorgerin. Wer Almosen gibt, tue es ohne Berechnung; wer der Gemeinde vorsteht, tue es eifrig; wer Barmherzigkeit übt, tue es heiter.
(Übersetzung Güntzel Schmidt, Göttinger Predigten online)


In der Arena 1: Der Stierkampf

Das Tor geht auf.
Die Menschen halten den Atem an.
Der Stier kommt!  Er kommt in die Arena!
Er gilt als gefährlich, kampfeslustig, wild.
Ferdinand, der Furchtbare.
Gleich werden sie ein Schauspiel sehen.
Gleich wird der Matador den Stier mit rotem Tuch herausfordern.
Die Piccadores warten noch, bevor sie den Stier mit Lanzen reizen.
Vielleicht ist das gar nicht nötig.  
Das Tier trabt langsam in die Mitte.
Was ist das?
Der Stier hebt den Kopf, schaut in die Reihen,
sieht die Damen mit den Blumen an den Hüten, im Haar,
schnuppert, schnuppert noch einmal,
setzt sich entspannt in die Mitte der Arena,
schließt die Augen.
Atmet tief, atmet den Blumengeruch ein. Genießt.
Einen Augenblick entsetzte Stille.
Das gab es noch nie.
Dann brüllt Matador, provoziert den Stier, weint vor Verzweiflung.
Der aber öffnet nur ein Auge.
Und schließt es wieder.
Kein Kampf.
Gar nicht möglich.
Der Matador lässt das Tuch, die Piccadores ihre Lanzen sinken.
Wer hat ihnen denn diesen Stier angeschleppt?
Der hat doch in einer Arena nicht zu suchen.
Wie kann man gegen einen kämpfen, der gar nicht will?

Ich bitte euch, liebe Geschwister, dass ihr um des Erbarmens Gottes willen eure Körper, euch selbst darbringt zu einem lebendigen, heiligen Opfer, das Gott gefällt, zu eurem geistigen Gottesdienst. Und passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Denkens, um zu prüfen, was der Wille Gottes ist: das Gute, und das, was Gott gefällt, und das Vollkommene.

In der Arena 2 Auf der Wiese

„Ferdinand, der Stier“ heißt dieses alte Kinderbuch.
Ferdinand liebt die Blumen, nicht den Kampf.
Alle anderen jungen Stiere balgen sich munter auf der Wiese und träumen vom großen Tag in der Arena.
Ferdinand sitzt unter einem Baum und genießt den Duft, der von der Wiese aufsteigt.
Seine Mutter, anfangs besorgt, akzeptiert diesen merkwürdigen Sohn.
Doch die Arena bleibt Ferdinand nicht erspart.
Er setzt sich auf eine Hornisse und bietet den Männern, die einen Stier für die Arena auswählen wollen, in seinem Schmerzensrasen, ein eindrückliches Schauspiel.
Und sie wählen ihn aus.
Doch Kämpfen ist nicht seine Natur.
Ferdinand in der Arena. Das geht gar nicht.
Anders als viele Geschichten endet diese nicht in der Arena.
Ferdinand darf sich selber treu bleiben. Er wird auch nicht vernichtet.
Er darf wieder zurück auf seine Weide und den Blumenduft genießen bis ans Ende seiner Tage.
Es heißt, dass diese Geschichte zu den Lieblingsgeschichten Mahatma Ghandis gehörte.

Passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Denkens, um zu prüfen, was der Wille Gottes ist: das Gute, und das, was Gott gefällt, und das Vollkommene.
Denn ich sage euch durch die Gnade, die mir gegeben wurde, allen, die bei euch sind: Überschätzt euch nicht über das hinaus, was schätzenswert ist, sondern schätzt euch vernünftig ein, jeder so, wie Gott das Maß des Glaubens zugemessen hat.

