Freitag, 3. November 2017

Mt 10, 34-39 Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Von schwierigen Entscheidungend


Jeden Tag entscheiden wir uns,
im Kleinen und manchmal auch im Großen.
Diese Hose oder jene,
diesen Weg oder gehe ich heute mal anders,
der Regen hat nachgelassen, soll ich walken gehen? Gut wäre es ja.
Soll ich Rosenkohl in den Einkaufswagen legen, obwohl meine Kinder ihn nicht mögen?
Ja, sollen sie leiden, heute bin ich mal dran.
Kleine Entscheidungen und manchmal auch große,
Entscheidungen, die mein Leben bestimmen.
Mathestunde schwänzen? Ja oder Nein.
Gut, dass ich es getan habe.
Denn auf dem Spielplatz, auf den ich mich mit meiner Freundin zurückgezogen habe, da konnte ich die große Frage klären, was werden soll nach dem Abi und Theologie gewählt.
Sie kennen das auch, vermute ich,
diese kleinen und großen Entscheidungen,
im täglichen Leben und die großen, die Ihr weiteres Leben prägen,
der Partner, die Partnerin, mit dem, mit der  Sie es teilen,
der Ort, an dem Sie leben und vieles mehr.
Vielleicht teilen Sie auch meine Bewunderung für Menschen,
die ihr ganzes Leben unter eine große Entscheidung stellen.
Sie  entscheiden sich voller Leidenschaft für ein großes Ziel,
leben es ohne Wenn und Aber, ordnen alles andere dem unter.
Tolstois Anna Karenina verlässt Mann und Kind und lebt kompromisslos ihre Liebe zu dem schönen Alexej Wronski.
Sie lässt ihr Leben am Ende.
Aber es gibt kein Zurück in das Gleichmaß ihres bürgerlichen und farblosen  Daseins.
Undenkbar.
Marilyn Monroe ist leidenschaftlich in das Bild der erfolgreichen Schauspielerin verliebt.
Sie lebt es, auch wenn es über ihre Kräfte geht und versucht das unsichere, misshandelte Kind vor sich und anderen zu verstecken.
Nie wieder will sie sich dem Grau einer Nebenrolle ausliefern.
Nicht im Beruf, nicht im Leben.
Nelson Mandela entscheidet sich für die Liebe zur Gerechtigkeit:
Er will die Unterdrückung seiner Leute, der Schwarzen in Südafrika beenden.
Das lebt er, ohne Rücksicht auf seine Liebe zu seiner Frau, seinen Kindern.
Die Liebe für ein befreites Südafrika überlebt auch 27 Jahre Gefangenschaft auf Robben Island.
Am Ende ist noch Kraft da, um das Leben dort zu gestalten.
Seine Frau hat er auf dem Weg verloren.

Manchmal frage ich mich, ob ich mich nicht immer wieder deutlicher entscheiden muss,
intensiver leben, mich intensiver und klarer einsetzen für andere,
den Lauf der Welt nicht so voll ohnmächtiger Wut oder Angst hinnehmen, intensiver...
Tja, sagt da einer neben mir.
Ich warte gerade an der Kasse mit meinem Rosenkohl im Wagen.
Du mal wieder, sage ich. Was liegt an?
Ich habe dein inneres Gemurmel gehört, sagt Jesus.
Wundern Sie sich nicht.
Der kommt ab und zu vorbei, auch wenn  er stört.
Und?, frage ich.
Entscheidungen sind wichtig, sagt er ernst.
Was du nicht sagst, erwidere ich ironisch.
Klare Entscheidungen, die auch mal wehtun, vermisse ich bei euch ab und zu.
Ich deute auf den Rosenkohl.
Vergiss deinen Rosenkohl, sagt Jesus abschätzig.
Ich vermisse in euren Entscheidungen die Größe,
dass ihr die Welt im Blick habt,
die Gerechtigkeit, die Gott wünscht,
dass ihr ohne Wenn und Aber der Klarheit folgt, die Gott euch ins Herz gelegt hat, und nicht nur euer Mittagessen im Kopf habt.
Komm schon, Jesus, sage ich, ich bin beim Einkaufen.
Er zieht mich aus der Schlange vor der Kasse, direkt vor das Regal mit tausendundeiner Süßigkeit.
Ich wende seufzend den Blick ab.
Hast du einen Tipp?, frage ich ihn. Kleine Entscheidungshilfe?
Natürlich, sagt er und sein Ton wird etwas weihevoll, sein Blick streng.
Höre denn.

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.

