Sonntag, 2. April 2017

Abraham und Isaak Gen 22 Judika 2017


Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Es gibt Momente, da steht alles auf dem Spiel.
Die Luft hält den Atem an.
Momente, da steht mein Leben in Frage.
Ich muss mich entscheiden: Ich oder du? Wir oder ihr?
Mein Leben oder deines.
Mit dir untergehen oder alleine weitergehen.

Es gibt Momente, da steht alles auf dem Spiel.
Die Luft hält den Atem an,
und die Erde fragt sich, ob sie sich weiterdrehen kann oder sich schütteln sollte.

Einen dieser Momente erlebt Abraham laut Genesis, im 22. Kapitel.
Muten wir uns das zu und begleiten wir ihn.

Da versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm:
Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Vielleicht habe ich mich verhört, mag Abraham im ersten Moment gedacht haben.
Er kennt Gottes Stimme.
Er hat gelernt ihr zu vertrauen.
Geh aus deinem Land, hatte Gott ihn einst aufgefordert, geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Du wirst der Vater eines mächtigen Volkes sein.
Auch da mag er gedacht haben: Ich habe mich verhört.
Gott macht sich tatsächlich meinen und Saras Traum zu eigen: Ein eigenes Kind!
Und er weitet ihn noch!
Nicht nur ein Kind, sondern ein Volk!
Nicht nur Vater und Mutter werden, sondern ein Segen für die ganze Welt!

Und jetzt?
Nicht mehr „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde“, sondern „Gehe in das Land Morija“.
Nicht mehr: Du wirst Vater eines großen Volkes sein, sondern: Morde deinen einzigen Sohn.
Ein Moment, in dem alles erstarren müsste.
Was ist los mit Abraham?
Er ist doch sonst nicht auf den Mund gefallen, handelt mit Gott um die Menschen in Sodom und Gomorrha, aber nicht um seinen eigenen Sohn?
Nein.
Er sagt: Hier bin ich.
Er geht.
Die Bindung zu Gott ist stärker.
Immer hat ihn Gott bewahrt und Wege geöffnet.
Beinahe hatte er Sara auf der Reise an König Abimelech verloren, sie ihm als Schwester überlassen wollen, um sein eigenes Leben zu retten.
Aber Gott hat dem König die Augen geöffnet und Sara gerettet.
Als Abraham nach Jahren im fremden Land aufgeben wollte, da hat Gott ihm immer wieder mit Sternen und Sand und sogar mit einem persönlichen Besuch Hoffnung gemacht und Abrahams Vertrauen gestärkt.
Und dann wollten Abraham und Sara die Sache mit dem Kind mithilfe der Sklavin  Hagar selber in die Hand nehmen,
da sorgte Gott dafür, dass die Wege sich wieder trennten und der Weg wieder offen war,
für das Kind von Abraham und Sara.
Unglaublicher Aufwand.
Lange Reisen.
Intensive „Eins-zu-eins-Betreuung“ und jetzt:
Töte deinen einzigen Sohn, den du lieb hast.
Abraham zögert nicht.
Er geht.
Wie immer, wenn Gott klare Anweisungen gibt.
Undenkbar für ihn, ein Leben ohne die Bindung an Gott zu führen.

Die Bibel erzählt weiter:
Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.


Drei Tage Laufen.
Drei Tage das Wissen, das sind die letzten Stunden mit Isaak.
Drei Tage Gedanken, die sich immer fester verknoten zu einem unentwirrbaren Knäuel:
Wenn Isaak stirbt, ist es vorbei. Auch mit mir. Mit allem worauf mein Leben sich gründet.
Nie mehr Vater Abraham.
Wenn Isaak stirbt, ist es vorbei. Mit mir und meiner Bindung an Gott. 
Kein Kind mehr. Keine Hoffnung.
Kein Gott, auf den ich hören werde und hören kann.
Und wenn ich es nicht tue, ist es dasselbe. Auch dann verliere ich Gott.
Ein Dilemma ohne Ausweg.
Ich morde Isaak und vernichte damit auch die Geschichte Gottes mit den Menschen,
ich morde Isaak und töte damit auch Gott.
Kein Segen mehr, nur noch Fluch.
Gott für immer ausradiert aus meinem Leben, aus der Welt.
Will Gott das?
Kann er das wollen?
Oder wird Gott wie immer wenden, was im Unheil zu versinken droht?

