Samstag, 22. Juli 2017

Dtn 7, 6-12 Von der Erwählung 6. Trinitatis 2017


Predigt Dtn 7, 6-12

„Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, auserwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch Gott angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern – sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat er euch hinausgeführt mit mächtiger Hand und hat euch erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.“

I. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Geschichte wirkt nach.
Familiengeschichte erst recht.
Ich weiß nicht, welche Geschichten Ihre Familien geprägt haben.
Aber wir können uns wohl nie ganz davon lösen.
Sie prägen uns, unser Leben, unsere Persönlichkeit.
Da ist eine Großmutter im Krieg tapfer geblieben und hat ihre Kinder auch ohne den gefallenen Mann großgezogen,
da widerstand ein Großvater mutig dem NS-Regime,
da hat eine Mutter einen Sohn vorgezogen und so den Neid der anderen geweckt,
da liebt eine Familie einen bestimmten Ort wie eine Hütte oder eine Landschaft,
da hat man uns als Kinder gezwungen, Spinat zu essen wegen des angeblichen Eisengehaltes und findet das Ergebnis dieser Bemühung dann in der ganzen Umgebung wieder.
All das gehört zu uns dazu, mit Guten wie im Bösen.
Wir wachsen mit diesen Geschichten auf.
Wir messen uns an ihnen, wir grenzen uns vielleicht auch ab.
Wir entwickeln unsere eigene Linie, aber lösen, ganz lösen wird sich kaum einer.
Die Geschichten halten sich.
Vielleicht nicht bis ins 1000e Glied, aber lange genug.

II. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
„...es tut mir leid“, schreibt eine jüdische Mutter, die Schriftstellerin Lena Gorelli, ihrem Sohn Mischa, „es tut mir leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.“
„Das Judentum ist eine geschlossene Veranstaltung“, fährt sie fort, „die niemals endet. Einmal drin immer drin. ... Du kannst nicht gehen, nicht fliehen, dem jüdischen Schicksal nicht entrinnen.“
Lass dich taufen, werde Atheist: „Ein Jude wirst du bleiben.
Für die Juden sowieso; vielleicht einer, der vom Weg abgekommen ist, aber trotzdem einer von uns.
Für die Antisemiten bleibst du übrigens auch immer einer.“
Und, nachdem sie ihm alle merkwürdigen Dinge aufzählt, die Juden tun wie z.B. Wunschzettel in eine Steinmauer stecken, koscher essen, ständig miteinander zu streiten oder zu schreien „Warum gerade ich? Warum muss ich zum auserwählten Volk gehören? Auserwählt sein?“, schließt sie mit den Worten:
Eines noch: Lieber kleiner Mischa.
Du bist ein Jude. Etwas Besseres hättest du nicht werden können.“

III. Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied.
Im Guten wie im Bösen.
Das hören wir in diesen Worten aus dem 5. Buch Mose.
Das Buch fasst die letzten Reden Moses an sein Volk zusammen.
Allerdings ist das kein O-Ton.
Zu der Zeit, als unser Predigttext verfasst wurde, im 6. Jh. vor Christus, ist von der zeitweilig ruhmreichen Geschichte des erwählten Volkes Israel nicht viel übrig geblieben.
Keiner hätte damals vorherzusagen gewagt, dass 2600 Jahre später immer noch Juden am Freitagabend beten würden:
„Du hast uns erwählt und uns von allen Völkern geheiligt und uns deinen heiligen Sabbat in Liebe und Gnade zum Erbe gegeben.“
Die Juden sitzen im Exil.
In Babylon.
Sie wurden nach der Zerschlagung des Staates Israel und Juda dorthin deportiert
Im Gepäck hatten sie die notwendigsten Dinge und ihre Geschichte.
Die Geschichte von der Erwählung.
Gott hat sie einst erwählt.
Nicht weil sie ruhmreich waren, philosophisch besonders begabt, religiös besonders versiert.
Das reibt ihnen der Schreiber deutlich unter die Nase:
„Wir waren und sind eines der kleinsten Völker, Weder Abraham, der Schafbesitzer mit dem Kinderwunsch, noch die Sklaven in Ägypten hatten sich besonders hervorgetan.
Die sind doch Generationen lang geprügelt und ausgebeutet worden.
Das sitzt fest.
Das wird nie vergessen werden.
An diese Geschichte der Sklaverei in Ägypten erinnern die Theologen im Exil.
Das Volk Israel fragt, wer sind wir eigentlich noch?
Ohne Jerusalem, ohne Tempel, ohne König?
Ihr seid ein Volk, eine Familie von Sklaven, erinnert man sie hier nüchtern,
ein winziges, unbedeutendes Volk.
Gott hat euch erwählt, aus keinem anderen Grund als aus Liebe, mit keinem anderen Ziel, als seine Barmherzigkeit sichtbar werden zu lassen in aller Welt.  
Das ist die Grundlage eurer Identität.
Nicht die Reichen und Erfolgreichen haben Gottes Herz gewonnen, sondern die Kleinen und Schwachen.
Vielleicht weil ein Volk der Sklaven und Verfolgten die Kraft der Peitschen kennt und sich bei Gewalt zurückhalten wird.
Sie wurden ausgebeutet und gequält und wissen Geboten zu schätzen, die dieses verbieten.
Sie werden solche Gebote weitertragen.
Unverfälscht.
Sie sind klein und unbedeutend und können sich nicht auf eigene Leistungen berufen, nur auf die bedingungslose Liebe Gottes.
Gott wählt das kleinste Volk.
Und er erscheint Mose nicht in der großen Eiche zu Mamre, sondern im Dornbusch, dem kleinsten und verachtetsten der Bäume dort.
Seine Gebote verkündet er nicht am Himalaya, was ein wirklich beeindruckendes setting gewesen wäre, sondern am Sinai, dem kleinsten der dortigen Berge.
Unser Gott nimmt immer den Weg von den Kleinen, Wenigen zu den Großen und Vielen.
Er beginnt beim Du, bei einem Volk, bei einem Menschen und hofft, dass wir daraus zum „Wir“ finden.
Das ist der Weg seiner Liebe.
Da geht er voran, den öffnet er.
In dieser Weise sollen die Juden zum Segen für die Völker werden, die Geschichte von Gottes Barmherzigkeit weiterschreiben zum Wohle aller.

Diese Familiengeschichte des jüdischen Volkes wirkt nach bis heute.
Seit 1000en von Jahren hat sie Menschen geprägt.
Sie macht sie unvergleichlich, manchmal auch merkwürdig für Außenstehende.
Aber sie wurden ausgewählt die Wahrheit zu lieben und zu leben.
Trotz ihrer jahrtausendelangen politischen Bedeutungslosigkeit haben sie es geschafft, die Gebote ins Bewusstsein der Welt zu bringen.
Nicht, dass sich die Welt immer daran halten würde.
Das tun im Übrigen auch die Juden nicht.
Aber sie haben die Gebote getreulich und wörtlich überliefert und ins Gedächtnis der Welt geschrieben.
Dass Rachemorde zu ächten sind,
dass Töten keine Konfliktlösung sein kann und es gilt die Spirale der Gewalt zu durchbrechen,
dass es einen Feiertag in der Woche gibt –
das sind alles Einsichten und Errungenschaften, die sich dank der Treue des jüdischen Volkes zu seinem Gott und zu seinen Geboten in der Welt,
auch in anderen Religionen herumgesprochen haben.

IV. Nun könnten wir beifällig nickend davor stehen bleiben und applaudieren.
Denn wir wissen ja bis in die jüngste Geschichte, dass schon etwas dazugehört, Jude zu sein und zu bleiben.
Doch ganz so leicht wird es uns nicht gemacht.
Denn wir gehören dazu.
Oder, um die Worte von Mischas Mutter abzuwandeln:
Es tut mir leid, dass ich Euch das nicht ersparen kann:
Ihr seid Christen.
Wir sind Christinnen und Christen.
Wir sind dabei, weil Gott um das Jahr 27 wieder einmal – in welchem liebevollen Überschwang auch immer – einen unscheinbaren Juden gerufen hat, jenen Jesus aus Nazareth.
Und so wie Gott damals Abraham versichert hat:
Du wirst ein Segen für die Welt sein,
so hat Gott durch Jesus auch uns gerufen: Ihr seid das Licht der Welt.
Jeder von euch.
Jede und jeder, der oder die sich rufen lässt.
Eigentlich tun wir nichts, um das zu verdienen.
Wir haben als Kirche politisch wenig zu sagen.
Einiges haben unsere Familienangehörigen in der Vergangenheit falsch verstanden und einen Eifer entwickelt, bei dem Gott sich nur die Augen zuhalten kann.
Auch unser Verhalten ist nicht immer ganz koscher. Wie die Juden sind auch wir Menschen.
Aber wir sind erwählt, dazugesteckt in den Ölbaum Israel, wie Paulus es ausdrückt.
Und damit hängen wir unwiderruflich in der ganzen Geschichte mit drin.
Einmal Jude, immer Jude.
Einmal getauft, immer getauft.
Nun kann man sich solche Reden anhören, und mit den Schultern zucken und sagen:
„Was geht mich meine Familie an, was geht mich meine Geschichte an?
Und getauft wurde ich ohnehin nur, weil Oma Else es so wollte.
Ich lebe anders, ich denke anders, ich will mit dem ganzen Verein nichts zu tun haben.
Weder mit dem jüdischen, noch mit dem christlichen.
Und mit den muslimischen, den noch weiter entfernten Verwandten, auch nicht.“
Kann man tun, tun auch viele.
Und so kommen wir mit der einfachen Behauptung „Geschichte wirkt nach bis ins 1000e Glied und wir hängen da drin, ob wir wollen oder nicht“ nicht unbedingt zum Ziel.
Jedenfalls nicht, wenn das etwas Positives für unser Leben austragen soll.