Na, holla, holla, Jesus, sage ich erschüttert. Das ist aber starker Stoff.
Wie meinst du das?, fragt er erstaunt.
Das klingt sehr anstrengend. Und brutal. Und verletzend.
Wie war das mit der Liebe und der Gewaltlosigkeit?
Ich meine das mit dem Schwert doch nicht wörtlich, sagt er gereizt.
Du kennst mich doch.
Was kann ich dafür, dass Menschen meine Worte missbrauchen, aus dem Kontext reißen und Kreuzzüge anzetteln, diese Kretins.
Nein, ich will,  dass ihr euch einsetzt, ganz und gar, mit Haut und Haaren, für das Reich Gottes.
Seid kompromisslos. Seid klar.
Brennt, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit aller Kraft,
Nährt euch einzig und allein aus der Flamme der Liebe Gottes.
Schneidet alles ab, werft aus eurem Leben, was diese Flamme in euch verdeckt oder löschen könnte.
Haltet euch an das Gute, um jeden Preis!
Da müssen manchmal klare Entscheidungen getroffen werden, die weh tun, dir selber und anderen auch.
Mit deiner Mutter warst du ganz schön grob, versuche ich ihn zu bremsen.
Meine Mutter, sagt er mürrisch.
Die hat gesagt, ich habe einen Knall.
Die Römer bestimmen hier, hat sie gesagt, das weiß doch jeder.
Wir müssen sehen, wie wir über die Runden kommen.
Du als der Älteste hast Pflichten, hat sie gesagt.
Reiß dich zusammen und tu, was von dir erwartet wird.
Und du hast sie einfach stehen lassen, erinnere ich ihn und hast von da an auf der Straße gelebt.
So ist es, erwidert er,
die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.  
Klingt verführerisch, sage ich spöttisch.
Ja, sagt er, viele sind mir gefolgt.
Zwölf, berichtige ich ihn.
Ach was, erwidert er, glaub doch nicht alles, was das du liest.
An manchen Tagen waren wir zu 100en unterwegs.
Hier, schau mal.
Und er legt mir eine Hand auf den Kopf und mein Blick verschwimmt.
Ich sehe eine große Gruppe von Menschen auf einer staubigen Landstraße hinter Jesus hergehen,
Männer und Frauen.
Einer hebt den Blick und sieht mich an:
Er isst mit den Sündern, sagt er, er hat mir die Tür zum Leben geöffnet, als ich noch Zöllner war.
Jetzt helfe ich und öffne anderen die Türen.
Er berührt die Verachteten und Ausgestoßenen, fährt eine Frau fort und es ist ihm egal, ob er Ärger mit den Pharisäern bekommt.
Jetzt kriege ich meine Tage wieder regelmäßig.
Er hat gesagt, tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen, sagt ein Jugendlicher, ja, es ist schon mitten unter euch. Durch mich.
Und er hat recht. Es geschehen Zeichen und Wunder.
Und wir gehen seinen Weg mit.
Aber die Welt ist doch gefährlich und brutal, erwidere ich und rast auf den Abgrund zu, heute noch mehr als damals.
Reich Gottes? Wo denn?
Das Reich Gottes ist eben nichts für Memmen, mischt sich eine große Frau ein.
Es ist da, wenn du ihm eine Chance gibst.
Wir haben unser altes Leben verloren, aber haben wir ein neues gewonnen, mitten in dieser verkorksten Welt.
Aber es ist gefährlich und kann euch euer Leben kosten, werfe ich ein.
Und Jesus wird...
Doch ich bremse mich. Das Ende kommt früh genug.
Sollen sie doch die Zeit mit ihm auskosten.
Ja, es ist gefährlich, fährt die Frau fort, und manchmal auch schmerzhaft, aber der Gewinn ist groß.
Wir sind frei.
Leben wie die Lilien auf dem Feld. Gott sorgt für uns.
Nehmen uns die Freiheit für den Frieden zu leben in gewalttätigen Zeiten.
Ich habe mein Herz ganz der Lebendigkeit und Liebe Gottes geöffnet.
Es ist wunderbar zu handeln und zu reden, wo andere nur ohnmächtig die Hände heben und schweigen.
Hm, sage ich, nun doch etwas beeindruckt.
Sicher, wagt sich ein kleiner schüchtern wirkender Mann vor, in dieser Welt schmerzt diese Klarheit.
Familien zerbrechen, und Freundschaften und Lebenskonzepte, ja.
Es gibt Streit, es gibt Tränen,
es gibt Unverständnis und Beziehungen, die nicht zu heilen sind.
Es gibt Verfolgung, das wird bei euch nicht anders sein.
Jesus schließt auch Türen, um die Tür zu Gottes Frieden und Gerechtigkeit offen zu halten.
Für alle.
Wir müssen weiter, sagt ein anderer ungeduldig.
Und ich sehe, dass sich die anderen aus der großen Gruppe schon um einiges auf der Straße entfernt haben.
Na, dann, sagt die große Frau, mach’s gut. Und mach was draus.
Und langsam verschwimmt das Bild vor meinen Augen und ich blicke wieder auf das Regal, Milka, die zarteste Versuchung.
Ich seufze und schaue schnell weg.
Und?, fragt Jesus.
Jesus, sage ich vorsichtig, ich will dir nichts vormachen.
Du bist hier unter nüchternen Protestanten im wohlhabenden Westen.
Ja, wir hatten einen Luther, der vermutlich mehr nach deinem Herzen ist mit seinen rigorosen Entscheidungen.
Geht so, meint Jesus lakonisch.
Aber wir, fahre ich fort, wir sind nicht so einfach zu kriegen mit der Vision: Lebt ungebunden auf der Straße und folgt mir nach und verändert die Welt, koste es was es wolle.
Oder gar wer sein Leben gewinnt, der wird es verlieren und wer es verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen.
Ich weiß nicht.
Ich glaube, du machst es dir zu einfach, weist mich Jesus zurecht.
Es gibt doch viele Menschen, auch heute, die sich ganz und gar einem Ziel verschreiben und danach leben,
Nelson Mandela, die Leute, die in der Bahnhofsmission arbeiten oder...Greenpeace, wäre das nichts für dich?