Die Bibel erzählt nichts von diesen Gedanken.
Sie schweigt über diese drei Tage.
Sie mutet uns das Schweigen zu, die unerträgliche Spannung.
Sie zeigt uns einen kühlen, klaren Abraham.
Der geht einfach weiter und  weiter und tut, was Gott ihm sagt,
erinnert an einen Fanatiker, der nicht mehr erreichbar ist, durch nichts und niemanden.
Nicht einmal durch seine Knechte und den vertrauensvollen Sohn lässt er sich aus der Bahn werfen:

Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und die beiden gingen miteinander.
Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater!
Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn.
Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und die beiden gingen miteinander.
Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Schweigen, unheimliche Stille.
Eine Leere, die sich auftut wie ein Abgrund.
Kein Ast mehr zum Greifen, kein Halt.
Sturz ins Nichts.
Schweigen.
Auch kein Ton von Isaak, gebunden auf dem Altar.
Grauen und Stille und das Messer in der Hand seines Vaters.
Auf Gottes Geheiß.
Messer“ - „Schlachten“ - „Sohn“ -  „Gott“ - ungeheuerliche Worte, die da zusammenkommen.
Ein Moment, in dem alles in der Schwebe ist.
Alles ist möglich, so oder so.
Dass Abraham tatsächlich so weit geht....
Dass Gott ihn so auf die Probe stellt....
Was will er damit erreichen?
Abraham zum Fanatiker erziehen? Zu Gefühlskälte? Zu blindem Gehorsam?
Wie schaut Isaak, an liebevolle Fürsorge gewöhnt, nun diesen Vater an, der das Messer über ihn hält?
Wie hält Gott das aus, diesen Moment?
Hat er geglaubt, dass Abraham tatsächlich so weit geht?
Wer stellt da eigentlich wen auf die Probe?
Gott Abraham oder Abraham Gott?

Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.
14 Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher sagt man noch heute: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt.

Plötzlich ist es vorbei.
Es wird wieder geredet.
Gott redet, redet durch seinen Engel, sagt seinen Namen:
Ich bin der ich bin.
Sagt: Ich bin  und bleibe da.
Abrahams Hand sinkt.
Der starre Blick hebt sich vom Scheiterhaufen.
Aufatmen.
Die Sicht wird frei für das weite Land.
Ich bin der ich bin und ich bin da.
Ich sehe und öffne auch deine Augen
Gott ist nicht mehr streng.
Gott sagt: Prüfung bestanden. Mit eins.
Die Bindung an mich hast du bewiesen.
Ich bin der ich bin und ich bin da.
Das weißt du nun. Und ich weiß, dass du es weißt.
Jetzt zeige, dass du leben kannst.

Abraham schaut um sich.
Sieht: Der Frühling ist da.
Der Wind bewegt die Gräser.
Sieht, da sind Wege, unendliche Möglichkeiten. Leben.
Weiß, er tat recht, auf diesen Gott zu vertrauen.
Weiß ein für allemal, dass Gott nie den Tod, sondern immer das Leben will.
Und er sieht einen Ziegenbock und weiß nun selber, was zu tun ist.
Gott muss ihm nichts mehr sagen. Nie wieder.
Abraham ist erwachsen, braucht diese enge Bindung nicht mehr.
Er lebt sie nun, wie selbstverständlich.
Abraham bindet Isaak los, opfert den Ziegenbock.
Ob er Gott diese Prüfung verzeiht, wird nicht gesagt.
In Zukunft, so erzählt jedenfalls die Bibel,
wird Abraham Gottes Stimme nie wieder hören und nicht zu hören brauchen.
Er regelt das Leben alleine,
regelt die Heiratsfrage für Isaak, sucht sich nach dem Tod Saras noch eine Frau.
Er lebt sein Leben, selbstbewusst als Stammvater und Gründer des Volkes und  gibt seinen Glauben an Gott weiter.
An die nächste Generation.

Was für eine Geschichte!
Was für ein Drama!
Es gibt Erleichterung, es gibt eine Lösung, der Mord wird verhindert.
Aber wirklich erträglich wird diese Geschichte dadurch nicht.
Wie haben Sie das erlebt,
Vater Abraham?
Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch gemordet hätte, wenn Gott seine Stimme nicht erhoben hätte.
Oder Isaak das Kind, das auf einen Holzstoß gebunden wurde, starr vor Entsetzen und Todesangst?
Ist so etwas zu ertragen?
Oder Gott selbst in dieser Geschichte?
Es bleibt ein Gott, der harte Forderungen stellt, schweigend der Entwicklung ihren Lauf lässt und auch hier erst zuletzt Einhalt gebietet.

Ich will diese Geschichte nicht beschönigen und nicht zurechtstutzen.
Sie ist keine freundliche Geschichte und auch keine alte Sage, die von der Abschaffung des Menschenopfers redet.
Diese Geschichte erzählt von der Kälte dieser Welt.
Und von unserer Einsamkeit in ihr.
Von Gott, der uns fordert, Gutes zu tun und nach seinem Gebot zu leben.
.
Und diese Geschichte erzählt vom Schweigen und der Ferne Gottes,
der so vielen Menschen den Untergang zumutet, fern scheint denen,
die wie Isaak gebunden auf dem Holzstoß liegen,
gefesselt an ihr Schicksal und kein Entrinnen.
In Isaak haben sich später die jüdischen Gläubigen so oft wiedergefunden, wiederfinden müssen, verfolgt, gequält, ausgeliefert.
Und kein Gott, der sie davor bewahrt hat.
Sie erzählt von Momenten des Grauens, wenn keiner die Mörder aufhält,
und Bomben gezündet werden.
Sie erzählt von der Brutalität und Kälte, mit der Menschen ihren Reichtum genießen, während Millionen andere dem Hungertod ins Auge sehen, wie zur Zeit im Sudan.
Momente, in denen die Luft den Atem anhält und die Erde sich fragt, ob sie sich weiterdrehen kann und darf.
Und immer wieder, in der entsetzlichen Stille des Mordens und Sterbens, stirbt auch Gott.
Immer wieder.
Und mit ihm die Hoffnung.
Und mit ihm wieder etwas von der Zukunft unserer Welt.