Arena 3 Jesus in der Arena
Eine andere Arena.
Menschen am Jordan.
Sie warten auf den, der kommt, in diese Welt,
in die Arena ihres Lebens voller Gewalt und Armut.
Sie wollen sich erneuern, die Welt erneuern,
mit einem, der der Welt die Stirn bietet,
im Namen Gottes.
Johannes der Täufer hat Erwartungen geweckt.
„Tut Buße“,  ruft er, „er wird kommen, die Stimme aus der Wüste,
er wird nicht mit Wasser taufen wie ich, sondern mit Feuer und  dem Heiligen Geist.
Ich sage euch, der wird reden. Da werdet ihr euch noch umsehen.
Die Spreu wird er vom Weizen trennen und verbrennen und ...
Da kommt er ja.“
Die Menschen drehen sich um.
Sehen einen einfachen Mann, gekleidet wie sie alle zum Jordan kommen.
Hören seinen Wunsch von Johannes getauft zu werden wie alle anderen sündigen Menschen und die Einwände des Johannes.
Werden Zeugen seiner Taufe.
Erwarten Großes.
Schließlich tritt Gott in die Arena.
Geist und Feuer, hat Johannes gesagt, Geist und Feuer.
Der Himmel öffnet sich und...
Der Geist kommt.
Aber kein Feuer, eher eine Taube,
ein sanfter Flügelschlag der Liebe,
strahlendes Wohlgefallen, aber kein Feuer.
Die Menschen sind ratlos.
Der Mann tritt wieder aus dem Wasser. Schaut sie an.
Sie sehen das Leuchten in seinen Augen.
Aber reicht das, für die Arena dieser Welt?
Der Mann wendet sich ab von ihnen und geht weg, läuft in die Wüste und bleibt erst einmal unsichtbar.
Die Menschen ratlos.
Auch Johannes ist verdutzt.
Wie soll man der Welt die Stirn bieten, kämpfen, mit einem, der das gar nicht will.

Ich bitte euch, liebe Geschwister, dass ihr um des Erbarmens Gottes willen eure Körper, euch selbst darbringt zu einem lebendigen, heiligen Opfer, das Gott gefällt, zu eurem geistigen Gottesdienst. Und passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Denkens, um zu prüfen, was der Wille Gottes ist: das Gute, und das, was Gott gefällt, und das Vollkommene.


Arena 4: Christen in der Arena
Paulus schreibt an Menschen, die in der Arena leben,
mitten in Rom,
mitten in einer Welt mit Kaiserkult und aufgerichteten Kreuzen,
an die die Römer aufrührerische Menschen hängen.
Bringt euch selbst zum Opfer dar, schreibt er.
Setzt euch ein, ein jeder so, wie es seiner, wie es ihrer Kraft entspricht.
Bleibt vernünftig.
Sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen.
So hat es Jesus den Menschen ans Herz gelegt.
Und das sollen sie beherzigen.
Und sich nicht verführen lassen.
Sie müssen nicht mithalten,
nicht in der Arena der großen Denker.
Keiner verlangt, dass sie ein Aristoteles werden.
Sie müssen die Kämpfer nicht beeindrucken und nicht die römischen Soldaten.
Sie können auch nicht damit rechnen, dass die anderen von der Sprache und der Tat der Gewalt lassen.
Jesus, Gott schickt uns in die Arena der Welt, sagt Paulus.
Alle zusammen. Wie damals auf dem Marktplatz in Jerusalem,
 als alle sich zeigten und zusammenhielten:
Ein Körper, der zusammen und nur zusammen lebensfähig ist.
Und gehalten wird vom sanften Flügelschlag der Liebe.
Ermutigt von Gottes strahlendem Wohlgefallen
So sanft und doch so mächtig wie Wind und Feuer.
Paulus schafft Raum für das Leben im Glauben, aber nicht abgegrenzt, sondern mitten in der Welt.
Er kennt keine Kirchen, er kennt keine festen Gemeindestrukturen, nur Häuser von Gemeindegliedern, in denen man sich trifft.
Alles ist am Anfang.
Alles beginnt erst.
Eine Decke liegt auf der Wiese der Welt, allen sichtbar.
Menschen versammeln sich und bringen mit, was sie haben.
Leben und essen zusammen.
Teilen das Lachen und die Liebe und ihre Gaben, vernünftig und heiter.
Nur sie sind da und die weite Welt.
Eine Stimmung wie an einem Sommermorgen auf einer Weide.
Der Duft der Blumen steigt in die Nase.
Die Sonne wärmt.
Der Himmel ist blau und weit und die Welt offen.
Wir müssen um nichts kämpfen, dürfen teilen, was auf der Decke liegt.
Wege können beschritten werden.
Heiter und ohne Hintergedanken.
Gemeinschaftlich und ohne Wut.
Ausgerichtet am Guten, das Gott will und nicht an den Grenzen, die andere hochziehen, als seien sie das Gesetz dieser Welt.
Das gilt es zu bewahren, damit nicht der erste Windhauch des Zornes oder der Angst hinwegfegt, was mit Jesus von Nazareth begann.
Und das geht so schnell.
Damals wie heute.
Wir kennen uns und die anderen.
So schnell bereit andere zu verurteilen.
So schnell bereit zuzuschlagen.
So schnell bereit, zu schützen, was meins ist.
So wenig bereit, den anderen gelten zu lassen, so wie er ist
Und zu achten, was jemand zu geben hat.
Der einzige Schutz, den die Menschen um Paulus haben, sind sie selber,
ein Körper, eine Gemeinschaft im Namen Jesu Christi,
in der sie gelassen und vernünftig Gottesdienst feiern, in Wort und Tat.
Heiter und liebevoll.
Getragen vom Zuspruch Gottes, der ihnen an Gaben zumisst, was er ihnen zutraut und glaubt, dass damit die Welt sich zum Guten wandelt. 