Schau mich doch an, Jesus, sage ich gereizt, ich bin nicht sportlich genug.
Und außerdem arbeite ich ständig für dich und in meiner Freizeit möchte ich mal ins Kino gehen.
Jesus hebt eine Augenbraue.
Gefährliches Zeichen, wie ich weiß.
Meine Liebe, sagt er streng, ich glaube, du weißt genau, was ich meine.
Glaube nicht, dass ich euch nicht kenne.
Glaube nicht, dass ich blöd bin und weiß, dass es schwer ist, euch in Bewegung zu setzen,
obwohl ihr auf Kosten anderer lebt mit eurer brutalen Wirtschaftsordnung, obwohl die Umwelt gefährdet ist.
Ich erwarte ja gar nicht, dass ihr euch ans Kreuz nageln lasst.
Nett von dir, versuche ich den Ernst seiner Rede etwas aufzulockern.
Sei still, fährt er mich streng an.
Aber ihr sollt ernst nehmen, dass ich alle Türen geöffnet habe und ihr alle den Weg zum Frieden gehen könnt.
Gott hat dafür gesorgt, dass das weitergeht, bis in alle Ewigkeit.
Ich erwarte, dass ihr  in euren Entscheidungen immer auch dem weiten Blick Gottes auf die Welt, auf die anderen eine Chance gebt.
Wie meinst du das?, frage ich.
Na, nimm zum Beispiel diesen Weinstein, diesen Filmproduzent.
Diesen miesen Sack?, frage ich, der über Jahrzehnte Frauen missbraucht und sogar vergewaltigt hat?
Genau den, antwortet er.
Was weißt du denn davon?
Jesus sieht mich nur bedeutungsvoll an.
Schon gut, sage ich. Und? Was soll ich mit dem?
Na, sagt Jesus, nehmen wir mal eine Frau, die unbedingt Schauspielerin werden will, wie diese Marilyn Monroe.
Sie hat Talent, sie weiß, sie hat das Zeug zu etwas Großem und will es um jeden Preis leben.
Und dann gerät sie an diesen Weinstein.
Verstanden, sage ich.
Sie verliert ihr Leben, wenn sie es eigentlich gewinnen will, weil ihr Leben vergiftet wird,
weil sie sich zeitlebens schämt oder zeitlebens mit dieser Verletzung herumläuft.
Moment, sagt Jesus, ich bin noch nicht fertig.
Nehmen wir an, sie entscheidet sich, das zuzulassen, lässt sich von ihm befummeln oder geht sogar mit ihm ins Bett.
Jesus, sage ich schockiert.
Hergott, Mädchen, sagt er, stell dich nicht so an.
Also, sie lässt sich auf die Wünsche des Herrn Weinstein ein.
Und ist stark.
Und steckt das weg.
Und kann es vergessen. So was gibt’s.
Sie erreicht ihre Ziele und wird eine der ganz Großen.
Na super, sage ich, und was ist mit den anderen?
Genau, sagt Jesus, was ist mit den anderen?
Ihre Entscheidung, das mit sich machen zu lassen, hat Folgen.
Für andere.
Die nicht so stark sind.
Die verletzt werden.
Die tatsächlich ihr Leben verlieren und es nicht ertragen mit dem Gedanken daran zu leben.
Diese eine Frau stützt ein System des Unrechts, auch wenn sie persönlich gewinnt.
Genau wie die Reporter und Regisseure, die es alle wussten und am Ball bleiben wollten und es mitgetragen haben.
Hm, sage ich.
Ihr sollt anders leben.
Das ist das Mindeste, was ich erwarte.
Verliert in euren Entscheidungen die anderen, die Welt nicht aus dem Blick.
Traut euch in euren Herzen Gottes ganze Liebe zu spüren, die er hineingelegt hat.
Fühlt mit den anderen und bleibt klar und gebraucht das Schwert meiner Klarheit,
auch wenn es schmerzt und ihr Leute vor den Kopf stoßt,
selbst dann, wenn ihr eure persönlichen Ziele nicht erreicht und euer Leben verliert.
Verstanden?
Ja, sage ich.
Dann ist es ja gut, sagt Jesus wieder freundlich.
Ich muss los, meint er.
Und ich muss Mittagsessen kochen, erwidere ich.
Mach’s gut, bis zum nächsten Mal.
Schalom, sagt Jesus bedeutungsvoll.
Und dann stehe ich wieder in der Schlange und bezahle und mache mich mit meinem Rosenkohl auf den Heimweg, wo mich der Zorn meiner Kinder erwartet.
Es mag wunderbar sein, diese Freiheit, etwas tun zu können, wo andere nur ohnmächtig die Hände heben.
Und es gibt wirklich schönere Worte als diesen Predigttext aus dem Matthäusevangelium.
Ich bin mir auch nach dem Gespräch mit Jesus nicht ganz sicher, ob das der richtige Weg ist, uns zu ermahnen.
Aber ich nehme mir vor, wieder mehr daran zu denken,
dass Gott Raum braucht, um zu handeln,
ich Raum in meinem Leben  offen halte,
Kraft bereit halte, für die Momente, in denen meine Klarheit und mein Handeln gebraucht wird.
Gott braucht unsere Hände, unsere Sprache, unsere aufrechte Haltung.
Wir alle haben Ziele im Leben, Dinge und Menschen, die uns wichtig sind und an denen unser Herz hängt.
Vergessen wir aber nicht:
Wir nennen uns Christinnen und Christen,
und sind auch auf dem Weg, wie die, die Jesus auf staubigen Straßen folgten.
Memmen oder Egozentriker sind da nicht gefragt.
Es braucht Menschen, die durch ihr Handeln anderen Mut machen, an andere zu denken und danach zu handeln.
Es braucht Menschen, die sich trauen zu erkennen:
Gott lebt in meinem Herzen mit seiner brennenden Liebe.
Ich folge seiner Spur und gebe mich nicht damit zufrieden, dass die Welt so bleiben muss, wie sie ist.
Wir leben in einer Welt, in der wir uns entscheiden müssen. Immer wieder.
Im Kleinen und im Großen.
Es braucht Menschen, die die Freiheit ergreifen, die Gott uns durch Jesus versprochen hat,
die Freiheit immer wieder auch die richtigen Entscheidungen zu treffen, wie es der Wochenspruch uns nahelegt:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Amen





