Sonntag, 7. Oktober 2012

Das höchst Gebot Markus 12, 28 - 34. 18. Sonntag n. Trinitatis


Ein kurzes Gespräch haben wir in der Evangeliumslesung gehört.
So kurz wie dieses Gespräch ist, so lang waren die Auseinandersetzungen der Schriftgelehrten mit Jesus, die ihm vorausgehen.
Wie ist das mit der Steuer und dem Kaiser, wie ist das mit dem Tod und dem Leben danach?
Interessant, wie sehr schon damals das Geld zu den wesentlichen Fragen des Lebens gehört hat.
Ein Schriftgelehrter hat dem Streit zugehört und sich nicht eingemischt. Ihm gehen seine Kollegen auf die Nerven.
Sie wollen Jesus nur in die Ecke drängen und dünken sich dem obskuren Wanderrabbi überlegen.
Dieser Schriftgelehrte ist beeindruckt davon, wie Jesus reagiert.
Er hat den Eindruck, dass er und Jesus auf einer Wellenlänge liegen. 
Und das will er zeigen.
Er will
den anderen durch seine Frage zeigen, dass Jesus weiß, worauf es ankommt.
Und er will Jesus zeigen, dass er ihm zustimmt und so fragt er:

Welches ist das höchste Gebot von allen?
Eigentlich eine schwierige Frage, wenn man bedenkt,
dass die Schriftgelehrten 613 Anweisungen in der Thora, den 5 Büchern Mose entdeckt haben, 248 Gebote und 365 Verbote.
Zehn davon haben wir vorhin in der Lesung gehört.
Welches aber ist nun das allerwichtigste Gebot?
Darf man überhaupt so fragen und ist es nicht vermessen, dass Menschen entscheiden, welche der göttlichen Gebote ernster zu nehmen sind als andere? Darüber
hat man unter den jüdischen Gelehrten sehr gestritten.
Hat man, aber nicht diese beiden.
Jesus nennt ohne zu Zögern die Liebe als höchstes Gebot und rezitiert das berühmte Schema Israel, in jedem Gottesdienst in der Synagoge gebetet, von den Juden morgens und abends gebetet und auch in der Sterbestunde, bis zum heutigen Tag.
Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein. Und du
sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer
Seele, und mit all deiner Kraft.
Das andere Liebesgebot entnimmt Jesus aus dem dritten Buch Mose Kap. 19, 18.
Das andere, sagt er, ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Der Schriftgelehrte ist ganz auf Jesu Seite.
Du hast recht geredet , sagt er voll Wärme.
Die Liebe ist das höchste Gebot.
Gott ist nur einer und kein anderer außer ihm.
Und ihn sollen wir lieben von ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all unserer Kraft.
Und er setzt noch eins drauf und erinnert an den Propheten Hosea:
Gott so zu lieben und den Nächsten ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 
Vielleicht schauen sich die beiden auf dem Tempelplatz um, auf dem sie stehen.
Jesus hat hier schon manch gereizte oder sogar gefährliche Debatte geführt.
Seine Gesprächspartner waren bisher eher drauf aus, das Trennende bei Jesus zu entdecken als Gemeinsamkeiten.
Jetzt aber halten sie den Mund und wagen nicht, sich in diese inbrünstige Schwärmerei einzumischen.
Es gibt jetzt nur die beiden, die sich an der Liebe und ihrem gegenseitigen Verständnis begeistern.
Jesus freut sich.
Endlich mal einer, mit dem man vernünftig reden kann, auf Augenhöhe.
Es geht ihm wie dem andern nicht in erster Linie um den Erhalt der religiösen Praktiken, wie sie im Tempel praktiziert werden.
Auch wenn Jesus die nicht abschaffen will, wie er an anderer Stelle sagt.
Auch die unterschiedliche Stellung der beiden spielt keine Rolle.
Sie treffen sich auf Augenhöhe, weil sie beide erkannt haben,
warum es überhaupt die Gebote gibt,
nämlich um das rechte Verhältnis zwischen Gott und den Menschen leben zu können,
und dann auch der Menschen miteinander.
Es geht um das, was sie verbindet, die Liebe.
Und Jesus antwortet lächelnd: 
Ja, wie recht du hast. Wie verständig du bist.
Du bist nicht fern vom Reich Gottes, nicht fern von der gelebten Liebe.
Soweit das Gespräch.
Ein kurzes Gespräch, wie ich zu Anfang sagte.
Es geht um das Wesentliche, um die Liebe.
Zwei erwachsene Männer schwärmen von der Liebe.
Ist ihnen das nicht peinlich?
Anscheinend nicht.
Die Liebe, von der hier die Rede ist, ist auch ein wenig anders als die,
die uns in Filmen und Geschichten bezaubert
oder schlaflose Nächte bereiten kann.
Es ist nicht die romantische Liebe, nicht die erfüllte Liebe zwischen Menschen, jedenfalls nicht in erster Linie.
Am Anfang des Schema steht ein kategorischer Satz, der nüchtern macht:
Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein.
Ein Gott und kein anderer neben ihm und alles, was Herz und Kraft und Seele an Gefühlen, an Hingabe zu bieten haben, das hat ihm zu gelten.
Ihm allein.
Denn er ist der Grund meines Lebens,
der einzige Grund, warum es mich gibt,
der Grund meiner Hoffnung, dass ich niemals verloren gehe.
Bevor also vom Nächsten oder von mir selbst die Rede ist, geht es um eine nüchterne Prüfung meines Lebens.
Ich soll alles wegschieben, was sich zwischen Gott und mich stellen könnte.
Alles?
Alles.
Wir sollen alles prüfen,
unsere Gewohnheiten, das was wir tun Tag für Tag,
aber auch alle Idole,
alles, worauf wir sonst noch unsere Kraft und Liebe richten,
sei es ein Fußball- oder Musikstar,
seien es auch die Beziehungen, in denen wir leben.
Selbst Vorbilder wie etwa Mahatma Ghandi oder Märtyrer wie Dietrich Bonhoeffer fallen darunter.
Ich soll prüfen, ob mich etwas oder jemand von der Liebe zu Gott abhält,
ob mich etwas oder jemand daran hindert,
auf meine persönliche Art Gott zu begegnen,
seine Stimme in meinem Leben zu hören.
Ich soll mich von nichts und niemandem abhängig machen, als von Gott allein.
Ein steiler Anspruch.  
Aber so ist es, wenn man der Logik der Sätze folgt.
Wenn ich die Sätze des Schema ernstnehme,
darf ich niemanden dieser Menschen anbeten und damit über mich stellen, denn dann ständen sie schon zwischen mir und Gott.
Und ich darf meine Tage nicht mit Dingen füllen,
die das Wissen um die Gegenwart Gottes verdrängen,
die mich vergessen lassen,
dass ich aus seiner Liebe lebe
und das  die wesentliche und einzige Sicherheit in meinem Leben ist.