Und passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Denkens, um zu prüfen, was der Wille Gottes ist: das Gute, und das, was Gott gefällt, und das Vollkommene.


Arena V Wir in der Arena

Nicht alle sind wie Ferdinand der Stier,
oder Jesus, den Gott wie eine Taube in die Welt geschickt hat.  
Die Versuchung in der Arena zu kämpfen ist immer wieder groß.
Phantasien:
Was würde ich tun, wenn ich von Männern umkreist werde wie die Frauen in Köln
oder dem Mob einer Pegidademonstration gegenüber stehe?
Muss ich mich verbiegen, um dem Bild einer sanften Taube auch nur annährend gerecht zu werden, mit dem Gott seinen Geist gleich setzt?
Und passt euch nicht dieser Welt an, aber geht in sie hinein, wie in eine Arena, was heißt das denn?
Sind wir Sektierer, Sonderlinge, nicht ganz von dieser Welt?
Vielleicht sollten wir nicht vergessen, was hinter den Worten des Paulus steht, auch wenn er wie wir eine Welt erlebt, die in vielem Gottes Willen widerspricht:
Dass es nämlich keine Arena gibt, auch wenn wir immer wieder das Gefühl haben, in einer zu stehen.
Es gibt keine Arena, es gibt nur unsere Welt.
Und die hat Gott geschaffen.
In dieser Welt ist Gott uns nahe, mit seinem Willen, dass gut ist und gut bleibt und gut werde, was er da in Gang gesetzt hat.
Und nichts, so Paulus, gar nichts kann uns in dieser Welt trennen von Gottes Liebe.
Wir leben wie Paulus mitten in dieser Welt.
Und auch wenn wir in einer Kirche Gottesdienst feiern,
so sind wir doch mit den ersten Christen auf dem Marktplatz, auf dem uns die ganze Welt sehen kann,
oder mit Ferdinand auf einer Wiese.
Alle sehen uns, wenn wir die Decke ausbreiten,
zusammenkommen um zu teilen,
vernünftig und heiter,
ein jeder mit dem, was er, was sie zu geben hat.
Um uns herum mögen andere uns anstacheln oder herausfordern oder schluchzen und weinen wie der Matador, der Ferdinand bittet, doch ein Gegner zu sein.
Wir müssen uns nicht darauf einlassen.
Gott traut uns zu, dass wir vernünftige Wesen sind, die besonnen bleiben und uns nicht ins Bockshorn und von der Wiese des gemeinschaftlichen Lebens vertreiben lassen.
Ferdinand, so das Ende der Geschichte, ist sehr glücklich.
Das dürfen wir auch sein.
Glücklich leben.
Sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen.
Wir sind nicht dumm, wir wissen genau, wie schwer sich alle, auch wir, immer wieder mit dem Weg unseres sanften Wegbereiters tun.
Aber Gott traut uns zu, dass wir uns selbst und die Wege prüfen, die sich uns anbieten.
Er traut uns zu, das Gute zu tun, vollkommen und ganz und gar genau das zu tun, was er sich für diese Welt und ihre Menschen wünscht.
Denn Gott sitzt mit uns auf der Wiese.
Die Sonne scheint.
Der Himmel ist weit.
Gott reicht uns eine Blume und sagt: Spürt doch, wie das Leben riecht.
Werdet glücklich.
Alle miteinander.
Amen.


Samstag, 19. Dezember 2015

Titus 3, Predigt zum 1. Weihnachtstsag 2015


Es ist hell geworden
Predigt am 1. Weihnachtstag zu Titus 3, 4-7

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Es ist hell geworden.
Die Nacht ist vorbei.
Die Hirten sind zurückgekehrt.
Sie sitzen wieder bei ihren Schafen.
Die Freude klingt noch in ihnen nach.
Hell ist es in ihnen geworden.
Ein Junge kommt angelaufen.
Der Sohn eines Herdenbesitzers.
Er bringt etwas zu essen im Auftrag seines Vaters und schaut erstaunt in die leuchtenden Gesichter.
So kennt er sie nicht.
Härte kennt er von ihnen.
Bitterkeit.
Raues Lachen kennt er, wenn sie ihre Späße machen.
Wohl auch mal ein gutmütiges Klopfen auf die Schulter,
wenn ihnen der Inhalt des Korbes gefällt.
Aber dieses Lächeln, mit dem sie auf ihn schauen, ist ihm fast unangenehm.
So liebevoll, glücklich und offen hat er noch nie jemanden schauen sehen.
„Was ist los?“, fragt er.
„Setz dich“, antwortet einer der Hirten. „Lass dir erzählen.“
Er öffnet den Korb und teilt das Essen aus.
Auch der Junge kriegt etwas ab.