V. „Lieber kleiner Mischa“, sagt Lena Gorelli, „du bist ein Jude. Etwas Besseres hättest du nicht werden können.“
Liebe Gemeinde, ihr seid Christinnen und Christen, etwas Besseres hätte euch nie passieren können.
Warum nur?
Vielleicht, weil Gott uns hilft anders zu leben mit unseren Familiengeschichten, mit der Geschichte der Welt, mit unserer eigenen Geschichte, anders, als wir es gewöhnt sind.
Er ist mittendrin, ja, aber er hat einen anderen Umgang mit Geschichte als wir.
Unsere Liebe entzündet sich an dem, was sie sieht und erlebt.
Wir reagieren und orientieren uns an dem, was ist, und probieren Neues oder resignieren, je nachdem.
„Gottes Liebe“, sagt Martin Luther, „Gottes Liebe findet nicht vor, was für sie liebenswert ist, sondern sie erschafft es.“
Und das, füge ich hinzu, das nicht einmal in sieben Tagen am Beginn der Zeit, nicht einmal vor 5000 Jahren in Ägypten, sondern immer wieder, jeden Tag neu.
An jedem Tag bekommen wir Gottes Zuspruch zu hören:
Ihr seid erwählt. Du bist erwählt.
Von mir.
Mach was draus.
An jedem Tag öffnet uns Gott liebevoll die Tür unseres Lebens und fordert uns auf, unseren Weg mit freiem Herzen zu gehen.
Gottes Art mit der Geschichte, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu leben  ist Offenheit.
Und daher ist Erwählung nicht zu verwechseln mit Vorherbestimmung.
Nicht ein Mitgehangen, mitgefangen.
Erwählung als Ausdruck der Liebe ist ein schöpferischer Akt.
Gott wendet sich uns zu, jedem einzelnen und spricht ihn oder sie an.
„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, mein geliebtes Kind.
Erwählung ist etwas Aktives.
Gott redet uns an und wir hören, sehen und gestalten oder versuchen es zumindest.
Gott redet uns an. Du bist erlöst. Du bist getauft auf meinen Namen.
Und unsere Sache ist es zu antworten, im Bekenntnis unseres Glaubens, im Halten der Gebote, nüchtern gesagt.
Vertrauend, dass wir seine Erwählung wert sind und Barmherzigkeit, ein liebevolles, den anderen sehendes Miteinander das Konzept, das zu gestalten sich lohnt.

Erwählt zu werden ist eine der großen Sehnsüchte unserer Zeit.
Aus einer Fülle von Bewerbungen ausgewählt zu werden, Gewinner eines großen Preises zu sein, herausgehoben, besonders zu sein.
Das ist nicht unbedingt das Ziel Gottes, das er mit unserer Erwählung verbindet.
Gott beginnt wie gesagt immer mit den Kleinen, Unbedeutenden.
Er achtet strikt darauf, dass unsere Vorstellungen von Macht und Herrlichkeit und Ruhm nicht mit seiner Liebe vermischt werden.
Er kennt durchaus die schrecklichen Folgen unseres Handelns und verabscheut sie, weil er weiß wie schwer es uns fällt, aus der Kette der Gewalt auszubrechen.