Gut, das alles hört sich jetzt sehr fromm an und ist es sicherlich auch.
Und ich will keinem hier den Spaß z.B. an Robbie Williams oder Mozart verderben.
Und dass man sich an Menschen wie Mahatma Ghandi ruhig ein Beispiel nehmen kann
und eine Doppelkopfrunde sehr entspannend sein kann, dagegen ist auch nichts zu sagen
und noch weniger dagegen, sich in einen Mann oder eine Frau zu verlieben.

Aber und jetzt wird der zweite Satz, den Jesus nennt noch einmal sehr wichtig:
Du sollst deinen Nächsten oder deine Nächste so lieben wie dich selbst.
Dieser Satz ist eigentlich kein neuer Satz über die Liebe, er führt den ersten nur aus.
Ich soll den Nächsten nicht höher stellen als mich selbst, denn dann steht er zwischen mir und Gott.
Wir sind daran gewöhnt, diesen Satz als Apell zum Mitgefühl zu hören. Sorge dich um den anderen wie du dich um dich selbst sorgst.
Die goldene Regel: So wie du willst, das dir die Leute tun, so tue ihnen auch. Und das steckt da sicherlich auch mit drin.
Aber um dem anderen helfen zu können, müssen wir ihm auf Augenhöhe begegnen, ihn nicht höher stellen als uns und auch nicht tiefer.
Das ist das ganze Geheimnis.
Wir sind es dem Nächsten schuldig,
dass wir ihn wie uns selbst auf dem Boden halten,
auf dem gemeinsamen Boden, von dem her wir alle kommen. 
Einer oder eine kann Präsident der USA sein oder Bürgermeister von Berlin,
einer kann schöne Lieder machen und oder genial komponieren,
einer kann einen Ball gekonnt ins Tor bringen.
Einer kann seine Stimme erheben und eindrucksvoll gegen das Unrecht aufstehen.
All das zeigt, was Menschen tun können, zeigt ihre Fähigkeiten und Begabungen, die ihnen von Gott geschenkt wurden.
Aber mehr darf es nicht sein.
Mehr dürfen auch meine eigenen Begabungen nicht sein.
Nicht, was ich oder andere tun, erlaubt es uns, uns über den anderen zu stellen.
Sie sind wie ich, ich bin wie sie. Wir sind in gewisser Weise verschieden, aber wünschen doch alle die grundlegenden Dinge: Ein Zuhause, Menschen, die zu uns gehören, Nahrung, einen Sinn im Leben, Gesundheit usw.
Ich tue ihnen unrecht, wenn ich sie auf einen Sockel stelle und ihre Menschlichkeit und Fehlbarkeit verurteile, wenn sie Fehler mache.
Genauso bin und bleibe ich fehlbar.

Das kann sehr provokant sein.
Jesus ist Menschen immer auf Augenhöhe begegnet, seien es Zöllner, Prostituierte oder Schriftgelehrte, ein Bauer oder Pilatus, Kinder oder Erwachsene, Männer oder Frauen.
Deshalb konnte er ihnen auch helfen, konnte sie verstehen, konnte sie begeistern und häufig auch zur Umkehr bewegen.
Darin begegnet er dem verständigen Gelehrten.
Beide begegnen sie Menschen
mit Achtung, aber nicht mit mehr Achtung, als sie sich selber entgegenbringen.
Das provoziert die, die sich höher stellen, die an ihrem Thron hängen.
Aber Jesus und der andere bewegen sich in dem Raum der Freiheit, die diese Gebote schaffen,
dem freien Raum zum Leben,
in dem man sich ungehindert der Liebe und Wertschätzung versichern kann, die Gott jedem einzelnen Menschen entgegenbringt-
Wer sich das klarmacht, immer wieder,
der sieht, was der andere wirklich braucht und lässt sich nicht von seinem äußeren Stand davon ablenken.
Ein fröhliches Selbstbewusstsein ist das,
was Jesus und den Schriftgelehrten verbindet,
fröhlich, weil sie sich aufgehoben wissen in der Liebe Gottes und nichts weiter brauchen und daher alles andere in ihrem Leben mit dankbarem und klarem Blick betrachten können und so auch anderen begegnen.