„Ich weiß nicht genau, was es war, das da über uns kam letzte Nacht“,
beginnt der Hirte mit bedächtiger Stimme und schluckt den ersten Bissen herunter.
„So oft habe ich in den Nächten auf dem Feld in den Himmel geschaut.
Sternenübersät.
Weite, die das Auge nicht fasst.
Und ich sah das Licht Gottes, das sich seit dem ersten Tag müht, zu uns zu kommen
und immer wieder Halt macht,
vor der Enge unseres Lebens,
vor Bosheit und Hass, voll Gewalt und Neid.
Und ich – wir - mitten drin, auch nicht besser als die anderen.“

Der Junge zieht die Augenbrauen hoch.
Das ist er von ihnen nicht gewöhnt.
Woher hat ein Hirte  solche Worte?
Aber sie rühren etwas an in ihm.
Die Skepsis weicht aus seinem Gesicht.
Etwas scheint passiert zu sein.
Er hört weiter zu.

„Und dann, plötzlich“, fährt der Hirte fort,
„war etwas Helles, Glitzerndes in der Luft.
Ein Lächeln am Himmel, das sich ausbreitete.
Ein warmer Regen von Freundlichkeit und Mitgefühl kam auf uns nieder
und die Wärme erfüllte uns ganz.
Gottes Worte drängten sich in unsere kleine Welt,
in Schafgeruch und kühlen Nachtnebel.
Friede auf Erden, sang es, Friede allen Menschen.
Töne von weit her, auf einmal so nah.
Engelsworte luden uns ein, von der Furcht zu lassen und Gottes Geschenk zu öffnen,
dort in der Krippe in Bethlehem.

Engel?, denkt der Junge erstaunt, ‚und Krippe?’
‚Richtig, es sind Leute gekommen.
Haben im Stall geschlafen.
Aber...’
Doch der Hirte redet schon weiter.

„Klänge  der Hoffnung lagen in der Luft.
Die  Netze der weglosen Wege zerrissen.
Wir standen auf.
Angezogen von Ihm. Gerufen. Geholt.
Wir konnten gar nicht anders als zu laufen, zu rennen.
Wir folgten der Lichtspur der hellen Worte bis in den Stall.
Wir sahen das Kind, gerade geboren.
Und wussten: Es stimmt, was wir da auf dem Feld hörten:
Friede, es darf wirklich Friede sein in aller Welt.
Gottes Ja erfüllte in unser Herz.
An den Hindernissen vorbei, durch unsere bitteren Erfahrungen hindurch und durch die Leere. Mitten ins Herz.
Wir verstanden: Gott hat einen großen Schritt gemacht, auf uns zu in dieser Nacht.
Uns hat er gemeint und alle anderen auch.
Sein Friede für alle, für alle Welt.
„Das geben wir weiter, versprachen wir uns.“
Und die anderen Hirten in der Runde nickten. „Wir geben es weiter, das Licht dieser Nacht.“
‚Ihr’, denkt der Junge, ‚ihr’?!
Sein Staunen muss ihm vom Gesicht abzulesen sein.
Denn einer der Hirten lächelt ihn an:
„Wir schaffen das“, sagt er. „Es ist hell geworden. Die Nacht ist vorbei.“

Alle schweigen.
Auch der Junge.
Es ist immer noch etwas in der Luft, das spürt er.
Etwas singt und breitet sich aus. Auch in ihm.
Irgendetwas Helles,  Freundliches, das ihn öffnet, für Gott und die Welt.
Worte hat er noch nicht dafür.
Vielleicht gibt es dafür auch keine Worte.
Aber es gibt Musik.

Orgelimprovisation (Hinweise für den Organisten): Z.B. Über „Brich an du schönes Morgenlicht“ (EG 33) oder „Der helle Morgenstern ist aufgedrungen“ (EG 69)  Wenn ich mir was wünschen darf: Eine Mischung von zart und gewaltig, so eine Mischung von Jauchzet, frohlocket und Bereite dich Zion, viel Dur...