Samstag, 22. Juli 2017

Dtn 7, 6-12 Von der Erwählung 6. Trinitatis 2017


Predigt Dtn 7, 6-12

„Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, auserwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch Gott angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern – sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat er euch hinausgeführt mit mächtiger Hand und hat euch erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.“

I. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Geschichte wirkt nach.
Familiengeschichte erst recht.
Ich weiß nicht, welche Geschichten Ihre Familien geprägt haben.
Aber wir können uns wohl nie ganz davon lösen.
Sie prägen uns, unser Leben, unsere Persönlichkeit.
Da ist eine Großmutter im Krieg tapfer geblieben und hat ihre Kinder auch ohne den gefallenen Mann großgezogen,
da widerstand ein Großvater mutig dem NS-Regime,
da hat eine Mutter einen Sohn vorgezogen und so den Neid der anderen geweckt,
da liebt eine Familie einen bestimmten Ort wie eine Hütte oder eine Landschaft,
da hat man uns als Kinder gezwungen, Spinat zu essen wegen des angeblichen Eisengehaltes und findet das Ergebnis dieser Bemühung dann in der ganzen Umgebung wieder.
All das gehört zu uns dazu, mit Guten wie im Bösen.
Wir wachsen mit diesen Geschichten auf.
Wir messen uns an ihnen, wir grenzen uns vielleicht auch ab.
Wir entwickeln unsere eigene Linie, aber lösen, ganz lösen wird sich kaum einer.
Die Geschichten halten sich.
Vielleicht nicht bis ins 1000e Glied, aber lange genug.

II. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
„...es tut mir leid“, schreibt eine jüdische Mutter, die Schriftstellerin Lena Gorelli, ihrem Sohn Mischa, „es tut mir leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.“
„Das Judentum ist eine geschlossene Veranstaltung“, fährt sie fort, „die niemals endet. Einmal drin immer drin. ... Du kannst nicht gehen, nicht fliehen, dem jüdischen Schicksal nicht entrinnen.“
Lass dich taufen, werde Atheist: „Ein Jude wirst du bleiben.
Für die Juden sowieso; vielleicht einer, der vom Weg abgekommen ist, aber trotzdem einer von uns.
Für die Antisemiten bleibst du übrigens auch immer einer.“
Und, nachdem sie ihm alle merkwürdigen Dinge aufzählt, die Juden tun wie z.B. Wunschzettel in eine Steinmauer stecken, koscher essen, ständig miteinander zu streiten oder zu schreien „Warum gerade ich? Warum muss ich zum auserwählten Volk gehören? Auserwählt sein?“, schließt sie mit den Worten:
Eines noch: Lieber kleiner Mischa.
Du bist ein Jude. Etwas Besseres hättest du nicht werden können.“

III. Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied.
Im Guten wie im Bösen.
Das hören wir in diesen Worten aus dem 5. Buch Mose.
Das Buch fasst die letzten Reden Moses an sein Volk zusammen.
Allerdings ist das kein O-Ton.
Zu der Zeit, als unser Predigttext verfasst wurde, im 6. Jh. vor Christus, ist von der zeitweilig ruhmreichen Geschichte des erwählten Volkes Israel nicht viel übrig geblieben.
Keiner hätte damals vorherzusagen gewagt, dass 2600 Jahre später immer noch Juden am Freitagabend beten würden:
„Du hast uns erwählt und uns von allen Völkern geheiligt und uns deinen heiligen Sabbat in Liebe und Gnade zum Erbe gegeben.“
Die Juden sitzen im Exil.
In Babylon.
Sie wurden nach der Zerschlagung des Staates Israel und Juda dorthin deportiert
Im Gepäck hatten sie die notwendigsten Dinge und ihre Geschichte.
Die Geschichte von der Erwählung.
Gott hat sie einst erwählt.
Nicht weil sie ruhmreich waren, philosophisch besonders begabt, religiös besonders versiert.
Das reibt ihnen der Schreiber deutlich unter die Nase:
„Wir waren und sind eines der kleinsten Völker, Weder Abraham, der Schafbesitzer mit dem Kinderwunsch, noch die Sklaven in Ägypten hatten sich besonders hervorgetan.
Die sind doch Generationen lang geprügelt und ausgebeutet worden.
Das sitzt fest.
Das wird nie vergessen werden.
An diese Geschichte der Sklaverei in Ägypten erinnern die Theologen im Exil.
Das Volk Israel fragt, wer sind wir eigentlich noch?
Ohne Jerusalem, ohne Tempel, ohne König?
Ihr seid ein Volk, eine Familie von Sklaven, erinnert man sie hier nüchtern,
ein winziges, unbedeutendes Volk.
Gott hat euch erwählt, aus keinem anderen Grund als aus Liebe, mit keinem anderen Ziel, als seine Barmherzigkeit sichtbar werden zu lassen in aller Welt.  
Das ist die Grundlage eurer Identität.
Nicht die Reichen und Erfolgreichen haben Gottes Herz gewonnen, sondern die Kleinen und Schwachen.
Vielleicht weil ein Volk der Sklaven und Verfolgten die Kraft der Peitschen kennt und sich bei Gewalt zurückhalten wird.
Sie wurden ausgebeutet und gequält und wissen Geboten zu schätzen, die dieses verbieten.
Sie werden solche Gebote weitertragen.
Unverfälscht.
Sie sind klein und unbedeutend und können sich nicht auf eigene Leistungen berufen, nur auf die bedingungslose Liebe Gottes.
Gott wählt das kleinste Volk.
Und er erscheint Mose nicht in der großen Eiche zu Mamre, sondern im Dornbusch, dem kleinsten und verachtetsten der Bäume dort.
Seine Gebote verkündet er nicht am Himalaya, was ein wirklich beeindruckendes setting gewesen wäre, sondern am Sinai, dem kleinsten der dortigen Berge.
Unser Gott nimmt immer den Weg von den Kleinen, Wenigen zu den Großen und Vielen.
Er beginnt beim Du, bei einem Volk, bei einem Menschen und hofft, dass wir daraus zum „Wir“ finden.
Das ist der Weg seiner Liebe.
Da geht er voran, den öffnet er.
In dieser Weise sollen die Juden zum Segen für die Völker werden, die Geschichte von Gottes Barmherzigkeit weiterschreiben zum Wohle aller.