Wie kann man so leben?
Der Film, den hoffentlich viele hier schon gesehen oder zumindest davon gehört haben, Ziemlich beste Freunde, nach einer wahren Begebenheit, zeigt das.  
Er kommt als Komödie daher, ist aber einer der rührensten Liebesfilme, die  ich kenne. Er zeigt vor allem die Liebesfähigkeit eines Menschen mit Namen Idrice, dem keiner das so zutrauen würde.
Der reiche  Querschnittgelähmte Philippe stellt den Sozialhilfeempfänger mit Migrantenhintergrund, wie wir heute sagen, den Afrikaner Idrice aus den Vorstädten von Paris ein.
Idrice ist dazu da, Philippe bei allem zu helfen.
Von Anfang an prägt es die Beziehung der beiden,
dass sich Idrice weder von der feudalen Umgebung,
noch von dem Zustand Philippes,
der außer dem Kopf nichts bewegen kann,
sonderlich beeindrucken lässt.
Unkompliziert, respekt- aber nicht achtungslos und humorvoll geht Idrice mit Philippe um.
Und er sieht, was andere kaum wahrnehmen,
dass Philippes Leiden weniger der Rollstuhl als vielmehr der Verlust seiner Frau, die Sehnsucht nach Liebe  ist.
Idrice sieht Philippe als liebeskranken Menschen an und danach handelt er.
Die anderen, die Philippe vor allem als bedauernswerten Querschnittsgelähmten sehen,
erfüllen ihm jeden Wunsch, schreiben auch Briefe für ihn an eine Frau, widersprechen nicht,
wenn er davon spricht nur geistigen Kontakt mit ihr haben zu wollen
und lassen ihn in seiner Depression.
Idrice dagegen schnappt sich den Brief der Frau,
entdeckt, dass sie ihre Telefonnummer darauf geschrieben hat
und ruft einfach an. 
Trotz des lauten Protestes von Philippe.
Idrice weiß, dass Philippe nur wegen seiner Behinderung protestiert.
Er glaubt fest daran, dass das nicht den ganzen Menschen Philippe ausmacht.
Nach einigem Hin und her bringt er dann tatsächlich die beiden zusammen. Und er macht Philippe damit zu einem glücklichen Menschen.
Idrice konnte Philippe helfen, weil er ihm auf Augenhöhe begegnete.
Er achtete seine Bedürfnisse nicht mehr als seine eigenen,
schmeichelte ihm nie, hielt mit seiner Meinung nie hinterm Berg,
sei dass er hinter den roten Klecksen auf einem modernen Bild Nasenbluten vermutete, 
sei es dass er sich anfangs weigerte ihm beim Klogang zu helfen.
Aber er konnte ihn erkennen.
Und konnte Philippe als Menschen sehen und achten wie er sich selber klar wahrnahm und achtete.
Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.
Gott schaut uns an, auf Augenhöhe.
Das ist ein großes Geschenk, das wir nicht geringschätzen sollten.
Denn es öffnet uns die Welt und öffnet uns füreinander,
 schenkt uns die Freiheit der Liebe zu folgen, uns helfen zu lassen und anderen zu helfen.
Dass wir uns immer wieder die Zeit und den Raum nehmen, um uns und unser Leben mit Abstand zu betrachten,
damit Gott uns auf Augenhöhe begegnen kann,
wünsche ich uns und dass wir einander Menschen bleiben oder werden,
die sich liebevoll und voller Achtung begegnen.
Amen.





Samstag, 6. Oktober 2012

Petrus und das Essen

Erste Andacht auf der Konferreise zum Abendmahl. Am ersten Tag geht es um eigene Essgewohnheiten und Lebensgenuss.


                               Petrus, du wirst fett.