VI. Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied.
Was unsere Väter und Mütter geglaubt und gelebt haben, das ist unsere Familiengeschichte, in der wir leben.
Auch heute.
Ihre Taten und Worte sind in der Welt, wirken nach und stecken an.
Im Guten wie im Bösen.
Menschliche Antworten sind nie unfehlbar.
Es kann sein, dass Menschen aus diesem Text nur einen Satz hören:
Gott vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Und sich berufen fühlen, diesen Hass mit Gewalt zu beantworten.
Sie vergessen dabei, dass Gott ein eifernder Gott ist, weil Liebe nie ohne Eifer, ohne Anteilnahme ist und Gott Machtwillen und Blutdurst nie gutheißen wird.
Sie vergessen, dass die Überschrift über Gottes Anteilnahme und Eifer die Barmherzigkeit ist, an die Gott sich laut unserem Text geschworen hat zu halten.
Sie vergessen, dass Gott Barmherzigkeit als Überschrift über das Leben der Welt sehen will.
Sie vergessen, dass Gott Macht und Gewalt nicht bestätigt, sondern unterläuft, am deutlichsten mit dem Wort Jesu vom Hinhalten der anderen Wange und Gewalt nicht seine, sondern die Spur der Menschen sind, die so schwer zu tilgen ist.
Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied. Und wirkt weiter.
Gottes Geschichte ist nie abgeschlossen.
Auch heute hören wir in jedem Moment immer wieder neu Gottes Rede an uns:
Du bist erlöst. Du bist getauft. Du kannst leben, als Licht der Welt.
Gottes Geschichte ist immer offen nach vorne.
Und daher ist unsere Zukunft offen. Immer.
Trotz allem Ballast,
trotz aller schrecklichen Verfehlungen und falscher Antworten,
trotz verwüsteter, ausgetrockneter Länder mit hungernden Menschen,
auch trotz unserer manchmal einengenden Familiengeschichten,
trotz allem öffnet uns Gott immer wieder Wege,
genauso schwer vorstellbar, wie der Weg aus der Sklaverei,
vielleicht genauso langatmig wie der Weg durch die Wüste,
vielleicht genauso schmerzhaft wie der Weg Jesu.
Aber weil Gott ruft,
weil Gott mitgeht wie seit Generationen schon,
weil Gott seiner Liebe und Barmherzigkeit alles zutraut und in uns das Licht der Liebe immer wieder entzündet,
deshalb können wir diese Wege gehen, in der Wahrheit leben, die Wahrheit suchen und niemals aufgeben.
Du bist getauft.
Etwas Besseres hätte dir nicht passieren können.
Mach das Beste daraus.
Heute.
Amen.




Sonntag, 2. April 2017

Abraham und Isaak Gen 22 Judika 2017


Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Es gibt Momente, da steht alles auf dem Spiel.
Die Luft hält den Atem an.
Momente, da steht mein Leben in Frage.
Ich muss mich entscheiden: Ich oder du? Wir oder ihr?
Mein Leben oder deines.
Mit dir untergehen oder alleine weitergehen.

Es gibt Momente, da steht alles auf dem Spiel.
Die Luft hält den Atem an,
und die Erde fragt sich, ob sie sich weiterdrehen kann oder sich schütteln sollte.

Einen dieser Momente erlebt Abraham laut Genesis, im 22. Kapitel.
Muten wir uns das zu und begleiten wir ihn.

Da versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm:
Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Vielleicht habe ich mich verhört, mag Abraham im ersten Moment gedacht haben.
Er kennt Gottes Stimme.
Er hat gelernt ihr zu vertrauen.
Geh aus deinem Land, hatte Gott ihn einst aufgefordert, geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Du wirst der Vater eines mächtigen Volkes sein.
Auch da mag er gedacht haben: Ich habe mich verhört.
Gott macht sich tatsächlich meinen und Saras Traum zu eigen: Ein eigenes Kind!
Und er weitet ihn noch!
Nicht nur ein Kind, sondern ein Volk!
Nicht nur Vater und Mutter werden, sondern ein Segen für die ganze Welt!