Diese Geschichte beschönigt nichts.
Aber gleichzeitig lädt sie auch ein, zum Schritt in die Freiheit, den Abraham getan hat.
Denn hier, mit Abraham beginnt die Geschichte Gottes mit seinem Volk,
die Geschichte der Menschen mit ihm.
Hier setzt Gott ganz auf die Selbständigkeit seiner Ebenbilder.
Er vertraut ihnen die Erde und das Leben an.
Abrahams Leben zeigt:
Gott geht mit.
Er ist ein Gott der sieht.
Er nimmt die Geschichte der Menschen persönlich. Jede.
Die Geschichte Hagars, Saras, Abrahams und derer, die ihnen nachfolgten.
Er ist ein Gott, der sieht und da ist.
Er sagt seinem Volk durch Mose: Ich sehe das Elend.
Ich bin der ich bin. Ich bleibe da. Ich bleibe bei dir.
Und ich bin ein Gott, der „Halt!“ ruft.

Gott sieht und Gott schreit.
Heute. Immer wieder. Schreit uns an.
Ruft unseren Namen, wenn wir in die Irre gehen.
Wenn wir handeln sollen.
Wenn wir nur unseres sehen, unsere Kinder und die der anderen übersehen.
Und die übersehen, die auf den Scheiterhaufen dieser Welt landen.
Von niemandem gesehen.
Von niemandem gehört.

Die Geschichte von der Bindung Isaaks ist eine Geschichte, die nicht lügt.
Sie zeigt alles: Wozu Menschen fähig sind, im Schrecklichen, aber auch im Guten.
Sie zeigt Gottes Willen, aber auch das Verborgene, das Schweigen, das Grauen, wenn alles stumm bleibt.
Sie zeigt den Frühling und das Aufatmen und was alles geht, wenn Menschen die Augen heben und der Kraft trauen, die Leben schafft.
Und sie zeigt, dass sie sich gegenseitig auch kalt lächelnd sterben lassen können.
Es ist und bleibt eine schreckliche Geschichte, die uns die Welt und uns darin unbarmherzig vor Augen führt.
Ein Hoch auf die Bibel, dass sie das aushält und den Schrecken in Worte fasst.
Ein Hoch auf Gott, der uns keine Chance gibt, dem auszuweichen und genau darin an unserer Seite bleibt.

Amen.


Sonntag, 9. Oktober 2016

2 Kor 3 Steckbriefe Gottes. Abschiedspredigt in der Friedensgemeinde


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Paulus schreibt Briefe.
Er setzt sich hin, er nimmt sich Zeit.
Und schreibt und schreibt.
Er soll sich ausweisen.
Sagen, welches Recht er hat als Bote Jesu Christi aufzutreten.
Paulus antwortet denen in Korinth.
Aber er hält sich nicht an das Thema.
Nicht ganz.
Er schreibt: 
Es ist offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.
Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.
Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Gott schreibt Briefe.
Er setzt sich hin, er nimmt sich Zeit.
Und schreibt und schreibt.
Schreibt nicht auf Papier, schreibt in Herzen.
Schreibt nicht mit Tinte, schreibt mit seinem Geist.
Schreibt Empfehlungsbriefe.
Immer wieder und wieder.
Und hat sich auch uns ins Herz geschrieben.

Es ist offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.


Gott schreibt Briefe.
Besonders mit einem hat er sich große Mühe gegeben.
Ein ganz besonderer Brief,
der wandelnde Steckbrief für die Liebe Gottes.
Jesus von Nazareth, der Christus.
Dieser Brief sollte das übersetzen, was da in Stein gehauen wurde, die Lebensregeln Gottes.
Für alle.
So wird das lebendig mit dir und deinem Nächsten,
so geht Versöhnung,
so gelingt Gerechtigkeit
und so leuchtet eine friedliche Welt.
Diesen Brief hat Gott nicht beendet.
Da steht kein „Herzliche Grüße, Gott“ drunter.
Auch kein P.S.: Ich mach jetzt mal eine Pause mit dem Schreiben. Schreibt ihr mal weiter.
Gott schreibt an diesem Brief bis heute.
Da können wir sicher sein.
Immer wieder fällt ihm etwas ein, was seinen Empfehlungsbrief verständlicher macht.
Auch heute. Auch jetzt.
Längst hat er diesen Brief vervielfältigt.
Schreibt ihn ab, schreibt ihn neu in andere Herzen.
Auch in unsere.
Hofft, dass seine Briefe gelesen und verstanden werden.
Gibt nicht auf. Niemals.
Solches Vertrauen, sagt Paulus, solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.