Jesus:                  (betrachtet Petrus nachdenklich) Petrus?
Petrus:                Was ist denn, Jesus?
Jesus:                  Täusche ich mich oder wirst du allmählich fett?
Petrus:                Fett? Ich? Ich glaube, ich habe mich verhört?
Jesus:                  Nein, hast du nicht. Was regst du dich so auf?
Petrus:                Wieso soll ich mich darüber nicht aufregen? Sagt man so etwas zu jemandem?
Jesus:                  Na, in unserer Zeit und unserer Gegend, wo die Menschen doch häufig hungern und sich nur die Reichen ein wenig Fettleibigkeit leisten können, da ist das doch ein Kompliment! 
Petrus:                Das klang aber nicht wie ein Kompliment.  Noch dazu, weil ich weiß, wie du über die Reichen denkst.
Jesus:                  Hm. Du hast Recht. Es war kein Kompliment. Obwohl dir ein bisschen Fülle gar nicht schlecht steht, ganz ehrlich!
Petrus:                (drohend) Jesus!
Jesus:                  Nein, im Ernst, du kriegst so einen würdigen Ansatz...
Petrus:                (gefährlich) Ja?
Jesus:                  Im Gesicht.
Petrus:                Du meinst, ich kriege ein Doppelkinn?
Jesus:                  Nein, mein Bester. Dazu reicht es nicht. Übrigens, eine Frage.
Wie kommt es eigentlich, dass wir anderen alle unsere Figur behalten und du ansetzt?
Als Einziger?
Immerhin wandern wir doch Meilen um Meilen, von einem Dorf in das nächste.
Jeden Tag oder mindestens jeden zweiten.
Und alle halten sich an die Anweisung, dass wir nichts mitnehmen, sondern Gott vertrauen.
Kein lunchpaket, kein Obst, nichts.
Petrus:                Hab ich mich auch immer dran gehalten. Obwohl du wirklich eine Menge von uns verlangst.
Jesus:                  Peanuts, Petrus, Peanuts. Also, raus mit der Sprache!
Petrus:                Ich weiß nicht, wovon du redest.
Jesus:                  Ich eröffnete das Gespräch, glaube ich, mit der Feststellung, dass du allmählich fett wirst, du erinnerst dich.
Petrus:                Und ich habe, glaube ich, deutlich zu erkennen gegeben, dass ich Bemerkungen dieser Art gar nicht schätze.
Jesus:                  Komm schon! Petrus!
Petrus:                (senkt den Kopf, legt das Gesicht in die Hände)  Ach, Jesus.
Jesus                   Na, ahnte ich es doch. Raus mit der Sprache.
Petrus:                Ich kriege einfach die Erinnerung an das Essen bei mir zu Hause nicht aus dem Kopf. Meine Schwiegermutter, ich sag dir, wenn die Lamm mit Gemüse kocht, ein Traum! Und ihr Brot, locker und weich und ihre Cremespeisen. Ein Gedicht.
Jesus:                  Nimmt sie dazu Ziegensahne?
Petrus:                Ja und die Schale von Zitronen und reichlich Honig.
Jesus:                  Köstlich. Hat meine Mutter auch manchmal gemacht.
Aber meines Wissens wird man von der Erinnerung an kalorienreiche Nahrung nicht fett.
Petrus:                Kannst du nicht mal dieses Wort weglassen?
Jesus:                  Verzeihung. Beleibt.  Also, raus mit der Sprache.
Petrus:                Ach, Jesus.
Jesus:                  Na, nun mach schon. Du kannst mir doch alles sagen.
Petrus:                Und du bist bestimmt nicht sauer?
Jesus:                  Nein, nein. Du kennst mich doch, ich verzeihe alles.
Petrus:                Also gut. Wenn wir aus einem Dorf weggehen, ...
Jesus:                  Ja?
Petrus:                Also, dann, dann komme ich ja manchmal nach.
Jesus:                  Ja, ist mir auch schon aufgefallen. Ich dachte, es hängt mit deiner trägen Darmtätigkeit zusammen.
Petrus:                Nicht direkt.
Jesus:                  Sondern?
Petrus:                Na, ich bin ja nun allmählich auch schon ein bisschen berühmt.
Jesus:                  So?
Petrus:                Ja, als dein erster und wichtigster Jünger.
Jesus:                  Ist das so?
Petrus:                Ja, verdammt. Oder willst du das Gegenteil behaupten?
Jesus:                  Nein, nein.
Petrus:                Und da bittet mich doch der eine oder die andere ins Haus, weil sie noch eine wichtige Frage auf dem Herzen haben.
Jesus:                  Nichts gegen zu sagen. Manche brauchen die Intimität der häuslichen Umgebung um sich zu öffnen. Und?
Petrus:                Ja, und dann...
Jesus:                  Mit schwant etwas...
Petrus:                Na, dann deute ich an, dass ein langer Weg vor uns liegt.
Jesus:                  Du deutest an, so, so.
Petrus:                Und dass du uns verboten hast, etwas mitzunehmen.
Jesus                   Ich glaub’s ja nicht. Lass mich raten: Und schon tun sich alle Töpfe auf und der arme Jünger schlingt das Mahl der Familie herunter und eilt uns nach.
Petrus:                Nicht das ganze Mahl.
Jesus:                  Na, da bin ich aber froh!
Petrus! Wie konntest du dich so vergessen?
Petrus:                (kläglich) Ich weiß.
Jesus:                  Du hast deine Position schamlos ausgenutzt.
Petrus:                Du hast gesagt, du schimpfst nicht.
Jesus:                  Ich habe gesagt, ich verzeihe alles, aber vorher sage ich dir noch, wo es lang geht.
Petrus:                Das weiß ich schon.
Jesus:                  Anscheinend nicht.
Petrus, ich bin sehr enttäuscht! 
Spürst du denn nicht die sorgende Hand Gottes überall, wo du gehst und stehst?!
Die Lilien auf dem Feld, die Vögel im Himmel, Gott ernährt sie alle!! Warum nicht auch dich? Kannst du darauf nicht vertrauen?
Petrus:                Naja. Ich...
Jesus:                  (lässt ihn nicht zu Wort kommen)  Wirst du nicht von der Flamme der Liebe Gottes tief in deinem Herzen genährt? Brauchst du zur Befriedung deines Lebens tatsächlich Fettes und Süßes? Muss du schlemmen, um zufrieden zu sein?
Petrus:                Jetzt reicht’s mir aber. Wer hat denn in Kana Wasser zu Wein verwandelt und dann selber ordentlich zugelangt? Hm? Wer lässt sich in die Häuser von Zöllnern und Dirnen und was weiß ich, einladen und schlemmt mit ihnen, weil er denkt, dass bei einem Festmahl die Seele ins Schwingen kommt und das Leben ein Fest sei, bei dem man nichts auslassen darf?
Jesus:                  Aber...
Petrus:                Weißt du, wie sie dich nennen?
Jesus:                  Den Retter, den weisen Rabbi, den Heiler?
Petrus:                Fresser und Weinsäufer. Und ich habe gesehen, dass Matthäus sich schon den Spruch aufgeschrieben hat und ich wette, er erscheint auch in dem Bericht über dich.
Jesus:                  Also gut. Beruhige dich.  Ich habe nichts gegen das Essen und gegen den Wein, es sei denn Minderjährige vergreifen sich an ihm.
Und ich habe nichts mit diesen jämmerlichen Asketen im Sinn, die sich ihr Leben lang in der Wüste vergraben und meinen Gott zu dienen. 40 Tage sind wirklich mehr als genug.
Essen ist schön. Essen ist wichtig.
Aber alles mit Maßen.
Schau dich doch an.
Du nützt deine Position aus, um an Essen  heranzukommen, um deine Gier zu stillen.
Das darf nicht sein.
Genieße ganz bewusst das Schöne, das dir begegnet, aber mache dich nicht davon abhängig.
Gott hat uns seine Schöpfung geschenkt, dass wir uns an ihr erfreuen, aber nicht, dass wir sie aussaugen, uns bereichern, das Beste für uns beiseite schaffen.
Petrus:                Nun mach aber mal einen Punkt. So schlimm bin ich nicht. Ich gebe zu, das war ein kleiner Fehltritt, den ich bereue.
Jesus:                  Klein?
Petrus:                Also gut. Es tut mir leid und du hast Recht. Und eigentlich kann ich das Essen auch gar nicht mehr genießen vor lauter schlechtem Gewissen. Bitte verzeih mir.
Jesus:                  Na gut.  Und merke dir: Feste muss man feiern wie sie fallen.
Petrus:                Feste muss man feiern wie sie fallen? Glaube nicht, dass Matthäus diesen Spruch in seinen Bericht aufnehmen wird.
Jesus:                  Was wirklich schade ist, denn er ist wahr. Feste behalten dann ihren Glanz, wenn man sie nicht herbeizwingt und nicht zur Gewohnheit werden lässt. Apropos Feste.
Petrus:                Ja?
Jesus:                  Ich habe uns eingeladen.
Petrus:                Bei wem
Jesus:                  Bei Zachäus, dem Oberzöllner hier. 
Petrus:                Au fein. Der hat sicher so ein schlechtes Gewissen, der alte Ausbeuter, dass er ordentlich was auffahren lässt.
Jesus:                  Ich wusste, dass du dich freuen würdest. Na, dann komm.

Die Jünger bei Da Vincis Abendmahl

Andacht auf der Konferreise. Das Bild von da Vinci wird per beamer an die Wand geworfen. Davor sitzen die Teamer in derselben Haltung wie die Jünger. (Idee aus Wilmersdorf). Dann wird der Text (Mk 14, 18) gelesen. Kurze Pause. Dann geht das Bild aus und die Teamer spielen die Szene weiter:


Dss Abendmahl
Sitzordnung von da Vincis Bild: 


Bartolomäus,                        Judas                                       Thomas                        Matthäus
Jakobus der Jüngere           Petrus           Jesus                Jakobus der Ältere       Thaddäus
Andreas                                 Johannes,                               Philippus                      Simon
                                               der Lieblingsjünger           




Lesung Mk 14, 18:         Und am Abend kam er mit den Zwölfen.
18Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.
                           