Diese Familiengeschichte des jüdischen Volkes wirkt nach bis heute.
Seit 1000en von Jahren hat sie Menschen geprägt.
Sie macht sie unvergleichlich, manchmal auch merkwürdig für Außenstehende.
Aber sie wurden ausgewählt die Wahrheit zu lieben und zu leben.
Trotz ihrer jahrtausendelangen politischen Bedeutungslosigkeit haben sie es geschafft, die Gebote ins Bewusstsein der Welt zu bringen.
Nicht, dass sich die Welt immer daran halten würde.
Das tun im Übrigen auch die Juden nicht.
Aber sie haben die Gebote getreulich und wörtlich überliefert und ins Gedächtnis der Welt geschrieben.
Dass Rachemorde zu ächten sind,
dass Töten keine Konfliktlösung sein kann und es gilt die Spirale der Gewalt zu durchbrechen,
dass es einen Feiertag in der Woche gibt –
das sind alles Einsichten und Errungenschaften, die sich dank der Treue des jüdischen Volkes zu seinem Gott und zu seinen Geboten in der Welt,
auch in anderen Religionen herumgesprochen haben.

IV. Nun könnten wir beifällig nickend davor stehen bleiben und applaudieren.
Denn wir wissen ja bis in die jüngste Geschichte, dass schon etwas dazugehört, Jude zu sein und zu bleiben.
Doch ganz so leicht wird es uns nicht gemacht.
Denn wir gehören dazu.
Oder, um die Worte von Mischas Mutter abzuwandeln:
Es tut mir leid, dass ich Euch das nicht ersparen kann:
Ihr seid Christen.
Wir sind Christinnen und Christen.
Wir sind dabei, weil Gott um das Jahr 27 wieder einmal – in welchem liebevollen Überschwang auch immer – einen unscheinbaren Juden gerufen hat, jenen Jesus aus Nazareth.
Und so wie Gott damals Abraham versichert hat:
Du wirst ein Segen für die Welt sein,
so hat Gott durch Jesus auch uns gerufen: Ihr seid das Licht der Welt.
Jeder von euch.
Jede und jeder, der oder die sich rufen lässt.
Eigentlich tun wir nichts, um das zu verdienen.
Wir haben als Kirche politisch wenig zu sagen.
Einiges haben unsere Familienangehörigen in der Vergangenheit falsch verstanden und einen Eifer entwickelt, bei dem Gott sich nur die Augen zuhalten kann.
Auch unser Verhalten ist nicht immer ganz koscher. Wie die Juden sind auch wir Menschen.
Aber wir sind erwählt, dazugesteckt in den Ölbaum Israel, wie Paulus es ausdrückt.
Und damit hängen wir unwiderruflich in der ganzen Geschichte mit drin.
Einmal Jude, immer Jude.
Einmal getauft, immer getauft.
Nun kann man sich solche Reden anhören, und mit den Schultern zucken und sagen:
„Was geht mich meine Familie an, was geht mich meine Geschichte an?
Und getauft wurde ich ohnehin nur, weil Oma Else es so wollte.
Ich lebe anders, ich denke anders, ich will mit dem ganzen Verein nichts zu tun haben.
Weder mit dem jüdischen, noch mit dem christlichen.
Und mit den muslimischen, den noch weiter entfernten Verwandten, auch nicht.“
Kann man tun, tun auch viele.
Und so kommen wir mit der einfachen Behauptung „Geschichte wirkt nach bis ins 1000e Glied und wir hängen da drin, ob wir wollen oder nicht“ nicht unbedingt zum Ziel.
Jedenfalls nicht, wenn das etwas Positives für unser Leben austragen soll.

V. „Lieber kleiner Mischa“, sagt Lena Gorelli, „du bist ein Jude. Etwas Besseres hättest du nicht werden können.“
Liebe Gemeinde, ihr seid Christinnen und Christen, etwas Besseres hätte euch nie passieren können.
Warum nur?
Vielleicht, weil Gott uns hilft anders zu leben mit unseren Familiengeschichten, mit der Geschichte der Welt, mit unserer eigenen Geschichte, anders, als wir es gewöhnt sind.
Er ist mittendrin, ja, aber er hat einen anderen Umgang mit Geschichte als wir.
Unsere Liebe entzündet sich an dem, was sie sieht und erlebt.
Wir reagieren und orientieren uns an dem, was ist, und probieren Neues oder resignieren, je nachdem.
„Gottes Liebe“, sagt Martin Luther, „Gottes Liebe findet nicht vor, was für sie liebenswert ist, sondern sie erschafft es.“
Und das, füge ich hinzu, das nicht einmal in sieben Tagen am Beginn der Zeit, nicht einmal vor 5000 Jahren in Ägypten, sondern immer wieder, jeden Tag neu.
An jedem Tag bekommen wir Gottes Zuspruch zu hören:
Ihr seid erwählt. Du bist erwählt.
Von mir.
Mach was draus.
An jedem Tag öffnet uns Gott liebevoll die Tür unseres Lebens und fordert uns auf, unseren Weg mit freiem Herzen zu gehen.
Gottes Art mit der Geschichte, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu leben  ist Offenheit.
Und daher ist Erwählung nicht zu verwechseln mit Vorherbestimmung.
Nicht ein Mitgehangen, mitgefangen.
Erwählung als Ausdruck der Liebe ist ein schöpferischer Akt.
Gott wendet sich uns zu, jedem einzelnen und spricht ihn oder sie an.
„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, mein geliebtes Kind.
Erwählung ist etwas Aktives.
Gott redet uns an und wir hören, sehen und gestalten oder versuchen es zumindest.
Gott redet uns an. Du bist erlöst. Du bist getauft auf meinen Namen.
Und unsere Sache ist es zu antworten, im Bekenntnis unseres Glaubens, im Halten der Gebote, nüchtern gesagt.
Vertrauend, dass wir seine Erwählung wert sind und Barmherzigkeit, ein liebevolles, den anderen sehendes Miteinander das Konzept, das zu gestalten sich lohnt.