Ich weiß nicht, wie es euch geht.
Aber als Kopie rumzulaufen, gefällt mir nicht wirklich.
Ok. Da wird vielleicht immer auch ein neuer Akzent gesetzt wird durch euch, mich, durch uns.
Aber das ist nur ein schwacher Trost.
So vieles tun wir doch,
organisieren wir,
denken wir uns aus,
Neues,
damit Gottes Brief, damit der Weg Jesu  auch für andere lesbar, begehbar wird.
Hier in der Friedensgemeinde beispielsweise in den letzten Jahren.
Halten den Konfer lebendig für viele Konfis.
Oder das Sommercafé.
Oder den Besuchsdienst.
Öffnen uns für Flüchtlingsprojekte
oder lassen Gottesdienste leuchten durch Musik, die zu Herzen geht.
Ich? Wir? Eine Kopie? Von fremder Feder geschrieben?

Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, sagt Paulus, nicht, dass wir uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienerinnen und Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Menschen schreiben Briefe.
Schreiben ihres in die Seele des anderen und in die Linien der Erde.
Manches gelingt, bringt andere zum Leuchten, weil sie gesehen und geliebt werden.
Manches ist tödlich.
Wenn Hass die Feder führt und ein Land vergiftet.
Wenn der Neid auf das des anderen krumme Buchstaben schreibt.
Wenn Liebe sich mit Eigensucht mischt.
Das lässt sich nicht einfach wegradieren.
Das bleibt in den Herzen, oft ein Leben lang.
Als Schmerz. Als Trauer.
Menschen führen ihre eigene Feder, nach ihren eigenen Regeln und verschließen sich der Handschrift Gottes.
Sie nehmen Gott den Platz zum Schreiben weg.
Sie müllen einander die Herzen voll mit ihren Ansprüchen, die dem anderen seinen Raum nehmen.
Und viel zu oft schreiben sie Unrecht in das Herz der Erde,
Buchstaben des Grauens, Buchstaben des Todes.

Paulus bleibt klar:
Es ist Gott, von dem das lebendige Schreiben ausgeht.
Und es ist Gott, der uns das Weiterschreiben lehrt,
dass wir tun, was sein Geist uns aufträgt zu tun.

Wenn Gott schreibt, dann setzt das Menschen in Gang.
Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
Gott legt uns nicht fest auf bestimmte Buchstaben.
Er will nicht, dass wir seines einfach abschreiben.
Gott verengt unsere Herzen nicht und erst recht nicht löscht er unseres aus.
Im Gegenteil:
Seine Art des Schreibens setzt vieles frei,
befreit uns dazu, unseres zu leben,
aber miteinander und füreinander. (Nicht sich selber in Szene setzen).
Das ist auch seine Absicht.
Denn wir sind mehr als sein Briefpapier oder eine schwache Kopie Jesu.
Wir sind Gottes geliebte Kinder.
Jeder und jede von uns ein Steckbrief seiner Liebe.
Öffentlich lesbar. So soll das sein.
Gott schreibt sich mit seiner Liebe in unser Herz.
Und steckt uns damit an.
Dass wir einander in unsere Herzen schreiben in seinem Geist.

Und so ist auch das, was heute wie ein Abschied aussieht,
wie ein Schlusspunkt unter unseren gemeinsamen Brief, nur ein Komma.
Unser gemeinsamer Brief wird nicht beendet,
wir wenden eine Seite um, ja, aber wir schreiben weiter.
Jeder von uns trägt das weiter im Herzen, was wir hier miteinander gelebt haben auf den Spuren Jesu.
Ich das, was ihr mir ins Herz geschrieben habt, was durch euch hier lebendig wurde
und ich hoffe, dann doch ein wenig eigensüchtig, auch ihr etwas von mir.
Das ist nicht wegzuradieren.
Das bleibt.
Und das geht weiter, an verschiedenen Orten,
verändert sich, klar, aber nach wie vor leben wir gemeinsam als Kinder Gottes,
setzen auf unsere Weise Gottes Empfehlungsschreiben fort,
Werben öffentlich für Vertrauen in Frieden und Gerechtigkeit.
Werben um Raum für die Handschrift Gottes,
die uns öffnet zum Leben.

Gott schreibt Briefe.
Schreibt sich jeden Tag in unser Herz.
Setzt uns gemeinsam auf die Spuren des Rabbis von Nazareth.
Der hat Gottes Handschrift und der ganzen Welt Raum in seinem Herzen gegeben,
damit wir öffentlich leben in seinem Namen:
So wird das lebendig mit dir und deinem Nächsten,
so geht Versöhnung,
so gelingt Gerechtigkeit
und so leuchtet eine friedliche Welt.