Jakobus Jüng..:   Nein, nein.
Bartimäus:          Jesus, wer könnte eine solche Gemeinheit begehen?
Andreas:             Reg dich ab, Bartimäus, Jesus will uns provozieren. 
Jakobus:              (weinerlich) Nein, es ist ihm ernst, es ist ihm bitter ernst, es ist ihm wirklich bitter ernst. Er meint doch nicht etwa mich? Er kann doch nicht mich meinen?
Andreas:             Halt die Klappe, Jakobus, erinnert euch, wie oft er schon von seinem Tod gesprochen hat. Und? Ist er gestorben? Wurde er verhaftet? Nein. Na, also. Jesus hat  eine dramatische Ader.
Bartimäus:          Andreas, also, ich weiß nicht. „Einer von uns“, hat er gesagt. Das hörte sich ziemlich klar an. Ich weiß allerdings  nicht, wem ich eine solche Gemeinheit zutrauen würde. Jesus, du meinst doch nicht etwa wirklich einen von uns?
Jesus:                  Doch, wahrlich, ich sage euch, einer von euch Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.    
Matthäus:           Kann das sein? Ich kenne mich ja als ehemaliger Zöllner durchaus in Gemeinheiten aus. Aber so etwas?
Thaddäus:          Ich glaube es einfach nicht. Simon, was kann es damit auf sich haben? Wie kann das sein? Warum prophezeit er so etwas? Wie könnte ihn denn jemand verraten?
Simon:                 Ich tappe auch im Dunkeln. Mich kann er doch nicht meinen. Vermutlich kriegt da einer kalte Füße. Die Situation ist ja auch recht bedrohlich. Da will sich einer abseilen. Da hat jemand die Hosen voll.
Thaddäus:          Also ich nicht. Ich halte zu ihm und wenn die Welt unterginge.
Matthäus:           Ich auch, denke ich.
Simon:                 (drohend) Matthäus, du alter Schieber?!
Matthäus:           Reg dich ab, Simon. Ich würde ihn nie verraten. Ganz sicher nicht. Mir sind die Römer mittlerweile verhasst.
Thaddäus:          Wer’s glaubt.
Petrus:                Jesus. Als dein wichtigster Jünger verlange ich sofort eine umfassende Aufklärung. Hast du etwa vor, das für dich zu behalten? Willst du, dass wir uns hier gegenseitig verdächtigen?
Jesus:                  Ich sag’s wie es ist.  Dies ist unser letzter Abend. Wir werden nie wieder zusammen wandern. Man wird mich töten.
Jakobus
der Ältere           (breitet die Arme schützend vor Jesus aus) Niemals, mein Meister, ich werde es nicht zulassen.
Jesus:                  Wer weiß, Jakobus.
Thomas:              (hebt die Arme) Fluch dem Verräter. Er soll in der Hölle verrotten. Seine Gebeine sollen von Würmer zernagt, seine Gedärme von Maden zerfressen werden.
Johannes:           Halt ein, Thomas, lass nicht den Geist des Zornes Überhand gewinnen über dich. Jesus lehrte uns die Liebe und das Vergeben,
Thomas:              Du bist ja völlig verweichlicht.
Johannes:           Die Liebe zu Jesus hat mich weich gemacht,  ich schmelze dahin bei seinem Anblick. Ach, ohne ihn zu leben, das wird eine Nacht ohne Morgen, eine Wüste ohne Oase, ein...
Phillipus:            Das hält ja keiner aus, Johannes. Wir wissen alle, du bist  der Lieblingsjünger von Jesus. Das ist aber kein Grund, in so ein Gewimmer auszubrechen.
Petrus:                (steht auf, schlägt mit den Händen auf den Tisch) Ich verlange Aufklärung, sofortige Aufklärung.
Jesus:                  Du sei ganz ruhig. Noch ehe der Hahn kräht, wirst du dreimal behaupten, dass du mich nicht kennst.        
Petrus:                (sinkt geschlagen zurück) Das... das... das meinst du doch nicht im Ernst?
Jesus:                  Hört sich das etwa nicht so an?
Thomas:              Jesus, bei aller Liebe, aber du wirst doch von uns nicht verlangen, dass wir einen Verräter mit Samthandschuhen anfassen.
Jesus:                  Da macht euch mal keine Sorgen. Wahrlich, ich sage euch, der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; Weh aber dem Menschen, durch  den der Menschensohn verraten wird. Es wäre besser, er wäre nie geboren worden. Und nun lasst uns essen.
Alle:                     Essen?!
Jesus:                  Essen. Wir haben eine lange Nacht vor uns und ich brauche sowohl meine Kräfte als auch eine Gelegenheit, euch etwas Wichtiges mit auf den Weg zu geben.
Alle:                     (essen zögernd)
Jesus:                  (erhebt sich)  Liebe Freunde, bald werde ich nicht mehr unter euch sein.
Petrus:                Halt ein, Jesus, halt ein.
Johannes:           Liebster Meister, ich kann es nicht ertragen.
Jesus:                  Seht her (nimmt das Brot und bricht es, gibt es ihnen) Dies ist mein Leib der für euch gegeben wird. Wann immer ihr zusammenkommt tut dies, zu meinem Gedächtnis. Dann wird es sein, als ob ich mit meinem Geist bei euch sein werde.
Thomas:              Also, das ist ja gruselig.
Jakobus der Ältere:  Sei ruhig. Ich glaube ich verstehe, was er meint. Er will uns an die vielen Male erinnern, da wir zusammen gesessen und gegessen und getrunken haben.
Matthäus:           Ja und Menschen wie mich auf den richtigen Weg gebracht haben.
Jesus:                  Darf ich fortfahren?
Matthäus:           Aber sicher Meister.
Jesus:                  (nimmt den Wein, reicht ihn den anderen)  Und dies ist mein Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
Johannes:           Mir wird schlecht.
Andreas:             Dann geh raus, Weichei.
Jesus:                  Andreas kann uns sicher erklären, was ich mit dieser symbolischen Geste meine?
Andreas:             Ja, äh, nein, äh...
Jesus:                  Solches tut, sooft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis und denkt daran, dass soviel Unheil über die Menschen gekommen ist, weil sie ferne von Gott leben. Kehrt immer wieder um, ihr dürft es, ich habe euch den Weg zu Gott geöffnet, er wartet immer auf euch. Denkt ihr daran? Feiert das Leben immer wieder.
Bartolomäus:      Ja, Meister. Mit Wein, Meister?
Jesus:                  Mit Wein oder Traubensaft. Soll mir egal sein.
Matthäus:           Ich habe mir Notizen gemacht, und würde sie gerne vorlesen, wenn du erlaubst. Wir sind so aufgeregt, da vergessen wir vielleicht   wichtige Einzelheiten.
Jesus:                  Nur zu.
Matthäus:           Lesung: Mk 14, 18-24.
Und am Abend kam er mit den Zwölfen.
18Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.
19Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's?
20Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.
21Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib.
23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus.
24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