Erwählt zu werden ist eine der großen Sehnsüchte unserer Zeit.
Aus einer Fülle von Bewerbungen ausgewählt zu werden, Gewinner eines großen Preises zu sein, herausgehoben, besonders zu sein.
Das ist nicht unbedingt das Ziel Gottes, das er mit unserer Erwählung verbindet.
Gott beginnt wie gesagt immer mit den Kleinen, Unbedeutenden.
Er achtet strikt darauf, dass unsere Vorstellungen von Macht und Herrlichkeit und Ruhm nicht mit seiner Liebe vermischt werden.
Er kennt durchaus die schrecklichen Folgen unseres Handelns und verabscheut sie, weil er weiß wie schwer es uns fällt, aus der Kette der Gewalt auszubrechen.

VI. Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied.
Was unsere Väter und Mütter geglaubt und gelebt haben, das ist unsere Familiengeschichte, in der wir leben.
Auch heute.
Ihre Taten und Worte sind in der Welt, wirken nach und stecken an.
Im Guten wie im Bösen.
Menschliche Antworten sind nie unfehlbar.
Es kann sein, dass Menschen aus diesem Text nur einen Satz hören:
Gott vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen.
Und sich berufen fühlen, diesen Hass mit Gewalt zu beantworten.
Sie vergessen dabei, dass Gott ein eifernder Gott ist, weil Liebe nie ohne Eifer, ohne Anteilnahme ist und Gott Machtwillen und Blutdurst nie gutheißen wird.
Sie vergessen, dass die Überschrift über Gottes Anteilnahme und Eifer die Barmherzigkeit ist, an die Gott sich laut unserem Text geschworen hat zu halten.
Sie vergessen, dass Gott Barmherzigkeit als Überschrift über das Leben der Welt sehen will.
Sie vergessen, dass Gott Macht und Gewalt nicht bestätigt, sondern unterläuft, am deutlichsten mit dem Wort Jesu vom Hinhalten der anderen Wange und Gewalt nicht seine, sondern die Spur der Menschen sind, die so schwer zu tilgen ist.
Geschichte wirkt nach. Bis ins 1000e Glied. Und wirkt weiter.
Gottes Geschichte ist nie abgeschlossen.
Auch heute hören wir in jedem Moment immer wieder neu Gottes Rede an uns:
Du bist erlöst. Du bist getauft. Du kannst leben, als Licht der Welt.
Gottes Geschichte ist immer offen nach vorne.
Und daher ist unsere Zukunft offen. Immer.
Trotz allem Ballast,
trotz aller schrecklichen Verfehlungen und falscher Antworten,
trotz verwüsteter, ausgetrockneter Länder mit hungernden Menschen,
auch trotz unserer manchmal einengenden Familiengeschichten,
trotz allem öffnet uns Gott immer wieder Wege,
genauso schwer vorstellbar, wie der Weg aus der Sklaverei,
vielleicht genauso langatmig wie der Weg durch die Wüste,
vielleicht genauso schmerzhaft wie der Weg Jesu.
Aber weil Gott ruft,
weil Gott mitgeht wie seit Generationen schon,
weil Gott seiner Liebe und Barmherzigkeit alles zutraut und in uns das Licht der Liebe immer wieder entzündet,
deshalb können wir diese Wege gehen, in der Wahrheit leben, die Wahrheit suchen und niemals aufgeben.
Du bist getauft.
Etwas Besseres hätte dir nicht passieren können.
Mach das Beste daraus.
Heute.
Amen.




Sonntag, 2. April 2017

Abraham und Isaak Gen 22 Judika 2017


Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Es gibt Momente, da steht alles auf dem Spiel.
Die Luft hält den Atem an.
Momente, da steht mein Leben in Frage.
Ich muss mich entscheiden: Ich oder du? Wir oder ihr?
Mein Leben oder deines.
Mit dir untergehen oder alleine weitergehen.

Es gibt Momente, da steht alles auf dem Spiel.
Die Luft hält den Atem an,
und die Erde fragt sich, ob sie sich weiterdrehen kann oder sich schütteln sollte.

Einen dieser Momente erlebt Abraham laut Genesis, im 22. Kapitel.
Muten wir uns das zu und begleiten wir ihn.

Da versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm:
Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Vielleicht habe ich mich verhört, mag Abraham im ersten Moment gedacht haben.
Er kennt Gottes Stimme.
Er hat gelernt ihr zu vertrauen.
Geh aus deinem Land, hatte Gott ihn einst aufgefordert, geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Du wirst der Vater eines mächtigen Volkes sein.
Auch da mag er gedacht haben: Ich habe mich verhört.
Gott macht sich tatsächlich meinen und Saras Traum zu eigen: Ein eigenes Kind!
Und er weitet ihn noch!
Nicht nur ein Kind, sondern ein Volk!
Nicht nur Vater und Mutter werden, sondern ein Segen für die ganze Welt!