Dieses Vertrauen und auch dieses Selbstvertrauen wünsche ich euch allen.
Ihr seid die Steckbriefe der Liebe Gottes.
Schreibt weiter, schreibt neu.
Müllt euch nicht gegenseitig zu mit zuviel „Das müsste, sollte könnte doch noch sein“.
Lasst einander Raum für die Handschrift Gottes,
und denkt an das, was uns alle verbindet:

Es ist offenbar geworden, dass wir ein Brief Christi sind, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes.


Amen.



Mittwoch, 14. September 2016

Hier stehe ich - u.a. Luther in Worms Reformationstag 2013 Anspiel



Pfarrerin:             Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ein berühmtes Wort, auch wenn Martin Luther, dem man es in den Mund gelegt hat, es nicht gesagt hat.
Aber das macht nichts, denn es gibt seine Haltung gut wieder.
Ich kann nicht anders, ich muss so reden und handeln. So redet jemand, der in die Ecke gedrängt wird und sich verteidigen muss und dabei keinen Schritt von seiner Haltung abrücken kann.
Wie das aussehen kann, dazu ein kleines Beispiel von heute.

Mutter:                (kommt mit einem großen Glas an) Lars, das große Glas mit dem Kleingeld ist leer.
Lars:                    Ja.
Mutter:                Was heißt hier „Ja?!“
Lars:                    Ja, es ist leer.
Mutter:                Und warum ist es leer?
Lars:                    Weil ich es geleert habe.
Mutter:                Auf den Gedanken bin ich auch schon gekommen. Und warum hast du es geleert?
Lars:                    Weil ich das Geld brauchte.
Mutter:                Und wofür? Verdammt noch mal, Lars, lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Das waren über 200 Euro. Die haben wir doch für den Urlaub gespart, für Eis und so weiter. Und ich will sofort wissen, was du damit gemacht hast.
Lars:                    Also, das war so. Es klingelte vorhin an der Tür und da war ein alter Mann und der fragte, ob er etwas zu essen haben könnte.
Mutter:                Du sollst doch Fremden nicht die Tür aufmachen.
Lars:                    Und der tat mir so leid und die Religionslehrerin hat gesagt, Jesus wollte, dass wir überschwänglich die Liebe Gottes weitergeben. Und da dachte ich, ein Brot, das ist doch nicht überschwänglich.
Mutter:                Erzähl mir nicht, du hast ihm das ganze Geld aus dem Glas gegeben?!
Lars:                    Doch. Ich konnte nicht anders. Ich wollte ihn unbedingt glücklich machen. Weil Gott doch alle liebt und ihm ist es egal, ob da ein alter Säufer steht. Der kriegt auch eine Chance.
Mutter:                Eine Chance sich bei Aldi mit dem Nötigsten zu versorgen. Bei dir piept’s wohl. Ein alter Säufer läuft nun rum mit meinen Euros.
Lars:                    Unseren Euros.
Mutter:                Sei still! Du kannst doch nicht jedem, der klingelt, einfach unser Geld geben.
Lars:                    Ich weiß. Nicht jedem. Nur ihm. Und nun ist das Glas ja auch leer. Aber der war so glücklich.
Mutter:                Kein Wunder.
Lars:                    Nicht nur wegen des Geldes.
Mutter                 Wie konntest du das nur tun?!
Lars:                    Tut mir leid, ich konnte nicht anders. Und ich stehe dazu. Es drängte mich Gutes zu tun.
Mutter:                Es drängte...? Ich weiß eine ganze Menge, was du tun könntest, ohne unser Geld einfach wegzugeben.  