Jesus:                  Perfekt. Und nun lasst uns ein wenig in den Garten Gethsemane gehen. Ich möchte mir ein wenig die Beine vertreten und mich besinnen.
Thaddäus:          Wir kommen mit.
Petrus:                Natürlich, wir lassen dich nicht allein. Auch wenn du es nicht verdient hast, nach deinen Verdächtigungen.
Jakobus der J.:    Vermutlich wird es sich derjenige jetzt noch überlegen, ob er das wirklich tut.
Alle:                     Brechen auf, bis auf Judas.
Judas:                  (blickt den anderen hinterher)  Jesus weiß, was ich getan habe. Er hat mich das spüren lassen, die ganze Schuld meines Vergehens.
Aber ich kann nicht anders. Ich wollte die Welt verändern und Jesus nur die Herzen. Dabei kann er viel mehr, als Herzen erweichen.
Ich glaube nicht , dass dadurch das Reich Gottes kommt. Die Römer müssen weg.
Ich weiß, dass Jesus Macht hat. Er kann sich wehren, wenn er verhaftet wird. Er wird es tu. Er wird seine Macht zeigen. 
Mir brennt das Geld in der Tasche.
Diese Hohepriester. Denken, sie können mich bezahlen.
Judas, haben sie gesagt, Judas, das ist gut. Endlich einer, der vernünftig wird und die Tatsachen des Lebens anerkennt.
Wenn die wüssten. Ich plane den Umsturz.
Doch, was wenn Jesus sich nicht wehrt, wenn er einfach verhaftet und gekreuzigt wird wie so viele?
Dann bin ich für alle Zeiten der Verräter Judas. Dann hänge ich mich auf, das ertrag ich nicht.
Doch, nein, solche Gedanken schwächen mich.
Ich gehe jetzt zu den Soldaten des Hohepriesters und führe sie direkt in den Garten Gethsemane. Und dann werden wir ja sehen, was passiert.
Los, Judas, sei keine Memme, geh deinen Weg, auch wenn die Welt untergeht.

Petrus:                (dreht sich um) Wo ist denn Judas?
Jesus:                  Lass ihn.
Petrus:                Nein?! Der??!!
Jesus:                  Ich will nicht darüber reden.
Petrus:                Aber der weiß doch, wo wir sind und wenn er dich verrät? Und den Soldaten einen Tipp gibt? Genug Ärger hast du ja schon gemacht beim Einzug aus Jerusalem. Die erwischen dich sicher gerne allein.
Jesus:                  Kümmer dich nicht drum.
Petrus:                Und Judas. Nein,  der war doch immer Feuer und Flamme für das Reich Gottes und für dich.  Also das hätte ich nicht gedacht.
Jesus:                  Ich habe gesagt, kümmer dich nicht darum! Kümmer dich lieber um dich selbst.
Petrus:                Aber...
Jesus:                  Ich brauche Ruhe. Lasst mich für einen Moment allein.
Petrus:                Natürlich.
Jesus:                  Und schlaft nicht ein!
Petrus:                Niemals.
Jesus:                  Sag niemals nie.




Auf dem Bild ( aus wikipedia über das Bild)
Bartolomäus
: empört                              
Jakobus der Jüngere: (starr vor Schreck)
Andreas: Abwehr
Judas: Distanziert, unbweglich, Geldbeutel an der Seite
Petrus: Petrus ist begierig zu erfahren, wer der Verräter sein wird.
Johannes: ist mit sich im Reinen, denn er weiß, dass niemand ihn verdächtigen wird. So sitzt er still da und betrauert das Geschehen.
Thomas: zeigt zum Himmel als wollte er sagen: „Wehe dem Verräter!“
Jakobus der Ältere: Er breitet seine Arme aus und bildet dadurch eine Barriere zu Jesus. Schutz
Phillipus: Philippus ist tief betroffen und kann nicht glauben, dass das Prophezeite wirklich geschieht.
Matthäus:
fragt Simon: „Kann es stimmen, was uns Jesus gerade gesagt hat?“
Thaddäus:
Thaddäus traut seinen Ohren nicht und fragt Simon, was es mit der Prophezeiung wohl auf sich habe.
Simon: versucht das Unfassbare zu klären.

Samstag, 22. September 2012

Der selbstsüchtige Riese (nach Oskar Wilde) Erntedank und Kitaeinweihung 2012


Der Selbstsüchtige Riese (nach einer Erzählung von Oskar Wilde)

Erzähler:           Es war einmal vor langer Zeit, da lebte ein Riese mit Namen Hans. Hans hatte ein Haus und einen großen Garten. Einen wunderschönen Garten. Er lebte dort alleine.
Ab und zu machte er eine Reise und besuchte seinen Freund Peter.
Der war auch ein Riese und die beiden verstanden sich gut.
Immer wenn sie sich sahen, hatten sie viel zu erzählen und zu besprechen. Ein Besuch dauerte immer Jahre.
Gerade ist Hans wieder bei Peter. Hören wir ihnen einen Moment zu.