Und jetzt?
Nicht mehr „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde“, sondern „Gehe in das Land Morija“.
Nicht mehr: Du wirst Vater eines großen Volkes sein, sondern: Morde deinen einzigen Sohn.
Ein Moment, in dem alles erstarren müsste.
Was ist los mit Abraham?
Er ist doch sonst nicht auf den Mund gefallen, handelt mit Gott um die Menschen in Sodom und Gomorrha, aber nicht um seinen eigenen Sohn?
Nein.
Er sagt: Hier bin ich.
Er geht.
Die Bindung zu Gott ist stärker.
Immer hat ihn Gott bewahrt und Wege geöffnet.
Beinahe hatte er Sara auf der Reise an König Abimelech verloren, sie ihm als Schwester überlassen wollen, um sein eigenes Leben zu retten.
Aber Gott hat dem König die Augen geöffnet und Sara gerettet.
Als Abraham nach Jahren im fremden Land aufgeben wollte, da hat Gott ihm immer wieder mit Sternen und Sand und sogar mit einem persönlichen Besuch Hoffnung gemacht und Abrahams Vertrauen gestärkt.
Und dann wollten Abraham und Sara die Sache mit dem Kind mithilfe der Sklavin  Hagar selber in die Hand nehmen,
da sorgte Gott dafür, dass die Wege sich wieder trennten und der Weg wieder offen war,
für das Kind von Abraham und Sara.
Unglaublicher Aufwand.
Lange Reisen.
Intensive „Eins-zu-eins-Betreuung“ und jetzt:
Töte deinen einzigen Sohn, den du lieb hast.
Abraham zögert nicht.
Er geht.
Wie immer, wenn Gott klare Anweisungen gibt.
Undenkbar für ihn, ein Leben ohne die Bindung an Gott zu führen.

Die Bibel erzählt weiter:
Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.


Drei Tage Laufen.
Drei Tage das Wissen, das sind die letzten Stunden mit Isaak.
Drei Tage Gedanken, die sich immer fester verknoten zu einem unentwirrbaren Knäuel:
Wenn Isaak stirbt, ist es vorbei. Auch mit mir. Mit allem worauf mein Leben sich gründet.
Nie mehr Vater Abraham.
Wenn Isaak stirbt, ist es vorbei. Mit mir und meiner Bindung an Gott. 
Kein Kind mehr. Keine Hoffnung.
Kein Gott, auf den ich hören werde und hören kann.
Und wenn ich es nicht tue, ist es dasselbe. Auch dann verliere ich Gott.
Ein Dilemma ohne Ausweg.
Ich morde Isaak und vernichte damit auch die Geschichte Gottes mit den Menschen,
ich morde Isaak und töte damit auch Gott.
Kein Segen mehr, nur noch Fluch.
Gott für immer ausradiert aus meinem Leben, aus der Welt.
Will Gott das?
Kann er das wollen?
Oder wird Gott wie immer wenden, was im Unheil zu versinken droht?

Die Bibel erzählt nichts von diesen Gedanken.
Sie schweigt über diese drei Tage.
Sie mutet uns das Schweigen zu, die unerträgliche Spannung.
Sie zeigt uns einen kühlen, klaren Abraham.
Der geht einfach weiter und  weiter und tut, was Gott ihm sagt,
erinnert an einen Fanatiker, der nicht mehr erreichbar ist, durch nichts und niemanden.
Nicht einmal durch seine Knechte und den vertrauensvollen Sohn lässt er sich aus der Bahn werfen:

Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und die beiden gingen miteinander.
Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater!
Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn.
Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und die beiden gingen miteinander.
Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Schweigen, unheimliche Stille.
Eine Leere, die sich auftut wie ein Abgrund.
Kein Ast mehr zum Greifen, kein Halt.
Sturz ins Nichts.
Schweigen.
Auch kein Ton von Isaak, gebunden auf dem Altar.
Grauen und Stille und das Messer in der Hand seines Vaters.
Auf Gottes Geheiß.
„Messer“ - „Schlachten“ - „Sohn“ -  „Gott“ - ungeheuerliche Worte, die da zusammenkommen.
Ein Moment, in dem alles in der Schwebe ist.
Alles ist möglich, so oder so.
Dass Abraham tatsächlich so weit geht....
Dass Gott ihn so auf die Probe stellt....
Was will er damit erreichen?
Abraham zum Fanatiker erziehen? Zu Gefühlskälte? Zu blindem Gehorsam?
Wie schaut Isaak, an liebevolle Fürsorge gewöhnt, nun diesen Vater an, der das Messer über ihn hält?
Wie hält Gott das aus, diesen Moment?
Hat er geglaubt, dass Abraham tatsächlich so weit geht?
Wer stellt da eigentlich wen auf die Probe?
Gott Abraham oder Abraham Gott?

Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.
14 Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher sagt man noch heute: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt.

Plötzlich ist es vorbei.
Es wird wieder geredet.
Gott redet, redet durch seinen Engel, sagt seinen Namen:
Ich bin der ich bin.
Sagt: Ich bin  und bleibe da.
Abrahams Hand sinkt.
Der starre Blick hebt sich vom Scheiterhaufen.
Aufatmen.
Die Sicht wird frei für das weite Land.
Ich bin der ich bin und ich bin da.
Ich sehe und öffne auch deine Augen
Gott ist nicht mehr streng.
Gott sagt: Prüfung bestanden. Mit eins.
Die Bindung an mich hast du bewiesen.
Ich bin der ich bin und ich bin da.
Das weißt du nun. Und ich weiß, dass du es weißt.
Jetzt zeige, dass du leben kannst.