Und jetzt?
Nicht mehr „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde“, sondern „Gehe in das Land Morija“.
Nicht mehr: Du wirst Vater eines großen Volkes sein, sondern: Morde deinen einzigen Sohn.
Ein Moment, in dem alles erstarren müsste.
Was ist los mit Abraham?
Er ist doch sonst nicht auf den Mund gefallen, handelt mit Gott um die Menschen in Sodom und Gomorrha, aber nicht um seinen eigenen Sohn?
Nein.
Er sagt: Hier bin ich.
Er geht.
Die Bindung zu Gott ist stärker.
Immer hat ihn Gott bewahrt und Wege geöffnet.
Beinahe hatte er Sara auf der Reise an König Abimelech verloren, sie ihm als Schwester überlassen wollen, um sein eigenes Leben zu retten.
Aber Gott hat dem König die Augen geöffnet und Sara gerettet.
Als Abraham nach Jahren im fremden Land aufgeben wollte, da hat Gott ihm immer wieder mit Sternen und Sand und sogar mit einem persönlichen Besuch Hoffnung gemacht und Abrahams Vertrauen gestärkt.
Und dann wollten Abraham und Sara die Sache mit dem Kind mithilfe der Sklavin  Hagar selber in die Hand nehmen,
da sorgte Gott dafür, dass die Wege sich wieder trennten und der Weg wieder offen war,
für das Kind von Abraham und Sara.
Unglaublicher Aufwand.
Lange Reisen.
Intensive „Eins-zu-eins-Betreuung“ und jetzt:
Töte deinen einzigen Sohn, den du lieb hast.
Abraham zögert nicht.
Er geht.
Wie immer, wenn Gott klare Anweisungen gibt.
Undenkbar für ihn, ein Leben ohne die Bindung an Gott zu führen.

Die Bibel erzählt weiter:
Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.


Drei Tage Laufen.
Drei Tage das Wissen, das sind die letzten Stunden mit Isaak.
Drei Tage Gedanken, die sich immer fester verknoten zu einem unentwirrbaren Knäuel:
Wenn Isaak stirbt, ist es vorbei. Auch mit mir. Mit allem worauf mein Leben sich gründet.
Nie mehr Vater Abraham.
Wenn Isaak stirbt, ist es vorbei. Mit mir und meiner Bindung an Gott. 
Kein Kind mehr. Keine Hoffnung.
Kein Gott, auf den ich hören werde und hören kann.
Und wenn ich es nicht tue, ist es dasselbe. Auch dann verliere ich Gott.
Ein Dilemma ohne Ausweg.
Ich morde Isaak und vernichte damit auch die Geschichte Gottes mit den Menschen,
ich morde Isaak und töte damit auch Gott.
Kein Segen mehr, nur noch Fluch.
Gott für immer ausradiert aus meinem Leben, aus der Welt.
Will Gott das?
Kann er das wollen?
Oder wird Gott wie immer wenden, was im Unheil zu versinken droht?

Die Bibel erzählt nichts von diesen Gedanken.
Sie schweigt über diese drei Tage.
Sie mutet uns das Schweigen zu, die unerträgliche Spannung.
Sie zeigt uns einen kühlen, klaren Abraham.
Der geht einfach weiter und  weiter und tut, was Gott ihm sagt,
erinnert an einen Fanatiker, der nicht mehr erreichbar ist, durch nichts und niemanden.
Nicht einmal durch seine Knechte und den vertrauensvollen Sohn lässt er sich aus der Bahn werfen:

Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und die beiden gingen miteinander.
Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater!
Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn.
Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und die beiden gingen miteinander.
Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Schweigen, unheimliche Stille.
Eine Leere, die sich auftut wie ein Abgrund.
Kein Ast mehr zum Greifen, kein Halt.
Sturz ins Nichts.
Schweigen.
Auch kein Ton von Isaak, gebunden auf dem Altar.
Grauen und Stille und das Messer in der Hand seines Vaters.
Auf Gottes Geheiß.
„Messer“ - „Schlachten“ - „Sohn“ -  „Gott“ - ungeheuerliche Worte, die da zusammenkommen.
Ein Moment, in dem alles in der Schwebe ist.
Alles ist möglich, so oder so.
Dass Abraham tatsächlich so weit geht....
Dass Gott ihn so auf die Probe stellt....
Was will er damit erreichen?
Abraham zum Fanatiker erziehen? Zu Gefühlskälte? Zu blindem Gehorsam?
Wie schaut Isaak, an liebevolle Fürsorge gewöhnt, nun diesen Vater an, der das Messer über ihn hält?
Wie hält Gott das aus, diesen Moment?
Hat er geglaubt, dass Abraham tatsächlich so weit geht?
Wer stellt da eigentlich wen auf die Probe?
Gott Abraham oder Abraham Gott?

Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.
14 Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher sagt man noch heute: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt.

Plötzlich ist es vorbei.
Es wird wieder geredet.
Gott redet, redet durch seinen Engel, sagt seinen Namen:
Ich bin der ich bin.
Sagt: Ich bin  und bleibe da.
Abrahams Hand sinkt.
Der starre Blick hebt sich vom Scheiterhaufen.
Aufatmen.
Die Sicht wird frei für das weite Land.
Ich bin der ich bin und ich bin da.
Ich sehe und öffne auch deine Augen
Gott ist nicht mehr streng.
Gott sagt: Prüfung bestanden. Mit eins.
Die Bindung an mich hast du bewiesen.
Ich bin der ich bin und ich bin da.
Das weißt du nun. Und ich weiß, dass du es weißt.
Jetzt zeige, dass du leben kannst.