Hans:                  Ach, Peter, du bist mein bester Freund, also verstehe mich nicht falsch, aber ich glaube, ich muss mal wieder nach Hause reisen.
Peter:                  Ach, Hans, weißt du, ich habe dich gerne zu Besuch. Aber jetzt, nach sieben Jahren könnten wir wirklich mal wieder eine Pause vertragen. Mir fällt nichts mehr ein, worüber wir reden könnten.
Hans:                  Du hast Recht. Ich muss ja auch mal zu Hause nach dem Rechten sehen.
Peter:                  Wer weiß, wer sich da in deinem schönen Garten herumtreibt.
Hans:                  Das wagt keiner. Die Leute wissen, dass ich ganz laut brüllen kann. Die haben Angst vor mir.
Peter:                  Wer weiß. Immerhin warst du sieben Jahre nicht zu Hause.
Und ich habe gehört, das Kinder ziemlich neugierig sind und immer einen Platz suchen zum… Was tun Kinder nochmal immerzu?
Hans:                  Spielen?
Peter:                  Richtig, spielen. Wozu soll das gut sein? Weißt du das?
Hans:                  Keine Ahnung. Ich habe nie gespielt.
Peter:                  Ich auch nicht. Ist bei Riesen ja auch nicht üblich. Wir lernen laut zu brüllen, damit alle Respekt vor uns haben.  
Hans:                  Ja, genau. Respekt fehlt den Kindern von heute. 
Peter:                  Du hast Recht. Diese Kinder! Die wollen sich einem auf den Schoß setzen und am Bart zupfen! Und man soll ihnen Geschichten vorlesen und einen Ball hin und her schießen. Habe ich gehört.
Hans:                  Unmöglich!
Peter:                  Du sagst es.
Hans:                  Und ihre hohen Stimmen und dieses Kreischen! Kaum zum Aushalten.
Peter:                  Woher weißt du das?
Hans:                  Ich habe sie manchmal auf der Straße gehört. Und dann wollen sie immer Eis.

Peter:                  Pfui Teufel. So eine matschige, labrige Sache. Ein anständiges Stück Fleisch ist mir lieber.
Hans:                  Mir auch.
Peter:                  Wollen sie auch in deinen Garten?
Hans:                  Kann schon sein, aber da traut sich kein Kind rein, aus Angst vor mir. 
Ich will das auch nicht. Der Garten gehört mir. Ich will meine Ruhe haben.
Die Kinder sollen sich daran gewöhnen, dass sie nicht alles tun können, was sie wollen.
Gebt ihnen ein Eckchen Spielplatz, einen Lehrer, der aufpasst. Das reicht doch! Aber jetzt mache ich mich mal auf den Weg. Mach’s gut, Peter, man sieht sich.
Peter:                  Alles Gute, Hans. Bis dann. (klatschen sich gegenseitig auf die Hände)
Riese:                 (geht und wandert durch den Raum)
Kinder:               (kommen und spielen)
Kind 1:               Ach, ist das schön, dass es diesen wunderbaren Garten gibt.
Kind 2:               Ja, auf diesen Bäumen kann man so schön klettern.
Kind 1:               Und auf dem Rasen kann man Fußball spielen.
Kind 2:               Und kein Auto kommt uns in die Quere.
Kind 1:               Wem gehören eigentlich der Garten und das Haus hier?

Kind 2:               Meine Mutter sagt, einem Riesen, aber der ist schon lange nicht mehr da gewesen.
Kind 1:               Na, hoffentlich bleibt der noch lange weg.
Riese:                 (kommt und sieht die Kinder, stemmt die Arme in die Seiten, schreit) Na sagt mal, was tut ihr denn hier?!
Kinder:               (erstarren vor Schreck) Huch!! Der Riese.
Riese:                 Haut bloß ab. Raus aus meinem Garten. Das ist mein Garten. Da geht niemand rein, außer mir. Hier (holt Schild „Eintritt sehr verboten!“), schreibt euch das hinter die Ohren und jetzt weg mit euch, bevor ich noch deutlicher werde (zeigt vielsagend seine Hand).
Kind 1:               Nichts wie weg hier. (Kinder rennen weg.)
Riese:                 So und jetzt baue ich eine Mauer. Dann kommt keiner dieser Kinder da rein. (nimmt Kartons) Das kann doch nicht wahr sein, spielen die in meinem Garten.
Erzähler:           Und so baute der Riese eine hohe Mauer um seinen Garten. Und ließ niemandem mehr hinein. Der Sommer ging dahin, der Herbst kam, die Blätter fielen und bald schon deckte eine Schneedecke alle Bäume und Gräser des Gartens zu. Und der Winter kam (Decke über den Baum hängen) und der Winter ging und überall begannen die Blätter an den Bäumen hervorzuschauen und Blumen blühten und der Frühling hielt Einzug. Nur im Garten des Riesen blieb alles weiß und kalt. Der Nordwind pfiff und der Riese wunderte sich.
Riese:                 Meine Güte! Kommt der Frühling dieses Jahr aber spät. Was ist denn nur los?
Erzähler:           Das konnte der Riese natürlich nicht wissen, aber die Jahreszeiten hatten gesehen, wie der Riese die Kinder aus dem Garten vertrieben hat. Sie waren sehr ärgerlich und unterhielten sich darüber:
Frühling:           Ich will nicht mehr in den Garten des Riesen kommen. Der denkt nur an sich. Wieso soll ich da die Apfelbäume zum Blühen bringen?
Sommer:            Du hast recht, Frühling. Der Riese ist gemein zu den Kindern. Ich werde auch nicht kommen und die Äpfel reifen lassen. Was meinst du Herbst?
Herbst:               Ich stimme euch zu. Das wäre ja noch schöner, dass der mit Obst und Nüssen belohnt wird. Kommt gar nicht in Frage. Winter, spielst du mit?
Winter:              Na klar doch, kein Problem. Ich bin gerne mal etwas länger vor Ort. Da kann ich mich so richtig austoben.
Erzähler:           Und so blieb der Winter im Garten des Riesen und der Riese verließ das Haus nicht mehr, weil der Schnee so hoch lag und der Nordwind so pfiff. Ein Jahr lang saß er im Haus und wunderte sich. Doch dann, eines Tages, sang plötzlich eine Amsel vor seinem Fenster. Er hatte Vogelstimmen so lange nicht mehr gehört, dass ihm das wie der schönste Gesang der Welt vorkam.
Riese:                 Ach, da kommt ja der Frühling. Ich schaue mal raus. Ohhh.
Erzähler:           Was der Riese sah, kam ihm wie ein Wunder vor. Überall entfalteten sich grüne Blätter, streckten Blumen ihre Köpfe aus der Erde, finden die Blüten an den Bäumen an zu blühen. Was war geschehen? Seht selbst.
Kind 1:               Kommt, das Loch in der Mauer ist sehr praktisch,  wir kriechen durch. Huch, hier ist ja noch Winter.
Kind 2:               Aber sieh nur, der Winter verzieht sich. (Decke vom Baum ziehen). Wir können wieder spielen.
Kind 1:               Der Riese ist sicher wieder vereist, oder?
Kind 2:               Ja, sicherlich, wir haben ihn lange nicht gesehen.
Kind 1:               Schau, da kommt er.
Kind 2:               Nichts wie weg. (wollen wegrennen)
Riese:                 Halt, halt, wartet.
Kinder:               (zögern)
Riese:                 Tut mir leid, Kinder. Ich war ein Dummkopf. Ein Riesenblödmann.
Kind 1:               Na, na, nun ist es ja gut.
Kind 2:               Was heißt das denn?
Kind 1:               Ja, das kann ja jeder sagen.
Riese:                 Wozu blühen die Bäume und die Blumen, wozu wächst das Gras auf meinem Rasen, wenn keine Kinder da sind, die sich daran freuen?
Kind 2:               Ich glaub’s ja nicht.
Riese:                 Ich hatte ein eisiges Herz. Aber das ist nun getaut. Und ich freue mich sehr, dass ihr da seid. Bitte geht nicht wieder weg. Schaut, ich reiße die Mauer ein.
Kind 1:               Und wir dürfen hier immer rein?
Riese:                 Immer. Und ihr dürft spielen, was ihr wollt.
Kind 2:               Auch Fußball? Hier auf dem Rasen?
Riese:                 Ja, wenn ihr nur ein wenig aufpasst, dass... Ach, was, natürlich auch Fußball, was kümmern mich schon Löcher im Rasen und ein paar braune Stellen?!
Kind 1:               Das ist toll. Du hörst dich an, als könntest du unser Freund werden.
Riese:                 Ja, wirklich? Das freut mich aber sehr! Das müssen wir feiern!
Kind 2:               Ein guter Freund besorgt Eis, wenn er mit seinen Freunden feiern will...
Riese:                 Eis? Aha. Na gut, ich meine, natürlich, gerne, bin gleich wieder da. Setzt euch solange.
Erzähler:           Alles wurde anders. Die Kinder spielten vom Frühjahr bis zum Herbst im Garten des Riesen und der Riese half ihnen geduldig beim Bäumeklettern und im Fußballtor war er der Beste.
Auch im Winter besuchten die Kinder den Riesen im Schloss.
Der Garten des Riesen blieb für sie ein sicherer Platz, der ganz ihnen gehörte.
Nach zwei Jahren erhielt Peter, der Freund des Riesen, einen Brief von Hans.
Peter:                  (hält den Brief in der Hand) Ahh, Post. Von Hans. Na, mal sehn, was er schreibt.