Pfarrerin:             Die Diskussion ist noch nicht zu Ende, wie ihr euch denken könnt. Aber für unsere Zwecke reicht es. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, als von der Liebe Gottes zu reden.
Schauen wir auf eine Szene in Martin Luthers Leben, eine wichtige, die die Weichen in seinem Leben endgültig gestellt hat und zu den schwersten Stunden seines Lebens gehört.
Wir befinden uns in Worms im Jahr 1521.
Der Kaiser hat Luther auf den Reichstag bestellt. Zum Verhör. Luther soll seine Schriften wiederrufen. Wird er das tun oder bei seiner Erkenntnis von Gott und bei seiner Kritik an der Kirche bleiben?
Hier haben wir den Kaiser Karl. (Karl kommt herein und nimmt Platz). Er will ein Universalkaiser werden und ist auf dem besten Wege dorthin. Gerade zwei Jahre zuvor ist er von den Fürsten als König bestätigt worden, was ihn viel Geld gekostet hat. Dass da so ein kleiner Mönch beginnt, an den Grundpfeilern der Kirche zu rütteln, passt ihm gar nicht. Karl ist ganz auf der Seite der katholischen und damals einzigen Kirche.
Karl:                    (ballt die Faust) Ich werde diese Reformation im Keim ersticken.
Pfarrerin:             Dann der Orator, eine Art Regierungssprecher. (Orator kommt, verneigt sich vor dem Kaiser.)
Orator:                 Haben eure Majestät Befehle?
Pfarrerin:             Dann gab es natürlich viel Publikum, das wir hier ein wenig  reduziert haben  (zwei kommen)
Zuschauer 1:        Wehe, Luther wird schwach. Ich habe einen Taler darauf gesetzt, dass er durchhält.
Zuschauer 2:        Das ist aber unfein. Ich drücke ihm auch so die Daumen, im Namen der Freiheit.
Pfarrerin:             Im Publikum sitzt auch der Vater von Luther. (Vater kommt)
Vater:                   Mein Sohn ist größenwahnsinnig. Ich hätte ihn einsperren sollen, als er ins Kloster wollte. 
Pfarrerin:             Und wir haben Luther selber. (Luther tritt vor den Kaiser).
Luther:                 (kommt rein, stellt sich vor den Kaiser und neigt etwas den Kopf.)
Zuschauer 1:        Schau dir den an. Der kniet ja nicht mal.
Zuschauer 2:        Der ist toll. Ich habe eine Predigt von ihm gehört. Gott straft nicht, Gott öffnet uns die Tür zum Leben. Er vergibt und liebt uns.
Zuschauer 1:        Seit wann?
Zuschauer 2:        Schon immer.
Zuschauer 1:        Das heißt, das ganze Geld, das ich für den Ablass gegeben habe, um nicht in die Hölle zu kommen, war verschwendet?
Zuschauer 2:        Jap.
Zuschauer 1:        Sauerei.
Zuschauer 2:        Du sagst es.

Karl:                    (knurrend) So, so, Luther.
Luther:                 (hebt den Kopf) Jawohl, kaiserliche Majestät.
Karl:                    Luther, der die Unverschämtheit hatte, die Leute aufzuhetzen.
Luther:                 Zu belehren.
Karl:                    Schweig, du kleiner Mönch mit dem großen Maul!
Luther, das Wildschwein, das im Garten des Herrn wildert und Unfrieden sät. Du hattest sogar die Unverschämtheit, unserem Papst deine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zu widmen.
Luther:                 (Wird immer bescheidener) Ich wollte..
Karl:                    Schweig. Du hast viel Ärger gemacht.
Luther:                 (ängstlich) Ich weiß.
Karl:                    So, so, du weißt. (drohend) Dann weißt du ja auch, was passiert, wenn du deine Schriften nicht widerrufst?
Luther:                 Ja.
Kaiser:                 Orator?!
Orator:                 Mein Herr?
Kaiser:                 Die Bücher!!
Orator:                 Sehr wohl, mein Herr und Kaiser. (holt stapelweise Bücher und legt sie vor Luther hin.) Sind das deine Bücher?
Luther:                 Sieht so aus.
Orator:                 (wird lauter)  SIND DAS DEINE BÜCHER?!
Luther:                 Ja.
Orator:                 Wirst du die darin enthaltene Lehre widerrufen oder bestehst du darauf, dass du Recht hast.
Luther:                 (zögert, blickt sich um, richtet sich dann gerade auf und sagt fest)
 
Zwei Fragen sind mir von der kaiserlichen Majestät vorgelegt worden: ob ich alle Bücher, die meinen Namen tragen, als meine anerkennen wolle, und ob ich diese verteidigen oder widerrufen wolle.
Darauf will ich klar und deutlich antworten: Die jetzt genannten Bücher erkenne ich als meine Bücher an.
Zur zweiten Frage aber kann ich nicht in Kürze Antwort geben. Denn sie ist eine Frage des Glaubens und der Seelen Seligkeit. Deshalb wäre es gefährlich, wenn ich mich hier unbedacht äußern würde. Dies würde mir das Urteil Christi einbringen: "Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will auch ich verleugnen vor meinem himmlischen Vater." Deshalb bitte ich von der kaiserlichen Majestät untertänig Bedenkzeit, damit ich ohne Gefahr für meine Seligkeit auf die Frage richtig antworte.
Kaiser:                 Was für ein Geschwätz. (berät sich flüsternd mit dem Orator)  Also gut. Morgen will ich deine Antwort. (Luther verneigt sich und geht.)
Zuschauer 1:        Oh, oh, das sieht nicht gut aus.
Zuschauer 2:        Hach, was für ein toller Mann, ein Bild von einem Mann, von Mut und Kraft.
Vater:                   Mut und Kraft? Dass ich nicht lache. Der Bengel da vorne ist mein Junge. Ich habe in den Kerl investiert. Schulbildung, Universität.
Ich habe versucht einen Mann aus ihm zu machen und einen ordentlichen Juristen.
Und was tut der Kerl? Macht sich bei einem Blitzeinschlag in die Hose und verspricht ins Kloster zu gehen. Dort macht er sich weiter in die Hose, weil er so einen Schiss vor Gott hat und vor den Höllenstrafen.
Als ob ein vernünftiger Mann sich groß darum kümmert.
Man geht seinen Geschäften nach und zahlt den Ablass und macht sich nicht mehr Gedanken als nötig.
Dann verschüttet er bei seiner Priesterweihe beim ersten Abendmahl vor lauter Angst den Wein. Weichei!
Und jetzt? Jetzt faselt er von der Liebe Gottes und der Freiheit der Menschen vor Gott. Und weil die Leute ihm scharenweise nachrennen, beschließt er es mit der ganzen Kirche und dem Kaiser aufzunehmen und sagt, er kann nicht anders.
Der Junge spinnt.
Zuschauer 1:        Aber nein. Er ist ein Held.
Vater:                   Ein Held? Lassen Sie mich bloß mit diesem Mist in Ruhe.
Pfarrerin:             Die Nacht verbringt Luther schlaflos. Noch kann er zurück in den Schoß der Kirche. Eine andere gibt es nicht. Darf er wirklich so vermessen sein und gegen den Kaiser und gegen den Papst auftreten? Und die Verbannung aus der Kirche riskieren und damit vogelfrei sein und sein Leben aufs Spiel setzen? Aber andererseits kann er wirklich wieder hinter das zurück, was er erkannt und verkündet hat?
Der nächste Morgen kommt und Luther tritt wieder vor den Kaiser.