Es ist hell geworden.
Die Nacht ist vorbei.
Das haben Menschen immer wieder erlebt, wenn sie Jesus begegnet sind.
Dieses Leuchten, diese Freundlichkeit haben sie erlebt,
wenn er redete, sie anrührte, lächelte.
Sie haben gespürt: Friede, es darf wirklich Friede sein in dieser Welt.
Von Gott her kommt dieser Friede auf uns zu – trotz aller
Bosheit und Gleichgültigkeit, trotz blindem Hass und Verblendung.
Wir schaffen das, sagen sie.
Wir werden getragen von der Liebe, die diesen Frieden wünscht, mehr als alles andere. Wir haben es mit Jesus erlebt.
Und das haben sie weiter gegeben.
Und immer neue Geschichten und Worte dafür gefunden.
Wie zum Beispiel die Worte, die einer im Titusbrief gefunden hat, im 3. Kapitel.

Lesung: Titus 3, 4-7

„Als aber erschien die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, hat er uns aus der Verstrickung (in Bosheit und Hass und Neid, (V 3)) gerettet, nicht, weil wir gerechte Taten vollbracht hätten, sondern allein, weil Gott Mitgefühl und Erbarmen mit uns hatte.
So hat uns Gott gerettet durch das Bad der Wiedergeburt, erneuert durch die Heilige Geistkraft.
Diese hat Gott reichlich über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unsern Retter, damit wir, durch dieses Geschenk gerecht geworden, und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.“

Es ist hell geworden.
Die Nacht ist vorbei.
Reichlich ausgegossen wurde Gottes Geist.
Reichlich ausgegossen in unsere Herzen.
Und wir dürfen baden in seiner Menschfreundlichkeit.
Und hoffen, dass das Mitgefühl, das Gott mit jedem von uns hat, Kreise zieht.
Auch durch uns.

Wir haben gefeiert letzte Nacht.
Haben gesungen und gegessen,
haben Freude getauscht,
die Freude ein Geschenk zu machen und die Freude, von anderen bedacht zu werden, zu spüren, dass wir füreinander ein Geschenk sind.
Weihnachten,
eine Zeit, in der es so schön ist, wenn Freundlichkeit Raum hat.
Und so schmerzhaft, wenn das nicht gelingt
und Hass und Gewalt weiter gehen.
Schmerzhaft, wenn Missstimmung die Freude trübt.

Aber wir erleben auch das Neue, Helle.
Wir erleben, wie weit der Raum wird, wenn wir offen und freundlich sind.
Grenzen gehen auf, weil Menschen in größter Not vor den Grenzen stehen.
Wir beginnen, nicht Menschenmassen zu sehen, sondern Mensch für Mensch. Jede Frau, jeder Mann und jedes Kind ist ein Mensch, den Gott meint und liebt. Mindestens dies ist möglich.
Vom Krieg und Terror gehetzte Menschen wurden willkommen geheißen.
Das war noch keine geordnete Lösung.
Aber es war ein warmes Bad in der Freundlichkeit.
Ich meinte, dahinter und darin immer wieder Gott sehen zu können, wie er mit großen Schritten und einem liebevollen Lächeln auf uns zugeht.
Welche Freude, welches Geschenk auch für uns, dieses Bad in der Freundlichkeit!

Gott geht mit großen Schritten und einem liebevollen Lächeln auf uns zu.
Und immer wieder lassen Menschen sich von der Menschenfreundlichkeit Gottes einladen und gehen selber den nächsten Schritt.
Und spüren, das ist meine Rettung, das ist unsere Rettung, wenn wir der Freundlichkeit nachgeben.
Denn das ist es, was am Ende zählen wird, Güte und Freundlichkeit.

Menschen gehen den nächsten Schritt.
Hirten sitzen da mit erleuchteten Gesichtern.
Worte, die man von ihnen noch nicht gehört hat, kommen aus ihrem Mund.
Ein anderer verlässt seinen Lehrstuhl, weil er sich von Christus nach Afrika gerufen fühlt. Sein Hospital in Lambarene gibt es noch immer. Mehr als 100 Jahre ist es hier. Ein helles Lebenszeichen von Bethlehem her.
Eine kommt in ihrer Freizeit wochenlang in die Olympiahallen und empfängt die, die so lange auf der Flucht waren, gibt Essen, Kleidung und ein Lächeln aus.
Vielleicht können nicht alle bleiben; aber das spielt jetzt keine Rolle.
Denn für Nächstenliebe gibt es keine Grenze, erst recht keine Obergrenze.
Und keine Tat der Liebe ist vergeblich.