Abraham schaut um sich.
Sieht: Der Frühling ist da.
Der Wind bewegt die Gräser.
Sieht, da sind Wege, unendliche Möglichkeiten. Leben.
Weiß, er tat recht, auf diesen Gott zu vertrauen.
Weiß ein für allemal, dass Gott nie den Tod, sondern immer das Leben will.
Und er sieht einen Ziegenbock und weiß nun selber, was zu tun ist.
Gott muss ihm nichts mehr sagen. Nie wieder.
Abraham ist erwachsen, braucht diese enge Bindung nicht mehr.
Er lebt sie nun, wie selbstverständlich.
Abraham bindet Isaak los, opfert den Ziegenbock.
Ob er Gott diese Prüfung verzeiht, wird nicht gesagt.
In Zukunft, so erzählt jedenfalls die Bibel,
wird Abraham Gottes Stimme nie wieder hören und nicht zu hören brauchen.
Er regelt das Leben alleine,
regelt die Heiratsfrage für Isaak, sucht sich nach dem Tod Saras noch eine Frau.
Er lebt sein Leben, selbstbewusst als Stammvater und Gründer des Volkes und  gibt seinen Glauben an Gott weiter.
An die nächste Generation.

Was für eine Geschichte!
Was für ein Drama!
Es gibt Erleichterung, es gibt eine Lösung, der Mord wird verhindert.
Aber wirklich erträglich wird diese Geschichte dadurch nicht.
Wie haben Sie das erlebt,
Vater Abraham?
Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch gemordet hätte, wenn Gott seine Stimme nicht erhoben hätte.
Oder Isaak das Kind, das auf einen Holzstoß gebunden wurde, starr vor Entsetzen und Todesangst?
Ist so etwas zu ertragen?
Oder Gott selbst in dieser Geschichte?
Es bleibt ein Gott, der harte Forderungen stellt, schweigend der Entwicklung ihren Lauf lässt und auch hier erst zuletzt Einhalt gebietet.

Ich will diese Geschichte nicht beschönigen und nicht zurechtstutzen.
Sie ist keine freundliche Geschichte und auch keine alte Sage, die von der Abschaffung des Menschenopfers redet.
Diese Geschichte erzählt von der Kälte dieser Welt.
Und von unserer Einsamkeit in ihr.
Von Gott, der uns fordert, Gutes zu tun und nach seinem Gebot zu leben.
.
Und diese Geschichte erzählt vom Schweigen und der Ferne Gottes,
der so vielen Menschen den Untergang zumutet, fern scheint denen,
die wie Isaak gebunden auf dem Holzstoß liegen,
gefesselt an ihr Schicksal und kein Entrinnen.
In Isaak haben sich später die jüdischen Gläubigen so oft wiedergefunden, wiederfinden müssen, verfolgt, gequält, ausgeliefert.
Und kein Gott, der sie davor bewahrt hat.
Sie erzählt von Momenten des Grauens, wenn keiner die Mörder aufhält,
und Bomben gezündet werden.
Sie erzählt von der Brutalität und Kälte, mit der Menschen ihren Reichtum genießen, während Millionen andere dem Hungertod ins Auge sehen, wie zur Zeit im Sudan.
Momente, in denen die Luft den Atem anhält und die Erde sich fragt, ob sie sich weiterdrehen kann und darf.
Und immer wieder, in der entsetzlichen Stille des Mordens und Sterbens, stirbt auch Gott.
Immer wieder.
Und mit ihm die Hoffnung.
Und mit ihm wieder etwas von der Zukunft unserer Welt.

Diese Geschichte beschönigt nichts.
Aber gleichzeitig lädt sie auch ein, zum Schritt in die Freiheit, den Abraham getan hat.
Denn hier, mit Abraham beginnt die Geschichte Gottes mit seinem Volk,
die Geschichte der Menschen mit ihm.
Hier setzt Gott ganz auf die Selbständigkeit seiner Ebenbilder.
Er vertraut ihnen die Erde und das Leben an.
Abrahams Leben zeigt:
Gott geht mit.
Er ist ein Gott der sieht.
Er nimmt die Geschichte der Menschen persönlich. Jede.
Die Geschichte Hagars, Saras, Abrahams und derer, die ihnen nachfolgten.
Er ist ein Gott, der sieht und da ist.
Er sagt seinem Volk durch Mose: Ich sehe das Elend.
Ich bin der ich bin. Ich bleibe da. Ich bleibe bei dir.
Und ich bin ein Gott, der „Halt!“ ruft.