Kaiser:                 So, so, Luther.
Luther:                 Ja, kaiserliche Majestät?
Kaiser:                 Ausgeschlafen?
Luther:                 Gar nicht geschlafen, kaiserliche Majestät.
Kaiser:                 Selbst schuld. Orator!
Orator:                 Sind das deine Bücher?
Luther:                 Ja.
Orator:                 Wirst du die darin enthaltene Lehre widerrufen oder bestehst du darauf, dass du Recht hast?
Luther:                 Wenn diese Bücher nicht listig geändert wurden und es wirklich die sind, die ich geschrieben, dann habe ich folgende Antwort:
Meine Bücher haben nicht alle den gleichen Inhalt.
In einigen habe ich vom christlichen Glauben und von guten Werken so christlich gelehrt, dass sogar der Papst bekannt hat, sie seien nützlich, ja würdig, von christlichen Herzen gelesen zu werden, obwohl er auch diese verurteilt.
Wenn ich diese Bücher widerrufen wollte, was würde ich dann tun? Ich würde als jemand dastehen, der die von Freund und Feind einmütig bestätigte Wahrheit plötzlich leugnen würde.
Kaiser:                 Zur Sache, Luther, aber ein bisschen plötzlich.
Luther:                 In einer zweiten Abteilung meiner Bücher werden das Papsttum und die päpstliche Lehre angegriffen. Denn von ihnen ist mit falscher Lehre, bösem Leben und ärgerlichen Erscheinungen die Christenheit an Leib und Seele verwüstet worden. (senkt den Kopf, als müsste er wieder Kraft holen.)
Zuschauer 2:        Der ist lebensmüde.
Zuschauer 1:        Keine Sorge. Sein Freund, der Kurfürst Friedrich, hat für ihn freies Geleit erwirkt. Selbst wenn der Kaiser den Bann über ihn verhängt und ihn für vogelfrei erklärt, dann kommt er hier lebend raus.
Zuschauer 2:        Bis an der nächsten Ecke die Soldaten warten.
Vater:                   Ruhe. Ich will zuhören.
Luther:                 Dies kann niemand bestreiten, und alle frommen Menschen klagen darüber, dass durch die päpstlichen Gesetze und Menschenlehren die Gewissen der Christgläubigen beschwert und gequält worden sind.
Wenn ich nun diese Angriffe widerriefe, dann würde ich die päpstliche Gewaltherrschaft unendlich stärken.
Kaiser:                 Die päpstliche Herrschaft ist eine segensreiche für die Welt. Sie gehört gestärkt.
Luther:                 Das sehe ich anders.
Kaiser:                 Das wagst du anders zu sehen?!
Luther:                 Ja. Wenn ich widerriefe, würde ich ihrem gottlosen Wesen nicht nur die Fenster, sondern auch Tor und Tür öffnen. Sie könnte dann noch viel freier wüten, denn sie könnte sich dann auf meinen Widerruf berufen.
Kaiser:                 Du bist lebensmüde. (wird immer wütender) Der Papst ist unfehlbar und ich werde die Einheit der katholischen Kirche wahren und verteidigen, solange noch ein Atemzug in mir ist. Kannst du dir die Welt ohne die Kirche vorstellen, die du im Begriff bist zu zerstören?
Luther:                 (schweigt)
Kaiser:                 (wartet, schüttelt dann den Kopf) Weiter.
Luther:                 Die dritte Gruppe meiner Bücher richtet sich gegen jene Personen, die die päpstliche Gewaltherrschaft verteidigt und meine Auslegung der gottseligen Lehre angegriffen haben.
Gegen diese bin ich - das bekenne ich - manchmal etwas scharfer und heftiger vorgegangen, als es unter Christen richtig gewesen wäre. Ich mache mich nicht zu einem Heiligen; es geht jedoch nicht um meine Eigenarten, sondern um die Lehre Christi.
Deshalb kann ich auch diese Bücher nicht zurücknehmen.
Würde ich sie widerrufen, so würde ich die päpstliche Gewaltherrschaft und ihre gottlosen Folgen unterstützen. Das Leiden des Volkes Gottes würde dadurch noch viel schlimmer als es jetzt schon zu beklagen ist.