Sie oder er hat ein gutes Herz, sagen wir manchmal.
Und dürfen das selber sein.
Menschen mit einem guten Herzen.
Gott hat all seine Güte in unser Herz gelegt.
Jesus hat uns für diese Güte geöffnet,
dass wir nicht bei uns selber stehen bleiben, sondern mit offenen Händen austeilen,
austeilen dürfen,
ohne Ende.

Die Nacht ist vorbei.
Es ist hell geworden.
Es darf Friede sein.
Die helle Musik dieser hoffnungsvollen Nacht zieht uns weiter
Hilft uns auf die Beine wie den Hirten auf dem Feld.
Sein Friede zieht Kreise.
Beschenkt gehen wir weiter.
Ziehen unsere Kreise. Seine Kreise.
Güte und Menschenfreundlichkeit tragen wir in uns,
geben wir weiter.
Die Nacht ist vorbei.
Es ist hell geworden.
Immer noch:
Etwas Glitzerndes ist in der Luft.
Gottes Lächeln, das sich ausbreitet.
In uns.
Amen.

Lied: Sing jubilate 4 Gott aus Gott und Licht aus Licht (nicht zu schnell, damit die Leute mitkommen)


Samstag, 14. November 2015

Mt 25, 31-46 Vorletzter Sonntag 2015


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Der Schuster Wilhelm Voigt  blickt auf ein verpfuschtes Leben zurück.
Im Knast hat er gesessen. Um 300 Mark ging es.
15 Jahre hat man ihm dafür gegeben.
18 war er damals.
Und dann kamen nochmal zwei Jahre für Urkundenfälschung dazu, als er seine Vergangenheit löschen wollte.
Davon erzählt Carl Zuckmayer in seinem Hauptmann von Köpenick.
Aber Wilhelm will nicht aufgeben.
Er hat keinen festen Wohnsitz.
Die Ausweisung aus dem damaligen Preußen droht ihm.
Keiner will ihn arbeiten lassen, keiner gibt ihm einen Platz in der Welt.
Wilhelm will sich nicht damit abfinden.
Er stellt sich das Ende seines Lebens vor und sagt:
„Und dann, dann stehste vor Gott, dem Vater, der alle aufjeweckt hat, vor dem stehste dann, und der fragt dir,
ins Jesichte:
Willem Voigt, wat haste jemacht mit deinem Leben?
Und da muß ick sagen: Fußmatten, muß ick sagen, die hab ick jeflochten im Jefängnis.
Und dann sind se alle drauf rumjetrampelt .
Und zum Schluß haste jeröchelt und jewürgt um das bißchen Luft, und dann war´s das.
Det sachste vor Gott.
Aber der sacht zu dir: Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er.
Dafür hab ick dir das Leben nicht jeschenkt! Sacht er.
Du bist mir dein Leben schuldig jeblieben.
Wo is et? Wat haste mit deinem Leben jemacht?“

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden.