Gott sieht und Gott schreit.
Heute. Immer wieder. Schreit uns an.
Ruft unseren Namen, wenn wir in die Irre gehen.
Wenn wir handeln sollen.
Wenn wir nur unseres sehen, unsere Kinder und die der anderen übersehen.
Und die übersehen, die auf den Scheiterhaufen dieser Welt landen.
Von niemandem gesehen.
Von niemandem gehört.

Die Geschichte von der Bindung Isaaks ist eine Geschichte, die nicht lügt.
Sie zeigt alles: Wozu Menschen fähig sind, im Schrecklichen, aber auch im Guten.
Sie zeigt Gottes Willen, aber auch das Verborgene, das Schweigen, das Grauen, wenn alles stumm bleibt.
Sie zeigt den Frühling und das Aufatmen und was alles geht, wenn Menschen die Augen heben und der Kraft trauen, die Leben schafft.
Und sie zeigt, dass sie sich gegenseitig auch kalt lächelnd sterben lassen können.
Es ist und bleibt eine schreckliche Geschichte, die uns die Welt und uns darin unbarmherzig vor Augen führt.
Ein Hoch auf die Bibel, dass sie das aushält und den Schrecken in Worte fasst.
Ein Hoch auf Gott, der uns keine Chance gibt, dem auszuweichen und genau darin an unserer Seite bleibt.

Amen.


Sonntag, 9. Oktober 2016

2 Kor 3 Steckbriefe Gottes. Abschiedspredigt in der Friedensgemeinde


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Paulus schreibt Briefe.
Er setzt sich hin, er nimmt sich Zeit.
Und schreibt und schreibt.
Er soll sich ausweisen.
Sagen, welches Recht er hat als Bote Jesu Christi aufzutreten.
Paulus antwortet denen in Korinth.
Aber er hält sich nicht an das Thema.
Nicht ganz.
Er schreibt: 
Es ist offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.
Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.
Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Gott schreibt Briefe.
Er setzt sich hin, er nimmt sich Zeit.
Und schreibt und schreibt.
Schreibt nicht auf Papier, schreibt in Herzen.
Schreibt nicht mit Tinte, schreibt mit seinem Geist.
Schreibt Empfehlungsbriefe.
Immer wieder und wieder.
Und hat sich auch uns ins Herz geschrieben.

Es ist offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.


Gott schreibt Briefe.
Besonders mit einem hat er sich große Mühe gegeben.
Ein ganz besonderer Brief,
der wandelnde Steckbrief für die Liebe Gottes.
Jesus von Nazareth, der Christus.
Dieser Brief sollte das übersetzen, was da in Stein gehauen wurde, die Lebensregeln Gottes.
Für alle.
So wird das lebendig mit dir und deinem Nächsten,
so geht Versöhnung,
so gelingt Gerechtigkeit
und so leuchtet eine friedliche Welt.
Diesen Brief hat Gott nicht beendet.
Da steht kein „Herzliche Grüße, Gott“ drunter.
Auch kein P.S.: Ich mach jetzt mal eine Pause mit dem Schreiben. Schreibt ihr mal weiter.
Gott schreibt an diesem Brief bis heute.
Da können wir sicher sein.
Immer wieder fällt ihm etwas ein, was seinen Empfehlungsbrief verständlicher macht.
Auch heute. Auch jetzt.
Längst hat er diesen Brief vervielfältigt.
Schreibt ihn ab, schreibt ihn neu in andere Herzen.
Auch in unsere.
Hofft, dass seine Briefe gelesen und verstanden werden.
Gibt nicht auf. Niemals.
Solches Vertrauen, sagt Paulus, solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.

Ich weiß nicht, wie es euch geht.
Aber als Kopie rumzulaufen, gefällt mir nicht wirklich.
Ok. Da wird vielleicht immer auch ein neuer Akzent gesetzt wird durch euch, mich, durch uns.
Aber das ist nur ein schwacher Trost.
So vieles tun wir doch,
organisieren wir,
denken wir uns aus,
Neues,
damit Gottes Brief, damit der Weg Jesu  auch für andere lesbar, begehbar wird.
Hier in der Friedensgemeinde beispielsweise in den letzten Jahren.
Halten den Konfer lebendig für viele Konfis.
Oder das Sommercafé.
Oder den Besuchsdienst.
Öffnen uns für Flüchtlingsprojekte
oder lassen Gottesdienste leuchten durch Musik, die zu Herzen geht.
Ich? Wir? Eine Kopie? Von fremder Feder geschrieben?

Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, sagt Paulus, nicht, dass wir uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienerinnen und Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Menschen schreiben Briefe.
Schreiben ihres in die Seele des anderen und in die Linien der Erde.
Manches gelingt, bringt andere zum Leuchten, weil sie gesehen und geliebt werden.
Manches ist tödlich.
Wenn Hass die Feder führt und ein Land vergiftet.
Wenn der Neid auf das des anderen krumme Buchstaben schreibt.
Wenn Liebe sich mit Eigensucht mischt.
Das lässt sich nicht einfach wegradieren.
Das bleibt in den Herzen, oft ein Leben lang.
Als Schmerz. Als Trauer.
Menschen führen ihre eigene Feder, nach ihren eigenen Regeln und verschließen sich der Handschrift Gottes.
Sie nehmen Gott den Platz zum Schreiben weg.
Sie müllen einander die Herzen voll mit ihren Ansprüchen, die dem anderen seinen Raum nehmen.
Und viel zu oft schreiben sie Unrecht in das Herz der Erde,
Buchstaben des Grauens, Buchstaben des Todes.

Paulus bleibt klar:
Es ist Gott, von dem das lebendige Schreiben ausgeht.
Und es ist Gott, der uns das Weiterschreiben lehrt,
dass wir tun, was sein Geist uns aufträgt zu tun.

Wenn Gott schreibt, dann setzt das Menschen in Gang.
Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
Gott legt uns nicht fest auf bestimmte Buchstaben.
Er will nicht, dass wir seines einfach abschreiben.
Gott verengt unsere Herzen nicht und erst recht nicht löscht er unseres aus.
Im Gegenteil:
Seine Art des Schreibens setzt vieles frei,
befreit uns dazu, unseres zu leben,
aber miteinander und füreinander. (Nicht sich selber in Szene setzen).
Das ist auch seine Absicht.
Denn wir sind mehr als sein Briefpapier oder eine schwache Kopie Jesu.
Wir sind Gottes geliebte Kinder.
Jeder und jede von uns ein Steckbrief seiner Liebe.
Öffentlich lesbar. So soll das sein.
Gott schreibt sich mit seiner Liebe in unser Herz.
Und steckt uns damit an.
Dass wir einander in unsere Herzen schreiben in seinem Geist.

Und so ist auch das, was heute wie ein Abschied aussieht,
wie ein Schlusspunkt unter unseren gemeinsamen Brief, nur ein Komma.
Unser gemeinsamer Brief wird nicht beendet,
wir wenden eine Seite um, ja, aber wir schreiben weiter.
Jeder von uns trägt das weiter im Herzen, was wir hier miteinander gelebt haben auf den Spuren Jesu.
Ich das, was ihr mir ins Herz geschrieben habt, was durch euch hier lebendig wurde
und ich hoffe, dann doch ein wenig eigensüchtig, auch ihr etwas von mir.
Das ist nicht wegzuradieren.
Das bleibt.
Und das geht weiter, an verschiedenen Orten,
verändert sich, klar, aber nach wie vor leben wir gemeinsam als Kinder Gottes,
setzen auf unsere Weise Gottes Empfehlungsschreiben fort,
Werben öffentlich für Vertrauen in Frieden und Gerechtigkeit.
Werben um Raum für die Handschrift Gottes,
die uns öffnet zum Leben.

Gott schreibt Briefe.
Schreibt sich jeden Tag in unser Herz.
Setzt uns gemeinsam auf die Spuren des Rabbis von Nazareth.
Der hat Gottes Handschrift und der ganzen Welt Raum in seinem Herzen gegeben,
damit wir öffentlich leben in seinem Namen:
So wird das lebendig mit dir und deinem Nächsten,
so geht Versöhnung,
so gelingt Gerechtigkeit
und so leuchtet eine friedliche Welt.

Dieses Vertrauen und auch dieses Selbstvertrauen wünsche ich euch allen.
Ihr seid die Steckbriefe der Liebe Gottes.
Schreibt weiter, schreibt neu.
Müllt euch nicht gegenseitig zu mit zuviel „Das müsste, sollte könnte doch noch sein“.
Lasst einander Raum für die Handschrift Gottes,
und denkt an das, was uns alle verbindet:

Es ist offenbar geworden, dass wir ein Brief Christi sind, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes.


Amen.