Für alle meine Bücher gilt: Weil ich nur ein Mensch, nicht Gott bin, darum kann ich sie nicht anders verteidigen als mein Herr und Heiland Jesus Christus. Dieser hat in seinem Verhör vor dem Hohepriester Hannas, als dessen Knecht ihm eine Ohrfeige gab, geantwortet:
Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse war. (Job 18,22 f.) Wenn nun Jesus bereit war, sich widerlegen zu lassen, und sei es von einem unbedeutenden Knecht, dann muss ich erst recht begehren, mich eines Besseren belehren zulassen.
Kaiser:                 (schreit) Vergleichst du dich etwa mit Jesus Christus, unserem Herrn?!
Orator:                 Beruhigt euch, Eure Majestät. Lasst euch von diesem Lausbuben nicht aus der Fassung bringen.
Kaiser:                 (atmet tief durch)  Weiter.
Luther:                 Darum ersuche ich Eure kaiserliche Majestät, kurfürstliche und fürstliche Gnaden, und jedermann, er sei hohen oder niedrigen Standes, mir aus der Bibel nachzuweisen, dass ich mich geirrt habe.
Dann  werde ich alle Irrtümer widerrufen;
dann werde ich der Erste sein, der meine Bücher ins Feuer wirft.
Kaiser:                 Orator, das ist ja nicht zum Aushalten. Weise ihn zurecht.
Orator:                 Hör zu, du Kretin, wir wollen eine Antwort, eine klare Antwort auf eine klare Frage, eine Antwort ohne Hörner und Zähne, eine Antwort auf die Frage: Wirst du wiederrufen?!
Zuschauer 1:        Jetzt kommt’s.
Zuschauer 2:        Los Luther. Bleib standhaft. Wir hoffen auf dich.
Vater:                   Wenn der jetzt nicht sofort den Schwanz einzieht, ist er nicht mehr mein Sohn. Ich kann ohnehin mein Geschäft kaum aufrechterhalten, seitdem er so große Reden schwingt.
Zuschauer 1:        Aber Herr Luther. Ihr Sohn macht gerade Weltgeschichte und Sie reden vom Geschäft.
Zuschauer 2:        Still er redet weiter.
Luther:                 Weil Eure kaiserliche Majestät, kurfürstliche und fürstliche Gnaden eine einfache und richtige Antwort wünschen, so will ich sie auch ohne Hintergedanken geben:
Überzeugt mich mit den Zeugnissen der Heiligen Schrift,
oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen, also mit den Bibelworten und Argumenten, die von mir beigebracht worden sind.
Denn die Autorität von Papst und Konzilien allein überzeugt mich nicht, da sie offenkundig oft geirrt und gegen Schrift und Vernunft gestanden haben. Nur wenn mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, will ich widerrufen. Denn es ist nicht geraten, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen. (dreht sich um und geht so langsam, dass er das Urteil noch hört).
Kaiser:                 Halt!
Luther:                 Nein.
Kaiser:                 So eine Unverschämtheit! (berät sich flüsternd mit dem Orator. Der nickt und stellt sich dann wieder auf.)
Orator:                 Im Namen unseres geliebten  Kaisers Karl des V. verkünde ich folgendes Urteil über Martin Luther: Er ist fortan nicht mehr Mitglied der einzigen rechtmäßigen Kirche. Er steht unter dem Bann, er ist vogelfrei und jeder, der ihm hilft, ihn beherbergt und seine Schriften liest oder weitergibt, wird ebenso bestraft werden.
Luther:                 (hebt im Gehen die Hände, nach dem Motto: Kann ich nicht ändern.)
Zuschauer 1:        Das war’s dann wohl.
Zuschauer 2:        Wart es ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Reformation noch aufzuhalten ist. Gott sei Dank ist Luther nicht umgekippt.
Zuschauer 1:        Ja, meine Wette habe ich gewonnen.

Erzähler:              Das Sympathische an Luther ist für mich, dass er standhaft bei seiner Überzeugung geblieben ist, aber sich dennoch, wie sein Vater so zartfühlend gesagt hat, vor Angst in die Hose machen konnte. Er war kein Held im üblichen Sinn. Er war Theologe und das mit Leib und Seele. Und er konnte hinter das, was er erkannt hat, nicht zurück...
 




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