Großer Bahnhof wird sein an dem Tag, an dem Gott die Welt richtet, sagt Jesus
und führt seinen Zuhörern ein großartiges Kino vor mit dem Titel:
Wenn der Menschensohn kommt.
Sie sehen einen Richterstuhl, hoch oben und Jesus sitzt dort.
Er ist nicht wieder zu erkennen,
der Wanderrabbi, der mit ihnen unterwegs war auf den staubigen Wegen Galiläas
und der jetzt an einem seiner letzten Tage mit ihnen auf dem Ölberg sitzt, hier in Jerusalem.
Weißes Licht, himmlischer Glanz hüllt ihn ein.
Engel, wohlgemerkt alle Engel, stehen ihm zur Seite.
Gott hat ihn eingesetzt als Richter über alle Welt.
Er sitzt auf dem Richterstuhl und vor ihm die versammelte Menschheit,
alle Völker, alle Menschen, die leben und jemals gelebt haben sind da.
Es ist still.
Die Menschen haben Angst. Manche sehr zu Recht.
Alle wissen, der Tag ist da.
Und er wird das Urteil über die Welt sprechen.
Großes wird erwartet.
Der Himmel ist geöffnet, da wird die Erde nicht bleiben, wie sie ist.
Der da sitzt hat alle Macht der Welt, das sehen sie.
Er kann mit einem Fingerschnipsen die Kontinente verschieben,
Meere aufschäumen.
Er kann Feuerflammen schicken oder auch Manna vom Himmel regnen lassen.
Was wird er tun?
Er tut nichts. Nichts Großartiges.
Er gruppiert die Menschen etwas um.
Die einen sortiert er zur Rechten und die anderen zur Linken.
Das war’s.
Die Menschen sind verwirrt.
Da ist keine Ordnung mehr zu erkennen.
Eine bunte Mischung von Menschen aller Nationalitäten und Religionen, von arm und reich steht auf der einen und auf der anderen Seite.
Was soll das?
Jesus wendet sich denen zur Rechten zu und lächelt und sagt:
Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.
Euer Tun zeigt, wie die Welt eigentlich sein soll. Ihr seid gesegnet. Ihr zeigt den Weg zum Leben.“
Und das Licht, das ihn umhüllt, fließt auf diese Menschen zur Rechten über.
Aber die Verwirrung legt sich nicht.
Was haben wir schon getan, das wir das verdienen?
Und auch die zur Linken wissen nicht, womit sie es verdient haben,
das Dunkel, das sich um sie herum ausbreitet  und einhüllt in dichten Schwaden.
D.h. sie wissen es schon, aber eigentlich, denkt einer, gehört doch der  mit der Supermarktkette nicht auf die rechte Seite. So ein reicher Schnösel. Warum stehe ich hier? Habe doch nichts wirklich falsch gemacht. Sogar meine Steuern habe ich bezahlt.
Jesus sieht die Verwirrung und stellt den Menschen eine einfache, eine sehr persönliche  Frage:
„Wat haste mit deinem Leben jemacht?“
Und bevor sich ein Stimmengewirr erheben kann und jeder seine persönlichen Lebenslage schildern und erklären kann, hebt Jesus abwehrend die Hand und deutet auf den Boden:
Die Menschen folgen seinem Finger und sehen Bilder,
Bilder von Menschen im Gefängnis in Isolierhaft,
Hungernde am Wegesrand,
Kranke in den Betten,
erschöpfte Fremde, die an Türen klopfen,
Durstige, die sich um ein ausgetrocknetes Wasserloch drängen,
Menschen mit zerfetzter Kleidung am Leib, die sich gerade aus einem zerstörten Haus in Damaskus retten.
Alle blicken zu Jesus mit der stummen Frage: Was soll das?
Und Jesus zeigt wieder nach unten.
Und sie sehen eine Hand, die einen Becher reicht,
sie sehen eine Tür die sich öffnet und jemand bittet den Fremden herein,
sie sehen einen zerwühlten Kleiderschrank und einen, der liebevoll die besten Stücke herausnimmt, um sie zu verschenken.
Der eine auf der dunklen Seite sieht den Supermarktbesitzer an einem Tag den vorbeilaufenden Flüchtlingen Kekspackungen und ein freundliches Lächeln mit auf den Weg geben.
Das Licht breitet sich aus über die Erde,
immer weiter,
bis jede Erinnerung an Hunger und Gewalt und Leid verschwunden ist.
Die Menschen schauen ergriffen auf diese helle Welt,
in der sich Frieden auf die Wiesen und Berge, auf die Wüsten und Meere,
auf die Städte und Dörfer legt wie ein warmer Lufthauch.
Die Stimme von Jesus holt sie zurück, die Menschen zur Rechten und die zur Linken, die nun betroffen zu Boden blicken.
Was ihr einem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr auch mir getan, erklärt er.
Und fügt hinzu und wir wissen nun, woher Carl Zuckmayer seinen großartigen Satz hat:
Erst kommt die Wanze, dann die Wanzenordnung.
Erst kommt der Mensch, dann die Menschenordnung.
Die Bilder verblassen.
Die Jünger und die anderen, die sich um Jesus versammelt haben, kehren wieder zurück in die Wirklichkeit.
Sie sind wieder auf dem Ölberg, in der Stadt Jerusalem.
Jesus schaut in die Gesichter und seufzt.
Er weiß, sie werden ihren Weg weitergehen.
Sie werden sich immer wieder Mühe geben und versuchen auf dem Boden zu bleiben.
Sie werden versuchen, dem anderen ein Mensch zu sein, mit offenem Herzen und offenen Händen.
Das macht ihm Mut.
Er will daran glauben, dass sie tun, was in ihrer Macht steht, das Gute tun und dadurch anderen Mut machen. 
Er will und er kann die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gewalt und Tod weichen.
Jesus seufzt wieder.
Aber Gott wird dennoch ein großes Herz haben müssen, wenn er ihnen verzeihen will, was ihnen sonst noch einfällt.
Und Jesus wird seinen Weg weitergehen und weitergehen müssen,
wird Mensch unter Menschen bleiben, wird dem Tod begegnen,
dem Gott mit Leben und Vergebung antwortet,
damit der Weg der Menschen weitergehen kann
und die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit nicht stirbt,
sondern im Bereich des Möglichen bleibt. Für alle.