Abraham schaut um sich.
Sieht: Der Frühling ist da.
Der Wind bewegt die Gräser.
Sieht, da sind Wege, unendliche Möglichkeiten. Leben.
Weiß, er tat recht, auf diesen Gott zu vertrauen.
Weiß ein für allemal, dass Gott nie den Tod, sondern immer das Leben will.
Und er sieht einen Ziegenbock und weiß nun selber, was zu tun ist.
Gott muss ihm nichts mehr sagen. Nie wieder.
Abraham ist erwachsen, braucht diese enge Bindung nicht mehr.
Er lebt sie nun, wie selbstverständlich.
Abraham bindet Isaak los, opfert den Ziegenbock.
Ob er Gott diese Prüfung verzeiht, wird nicht gesagt.
In Zukunft, so erzählt jedenfalls die Bibel,
wird Abraham Gottes Stimme nie wieder hören und nicht zu hören brauchen.
Er regelt das Leben alleine,
regelt die Heiratsfrage für Isaak, sucht sich nach dem Tod Saras noch eine Frau.
Er lebt sein Leben, selbstbewusst als Stammvater und Gründer des Volkes und  gibt seinen Glauben an Gott weiter.
An die nächste Generation.

Was für eine Geschichte!
Was für ein Drama!
Es gibt Erleichterung, es gibt eine Lösung, der Mord wird verhindert.
Aber wirklich erträglich wird diese Geschichte dadurch nicht.
Wie haben Sie das erlebt,
Vater Abraham?
Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch gemordet hätte, wenn Gott seine Stimme nicht erhoben hätte.
Oder Isaak das Kind, das auf einen Holzstoß gebunden wurde, starr vor Entsetzen und Todesangst?
Ist so etwas zu ertragen?
Oder Gott selbst in dieser Geschichte?
Es bleibt ein Gott, der harte Forderungen stellt, schweigend der Entwicklung ihren Lauf lässt und auch hier erst zuletzt Einhalt gebietet.

Ich will diese Geschichte nicht beschönigen und nicht zurechtstutzen.
Sie ist keine freundliche Geschichte und auch keine alte Sage, die von der Abschaffung des Menschenopfers redet.
Diese Geschichte erzählt von der Kälte dieser Welt.
Und von unserer Einsamkeit in ihr.
Von Gott, der uns fordert, Gutes zu tun und nach seinem Gebot zu leben.
.
Und diese Geschichte erzählt vom Schweigen und der Ferne Gottes,
der so vielen Menschen den Untergang zumutet, fern scheint denen,
die wie Isaak gebunden auf dem Holzstoß liegen,
gefesselt an ihr Schicksal und kein Entrinnen.
In Isaak haben sich später die jüdischen Gläubigen so oft wiedergefunden, wiederfinden müssen, verfolgt, gequält, ausgeliefert.
Und kein Gott, der sie davor bewahrt hat.
Sie erzählt von Momenten des Grauens, wenn keiner die Mörder aufhält,
und Bomben gezündet werden.
Sie erzählt von der Brutalität und Kälte, mit der Menschen ihren Reichtum genießen, während Millionen andere dem Hungertod ins Auge sehen, wie zur Zeit im Sudan.
Momente, in denen die Luft den Atem anhält und die Erde sich fragt, ob sie sich weiterdrehen kann und darf.
Und immer wieder, in der entsetzlichen Stille des Mordens und Sterbens, stirbt auch Gott.
Immer wieder.
Und mit ihm die Hoffnung.
Und mit ihm wieder etwas von der Zukunft unserer Welt.

Diese Geschichte beschönigt nichts.
Aber gleichzeitig lädt sie auch ein, zum Schritt in die Freiheit, den Abraham getan hat.
Denn hier, mit Abraham beginnt die Geschichte Gottes mit seinem Volk,
die Geschichte der Menschen mit ihm.
Hier setzt Gott ganz auf die Selbständigkeit seiner Ebenbilder.
Er vertraut ihnen die Erde und das Leben an.
Abrahams Leben zeigt:
Gott geht mit.
Er ist ein Gott der sieht.
Er nimmt die Geschichte der Menschen persönlich. Jede.
Die Geschichte Hagars, Saras, Abrahams und derer, die ihnen nachfolgten.
Er ist ein Gott, der sieht und da ist.
Er sagt seinem Volk durch Mose: Ich sehe das Elend.
Ich bin der ich bin. Ich bleibe da. Ich bleibe bei dir.
Und ich bin ein Gott, der „Halt!“ ruft.

Gott sieht und Gott schreit.
Heute. Immer wieder. Schreit uns an.
Ruft unseren Namen, wenn wir in die Irre gehen.
Wenn wir handeln sollen.
Wenn wir nur unseres sehen, unsere Kinder und die der anderen übersehen.
Und die übersehen, die auf den Scheiterhaufen dieser Welt landen.
Von niemandem gesehen.
Von niemandem gehört.

Die Geschichte von der Bindung Isaaks ist eine Geschichte, die nicht lügt.
Sie zeigt alles: Wozu Menschen fähig sind, im Schrecklichen, aber auch im Guten.
Sie zeigt Gottes Willen, aber auch das Verborgene, das Schweigen, das Grauen, wenn alles stumm bleibt.
Sie zeigt den Frühling und das Aufatmen und was alles geht, wenn Menschen die Augen heben und der Kraft trauen, die Leben schafft.
Und sie zeigt, dass sie sich gegenseitig auch kalt lächelnd sterben lassen können.
Es ist und bleibt eine schreckliche Geschichte, die uns die Welt und uns darin unbarmherzig vor Augen führt.
Ein Hoch auf die Bibel, dass sie das aushält und den Schrecken in Worte fasst.
Ein Hoch auf Gott, der uns keine Chance gibt, dem auszuweichen und genau darin an unserer Seite bleibt.

Amen.