„Mein lieber guter Freund!“
Nanu, was ist denn mit Hans los? Der ist doch sonst nicht so überschwänglich.
„Gerade sitze ich unter meinem Baum und (stutzt)... und schaue den Kindern zu“?
Den Kindern? Also, was ist denn da los?
„Ich bin so glücklich. Ja, ich kann sagen, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich.
Vor mir pflücken die kleine Anna und die kleine Kaja Blumen. Ihre Großmutter hat Geburtstag und sie wollen ihr einen schönen Blumenstrauß schenken. Da dürfen sie natürlich die schönsten Blumen aus meinem Garten nehmen.“
Natürlich? Diese Kinder rauben seinen Garten aus und der nennt das ‚natürlich“?!
„Gerade kommt der kleine Felix und erzählt mir vom Religionsunterricht. Da haben sie die Geschichte der Schöpfung erzählt bekommen und ich habe gelernt, dass Gott die Welt wie einen Garten geschaffen hat. Damit alle sich daran freuen können.“
Also das ist mir neu.
„Mein alter Freund, ich nehme an, dass du sehr erstaunt bist, solches von mir zu hören.
Aber ich sage dir, ich habe meine Meinung doch sehr geändert. Über das Leben im Allgemeinen und über die Kinder im Besonderen. Du glaubst ja gar nicht, wieviel Spaß es macht, mit ihnen zu spielen. Ich habe da sehr viel nachzuholen, wie du weißt.
Ich glaube, wir Riesen haben das Spielen einfach sehr unterschätzt.
Meine Mutter hat immer gesagt: Lerne Lesen und schreiben und rechnen und ehre deine Eltern. Lerne wie ein Riese zu brüllen und iss, was auf den Tisch kommt. Dann kommst du durchs Leben.
Aber das macht das Leben nicht aus. Ich habe mich zu einer anderen Ansicht bekehrt: Gott hat uns das Leben geschenkt, damit wir zusammen Spaß haben, damit wir genießen, was er uns schenkt, in der Natur und durch unsere Mitmenschen.
Und ich sage dir, alter Freund, niemand kann einem das Spielen und Genießen so gut nahebringen, wie gerade die Kinder.
Irgendwie sind sie Gott näher, habe ich den Eindruck.“
Ist der jetzt ganz durchgedreht? Was noch?
„Neulich erzählte mir ein Kind ganz aufgeregt, dass eine Kita geschlossen werden soll. Es gäbe kein Geld für die nötigen Reparaturen. Die Bürgerversammlung habe sich entschieden, andere Kitas zu fördern. Was soll ich dir sagen?
Ich habe mich aufgerafft und meinen Garten verlassen und habe mich bei der Bürgerversammlung gezeigt und meine Stimme erhoben. Erstaunlich, wie fügsam Menschen plötzlich werden können, wenn sie einem Riesen begegnen. Na, die Kita ist jedenfalls gerettet.
Ich wünschte mir sehr, dass du mich diesmal besuchst und an meinem Glück teilhaben könntest.
Du hast es auch nötig, das Leben von der anderen Seite zu sehen.
Das wünscht dir mit liebsten Grüßen, dein alter Freund Hans.
Mit liebsten Grüßen? Die haben den fertig gemacht. Das ist doch kein ordentlicher Riese mehr. Ich mache mich sofort auf den Weg. Hans braucht Hilfe. Dringend. Hans, ich komme. Ich hole dich da raus. Ich helfe dir. (geht währenddessen ab).
Erzähler:                  Dass Peter damit wenig Erfolg hatte und selber so angesteckt wurde von der Freude an den Kindern, dass er sich entschloss, bei Hans zu bleiben und beide Riesen zu den Schutzherren der Kinder der kleinen Stadt wurden, das ist dann eine andere Geschichte.