Volkstrauertag.
Ein Volk trauert in diesen Tagen, unter Schock.
Und viele Menschen in der Welt schauen mit Entsetzen auf Paris.
Und mit Angst.
Wieder ist deutlich geworden:
Keine Macht und keine Ordnung der Welt können verhindern,
dass Menschen morden und zerstören.
Der einzelne Mensch hat eine Macht, die keine Menschenordnung bezwingen kann,
die Macht das Gute zu tun und die Macht zum Bösen.
Die Nacht von Freitag auf Samstag hat uns Bilder  aufgezwungen, 
Bilder wie aus einem Horrorfilm im Kino.
Aber das war kein Kino.
Menschen haben gemordet, erbarmungslos und ohne einen Funken Mitgefühl im Herzen.
Viele junge Menschen sind gestorben.
Sie werden keine Chance mehr haben, etwas aus ihrem Leben zu machen.
Sie sind an Orten gestorben, an denen sie sich sicher fühlten,
bei einem Konzert, in Bars, vor einem Fußballstadion.
Großer Schmerz und große Trauer sind die Folge und wieder einmal das sichere Wissen:
Das kann überall geschehen.
Keine Macht, keine Kontrolle,
kein Militär und keine Ordnung der Welt können verhindern, dass Menschen morden und zerstören.
Auch wenn Präsident Hollande starke Worte findet:
„Wir werden den Kampf anführen. Wir werden gnadenlos sein.
Frankreich wird sich von dieser Barbarei nicht beeindrucken lassen.“,
so sind doch der Schmerz und die Hilflosigkeit, die aus diesen Worten sprechen, überdeutlich.
Irgendetwas tun, wo doch nichts mehr getan werden kann,
Grenzen schließen, den Notstand ausrufen.
Hilflose Gesten eines Landes, das große militärische Macht hat und einsetzt und keine Möglichkeit hat, solche Taten zu verhindern.
Genauso wenig wie wir.

Das Traurige ist: So sehr uns diese Ereignisse schockieren, sie sind nichts Neues.
Jeden Tag ergeht es Menschen so.
Bomben und Schüsse fallen in vielen Ländern dieser Welt.
Aber sie fallen nicht auf Länder.
Sie fallen immer auf einzelne Menschen.
Sie töten und zerstören junge und alte Menschen. Jeden Tag.
Sie sähen Verzweiflung und Trauer und Hass. Jeden Tag.
Krieg und Terror sind auch letzte Woche schon ein Teil der Welt gewesen.
In Beirut beispielsweise vor vier Tagen  ein Doppelanschlag, auch von der IS.  41 Tote.
Auch die Gewalt, die von westlichen Staaten ausgeht, gehört dazu,
die nicht tatenlos zusehen wollen und können, wie der IS mordet,
aber auch wissen, dass ihre Gewalt immer wieder neue Gewalt gebären wird.

Wir stehen davor und sind hilflos.
So ein großer Schmerz, wie ihn die Menschen in Paris oder auch Beirut in diesen Tagen empfinden, macht stumm.
Wir sind uns bewusst, dass wir als einzelne Menschen nicht die Macht haben, so etwas zu verhindern.
Wir können auch nicht das Morden im Libanon, dem Irak und in Syrien aufhalten.
Aber wir können etwas tun,
mit unserer kleinen Kraft und unserer großen Macht, die Gott jedem Menschen zugestanden hat:
Wir können wählen.

Wir können der Angst und dem Hass nachgeben,
uns vergiften lassen von den Gewalttaten der anderen,
indem wir Gewalt zurückgeben oder zumindest misstrauisch und abwehrend werden gegenüber allem, was uns verunsichert.
Das wird ein Weg sein, den Menschen nach diesen Tagen wählen werden.

Wir können schweigen und den Schmerz und die Hilflosigkeit aushalten und mit unserem Mitgefühl bei denen sein, die trauern und verzweifelt sind.
Und wir können uns in dieser Stille von Jesus fragen lassen:
Wat machste aus deinem Leben?
Und dabei wissen:
Er will trotz allem,
trotz der Kriege und des Unrechts der Vergangenheit und Gegenwart,
dass wir auf diese helle Welt blicken, die er uns gezeichnet hat,
in der sich Frieden
auf die Wiesen und Berge,
auf die Wüsten und Meere,
auf die Städte und Dörfer legt wie ein warmer Lufthauch
und der Mensch dem anderen ganz einfach ein Mensch ist,
vor jeder Ordnung.
Er will, dass wir ihm nachfolgen.
Amen